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Peter Urban FAQ

Von Lukas Heinser, 8. Mai 2018 17:30

Heute Abend ist es wieder soweit: Mit der Ausstrahlung des 1. Halbfinals (21 Uhr, One) beginnt auch im Fernsehen der Eurovision Song Contest 2018.

Der Blick aus der deutschen Sprecherkabine beim ESC 2018.

Ich sitze jetzt das sechste Jahr in Folge neben Peter Urban in der deutschen Sprecherkabine und assistiere ihm bei den Vorbereitungen und während der Sendung. Und weil in den letzten Jahren auf den diversen Social-Media-Plattformen verschiedene Fragen immer wieder gestellt wurden, habe ich diese einfach mal gesammelt und beantwortet.

Good evening, Europe! Here are the results for the Peter Urban FAQ:

Was macht Peter Urban den Rest des Jahres?
Er moderiert die Musiksendung „NDR 2 Soundcheck — Die Peter-Urban Show“ und hat als pensionierter Redakteur viel Tagesfreizeit

Wann geht Peter Urban in Rente?
Am 26. Juni 2013 wurde Peter beim NDR offiziell in den Ruhestand verabschiedet. Seitdem ist er als freier Mitarbeiter weiter für den Sender tätig, moderiert seine Radiosendungen und kommentiert den ESC.

Was weiß Peter Urban überhaupt von Musik?
Nun: Er hat seine Doktorarbeit über Texte in der Rockmusik verfasst („Rollende Worte – Die Poesie des Rock“, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt, 1979), arbeitet seit mehr als 50 Jahren als Musikjournalist und spielt seit 40 Jahren in der Band Bad News Reunion.

Liest Peter Urban auf Twitter mit?
Nein. Während der Show hat er für sowas gar keine Zeit. Allerdings twittere ich auf meinem Account live aus der deutschen Sprecherkabine und werfe dabei auch ein Auge auf andere Tweets.
Wenn Peter Urban etwas Ähnliches sagt, wie gerade jemand auf Twitter geschrieben hat, ist das Zufall: manche Kommentare sind eben naheliegend, Peters sind aber schon Stunden vor der Liveshow aufgeschrieben.

Hat Peter Urban einen Twitter-Account?
Jahrelang musste ich diese Frage mit „Nein“ beantworten, aber seit ein paar Wochen ist es endlich soweit: Peter Urban twittert! Und er ist auf Instagram! (Allerdings ist er während der Shows natürlich beschäftigt.)

Nachtrag, 10. Mai:

Kann Peter Urban nicht mal die Klappe halten?
Was ist das denn für ’ne Frage? Aber wenn Sie die Sendungen ohne Kommentar verfolgen wollen, können Sie das z.B. auf eurovision.de oder eurovision.tv tun. (Ja, das ist schwer zu finden, so versteckt auf den offiziellen Webseiten, aber: Entschuldigung, Sie sind doch hier im Internet!)

Was macht Peter Urban an den anderen 364 Tagen im Jahr?
s.o.
Allerdings ist Peter beim ESC auch länger als einen Tag im Einsatz: Es gibt alleine drei Liveshows, zu denen es jeweils auch einen Tag voller Proben gibt. Und dann reist Peter schon früher mit der deutschen Delegation an, um die Proben des deutschen Acts (wiederum an zwei Tagen) zu sehen und Pressetermine wahrzunehmen.

And through it all

Von Lukas Heinser, 12. April 2018 13:27

Früher waren Leute berühmt, weil sie etwas (z.B. malen, singen, schreiben, Kriege gewinnen) besonders gut konnten. Heute sind sie berühmt, weil sie das Eine gut konnten und jetzt etwas ganz anderes machen (z.B. Fernsehköche, Lena Meyer-Landrut, Donald Trump — wobei: was kann der schon?). Benjamin von Stuckrad-Barre war vor fast 20 Jahren der gefeierte Jung- bzw. Popliterat („Popjungliterat“ ging wohl irgendwie nicht), vor zwei Jahren der geläuterte Held seiner Autobiographie und ist jetzt binnen weniger Monate zum König von Instagram geworden. Gut: Über 18.000 Follower lachen echte Influencer natürlich, aber was er da in kurzer Zeit für eine (uh, ah) Community aufgebaut hat, ist schon beeindruckend. Erwachsene Leute, die sich weigern würden, einer Partei oder auch nur einem Sportverein beizutreten, filmen sich dabei, wie sie den (wirklich extrem catchygen) Titel seines neuen Buchs in die Kamera sagen: „Ich glaub, mir geht’s nicht so gut, ich muss mich mal irgendwo hinlegen — Remix 3“.

Und so ist dieser Abend hier in der Bochumer Zeche ein bisschen wie die „Glow“ im Kleinen. Für Leute, die mehr Bücher als Makeup zuhause haben. Erstmal den Backdrop (auf dem dann doch nur Platz für „Remix 3“ war) bei Insta posten! In der Reihe hinter mir sagen Männer den Satz, den Männer im Jahr 2018 so sagen, wenn sie das mit der Rockstar-Karriere wirklich aufgegeben haben und die E-Gitarren als Deko im Pinterest-Wohnzimmer verstauben: „Lass mal ’nen Podcast zusammen machen!“

Um kurz nach Acht geht das Saallicht aus, ein popkulturelles Maximal-Mashup erklingt und dann, als Aufmarschmusik: „The Heavy Entertainment Show“ von Robbie Williams. Das lief aber beim letzten Mal vor zwei Jahren auch schon! Der Popliterat ist von Anfang an voll da und muss erstmal umständlich eine Noel-Gallagher-Fahne am Tisch befestigen („Es ist halt schon einfacher, wenn man Joko und Klaas ist!“). Die hat er beim Konzert in Hamburg gekauft, von dem er ausführlich via Instagram-Story berichtet hatte — und ich lag im Bett, sah das auf meinem iPhone und fühlte mich ein bisschen, als wäre ich selbst dabei gewesen.

Das Wort „Lesung“ hat es bei Stuckrad-Barre noch nie so richtig getroffen, fast wichtiger als die Texte ist das Drumherum, das Rumhibbeln und das Abschweifen. Als er dann trotzdem liest, steigt er direkt mit dem stärksten Text des Buches ein, einem Porträt über Jürgen Fliege, das ich schon bei Erstveröffentlichung in der „Welt“ gelesen und gefeiert, danach aber für sechseinhalb Jahre vergessen hatte. Es ist ein Text der Sorte „Unsagbar gut, muss ich jetzt täglich drei Mal lesen, um mir zu merken, wie man eigentlich schreibt!“

Überhaupt: „Remix“ (das eine wilde Sammlung von zuvor veröffentlichten Texten enthielt und damals gegen den ausdrücklichen Wunsch des Autors nicht „Remix 1“ hieß) war im Sommer vor 18 Jahren das Buch, bei dem es bei mir „Klick“ gemacht hat, und nach dem ich angefangen habe, eigene, sehr meinungsfreudige Texte zu schreiben und ins Internet zu stellen (wo sie hoffentlich weniger Leser*innen hatten als ich heute Follower auf Instagram). An „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft: Remix 2“ kann ich mich kaum erinnern (und dem Autor geht es da vermutlich genauso), die Brillanz kam dann erst wieder mit „Auch Deutsche unter den Opfern“ zum Vorschein.

All diesen Büchern ist gemein, dass es sich um Textsammlungen handelt, die Themen und vor allem die Qualität also etwas schwanken. Nach dem grandiosen Besuch beim TV-Pfarrer folgt also in der Live-Darbietung ein Text darüber, wie sich Stuckrad und seine Freundin Partnertattoos stechen lassen, weil sie so verliebt sind. Das ist im Buch schon einer der schwächsten Texte (die Faustregel, wonach glückliche Künstler keine gute Kunst erschaffen können, hat leider weiterhin Bestand), wird in der Gegenwart aber auch nur bedingt dadurch aufgewertet, dass Beziehung und Tattoos inzwischen schon wieder Geschichte sind.

Zur Auflockerung sollen danach alle, die auch bei Instagram sind, auf die Bühne, damit er uns fotografieren und hinterher taggen kann. Wir kommen der Aufforderung brav nach, in diesem Moment ist völlig unklar, ob das hier die Gründungsveranstaltung einer neuen Sekte ist und wie viel das noch (wenn überhaupt) mit Ironie zu tun hat. Wir stellen uns also zum ersten Klassenfoto seit 15, 20 Jahren auf und nachdem wir endlich richtig stehen und Stuckrad-Barre sein Foto gemacht hat, bedankt er sich so überschwänglich, dass langsam klar wird: der meint das ernst. Er macht sich ständig über diesen Instagram-Kram und seine Rolle darin lustig, aber er genießt es wirklich, diese Stimmung in die echte Welt zu holen: „Auf Instagram gibt’s keine Nazis, da gibt’s nur Herzen!“ Hach.

Die Idee, im Frühjahr 2018 einen Text über die Fußball-WM 2010 zu lesen, ist dann geradezu absurd, aber drumherum kommen wieder so viele Ausschweifungen, dass Jogi Löws babyblauer Babykashmir-Pullovera jetzt wirklich kaum noch was zur Sache tut. Dafür gibt es Geschichten aus dem Chateau Marmont, „in dem ich aus Image-Gründen lebe — zumindest so lange, bis die ganze Kohle aufgebraucht ist und ich wieder auf Lesereise gehen muss“, und eine Diskussion mit einer Zuschauerin über Tocotronic (inkl. Hörprobe und Ausführungen darüber, dass man als Fan die Schuld für das Nicht-mehr-Verstehen eines Idols bei sich selbst suchen sollte). Als Zugabe, für die er aber gar nicht erst von der Bühne geht, dann den wiederum sehr guten Text über ein Madonna-Konzert, bei dem das mit dem ständigen „Remix“ jetzt endlich mal Sinn ergibt (oder so ähnlich), weil Stuckrad den Namen „Madonna“ (beinahe) konsequent durch „Bettina Böttinger“ ersetzt.

Ein Lied habe er noch für uns, sagt er schließlich und aus der augenzwinkernden Popkulturreferenz wird plötzlich Ernst, denn vom Band (sagt man noch „Band“?) läuft jetzt plötzlich eine Live-Version von Robbie Williams‘ „Angels“ und der Popliterat wird zum Sänger (und das nicht mal schlecht):

Das ist nun plötzlich no surface, all feeling: Anders als niedere Unterhaltungskünstler wie Jan Böhmermann es vielleicht machen würden, ist das hier keine Pose mit Fluchtmöglichkeit auf die Ironie-Ebene. Benjamin von Stuckrad-Barre meint das hier alles völlig ernst: Er singt ein Lied, das er liebt, und ist umgeben von Menschen, die sich freuen, hier zu sein. Um das jetzt doof zu finden, muss man entweder sehr kaltherzig sein oder mit Popkultur so gar nichts anfangen können (was aufs Selbe rauskommt).

Am Bücherstand dürfen wir uns alle selber auf dem Gruppenfoto markieren, der Autor signiert und posiert lange für Fotos, die natürlich alle auf Instagram landen. Falls es so etwas gibt, fühlt es sich an wie die denkbar positivste Version eines Klassentreffens. Auch wenn wir da alle natürlich eigentlich nie hingehen würden.

Zum Schreien

Von Lukas Heinser, 11. April 2018 11:57

Ich habe den Moment noch relativ genau vor Augen: Vor über 20 Jahren (es muss im Frühjahr 1995 oder ’96 gewesen sein) ging ich in San Francisco eine Straße entlang und hatte ein Lied im Kopf, das ich zuvor bei „Hit Clip“, der legendären Musikvideoshow im WDR Fernsehen, gehört hatte. Eigentlich hatte ich nur einen Teil des Refrains im Kopf und der hatte folgenden Text: „Scream and shout, shout and let it out“. Den Interpreten wusste ich nicht und auch den Song, irgendsoein zeitgenössisches Eurodance-Dingen hatte ich schon weitgehend vergessen. Auch diese Zeile sollte alsbald wieder aus meinem Kopf verschwinden.

Bis sie irgendwann, Jahrzehnte später, wieder da war. „Kein Problem“, dachte ich, „kann man ja alles googeln!“ Allein: Diese Zeile führte zu keinem Ergebnis. Die Isley Brothers waren es nicht, die riefen zwar, drehten (sich) aber dazu und schrieen nicht. will.i.am von den schrecklichen Black Eyed Peas und Britney „Bitch“ Spears riefen und schrieen zwar (und wollten gar alles rauslassen), hatten den von mir gesuchten Song aber weder gecovert noch gesamplet. Oasis hatten zwar (zu einer Zeit, als sie nicht nur noch grandiose Songs schrieben, sondern diese sogar als B-Seiten veröffentlichten) davon gesungen, alles laut herauszurufen, aber die suchte ich natürlich ebenso wenig wie die Shout Out Louds.

Das war vor einigen Jahren. Die Textzeile kam immer mal wieder in meinem Gehirn vorbei und verlangte von mir, dass ich im Internet nach ihrer Heimat suchte, aber diese blieb unauffindbar und „Scream and shout, shout and let it out“ wurde bald zur Erika Steinbach meiner persönlichen Popkulturrätsel. (Klar: Neunzehnhundertwasmitneunzich hatte sich noch nicht jede Plattenfirma, die sich auf die schnelle Vermarktung von Autoscootermusik spezialisiert hatte, die Mühe gemacht, ihre – oftmals ja auch nicht besonders tiefgehenden – Texte ins damals noch sehr junge WWW zu stellen. Aber dieses Wissen half mir ja auch nicht.)

Und dann, letzte Woche: Auf Spotify erfuhr ich, dass Alex Christensen (Platz 20 beim ESC 2009) seinen alten Projektnamen U96 (benannt nach dem U-Boot aus dem Film, dessen Klaus-Doldinger-Titelmusik er weiland zu einem sehr erfolgreichen Technostampfer umgebaut hatte) wieder ausgegraben hatte, um mit dem ehemaligen Kraftwerk-Schlagzeuger Wolfgang Flür eine Art Kraftwerk-Tribute-Single aufzunehmen, die zwar „Zukunftsmusik“ heißt, aber natürlich das Gegenteil dessen ist.

Plötzlich war alles wieder da: „Club Bizarre“, 2 Unlimited — und auch diese verdammte Liedzeile. Also wieder: bei Google eingeben, vorab schon resignieren und …

Doch da: ein Suchergebnis!

Google-Suchergebnis

Warum steht denn da „2011“? Das hätte ich doch in den letzten Jahren … Egal: schnell nach „the free shout“ gesucht und, endlich, nach all den Jahren und Jahrzehnten, hatte ich den Rest vom Puzzle gefunden!

Gut: Ich muss das Lied jetzt auch kein drittes Mal hören!

Shut Down Volume 2

Von Lukas Heinser, 23. März 2018 12:27

Ich habe Menschen, die beruflich so etwas wie „Social-Media-Optimierung“ betreiben, schon immer für die Wunderheiler des 21. Jahrhunderts gehalten: Da sitzen sie, in ihren Loft-Büros mit Kickertisch und Fixie an der Wand, sprechen (oder noch schlimmer: schreiben in Slack) über „organische Reichweiten“ wie andere Scharlatane über „heilende Steine“, und erklären auf Facebook ungefragt jedem, wie Facebook funktioniere und wie nicht.

Seit dieser Woche wissen wir: Wenn sie sich nur genug Mühe geben und ein bisschen kriminelle Energie mitbringen, kann ihr Hokuspokus funktionieren. Und plötzlich wollen alle anderen ihre Facebook-Accounts löschen.

Facebook (Symbolbild).

Facebook und Mark Zuckerberg eignen sich dabei natürlich wunderbar als James-Bond-Schurken, weil wir alle unsere Ängste auf das Unternehmen projizieren können. Niemand versteht so recht, wie das eigentlich funktioniert, was man da täglich nutzt. Das gilt auch für Flugzeuge und Kernkraftwerke, aber da gibt es Menschen, die was Ordentliches studiert haben und wissen, was sie da tun — und meistens geht ja auch alles gut. Bei Facebook bin ich mir inzwischen sehr unsicher, ob Mark Zuckerberg selbst weiß, was da eigentlich passiert. Und wenn dann weitere Schurkenroman-Motive wie russische Hacker, noch dubiosere Unternehmen mit so geil seriös-unseriösen Namen wie „Cambridge Analytica“ und die Wahl von Donald Trump ins Spiel kommen, ist die Science-Fiction-Dystopie komplett.

Dabei geht es bei Facebook eigentlich immer um zwei Fragen: die datenschutzrechtlichen Bedenken, die es immer schon gab, bisher aber gerne von den Anwender*innen ignoriert wurden, und „Was bringt mir das noch außer schlechter Laune und täglicher Volksverhetzung?“ Jetzt kommt aber beides auf unheilvolle Weise zusammen.

In meinem Facebook-Feed sind eigentlich fast nur noch Kolleg*innen, die „was mit Medien“ machen und ihre aktuellsten Arbeiten anpreisen, und entfernte Verwandte oder frühere Mitschüler*innen, die fröhlich die Persönlichkeitsrechte ihrer Kleinkinder verletzten, indem sie Fotos von denen online stellen. Freund*innen und Verwandte, die seriöse Berufe ergriffen haben, gucken da immer noch rein, was man an deren Reaktionen auf eigene Posts sehen kann, posten aber selbst nichts mehr. Das war mal anders.

Wenn man Facebook jetzt mit dem großen, roten Knopf abschalten würde, den ich mir manchmal wünsche, würden die Leute, die mit den Frühformen des Internets aufgewachsen sind, wieder in ihre IRC-Channels und zu jetzt.de zurückkehren. Die ganzen Extremisten verschiedenster Coleur, die sich dort rumtreiben, würden sicherlich auch schnell eine neue Plattform finden. Aber diese ganzen Leute zwischen 45 und 60, die sich dort angemeldet haben, um mit ihren groß gewordenen Kindern in Kontakt zu bleiben, die Profilfotos voller Rosen oder Motorräder und deutlich zu viel Tagesfreizeit haben und deshalb unter jedem Zeitungsartikel oder Fernsehbeitrag kommentieren und die Schuld für alles Elend dieser Welt bei Angela Merkel und ihrer Flüchtlingspolitik suchen und finden, die würden dann vielleicht einfach nur noch „Candy Crush“ auf ihren Smartphones spielen.

Nun ist es sicherlich so, dass man in manchen Berufen, vor allem in den Medien, auf Facebook sein muss — auch, wenn man kein Schamane mit Breitband-Anschluss in der Agentur ist. Weil man den Facebook-Auftritt des Unternehmens oder der Behörde befüllt, weil man mit Kunden oder Bürgern in Kontakt treten soll, oder mal schauen können muss, „was das Netz so sagt“. Eigentlich müsste der Arbeitgeber da zusätzliches Schmerzensgeld zahlen.

Aber auch privat kann man dem Elend gar nicht so leicht entkommen: Versuchen Sie mal, ohne Facebook und/oder WhatsApp mit einer größeren Gruppe Menschen (Elternrat in der Kita, Einladung zum Osterfrühstück, Organisation von Geburtstagsgeschenken oder – gerne nicht – Junggesellenabschieden) zu kommunizieren! Das geht vielleicht, wenn alle ein iPhone haben und iMessage nutzen können, oder wenn man ausschließlich Nerd-Freunde hat, die Dienste wie Threema oder Telegram nutzen.

Und WhatsApp gehört ja genauso zu Facebook wie Instagram und Facebook selbst. Wenn man da einmal einen Haken falsch gesetzt hat, hat man der Firma die Daten all seiner Kontakte übermittelt. WhatsApp funktioniert sowieso nur noch, nachdem man das getan hat — und sich damit nach Ansicht vieler Datenschützer und Juristen strafbar gemacht hat, weil man diese Daten niemals hätte weitergeben dürfen.

Welcher Fluchtpunkt bleibt uns noch? Vor drei Wochen war Vero – ironisch gebrochen – das große Ding. Dahinter stecken ein libanesischer Milliardär, der vorher als Bauunternehmer erfolgreich wurde, indem er seine Arbeiter nicht bezahlte, und jede Menge russische Entwickler, was für viele gleich ein Alarmsignal war wegen der russischen Umtriebe bei Facebook und Twitter. Andererseits könnte man sagen: Bei Vero steht wenigstens schon „schön dubios“ dran.

Wenn Leute (gerne natürlich: Journalist*innen) jetzt auf Facebook schreiben, man könne Facebook doch nicht einfach so hinter sich lassen – die vielen Lese-Empfehlungen, die netten Kontakte -, scheinen sie vergessen zu haben, dass es mal eine Zeit gab im Internet, als wir alle noch nicht bei Facebook unterwegs waren. Sondern z.B. in Blogs.

Dieser Text besteht aus Gedanken, die ich mir gemacht habe, bevor ich mit Bremen Zwei über Facebook gesprochen habe, die aber nicht alle im Gespräch Platz fanden.

Außerdem habe ich heute (hoffentlich) sämtliche Facebook-Interaktions-Tools aus dem Blog geworfen.

Einfach mal machen!

Von Lukas Heinser, 21. März 2018 21:50

Ich bin verliebt. In diesen Song, das dazugehörige Album und ein bisschen auch in diese Frau:

Die Frau ist Rae Morris und ihr Song „Don’t Go“, der im Serienfinale von „Skins“ lief (also, „Serienfinale“ in dem Sinne, wie „The Book Of Love“ von Peter Gabriel das „Serienfinale“ von „Scrubs“ untermalte: danach kamen noch Folgen, aber wen interessieren die, denn das hier war der große Moment mit einem phantastischen Song, den ich vorher noch nicht kannte und anschließend hundert Mal auf Repeat hören musste und … ich schweife ab), war mein Lied des Jahres 2012.

2015 erschien ihr Debütalbum „Unguarded“, was … okay war, und am 2. Februar dann ihr Zweitwerk „Someone Out There“, was sehr, sehr gut geworden ist und musikalisch irgendwo zwischen Imogen Heap, Björk, Lily Allen und Emmy The Great changiert.

„Do It“ ist bereits vor einem halben Jahr als 2. Vorabsingle erschienen, aber ich habe es erst jetzt mitbekommen. Auch ohne das Video hätte ich den Song synästhetisch so beschrieben: warmer Sommernachmittag, der in den Abend übergeht, Bier im Stadtpark (und ein Hauch von Beck’s-Reklame), Leute treffen, zu zweit sein und sich mit zunehmender Dunkelheit und Alkoholisierung immer weniger verstohlene Blicke zuwerfen, sich irgendwann angrinsen und vermutlich irgendwann knutschen.

Ein Lied, das klingt, wie der Moment, wenn man sich verliebt (welcher natürlich auf allerallerbeste Weise literarisch verewigt wurde von John Green in „The Fault In Our Stars“ mit: „I fell in love the way you fall asleep: slowly, then all at once.“, aber das wusstet Ihr ja alle schon), und das eine ebenso simple wie oft unmöglich umzusetzende Botschaft enthält: einfach mal machen!

Dieser Text erschien ursprünglich in meinem Newsletter „Post vom Einheinser“, für den man sich hier anmelden kann.

Songs des Jahres 2017

Von Lukas Heinser, 11. Februar 2018 12:34

Frohes Neues Jahr!

Ja, ich weiß, das ist jetzt alles ein bisschen her, aber ich war zwischendurch zum Beispiel zwei Wochen offline und auch sonst immer mal wieder verhindert.

Seit ungefähr Mitte Dezember wollte ich endlich mal wieder eine Jahresbestenliste veröffentlichen, aber das war gar nicht so einfach.

Anders als früher war die Sache nämlich viel schwieriger, weil ich die Liste anders als früher bei Spotify angelegt habe — und damit natürlich viel mehr Auswahl hatte als in iTunes. Außerdem ist diese „Dein Mix der Woche“-Funktion sehr gut und hat mir tatsächlich fast jede Woche mehrere Songs vorgeschlagen, von denen ich sonst vermutlich nie gehört hätte.

Ehrlich gesagt weiß ich deshalb über viele der Songs auch gar nicht so viel: Manchmal habe ich mir die dazugehörigen Alben angehört (manchmal auch öfter), aber nicht immer.

JEDENFALLS: Ich wollte die 93 Songs, die ich an Silvester beisammen hatte, eigentlich auf 50 eindampfen, aber das hätte jetzt noch mal fünf Wochen dauern können.

Deswegen jetzt hier: Ohne große Erklärungen, auch ohne echte Reihenfolge (na ja: die zehn ersten Songs sind schon ungefähr die zehn besten, aber man kann das auch super im Shuffle-Modus hören) — 60 Songs, die mir 2017 gut gefallen haben!

Weihnachten 2017

Von Lukas Heinser, 23. Dezember 2017 21:39

Letzten Sonntag haben mein Sohn und ich an einer Straßenbahnhaltestelle einen vielleicht neunjährigen Jungen getroffen. Er sagte, die Bahn komme bald, ihm sei auch schon kalt.
„Mach doch die Jacke zu“, schlug ich in väterlichem Tonfall vor.
„Geht nicht“, sagte der Junge. „Ich hab den Arm gebrochen!“
Dann erst sah ich, dass er den rechten Arm nur halb im Ärmel stecken hatte.
Das sei beim Fußballspielen passiert, erzählte der Junge. Mittwoch sei er untersucht worden, Donnerstag dann die Operation unter Vollnarkose. Die Schrauben müssten da jetzt lange drin bleiben, er dürfe nicht mehr Fußball spielen und wahrscheinlich könne er nie wieder ins Tor.
Aber heute könne er zu seinen Eltern fahren, das sei schön, weil er ja sonst in einer Wohngruppe wohne. Und von Weihnachten bis Neujahr dürfe er dann sogar bei seinen Eltern bleiben, er müsse aber am 1. Januar wieder zurück in die Wohngruppe, das finde er doof, weil doch danach eh noch keine Schule sei.

Als wir an der dritten Haltestelle aussteigen mussten, wünschte er uns einen schönen Tag, ein frohes Weihnachtsfest und sagte, wir würden uns ja jetzt bestimmt öfter sehen.

Ich möchte das diesjährige Weihnachtsfest diesem Jungen und all den anderen Tiny Tims und Charlie Browns da draußen widmen.

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, und Ihren Lieben wünsche ich ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest!

Und wenn Sie noch ein bisschen Musik für die Feiertage brauchen, hätte ich da mal was vorbereitet:

Lucky & Fred: Episode 20

Von Lukas Heinser, 30. November 2017 19:39

Die Unterhaltungsindustrie wird erschüttert von einer Reihe von Enthüllungen: Männer wie Harvey Weinstein haben ihre Macht missbraucht, um Frauen sexuell zu belästigen. Lucky und Fred wollen über das Thema sprechen und weil in letzter Zeit genug Männer über Frauen geredet haben, soll auch eine Frau mitreden: Sabine Brandi!

Zu dritt geht es dann auch noch um den Polit-Praktikanten Christian Lindner, den potentiellen Groko-Vernichter Glyphosat und die Suche nach dem deutschen Donald Trump.

Aber es war ja auch nicht alles schlecht!

Shownotes:

„Lucky & Fred“ als RSS-Feed
„Lucky & Fred“ bei iTunes
„Lucky & Fred“ bei Facebook

Wenn wir wirklich Freunde wären

Von Lukas Heinser, 21. November 2017 12:37

Damit war nicht zu rechnen gewesen: Heute ist der 20. Jahrestag der legendären Tic-Tac-Toe-Pressekonferenz und weder „Spiegel Online“ (wahlweise bei „Eines Tages“ oder „Bento“) noch Bild.de oder „Buzzfeed“ berichten darüber. Einzig die „Goslarsche Zeitung“ erinnert in ihrem „Kalenderblatt“ an den denkwürdigen Versuch, eine zerstrittene Girlband auf offener Bühne vor der versammelten WeltPresse zu versöhnen — ein Versuch, der grandios scheiterte, weil sich die drei Mitglieder am Ende beschimpften und teilweise weinend das Podium verließen.

[Anschwellende Musik, Guido-Knopp-Bedeutungsbrummen]

Eine Pressekonferenz, die sich aber so ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt hat, dass sie auch 20 Jahre später noch als Referenz taugt — sogar, wenn es um eine gescheiterte Regierungsbildung geht.

[flottes 90er-Musikbett]

An dieser Stelle ein kurzes „Hallo!“ an unsere fünf Leser unter 25: Tic Tac Toe waren eine dreiköpfige Girlgroup aus dem östlichen Ruhrgebiet, die mit Songs wie „Ich find‘ Dich scheiße“, „Verpiss Dich“ oder „Warum?“ nicht nur beachtliche Erfolge feierte, sondern auch die Grenzen dessen, was man im Radio und Fernsehen „sagen durfte“, ausloteten und verschoben. Bei ihrem Kometenhaften Aufstieg [hier Schnittbilder Viva-Comet-Verleihung einfügen] wurde das Trio allerdings immer wieder von der Boulevardpresse und entsprechenden „Skandalen“ begleitet.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Zunächst kam heraus, dass die Altersangaben der drei Sängerinnen von Tic Tac Toe von der Plattenfirma den Sängerinnen ein jüngeres Alter bescheinigten; beispielsweise war Lee bereits 22 Jahre alt, obwohl sie – laut Plattenfirma – 18 Jahre alt gewesen sein soll. Medial großes Aufsehen erlangte die Band, als Lees damaliger Ehemann nach Beziehungsproblemen Suizid beging. Eine Woche später wurde bekannt, dass Lee kurzzeitig als Prostituierte gearbeitet hatte, um mit dem Geld Drogen zu finanzieren.

Und dann, am 21. November 1997 lud die Plattenfirma der Band, Ariola, in München zu einer Pressekonferenz, von der sie sich nach internen Querelen Signalwirkung erhofft hatte: Einigkeit, nach vorne schauen, der Aufbruch zu weiteren Erfolgen.

[Das Bild friert ein, wird schwarz/weiß, heranzoomen]

Doch dann kam alles ganz anders.

Die Pressekonferenz ist legendär, aber bei YouTube oder anderswo nicht aufzufinden (dort stößt man aber auf kaum weniger bizarre Medienberichte zur Band). Auch spätere O-Töne von Thomas M. Stein, als Chef der Ariola gleichsam Gastgeber der verunfallten PR-Aktion und einer breiten Öffentlichkeit später bekannt geworden als Juror der ersten beiden Staffeln von „Deutschland sucht den Superstar“, in denen er sich über den Hergang der Ereignisse äußert, haben es nicht ins kollektive popkulturelle Archiv geschafft. Die in der Wikipedia aufgestellte Behauptung, „Diese Aktion wurde am Abend in der Tagesschau thematisiert“, lässt sich zumindest für die 20-Uhr-Ausgabe nicht belegen.

Immerhin gibt es aber ein Transkript, das sich auf die in diesem Fall denkbar seriöseste Quelle stützt, die „Bravo“

Aber auch wenn sich heute kein großer Jubiläumsbericht auftreiben lässt, wird die Pressekonferenz mit ihren zu geflügelten Worten geronnenen Zitaten („Wenn wir wirklich Freunde wären, dann würdest du so’n Scheiß überhaupt nicht machen!“, „Boah, ihr könnt echt gut lügen!“, „Jetzt kommen wieder die Tränen auf Knopfdruck.“) noch regelmäßig hervorgekramt: Wenn die AfD eine Pressekonferenz abhält, wenn sich der Schlagersänger Roberto Blanco und seine Tochter Patricia auf der Frankfurter Buchmesse streiten (eine Meldung, die man sich jetzt auch eher nicht hätte ausdenken können oder wollen), wann auch immer sich ein „Was machen eigentlich …?“ anbietet (außer natürlich heute).

Als Fachmagazin für Listen, bevor jeder Depp Listen veröffentlicht hat wollen wir es uns bei Coffee And TV aber natürlich nicht nehmen lassen, die Tic-Tac-Toe-Pressekonferenz in den Gesamtkontext des Konzepts „Pressekonferenz“ in Deutschland einzuordnen.

Also, bitte: Die sieben legendärsten deutschen Pressekonferenzen!

7. Gertjan Verbeek, 21.09.2015

6. Karl-Theodor zu Guttenberg, 18.02.2011

5. Christoph Daum, 09.10.2000/12.01.2001

4. Tic Tac Toe, 21.11.1997

3. Uwe Barschel, 18.09.1987

2. Giovanni Trappatoni, 10.03.1998

1. Günter Schabowski, 09.11.1989

Schusters „rappen“

Von Lukas Heinser, 16. November 2017 11:38

Zu den traurigsten (mutmaßlich unterbezahlten) Jobs in der Medienbranche gehört „Aufschreiben, was bei Twitter so los ist“ — und damit meine ich nicht mal „Schauen, was das Netz so sagt“, also die moderne Variante der Straßenumfrage oder der Leserbriefseite, bei der ein tatsächliches Thema, das gerade in den richtigen Medien vorkommt und die normalen Menschen beschäftigt, mit Stimmen aus dem Volk angereichert wird. Ich rede von fünf Tweets von völlig unbekannten Menschen, die zusammengesammelt werden, um daraus eine Geschichte – oder besser noch: einen „Shitstorm“ – zu konstruieren. Also wirklich das digitale Äquivalent zu „neulich an der Theke“.

Neulich an der Theke fanden die Internet-Reste-Verwerter von „Mashable“ fünf Tweets zum neuen Taylor-Swift-Song, in dem auch Ed Sheeran zu Wort kommt — und zwar rappend. „Haha, schlimm“, sagte Twitter (ja, wirklich: „Twitter was having none of it“, steht da) und machte sich über den in Anführungszeichen rappenden Barden lustig.

So weit, so egal.

„Mashable“ ging aber noch einen Schritt weiter:

Let’s not forget, this is not the first time Sheeran has „rapped.“

Remember this little number (or don’t, seriously, don’t press play, don’t)?

steht da über einem Video zum (tatsächlich sehr, sehr schlimmen) Song „Galway Girl“ von Ed Sheeran.

Und ich weiß, es ist – gerade in Zeiten wie diesen – vielleicht nicht das Allerschlimmste, was es an „den Medien“ zu kritisieren gibt, aber hier ging mein Puls dann doch auch für mich überraschend durch die Decke.

Denn natürlich war auch „Galway Girl“ nicht „the first time Sheeran has ‚rapped'“: Auf seinen frühen EPs und seinem Debütalbum „+“ finden sich einige Songs, in denen Ed Sheeran Sprechgesang einsetzt — so wie seine erklärten Vorbilder, das inzwischen lange aufgelöste britische Duo Nizlopi (treue Blogleser erinnern sich vielleicht), das Sheerans (frühen) Sound maßgeblich beeinflusst hat.

Man muss das alles nicht wissen. Ed Sheeran ist nicht Paul McCartney, aber wenn man sich über Ed Sheerans Rap-Skills lustig macht (was ja auch okay ist — ich fand „+“ ja unter anderem deshalb super, aber das ist ja Geschmackssache), sollte man das Thema doch ein bisschen besser einordnen können. So, wie „Vulture“ es immerhin geschafft hat.

Ich hab meinen Puls übrigens schnell wieder in den Griff bekommen, weil ich bei meiner kurzen Recherche zum Thema auf dieses schöne Video gestoßen bin:

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