Autorenarchiv

Alles Könner

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 12. April 2013 10:01

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, kurz bevor und kurz nachdem Barack Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde? Die Menschen in aller Welt waren von einer eigentümlichen Euphorie beseelt — und von einer schweren linguistischen Demenz, die sich als äußerst ansteckend erwies. Obamas Wiederwahl im vergangenen November wurde da schon in jeder Hinsicht reservierter aufgenommen.

Ich hatte mein Blog mit den gesammelten Obama-Trittbrettfahrten schon fast vergessen. Und dann kam gestern diese E-Mail:

Liebe Bloggerinnen und Blogger,

Jugendliche aus der YouTube-Community waren in den letzten Wochen aufgefordert, ihre Bewerbungsvideos für die YouTube-Kanzlerschaft 2013 zu produzieren und online zu stellen. Über 5000 User haben jetzt gewählt und fünf Spitzenkandidaten ins Rennen geschickt. Bei der finalen Politik-Gameshow “Yes, You Kanzler!” werden die Jugendlichen von namhaften Politiker/innen gecoacht; durch den Abend führt ProSieben-Moderatorin Hadnet Tesfai. Wir laden Blogger/innen herzlich ein über das große Wahlfinale zu berichten und persönlich vorbeizukommen.

Bei Interesse finden Sie weitere Information hier.

Es gibt Menschen, die tragen T-Shirts

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 26. März 2013 18:38

Als ich kürzlich bei meinen Eltern zu Besuch war, habe ich aus dem Kleiderschrank meines ehemaligen Jugendzimmers zwei popkulturelle Raritäten mitgenommen.

Da hätten wir zum Einen ein froschgrünes T-Shirt in XXL — eine Größe, die ich vermutlich nie ausfüllen werde, wenn ich mir meine männlichen Vorfahren so anschaue:

Es ist das einzige Stück offizielles Merchandise, das je von etwas erschienen ist, an dem ich beteiligt war: Als wir im Dezember 2000 mit unserer “Punkband” Zuchtschau das erste offizielle Konzert spielten, hatte das Kulturamt der Stadt Dinslaken im Vorfeld nicht nur einen Sampler mit den beteiligten Bands produzieren lassen, sondern auch größere Mengen dieses flippigen Kleidungsstücks in Auftrag gegeben. Ich bin mir nicht ganz sicher, was weniger Absatz fand.

Das andere T-Shirt ist noch ein paar Monate älter und noch obskurer:

Zero

Als die Smashing Pumpkins im Herbst 2000 auf ihre Abschiedstour gingen (nur, damit Billy Corgan die Band sechs Jahre später mit neuem Personal wiederbeleben konnte), war ich beim Konzert in Oberhausen dabei.

Im Nachhinein nehme ich an, dass es sich bei dem damals von mir am Wegesrand erworbenen T-Shirt nicht um ein Originalprodukt gehandelt haben könnte. Schließlich gab es die “Zero”-Shirts sonst nur in schwarz und meines Wissens auch nicht mit aktuellen Tourdaten.

Dafür kann mein Exemplar mit ein paar ganz besonderen Schreibweisen aufwarten, die mir seitdem das Leben und den Wortschatz versüßt haben:

Sempember.

Stockholkm.

May contain music

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 22. März 2013 16:37

Travis haben in Berlin die Aufnahmen zu ihrem siebten Album beendet. Bevor es die erste Single gibt, gibt es schon mal einen Teaser in Form eines Musikvideos, das die Band mit Wolfgang Becker (“Good Bye, Lenin!”) gedreht hat:

Hihi, kleiner Scherz. Natürlich können Sie das Video in Deutschland nicht sehen, weil wegen Wahnsinnallebeklopptdon’tgetmestarted.

Zumindest nicht im offiziellen YouTube-Kanal der Band:

Aber den Song “Another Guy” können Sie in jedem Fall kostenlos herunterladen, wenn Sie auf travisonline.com kurz Ihre E-Mail-Adresse hinterlassen.

Mich kickt das Lied auf Anhieb nicht so richtig, aber eine gewisse hypnotische Eingängigkeit entfaltet sich doch sofort und irgendwie ist es dann auch ganz schnell in meinem Kopf und meinem Herzen. Und die Stimme von Fran Healy ist natürlich immer noch großartig.

Von Stimmen und Tassen

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. März 2013 18:18

Wenn Sie eine Dreiviertelstunde Zeit und ein bisschen was für Musik übrig haben, sollten Sie sich diese Keynote ansehen, die Dave Grohl, “the unofficial Mayor of Rock ‘n’ Roll” (Stephen Thompson), vergangene Woche beim South By Southwest Music Festival in Austin, TX gehalten hat:

Ich mag ja diese amerikanische Art, diese Mischung aus Lakonie und Pathos, und ich musste schon stark an mich halten, nicht sofort die E-Gitarre einzustöpseln und meinen Nachbarn meine immer noch kläglichen Versuche, das “Monkey Wrench”-Riff nachzuspielen, um die Ohren zu hauen.

Und wenn Sie dann noch etwas Zeit haben und noch ein wenig mehr Inspirierendes über Musik zu sich nehmen wollen, dann lesen Sie bitte diesen Blogeintrag, den Anke Gröner vergangene Woche darüber geschrieben hat, was es für sie bedeutet, “Tosca”1 zu singen:

Ich habe einen ungeheuren Respekt vor dem Mann bzw. vor seinen Werken, und deswegen dauert es jede blöde Woche immer ein bisschen, bis ich mich wirklich traue, den ersten Ton von mir zu geben. Das ist so, als ob du als Riesen-Bieberista das erste Mal vor ihm stehst und nur “Hallo” sagen willst, aber dich irgendwie nicht traust, denn man kann ja nicht einfach so als kleiner Fan dem Superstar “Hallo” sagen. Im Kopf glaube ich immer, dass so ziemlich alle Töne, die ich singe, total schief sind und krächzig und schlimm und dass noch kein Fenster zersprungen ist, wenn ich das b” singe, ist eh ein Wunder. Aber da ist plötzlich das “Hallo”: Ich kann das b” nämlich singen. Und es strengt nicht mal an. Jedenfalls brauche ich keine Kraft dafür.

Ich werfe beide Texte, Dave Grohls Keynote und Anke Gröners Blogeintrag, jetzt einfach mal zusammen, was vielleicht ein bisschen unzulässig ist, aber letztlich geht es beide Male darum, seine Stimme und damit den eigenen Platz in der Welt zu finden. Und wenn Dave Grohl sagt, dass es nur darauf ankomme, wie man selbst seine Stimme finde, dann hat er verdammt recht. Es sollte Philipp Poisel, Max Herre oder Ben Howard sehr, sehr egal sein, dass ich mit ihren Stimmen so rein gar nichts anfangen kann. Selbst, dass ich ihre Songs nicht hören mag, sollte für sie völlig unerheblich sein. Ich habe da diese etwas hippiemäßige Einstellung, dass Musik ihre Berechtigung hat, wenn sie nur einer Person etwas bedeutet — einzige Ausnahme: Nazi-Rock.

Und natürlich hat Grohl des weiteren recht, wenn er sagt, man könne den “Wert” von Musik nicht einfach so bestimmen — und als knackige Beispiele einfach mal “Gangnam Style” und Atoms For Peace aufführt. Ich hatte auf meiner Liste der besten Songs 2012 ja an relativ prominenter Stelle “Call Me Maybe” von Carly Rae Jepsen aufgeführt, wofür ich mir von manchen Freunden Fragen nach meinem Geisteszustand gefallen lassen musste.2 Dabei liebe ich den Song noch heute und er bereitet mir deutlich mehr Freude, als irgendsoeine angesagte neue Indieband aus England. Und nur darum sollte es gehen: Welche Musik einem Freude bereitet, nicht, welche Musik man hören “sollte”, um irgendwo dazu zu gehören.

Ich möchte, weil ich einmal in Fahrt bin, nun völlig unzulässigerweise auch noch einen Text von Alexander Gorkow aus der heutigen “Süddeutschen Zeitung”3 hinzuziehen, der vordergründig von dem gescheiterten Interviewversuch von Hinnerk Baumgarten an Katja Riemann handelt. Es geht aber dann relativ schnell und auch relativ furios um sehr viel mehr, kurz um Clint Eastwood (auch “schwierig”) und dann um ungefähr alles:

Im Umgang vieler Medien mit unseren Künstlern nun aber offenbart sich eine überaus deutsche Betrachtung des Künstlertums an sich – und so eben auch des Künstlers oder der Künstlerin: Es regiert bei uns en gros eine mittelalterliche, mindestens kleinstaatliche, mitnichten renaissancehafte, geschweige denn aufklärerische Sehnsucht, wenn es um die Publikumskunst geht.

Es regiert stattdessen, gespeist durch alle Arten von Medien, vor allem aber durch die Unterhaltungsblätter und eben die TV-Sender, die urdeutsche Vorstellung vom Künstler als fahrendem Scharlatan, der mit Schnabelschuhen und Schellenmütze dafür zu sorgen hat, einer furchtbaren Ansammlung trüber, verblödeter Tassen – der sogenannten Bevölkerung – die Zeit bis zum Exitus zu vertreiben.

Es ist, gerade im darstellenden Gewerbe und befeuert von den großen auch öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, der allerdümmste Eskapismus, der der Maxime zu folgen hat, dass jene Bevölkerung nicht zu überfordern sei. Die vielen sensationellen deutschen Schauspielerinnen und Schauspieler haben deshalb nicht etwa in erster Linie gut zu sein. Ginge es danach, wäre Veronica Ferres kein Star, sie würden auf einer Brettlbühne herumknödeln. Deutsche Schauspielerinnen und Schauspieler haben, zumal ihnen fast immer zu Unrecht unermesslicher materieller Reichtum angedichtet wird (“die Reichen und die Schönen”), zu parieren.

Die Haltung dahinter lautet: Bring mir Freude, oder ich bring dich um.

Wie konnte es jetzt passieren, dass ich von den durchweg positiven Texten von Dave Grohl und Anke Gröner so schnell bei diesem kulturpessimistischen Wutanfall von Alexander Gorkow gelandet bin? Es sind wohl irgendwie zwei Seiten einer Medaille, der Spaß an der Kunst und deren mitunter unerfreuliche Rezeption auf der anderen Seite.

Da ich positiv enden möchte, hier einfach noch schnell ein Song einer meiner absoluten Lieblingsbands, dessen Botschaft meine linke Wade ziert!

  1. Für alle, deren Musikzeitstrahl auch erst mit den Beatles beginnt: “Tosca” ist laut Wikipedia eine Oper von Giacomo Puccini aus dem Jahr 1900. []
  2. Dabei müssten die doch am Besten wissen, wie ich so drauf bin. []
  3. Online nicht verfügbar. []

(I’ve Got) The Power

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 11. März 2013 16:25

Ihr Versagen kündigte sich stets mit einer bedrohlichen Stimme an: Waren die Batterien im Tchibo-Walkman im Begriff, leer zu gehen, so wurden die Hörspielkassetten langsamer und wo gerade noch Manfred Steffen aus Lönneberga berichtet hatte, sagte nun eine Grabesstimme: “uuuuund raaaaannteee iiiin deeen Schuuuuppööööön”.

Derart leergespielte Batterien reichte ich als Kind stets an meinen Vater weiter, der sie – so es sich um Akkus handelte – neu auflud oder sie in eine alte Tiefkühldose mit der Aufschrift “Alte Batterien (noch gut)” legte, aus deren Beständen er die vielen Wanduhren und Wecker unseres Haushalts versorgte. Denn dafür reichte die Ladung der Batterien immer noch — teils jahrelang.

Zu Beginn meines Studiums hatte ich eine riesige Sammlung von “noch guten” Batterien: Der Weg zur Uni und zurück forderte seinen Tribut, der Discman saugte Batterien leer wie Vampire unschuldige Mägde. Ich hätte eine Hotellobby, Börse oder Nachrichtenredaktion1 versorgen können, kannte aber niemanden, der dort arbeitet.

Heute sieht die Welt ganz anders aus: MP3-Player und Mobiltelefon (seit einigen Jahren auch noch ein und dasselbe Gerät) haben einen internen Akku, der an guten Tagen den Weg von einer Steckdose zur nächsten überbrückt, und ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal Batterien in der Hand hatte, geschweige denn gekauft habe. Das ist blöd, wenn die Wanduhr in der Küche plötzlich nicht mehr nur nachgeht, sondern gleich ganz stehen bleibt.2

Zunächst war ich überrascht, dass meine Wanduhr tatsächlich stehen bleiben kann. Ich habe das Gefühl, keine einzige Batterie ausgetauscht zu haben, seit ich in dieser Wohnung wohne.3 In einer Kiste, in die ich kürzlich alle Inhalte eines Schrankes gepackt hatte, die ich beim nächsten Umzug unbedingt wegwerfen will,4 und die ich jetzt immer sehr umständlich vom Regal nehmen muss, fand ich dann tatsächlich aber doch noch ein paar Batterien, die einem Fernsteuer-K.I.T.T. beigelegen hatten, den mir die Betreiber irgendeines Online-Shops vor ein paar Jahren mal in der Hoffnung geschickt hatten, ich würde hier im Blog über ihr Unternehmen schreiben.5

Kann man Batterien überhaupt noch im Laden kaufen oder sind die inzwischen genauso verschwunden wie Glühbirnen und ich muss einfach hoffen, dass sie alle ewig halten?

  1. Also: die einzigen Orte, an denen mehrere Wanduhren nebeneinander hängen. []
  2. Dass die Wanduhr auf dem Küchentisch liegend tadellos weiterläuft, weil das Uhrwerk nicht mehr gegen die Schwerkraft arbeiten muss, hatte ich vor sechs Jahren schon mal thematisiert, wie mir gerade überraschend wieder einfiel. []
  3. Ich vermute laienhaft irgendwas mit Elektrosmog und Induktion als Grund. []
  4. “Heute jedoch nicht.” []
  5. Muhahaha. []

Opa erzählt vom Rock

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 8. März 2013 18:41

Ich hab mir neulich ein Stück meiner Jugend gekauft, für 1,59 Euro im Gebrauchtwarenbereich von Amazon:

Myballoon (Symbolbild).

Myballoon müssen irgendwann im Jahr 2000 oder 2001 meine Aufmerksamkeit erregt haben, als ihr Debütalbum “Perfect View” in der “Neuheiten”-Sektion der Dinslakener Stadtbibliothek stand — damals meine Hauptquelle für neue Musik, die über mein Taschengeldbudget hinausging. Sieben, acht Songs von “Perfect View” fanden ihren Weg in meine MP3-Sammlung (für ganze Alben war der Speicherplatz damals noch zu teuer), wobei ihr “Hit” “On My Way” nicht dabei war, wie ich gerade bei der Wikipedia-Lektüre amüsiert festgestellt habe. Aber dafür Songs wie “Never Let You Go”, “Come Around”, “Great Big Days” und vor allem “Happy”, die auf etlichen Mixtapes (für mich und andere) landeten und mich so durch Oberstufe und Zivildienst begleiteten. Im Sommer 2003, als die Finanznot der Kommunen noch nicht ganz so offensichtlich war, spielten Myballoon gar bei freiem Eintritt vor ca. 50 Besuchern auf dem Dinslakener Stadtfest.

Es war dieser Sound, wie es ihn damals tausendfach gab: Hymnische Popsongs mit ein bisschen Schmiss in der Instrumentierung, aber auch breiten Keyboardflächen und Chören im Hintergrund, mit etwas Melancholie und einem bisschen Pathos und mit eher egalen Texten. Es war die gute alte Zeit von Viva Zwei und “Visions”, von Bands wie Goo Goo Dolls, Third Eye Blind, Feeder, 3 Colours Red oder Vega4. In Deutschland gab es Bands wie Readymade und Miles und – die Wenigsten werden sich erinnern – Uncle Ho, Heyday, Hyperchild (Sänger: Axel Bosse), Re!nvented und – zu einem gewissen Grad – Reamonn.

Solche Musik wird heute nicht mehr gemacht. Das Hymnische ist an vielen Stellen dem Weinerlichen gewichen, die E-Gitarren wurden ausgestöpselt und die Keyboards und Synthesizer werden heute anderswo eingesetzt. Eine Zeitlang klangen alle neuen Bands wie Franz Ferdinand und/oder The Strokes, dann fingen junge deutsche Musiker allesamt an, in ihrer Muttersprache zu singen.

Welche deutschen Bands singen denn heute noch auf Englisch? Wenn wir die Scorpions und The Boss Hoss mal außen vor lassen, sind die Beatsteaks die größte unter ihnen, dann kommen die Donots, dann vielleicht irgendwann Slut — alle sind sie seit über 15 Jahren dabei, der Nachwuchs ist nie nachgewachsen. Die letzte englischsprachige Band aus Deutschland, an die ich mich erinnern kann, waren Oh, Napoleon. Keine Ahnung, was aus denen geworden ist, aber der Schlagzeuger hat gerade sein Solodebüt veröffentlicht — auf Deutsch, natürlich. Da wirkt die Frage, warum Deutschland beim Eurovision Song Contest eigentlich immer nur auf Englisch singe, plötzlich gar nicht mehr so bescheuert.

Aber zurück zu Myballoon: “Perfect View” ist nach heutigen Maßstäben natürlich kein dolles Album — das war es vermutlich nicht mal bei seinem Erscheinen vor 13 Jahren. Aber die Songs, die ich damals gehört habe und deren Klang sich unumkehrbar mit dem Eindruck von Sonnenuntergängen am Rhein und dem Geschmack von OhmeinGottzwingenSiemichnichtmichandenNamendieserGetränkezuerinnern verknüpft hat, die leuchten immer noch vor sich hin. Für 1,59 Euro jetzt auch in meinem Regal (zzgl. drei Euro Versandkosten).

Und Berlin war wie New York

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 20. Februar 2013 22:04

Es nützt ja nichts, das zu leugnen: Ich mag die neue Single von Bosse.

Dieses perlende Ben-Folds-Klavier! Diese völlig reimfreien Strophen! Dieser Shoop-Shoop-Refrain! Und vor allem: Diese Geschichte, die er da erzählt!

Von Dosenbier, vom ersten Kuss, von der musikalischen Sozialisation, von Sehnsuchtsorten, von der Jugend an sich. Alles ganz schlicht, gleichermaßen konkret und allgemeingültig.

Wenn Axel Bosse im letzten Refrain “oh yeah, whatever, nevermind” singt, krieg ich jedes Mal Gänsehaut. Und habe wieder diese grieseligen VHS-Bilder aus Seattle auf Vox vor Augen. Am Tag, als Kurt Cobain starb.

I lost my mind on “San Francisco”

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 7. Februar 2013 14:55

Ohrwürmer sind die eine Sache. Richtig schlimm sind Songs, die sich so weit in Hirn und Herz gefressen haben, dass man von ihnen träumt. Mehrfach.

Genau das ist mir mit “San Francisco” von Foxygen passiert, seit ich es bei “All Songs Considered” gehört habe:

Wirklich: Ich träume von diesem Song — besonders von dieser Frauenstimme, die “That’s okay, I was bored anyway” bzw. “That’s okay, I was born in LA” singt. Was für ein phantastischer Song!

Überhaupt ist “We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic” von Foxygen ein sehr feines Album, das klingt, als hätten Belle & Sebastian den Weinkeller geleert bevor sie ins Studio gegangen sind: “No Destruction” könnte auch bei einer gemeinsamen Jam-Session der Rolling Stones mit Bob Dylan entstanden sein, “On Blue Mountain” bedient sich im Refrain mehr als nur ein bisschen bei Elvis Presleys “Suspicious Minds”, “Oh No” entschwebt zur dunklen Seite des Mondes.

Die erste Hälfte des Albums ist grandios, die zweite dann eher okay, den Albumtitel kann sich natürlich kein Mensch merken, aber dafür ist der Bandname ja toll und einprägsam.

Foxygen - We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic (Albumcover)
Foxygen – We Are The 21st Century Ambassadors Of Peace & Magic
VÖ: 25. Januar 2013
Label: Jagjaguwar
Vertrieb: Cargo Records

Niemand will den Hund begraben

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. Februar 2013 20:34

Mein Onkel Thomas, der seit 27 Jahren in San Francisco, CA lebt und dort als Fotograf arbeitet, hat vergangenes Wochenende seine Ausstellung “Blickwinkel” eröffnet, die ich Ihnen auch dann ans Herz legen würde, wenn ich nicht mit dem Künstler verwandt wäre. Zu sehen ist diese Werkschau im Museum Voswinckelshof in Dinslaken, wo wir beide aufgewachsen sind.1 Bei der Eröffnung, bei der das Museum fast aus allen Nähten platzte, sprach die stellvertretende Bürgermeisterin ein Grußwort, in dem sie Thomas Heinser in eine Reihe mit berühmten Ex-Dinslakenern wie Ulrich Deppendorf (Leiter des ARD-Hauptstadtstudios), Udo Di Fabio (Richter am Bundesverfassungsgericht) und Andreas Deja (Chefzeichner bei Disney) stellte. Dinslaken, so erklärte sie, sei “natürlich” zu klein für die wirklich großen Geister, die die Stadt deswegen für die Metropolen dieser Welt verlassen, aber stets gerne in ihre alte Heimat zurückkehren würden.2

In der Migrationstheorie unterscheidet man zwischen Pull- und Pushfaktoren, wenn es die Menschen aus einer Region in eine andere zieht bzw. treibt. Pullfaktoren für sogenannte Kreative sind etwa Kunsthochschulen und Jobs in Agenturen, die sie in die großen Kulturmetropolen ziehen. Ein Pushfaktor von Dinslaken wäre zum Beispiel Dinslaken.

Im Herbst 2011 eröffnete in einem Ladenlokal in der Dinslakener Innenstadt, das zuvor unter anderem eine Espressobar und ein Schuhgeschäft beherbergt hatte, die Gaststätte Victor Hugo. Ein paar junge Männer, die Dinslaken merkwürdigerweise nicht verlassen hatten, hatten ihre Ersparnisse zusammengeschmissen und eröffneten ohne Unterstützung von Brauereien, Vereinen oder Stadtverwaltung einen Laden, der mehr sein sollte als nur Kneipe: Mit Lesungen, Akustikkonzerten, Pub Quizzes und Poetry Slams sollte ein bisschen studentische Kultur Einzug halten in eine Stadt, deren einzige Verbindung zu Universitäten sonst der Bahnhof ist.

Zur Eröffnung warben die Macher des Victor Hugo mit einem Zitat ihres Namenspatrons: “Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.” Die konkrete Idee war vielleicht nicht revolutionär, aber gut, die Zeit war sicherlich gekommen, aber der Ort war definitiv der falsche — zumindest der konkrete.

Offizieller Schriftzug der Stadt Dinslaken (Entwurf).

Von Anfang an gab es Ärger mit den Nachbarn bzw. wenn ich das richtig verstanden habe: mit exakt einem, der sich von den jungen Menschen, die plötzlich auch nach dem Hochklappen der Bürgersteige um 18.30 Uhr in die Dinslakener Innenstadt kamen, um das Victor Hugo zu besuchen. Es ging, wohlgemerkt, nicht um betrunkene Horden, die um 3 Uhr morgens unter dem Abschmettern unflätiger Lieder durch die engen Gassen in der Nähe des Marktplatzes zogen, sondern um weitgehend vernünftige junge Erwachsene, die in gemütlichem Ambiente gemeinsam ein paar Getränke nehmen, sich unterhalten, ein paar Brettspiele spielen oder ein wenig Kultur konsumieren wollten. Gut, einige von ihnen wollten auch vor der Tür rauchen, denn das “Hugo” war von Anfang an eines der ganz wenigen Nichtraucherlokale Dinslakens. Aber das verlief, soweit ich gehört und bei eigenen Besuchen auch selbst festgestellt habe, in völlig geordneten Bahnen. Oder: In Bahnen, die normale denkende Menschen als “völlig geordnet” bezeichnen würden.

Im Theodor-Heuss-Gymnasium, das nicht weit vom Victor Hugo steht und wo viele bedeutende Dinslakener (aber auch ich) ihr Abitur gemacht haben, gibt es eine Tafel mit einem Ausspruch des ersten Bundespräsidenten: “Die äußere Freiheit der Vielen lebt aus der inneren Freiheit des Einzelnen.” Mit ein bisschen Biegen und Brechen kriegt man den Satz auch ex negativo gebildet — oder man schreibt ihn gleich in Schillers “Wilhelm Tell” ab: “Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.”

Die Beschwerden gegen das Victor Hugo häuften sich (in Dinslaken entspricht das rund 30 Anrufen bei der Polizei in anderthalb Jahren) und das Ordnungsamt musste tätig werden und ein Bußgeldverfahren gegen die Betreiber einleiten. Die versprachen, in Zukunft für mehr Ruhe zu sorgen, aber es kam schnell, wie es kommen musste: via Facebook erklärten sie gestern das Aus zum 30. April.

Michael Blatt hat das viel zu schnelle Ende des Victor Hugo auf coolibri.de sehr passend eingeordnet:

Für Dinslaken ist das Aus der Bar ein Desaster. Nicht, weil Tag für Tag hunderte von Gäste in die mit viel Liebe zum Detail gestaltete und als Hobby betriebene Kneipe strömten. Das war auch gar nicht der Anspruch. Aber das Hugo war ein Argument, die Stadt nach der Schule nicht fluchtartig zu verlassen und erst mit der Geburt des ersten Kindes wieder zurückzukehren. Von diesen Argumenten hat Dinslaken seit Jahrzehnten nicht sehr viele. Zwischen Konzerten im ND-Jugendzentrum und Vorträgen der Marke “Der vorgeschichtliche Einbaum aus dem Lippedeich bei Gartrop-Bühl” (am 5. März im Dachstudio der VHS) klafft eine altersbedingte Lücke.

Und die Stadt verliert damit binnen kurzer Zeit die zweite Anlaufstelle für Jugendliche: Erst Ende 2012 hatte der legendäre Jägerhof seine Pforten geschlossen. Der mehr als renovierungsbedürftige Musicclub, in dem sich schon unsere Elterngeneration zum sogenannten Schwoof getroffen hatte, lag zwar nicht in der Innenstadt, aber direkt am Autobahnzubringer, weswegen vor seinen Türen immer wieder Besucher in schwere Verkehrsunfälle verwickelt wurden. Im vergangenen März kam schließlich ein 19-Jähriger ums Leben. Die Betreiber öffneten den Laden am nächsten Abend wie gehabt und sahen sich anschließend mit Pietätlosigkeitsvorwürfen, sinkenden Besucherzahlen und ausbleibenden Einnahmen konfrontiert.

Auch wenn ich vom Jägerhof gerne als “Dorfdisco” und von den verbliebenen jungen Dinslakenern als “Dorfjugend” spreche, darf man nicht vergessen, dass Dinslaken mit seinen knapp 70.000 Einwohnern3 anderswo als Mittelzentrum durchginge. Soest, zum Beispiel, hat mehr als 20.000 Einwohner weniger, liegt aber vergleichsweise einsam in der Börde rum und hat deshalb ein relativ normales Einzelhandels- und Kulturangebot.4 Dinslaken liegt am Rande des Ruhrgebiets: Duisburg und Oberhausen sind gleich vor der Tür, Mülheim, Essen, Bochum und Düsseldorf maximal eine Dreiviertelstunde mit dem Auto entfernt. Das einzige Kaufhaus der Stadt hat vor Jahren geschlossen und wurde kürzlich abgerissen. Wenn alles gut geht,5 wird dort irgendwann ein Einkaufszentrum stehen und Dinslaken wird endlich seinen eigenen H&M haben. Streng genommen bräuchte es den nicht mal, weil selbst die Teenager die Stadt mit dem Regionalexpress zum Shoppen verlassen, sobald sie genug Taschengeld beisammen haben.

Was bleibt, sind tatsächlich die alten Menschen, die schlecht zu Fuß sind und schon immer in der Stadt gelebt haben. Aber auch denen geht es schlecht, weil der einzige Supermarkt, den es in der Innenstadt noch gibt, immer kurz vor der Schließung steht. Wenn der Wortvogel fragt, ob man Städte eigentlich “entgründen” könne, ist das für Dinslaken vielleicht noch keine akute Problematik, aber es sieht aus, als hätte man in der Stadt vorsichtshalber schon mal damit angefangen.

Andererseits ist es kein neues Phänomen, dass die Dinslakener nichts mit ihrer Stadt anzufangen wissen: Bereits im Jahr 1959 beschrieb der “Spiegel” die Versuche, zu Ehren des designierten Bundespräsidenten Heinrich Lübke, der bis dahin Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Dinslaken-Rees gewesen war, ein rauschendes Fest auszurichten. Es endete damals so:

Nach solcherlei Bekundungen wurde Heinrich Lübke in einem Pferdewagen von zwei Rappen durch die Straßen in Richtung Dinslaken gezogen. Nur wenige nahmen Notiz von dem Mann, der ihnen in quer über die Straße gespannten Transparenten als der “neue Bundespräsident” angekündigt worden war.

Auf der Freilichtbühne des Burgtheaters begann das eigentliche Fest, das Lübke ersehnt hatte. Irritiert ließ er die Huldigung des Dinslakener Industriellen Meyer über sich ergehen, der ihn mit “Herr Bundespräsident” begrüßte und ihm als Mitglied des Adenauer-Kabinetts dankte, daß dank seiner Interventionen kein Truppenübungsplatz im Dinslakener Kreis eingerichtet worden sei.

Vielleicht würde heute wenigstens Michael Wendler singen.

  1. In Dinslaken, nicht im Museum. []
  2. Was das im Umkehrschluss für Michael Wendler und die anderen Einwohner der Stadt bedeutet, hat in diesem Moment keiner gefragt. []
  3. Und den 1273 verliehenen Stadtrechten. []
  4. Außerdem hat es natürlich schmucke Fachwerkhäuschen. []
  5. Was in Dinslaken in etwa so wahrscheinlich ist wie in Bochum oder Berlin. []

“New York Times” richtet “Wetten dass ..?” hin

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. Februar 2013 19:07

Es reicht den deutschen Medien nicht, über “Wetten dass ..?” zu schreiben, wenn eine neue Ausgabe der Samstagabendshow ansteht, live gesendet wird oder gerade ausgestrahlt wurde. Die Zeit zwischen den Sendungen wird mit der Wiederaufbereitung weitgehend bekannter Fakten gefüllt oder – ganz aktuell – mit der Sensationsmeldung, dass nun sogar die “New York Times” über die Sendung geschrieben habe.

Das “Handelsblatt” erklärt in seiner Online-Ausgabe, die “Times” “verreiße” die Sendung, laut Bild.de (“Mögen die Amis unsere Shows nicht?”) und “Spiegel Online” “lästert” die “Times” und stern.de nennt den Artikel “wenig schmeichelhaft”.

Nun kann es natürlich an mir liegen, aber ich finde in dem Artikel “Stupid German Tricks, Wearing Thin on TV” vom Berlin-Korrespondenten Nicholas Kulish wenig, mit dem sich diese fröhlichen Eskalationen (“Nanu, was haben die Amis bloß gegen ‘Wetten, dass..?’”, Bild.de) begründen lassen. Aber ich hatte ja schon nicht ganz verstanden, wo genau Tom Hanks und Denzel Washington nach ihren Auftritten über die Sendung “gelästert” haben sollen: Hanks hatte gesagt, er verstehe die Sendung nicht, und Washington hatte erklärt, die Sendung sei ein “Showformat aus einer anderen Zeit”. Wer das ernsthaft bestreitet, hat die Sendung noch nie gesehen — was ihn natürlich anderseits dafür qualifizieren würde, im Internet seine Meinung darüber kund zu tun.

Nun zieht also Kulish angeblich über die Sendung her, auch wenn sich sein Artikel für mich wie eine leicht fassungslose Szeneriebeschreibung liest, die mit ein paar Hintergrundinformationen und Zitaten versehen wurde. “Reportage” hätten wir das früher in der Schule genannt.

“Spiegel Online” schreibt:

In dem Artikel bekommen alle – Markus Lanz, die Wetten und auch die Live-Dolmetscher – ihr Fett weg. Vor allem über das Herzstück der Show, die Wetten, mokiert sich Kulish: “Schrullig” nennt er sie und vergleicht sie mit “Stupid Human Tricks”, einem bekannten Element aus David Lettermans “Late Night Show”, das allerdings dort eine weniger große Bedeutung hat – und ironisch gemeint ist.

Noch mal: Es kann alles an mir liegen. Mir fehlt offenbar das für Journalisten notwendige Gen, in jedem Ereignis einen Eklat, in jedem Adjektiv eine Wertung und in allem, was ich nicht verstehe, den Untergang des Abendlandes zu wittern. Aber ist “schrullig” (“wacky”) wirklich so ein wirkmächtiges Qualitätsurteil oder ist es nicht einfach eine Beschreibung dessen, was da vor sich geht? Ich meine: In der betreffenden Sendung versuchte offenbar ein Mann mit einem Gabelstapler, Münzen in eine Milchflasche zu bewegen!

Aber weiter im Text:

Lanz selbst muss in dem Artikel mit eher wenig Platz auskommen – und ohne ein Zitat. [...]

Neben mehreren deutschen Medien – auch DER SPIEGEL wird ausgiebig zitiert – kommt in dem “NYT”-Artikel auch Film- und TV-Regisseur Dominik Graf zu Wort, als einziger Branchenmacher.

Hier die Nicht-Zitate von Markus Lanz:

“Some people say that if anything could survive a nuclear strike, it would be cockroaches and ‘Wetten, Dass …?,’” said its host, Markus Lanz, in an interview after the show wrapped. [...]

“If only the Greeks were so careful with their money,” Mr. Lanz said.

Und hier die ausführlichen “Spiegel”-Zitate:

Complicating matters further, the leading German newsmagazine, Der Spiegel, reported last month that Mr. Gottschalk’s brother may have had questionable business dealings with several companies whose products appeared on the show. [...]

Der Spiegel asked in its latest issue, “Why are Germans the only ones sleeping through the future of TV?” The magazine called German programs “fainthearted, harmless, placebo television.”

Der, wie ich finde, schönste Satz aus Kulishs durchaus lesenswertem Artikel wird leider nirgends zitiert. Dabei fasst er den Gegenstand vielleicht am Besten zusammen:

On a giant screen overhead a montage of movie clips showed the young film star Matthias Schweighöfer’s bare backside.

Mit Dank auch an Ulli.

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