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Houston, wir haben eine Herausforderung

Manch­mal stol­pert man über Tex­te, die erschei­nen einem auf den ers­ten Blick wirr. Dann liest man sie noch­mal und fragt sich, was einem der Autor damit sagen woll­te. Beim drit­ten Lesen wüss­te man dann ger­ne, ob da nicht viel­leicht der Hus­ten­saft abge­lau­fen war.

Lesen Sie die fol­gen­den Zei­len also ruhig mehr­fach:

Die Kanz­le­rin spricht nicht von Welt­schmerz, dem schö­nen Begriff des baye­ri­schen Dich­ters Jean Paul. Sie wählt statt des Ger­ma­nis­mus’ den Angli­zis­mus „Her­aus­for­de­rung“. Alles, was für den Deut­schen ein Pro­blem ist, nennt der US-Ame­ri­ka­ner Her­aus­for­de­rung. Das ist die Wur­zel des „Yes-we-can“-Optimismus’ eines Barack Oba­ma. Der Deut­sche stellt sich natur­ge­mäß der Her­aus­for­de­rung, die ihm eben­so natür­lich zur Her­ku­les­auf­ga­be gerät. Das ist die Wur­zel des „No we can’t“-Pessimismus’ der deut­schen Kanz­le­rin.

Beim Ver­ständ­nis die­ser Pas­sa­ge ist weder der Kon­text hilf­reich noch die fol­gen­de Erklä­rung zur Per­son des Ver­fas­sers Georg Than­scheidt:

Der Autor ist stell­ver­tre­ten­der Chef­re­dak­teur der AZ

[via Bre­mer Sprach­blog]

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Politik Gesellschaft

Eine Sprache vor die Deutschen

T-Shirt-Aufdruck in fremder Sprache (vielleicht bald verboten).

Die CDU-Basis hat ihre Par­tei­spit­ze über­stimmt. Lei­der nicht bei irgend­ei­ner rele­van­ten Ent­schei­dung über Per­so­nal- oder Poli­tik­fra­gen, son­dern bei einem The­ma, das nicht viel kos­tet, aber inten­si­ve Dis­kus­sio­nen ver­spricht: die Par­tei will jetzt die deut­sche Spra­che ins Grund­ge­setz auf­neh­men.

dpa tickert dazu:

Saar­lands Minis­ter­prä­si­dent Peter Mül­ler mein­te hin­ge­gen, die Par­tei müs­se sich klar dazu beken­nen, «was den Staat aus­macht». Neben der Flag­ge gehö­re dazu auch die deut­sche Spra­che.

Das ist natür­lich schon mal ein Super-Anfang, der in die glei­che Ker­be schlägt wie Bun­des­tags­prä­si­dent Nor­bert Lam­mert im Som­mer die­ses Jah­res:

Es gebe „für die Kul­tur und das Selbst­ver­ständ­nis die­ses Lan­des kei­nen wich­ti­ge­ren Fak­tor als die Sprache“.Sie sei „noch wich­ti­ger als die Fest­le­gung auf Ber­lin als Haupt­stadt und auf Schwarz-Rot-Gold als Landesfarben“.Beides reg­le das Grund­ge­setz, die Spra­che „lei­der nicht“.

Zunächst ein­mal soll­te man den bei­den Her­ren also ste­cken, dass auch die Natio­nal­hym­ne nicht im Grund­ge­setz ver­an­kert ist – aber deren Ein­bin­dung woll­ten sie ver­mut­lich erst im nächs­ten Jahr for­dern.

Kom­men wir nun zur For­de­rung an sich: Kon­kret soll Arti­kel 22 des Grund­ge­set­zes um ein „Die Spra­che in der Bun­des­re­pu­blik ist Deutsch“ ergänzt wer­den. Das ist natür­lich schon mal ein gutes Bei­spiel für die Schön­heit der deut­schen Spra­che: Ein halb­fer­ti­ger Satz mit Hilfs­verb, der noch dazu gar nichts aus­sagt.

Denn was soll das hei­ßen, „die Spra­che“ „ist Deutsch“? Wür­de man die Amts­spra­che fest­le­gen wol­len, wäre das noch ver­ständ­lich – aber die ist schon im Ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­setz gere­gelt. Und was hie­ße das für den Kreis Nord­fries­land und die Insel Hel­go­land, wo auch Frie­sisch als Amts­spra­che zuge­las­sen ist?

Die deut­sche Spra­che mache also „den Staat aus“, fin­det Peter Mül­ler, stu­dier­ter Jurist. Müs­sen denn Din­ge, die den Staat „aus­ma­chen“ (was auch immer Mül­ler damit meint) und die uns in jedem Moment über­all in die­sem Land umge­ben, noch gesetz­lich gere­gelt wer­den?

Es gibt eigent­lich nur zwei Les­ar­ten für die­se For­de­rung: Die eine wür­de es den Bas­ti­an Sicks und Wolf Schnei­ders die­ser Repu­blik erlau­ben, gegen jeden „Ser­vice Point“ eine Ver­fas­sungs­kla­ge anzu­stren­gen. Die ande­re wäre die Ansa­ge, dass jeder, der in die­sem Land lebt, gefäl­ligst und jeder­zeit Deutsch zu spre­chen habe. So oder so klingt es wie die staats­recht­li­che Umset­zung des unsäg­li­chen Slo­gans „Der Klü­ge­re spricht deutsch“ des idio­ti­schen „Ver­eins Deut­scher Spra­che“.

Lin­gu­is­ten ler­nen im ers­ten Semes­ter: Spra­che ist einem stän­di­gen Wan­del unter­wor­fen. Spra­che ist kein scheu­es Reh, das unter Arten­schutz gestellt und von staat­li­cher Sei­te gepflegt wer­den muss. Spra­che wird gespro­chen und geschrie­ben und wenn sie nicht gespro­chen wird, stirbt sie aus. Wir dürf­ten uns sicher sein, dass jun­ge Men­schen heu­te in Social Net­works und SMS-Nach­rich­ten mehr Text pro­du­zie­ren, als unse­re Eltern­ge­nera­ti­on je hand­schrift­lich geschrie­ben hat. Auch wenn die Mül­lers, Schnei­ders und Sicks es nicht begrei­fen wol­len: Die­se jun­gen Men­schen kom­mu­ni­zie­ren in der Spra­che, die in die­sem Moment den Stand der deut­schen Spra­che dar­stellt. Wenn es über­haupt Spra­chen gibt, die in Deutsch­land eines gesetz­li­chen Schut­zes bedür­fen, dann sind es die Regio­nal­spra­chen und Dia­lek­te (die streng lin­gu­is­tisch betrach­tet kei­ne Spra­chen, son­dern Varie­tä­ten sind).

Ganz schnell ist man bei dem The­ma ja dann immer bei Goe­the, Schil­ler und Adal­bert Stif­ter und der Behaup­tung, dass man so „schö­nes“ Deutsch heut­zu­ta­ge gar nicht mehr höre. Die­ser Aus­sa­ge lie­gen gleich meh­re­re Denk­feh­ler zugrun­de: Ers­tens ist Schön­heit sub­jek­tiv, zwei­tens haben auch zur Zeit der Wei­ma­rer Klas­sik die wenigs­ten Bau­ern schö­ne, druck­rei­fe Sät­ze gespro­chen (geschwei­ge denn geschrie­ben), und drit­tens emp­fiehlt einem jede treu­sor­gen­de Buch­händ­le­rin bei Inter­es­se sicher ger­ne ein paar Dut­zend zeit­ge­nös­si­scher Autoren, die mit der deut­schen Spra­che form­voll­endet umzu­ge­hen ver­ste­hen.

Das Per­fi­de an der Num­mer mit dem Grund­ge­setz ist natür­lich auch: Wer im Bun­des­tag gegen die­sen alber­nen Vor­schlag stim­men wür­de, dürf­te sein Gesicht mit ziem­li­cher Sicher­heit am nächs­ten Tag auf der Titel­sei­te der „Bild“-Zeitung (krea­tivs­ter Umgang mit deut­scher Spra­che: „Wir sind Papst“) wie­der­fin­den, ver­se­hen mit der Fra­ge „Was haben Sie gegen unse­re schö­ne deut­sche Spra­che?“

Für den Beginn wür­de es also viel­leicht rei­chen, wenn unse­re Poli­ti­ker ein wenig nach­däch­ten, bevor sie ihre Mün­der öff­ne­ten, und wenn unse­re Zei­tun­gen uns auch mal ab und an mit ein paar aus­ge­wähl­ten For­mu­lie­run­gen erfreu­ten. Ich bin sicher: zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung hät­ten damit Pro­ble­me, aber das war in der Goe­the­zeit ja nicht anders.

Einen wie üblich sehr fun­dier­ten Arti­kel zum The­ma „Amts­spra­che Deutsch“ hat Ana­tol Ste­fa­no­witsch bereits vor andert­halb Jah­ren im Bre­mer Sprach­blog ver­öf­fent­licht.

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Dear Mr. President

Bevor heu­te Abend das tra­di­ti­ons­rei­che Fuß­ball­spiel zwi­schen Deutsch­land und Eng­land statt­fin­det (also das Auf­ein­an­der­tref­fen zwei­er einst ruhm­rei­cher Fuß­ball­na­tio­nen), möch­te ich noch ein­mal kurz dar­an erin­nern, was das für ein Ver­ein ist, dem Sie da heu­te ver­mut­lich die Dau­men drü­cken wer­den:

Nach­dem DFB-Prä­si­dent Theo Zwan­zi­ger in zwei Instan­zen mit sei­nem Ver­such geschei­tert war, dem frei­en Sport­jour­na­lis­ten Jens Wein­reich unter­sa­gen zu las­sen, ihn einen „unglaub­li­chen Dem­ago­gen“ zu nen­nen, hat der DFB am ver­gan­ge­nen Frei­tag eine gro­ße Ver­leum­dungs­kam­pa­gne gegen Wein­reich los­ge­tre­ten.

Dabei kehrt der DFB nicht nur die bei­den Gerichts­ent­schei­dun­gen zu Unguns­ten Zwan­zi­gers unter den Tep­pich, er ver­dreht in sei­ner Pres­se­mit­tei­lung auch mun­ter Sach­ver­hal­te und Begriff­lich­kei­ten. So scheu­en sich weder DFB noch Zwan­zi­ger, das Wort „Dem­ago­ge“ mit „Volks­ver­het­zer“ zu über­set­zen und aus­schließ­lich auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus zu bezie­hen.

Wer die Vita und das kon­se­quen­te Enga­ge­ment von Theo Zwan­zi­ger im Kampf gegen Neo-Nazis kennt, ver­steht selbst­ver­ständ­lich sei­ne Reak­ti­on. Denn als Dem­ago­ge wird ein Volks­ver­het­zer bezeich­net, der sich einer straf­ba­ren Hand­lung schul­dig macht.

(DFB-Vize­prä­si­dent Dr. Rai­ner Koch)

Wenn man eine sol­che Vita hat und außer­dem, wie ich, in Yad Vas­hem war, denkt man anders über die Din­ge nach. Ich bit­te um Ver­ständ­nis, dass mei­ne Emp­find­lich­keit, was die Nazi-Zeit angeht, grö­ßer ist, als das viel­leicht bei andern Leu­ten oder Jün­ge­ren der Fall ist.

(Theo Zwan­zi­ger im Inter­view mit „Direk­ter Frei­stoß“)

Alles wei­te­re kön­nen Sie bei Jens Wein­reich selbst und bei Ste­fan Nig­ge­mei­er nach­le­sen.

Jede Wet­te: wenn der Vor­stand eines Bun­des­li­ga­ver­eins so eine Show abzie­hen wür­de, wür­den die Fans anschlie­ßend im Sta­di­on mit Sprech­chö­ren und Trans­pa­ren­ten des­sen Abset­zung for­dern. Theo Zwan­zi­ger, der sich heu­te Abend mal wie­der mit der Bun­des­kanz­le­rin schmü­cken wird, muss so etwas kaum befürch­ten.

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Unterwegs Politik

Vor Erfurt

Die Grünen (Symbolfoto)

Mor­gen früh geht’s los nach Erfurt zur Bun­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz der Grü­nen. Die wird ver­mut­lich nur noch so lan­ge so hei­ßen, bis jemand auf die Idee kommt, dass man von Par­ti­zi­pen auch weib­li­che For­men bil­den könn­te – denn dann muss es natür­lich „Bun­des­de­le­gier­tIn­nen­kon­fe­renz“ hei­ßen. Bei den Grü­nen müs­sen Anträ­ge näm­lich in „geschlech­ter­ge­rech­ter Spra­che“ for­mu­liert wer­den – und das nicht etwa seit der Grün­dung in den frü­hen Acht­zi­ger Jah­ren, son­dern seit 2007. Sprach­äs­thet, der ich bin, wer­de ich in mei­ner Bericht­erstat­tung auf der­lei Mätz­chen aller­dings ver­zich­ten. Sonst müss­te ich die Par­tei ja auch „Bünd­nis 90/​Die Grü­nin­nen und Grü­nen“ nen­nen.

Auf noch etwas möch­te ich hin­wei­sen: Erwar­ten Sie von mir um Him­mels Wil­len kei­ne poli­ti­schen Ana­ly­sen. Ich habe kei­ne Ahnung von Poli­tik, was Sie schon dar­an mer­ken kön­nen, dass ich die­se regel­mä­ßig an dem mes­se, was ich „gesun­den Men­schen­ver­stand“ nen­nen wür­de. Poli­tik inter­es­siert mich als Pop­kul­tur­fa­na­ti­ker und stu­dier­ter Ger­ma­nist eher von außen: Was reden die da (zumeist gedacht als „Was zum Hen­ker reden die da für eine Schei­ße?“), was pas­siert da, wie wirkt das? Der Umstand, dass ich auf Par­tei­po­li­tik mit Schüt­teln am gan­zen Kör­per reagie­re, ist übri­gens jenen Bochu­mer SPD-Lokal­po­li­ti­kern geschul­det, die mich nach einem Inter­view, das ich als Prak­ti­kant für CT das radio mit ihnen füh­ren muss­te, zum Par­tei­bei­tritt zu über­re­den ver­such­ten.

Ich möch­te aus Grün­den der Trans­pa­renz auch noch ein­mal dar­auf hin­wei­sen, dass die Grü­nen mir (und den vier ande­ren Sti­pen­dia­ten) Anrei­se und Unter­kunft bezah­len. Dafür opfern wir aber unse­re Wochen­en­den und teil­wei­se Urlaubs­ta­ge (und ich die Mög­lich­keit, den Sieg von Borus­sia Mön­chen­glad­bach gegen Bay­ern Mün­chen in einer Fuß­ball­knei­pe zu gucken). Zwar hät­te ich durch­aus „die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten […], zu Ver­an­stal­tun­gen zu rei­sen“, wäre aber von allei­ne nie auf die Idee gekom­men, einen Par­tei­tag zu besu­chen. Wenn Sie die­ses Blog regel­mä­ßig lesen, ken­nen Sie mei­ne Mei­nung zu Ver­an­stal­tun­gen, auf denen viel gere­det wird.

Auch soll nicht uner­wähnt sein, dass ich in der Ver­gan­gen­heit schon das eine oder ande­re Mal mein Kreuz bei den Grü­nen gemacht habe – im schlimms­ten Fall könn­te die Par­tei also mit end- und sinn­lo­sen Dis­kus­sio­nen einen mög­li­chen Wäh­ler ver­lie­ren. Als Reak­ti­on auf die unfä­hi­ge und das Grund­ge­setz ver­ach­ten­de gro­ße Koali­ti­on hal­te ich für 2009 aller­dings eine gelb-grü­ne Bun­des­re­gie­rung für die ein­zi­ge Alter­na­ti­ve.

Alle Blog-Ein­trä­ge zur Bun­des­de­le­gier­ten­kon­fe­renz kön­nen Sie unter dem Tag bdk08 fin­den bzw. bei Nicht-Inter­es­se igno­rie­ren.

Und hier noch die Links zu den vier ande­ren Blogs:
www.regine-heidorn.de
flannelapparel.blogspot.com
www.jurblog.de
www.pottblog.de

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New Radicals

Wer und was die­ser Tage so alles radi­kal ist:

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Leben

Scheiße zum Quadrat

Aus Düs­sel­dorf kommt nichts Gutes: Stu­di­en­ge­büh­ren, Alt-„Bier“ und die Toten Hosen, zum Bei­spiel. Oder der neue Slo­gan fürs Ruhr­ge­biet, den sich die Wer­be­agen­tur Grey ent­we­der aus Unkennt­nis oder rei­ner Ver­ach­tung für die dort leben­den Men­schen aus­ge­dacht hat:

Ruhrn Team-Work-Capi­tal

So wird das nie was mit der Metro­po­le. Oder auch nur mit dem ernst genom­men wer­den.

[via blog.50hz.de]

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Kultur

Kunst im Alltag: Roland Koch „Ohne Titel I“

Ypsi­lan­ti, al-Wazir
und die Kom­mu­nis­ten stop­pen!

Mit die­sem, auf den ers­ten Blick schlich­ten Zwei­zei­ler hat sich der bis­her unbe­deu­ten­de Nach­wuchs­li­te­rat Roland Koch ver­gan­ge­ne Woche in den Olymp der Polit­ly­rik kata­pul­tiert.

Die ers­te Zei­le besteht aus einem sel­te­nen Pai­on (mit Beto­nung auf der drit­ten Sil­be) und einem Ana­päst und klingt daher schon allein durch ihr Vers­maß exo­tisch. Die­se Wir­kung unter­streicht der Dich­ter mit der Ver­wen­dung zwei­er Fami­li­en­na­men aus dem süd­öst­li­chen Mit­tel­meer­raum und dem Gebiet der ara­bi­schen Halb­in­sel.

Der Name „Ypsi­lan­ti“ stammt aus dem Grie­chisch-Pha­na­rio­ti­schen und bezeich­ne­te schon grie­chi­sche Natio­nal­hel­den des 19. Jahr­hun­derts. Sein Klang erin­nert an den vor­letz­ten Buch­sta­ben des latei­ni­schen Alpha­bets, der erst im zwei­ten vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert aus dem Grie­chi­schen über­nom­men wur­de und hier für etwas Unfer­ti­ges, Unbe­deu­ten­des steht. Der Name „al-Wazir“ lei­tet sich ab vom per­si­schen „wazir“ und bezeich­net ab dem 10. Jahr­hun­dert den mäch­tigs­ten Mann in einem Kali­fen­staat – die deut­sche Schreib­wei­se ist „Wesir“. Mit nur sie­ben Sil­ben gelingt es Koch so, eine Brü­cke über Vor­der­asi­en in den Ori­ent zu schla­gen.

Die zwei­te Zei­le beginnt mit einem Jam­bus, der auf eine deut­lich geord­ne­te­re Struk­tur hin­deu­tet, über­rascht dann aber mit einem wei­te­ren Pai­on und einem Tro­chä­us. Der in der ers­ten Zei­le gemach­te Aus­flug in frem­de Län­der wird nicht wei­ter aus­ge­führt – man erfährt nicht, wel­che Auf­ga­ben die der­art her­bei­zi­tier­ten Ent­schei­dungs­trä­ger frem­der Hoch­kul­tu­ren für den wei­te­ren Ver­lauf des Gedichts haben. Koch been­det die Auf­zäh­lung mit dem deut­lich unper­sön­li­che­ren Begriff „Kom­mu­nis­ten“, der durch den Zei­len­um­bruch und die Ver­wen­dung der Kon­junk­ti­on „und“ und des Arti­kels „die“ zusätz­lich deut­lich von den ers­ten bei­den Begrif­fen abge­grenzt ist. Statt einer Hand­lung inner­halb des Gedichts endet es mit einem Impe­ra­tiv, das Aus­ru­fe­zei­chen unter­streicht den appel­la­ti­ven Cha­rak­ter des Zwei­zei­lers.

Koch gelingt es, die­se sechs Wor­te mit einer immensen Bedeu­tung auf­zu­la­den. In einem fast fle­hent­li­chen Ton for­dert der nicht näher spe­zi­fi­zier­te Spre­cher einen unbe­kann­ten Adres­sa­ten zu einer Hand­lung („Stop­pen“) auf, wäh­rend er selbst weder aktiv noch pas­siv in Erschei­nung tritt. „Gestoppt“ wer­den sol­len die durch die Namen reprä­sen­tier­ten (vorder-)orientalischen Hoch­kul­tu­ren (wobei der Ver­weis auf Grie­chen­land auch für die Anti­ke und die Wie­der­auf­nah­me ihrer Idea­le in der Auf­klä­rung ste­hen kann) und „die Kom­mu­nis­ten“, die einen über­ra­schen­den poli­ti­schen Aspekt in das Gedicht brin­gen. Betrach­tet man die­se doch recht unter­schied­li­chen Grup­pie­run­gen und die Wer­te, für die sie ste­hen, und ihre offen­sicht­li­che Oppo­si­ti­on zum Spre­cher, so wird klar, dass die­ser ein christ­lich-kon­ser­va­ti­ves, mög­li­cher­wei­se anti-auf­klä­re­ri­sches Welt­bild ver­tre­ten soll. Das unge­wöhn­li­che, allen ästhe­ti­schen Regeln wider­spre­chen­de Vers­maß und der feh­len­de Reim spie­geln die inne­re Auf­ruhr des Spre­chers wie­der, die weib­li­che Kadenz am Ende der zwei­ten Zei­le drückt sei­ne Resi­gna­ti­on aus. Zwar feh­len wesent­li­che Infor­ma­tio­nen, da das Haupt­ge­sche­hen außer­halb des Gedichts statt­zu­fin­den scheint, aber die Inten­ti­on des Werks wird klar: es steht in der Tra­di­ti­on gro­ßer mit­tel­al­ter­li­cher Kampf- und Spott­schrif­ten und muss wie die­se unab­hän­gig von der poli­ti­schen Inten­ti­on für sei­ne lite­ra­ri­schen Qua­li­tä­ten wert­ge­schätzt wer­den.

Roland Koch ist ein aus­drucks­star­kes Gedicht vol­ler Bri­sanz gelun­gen, das gleich­zei­tig sehr viel­schich­tig ist und doch kei­ne kla­re Aus­sa­ge trifft. Es ist dem Dich­ter zu wün­schen, dass er in Zukunft noch mehr Zeit für sei­ne lyri­schen Arbei­ten fin­den wird.