Dear Mr. President

Von Lukas Heinser, 19. November 2008 13:37

Bevor heute Abend das traditionsreiche Fußballspiel zwischen Deutschland und England stattfindet (also das Aufeinandertreffen zweier einst ruhmreicher Fußballnationen), möchte ich noch einmal kurz daran erinnern, was das für ein Verein ist, dem Sie da heute vermutlich die Daumen drücken werden:

Nachdem DFB-Präsident Theo Zwanziger in zwei Instanzen mit seinem Versuch gescheitert war, dem freien Sportjournalisten Jens Weinreich untersagen zu lassen, ihn einen „unglaublichen Demagogen“ zu nennen, hat der DFB am vergangenen Freitag eine große Verleumdungskampagne gegen Weinreich losgetreten.

Dabei kehrt der DFB nicht nur die beiden Gerichtsentscheidungen zu Ungunsten Zwanzigers unter den Teppich, er verdreht in seiner Pressemitteilung auch munter Sachverhalte und Begrifflichkeiten. So scheuen sich weder DFB noch Zwanziger, das Wort „Demagoge“ mit „Volksverhetzer“ zu übersetzen und ausschließlich auf den Nationalsozialismus zu beziehen.

Wer die Vita und das konsequente Engagement von Theo Zwanziger im Kampf gegen Neo-Nazis kennt, versteht selbstverständlich seine Reaktion. Denn als Demagoge wird ein Volksverhetzer bezeichnet, der sich einer strafbaren Handlung schuldig macht.

(DFB-Vizepräsident Dr. Rainer Koch)

Wenn man eine solche Vita hat und außerdem, wie ich, in Yad Vashem war, denkt man anders über die Dinge nach. Ich bitte um Verständnis, dass meine Empfindlichkeit, was die Nazi-Zeit angeht, größer ist, als das vielleicht bei andern Leuten oder Jüngeren der Fall ist.

(Theo Zwanziger im Interview mit „Direkter Freistoß“)

Alles weitere können Sie bei Jens Weinreich selbst und bei Stefan Niggemeier nachlesen.

Jede Wette: wenn der Vorstand eines Bundesligavereins so eine Show abziehen würde, würden die Fans anschließend im Stadion mit Sprechchören und Transparenten dessen Absetzung fordern. Theo Zwanziger, der sich heute Abend mal wieder mit der Bundeskanzlerin schmücken wird, muss so etwas kaum befürchten.

11 Kommentare

  1. Philip
    19. November 2008, 13:43

    Schade! Die meisten im Stadion werden wohl nicht wissen, was da passiert ist oder sind zu einseitig informiert. Und wenn doch wäre immer noch fraglich, ob sie es denn auch wirklich genug interessiert. (Was natürlich schade ist/wäre).

  2. Foxxi
    19. November 2008, 17:05

    @Philip: Stimmt!
    …und zweitens, wenn es danach ginge dürfte man sich für keine einzige Sportart mehr interessieren, die auch nur 1 Cent Gewinn abwirft.
    Zum Glück geht es aber (meistens) immer noch um die Akteure auf dem Rasen und nicht um irgendwelche WirtschaftsVereinsbosse.

  3. Philip
    19. November 2008, 17:10

    „Watt zählt, is aufm Platz!“

  4. Sonja
    19. November 2008, 19:32

    Ach komm, ist Fußball, da ist man ganz andere Sachen gewöhnt. (Von Sportfunktionären im allgemeinen mal ganz zu schweigen.)

    Ich frag mich übrigens, was Holocaust-Opfer davon halten würden, dass sie als Zwanzigers Ich-war-in-Yad-Vashem-Sensibilität herhalten dürfen.

  5. Lukas
    19. November 2008, 19:37

    Ich frag mich übrigens, was Holocaust-Opfer davon halten würden, dass sie als Zwanzigers Ich-war-in-Yad-Vashem-Sensibilität herhalten dürfen.

    Ich halte es ja schon für eine ziemliche Anmaßung, dass ich als jüngerer Mensch angeblich weniger sensibel für das Thema „Nazi-Zeit“ sein soll.

  6. vib
    19. November 2008, 19:49

    Hm, wer sich mit Angie schmücken muss, kann einem eigentlich fast schon leid tun. Aber nur fast ;)

  7. Frank
    20. November 2008, 13:05

    Vom bedauerlich uneinsichtigen und scheinbar auch unwissenden Auftreten einiger DFB-Funktionäre in den letzten Wochen einmal abgesehen, geht es bei diesem Spiel doch darum der deutschen Nationalmannschaft die Daumen zu drücken.
    Schließlich wird keine (hitzige) DFB-Tagung oder Veranstaltung des DOSB übertragen, bei der man gespannt, mit Chips und Bier, vorm Fernseher sitzt und auf demagogische Einlagen der Vortragenden hofft.

  8. Lukas
    20. November 2008, 13:25

    @Frank: Na ja, die „Nationalmannschaft“ ist ja keine offizielle, staatliche Mannschaft, sondern der Verein, der für den DFB spiele bestreitet. Ich weiß gar nicht, wie das eigentlich völkerrechtlich aussieht (die Unterschiede sieht man ja sehr schön an den vier verschiedenen Mannschaften des Vereinigten Königreichs), aber „Deutschland“ als Nation ist es ja sicher nicht, das da spielt.

    Von daher ist der DFB schon irgendwie der Verein „Deutschland“ — und darüber hinaus die Truppe, die gerade versucht, die Bundesliga-Spieltage endgültig zu zerfleddern.

  9. Hannnns
    20. November 2008, 21:31

    Die Zerfledderer, wie Du sie nennst, sind eigentlich die Herren von der DFL.

  10. meistermochi
    21. November 2008, 0:03

    die nationalmannschaft ist weiß gott größer als einzelne personen im verband. diese brücke zu beginn in deinem text kann ich nicht nachvollziehen. und sie ist auch nicht angebracht.

  11. Von Demagogen und terrorverdächtigen Kindern: Blogschau (2/IV)
    22. Februar 2009, 20:30

    […] kindlich anmutenden Forderungen Zwanzigers hin und auf den Rufmord, der an Weinreich begangen wird. Lukas bezweifelt die von Zwanziger hervorgehobene Verbindung zwischen “Demagoge” und […]