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Sport

Du und Dein VfL

Trainingsauftakt beim VfL Bochum

Heu­te Vor­mit­tag: Trai­nings­auf­takt beim VfL Bochum. Viel wei­ter kannst Du im Pro­fi­fuß­ball nicht von Mes­si, Ronal­do, Mbap­pé und den Scheich-Mil­li­ar­den ent­fernt sein. Dafür sind die Fans mit ihrer gan­zen Fami­lie ganz nah dran, kau­fen die (wirk­lich sehr schö­nen) neu­en Tri­kots und essen Cur­ry­wurst.

Vor der drit­ten Bun­des­li­ga-Sai­son in Fol­ge haben sich die Erwar­tungs­hal­tung der Anhänger*innen und das Selbst­ver­ständ­nis der Offi­zi­el­len ein biss­chen ver­scho­ben: Dies­mal soll es nicht mehr nur um den Klas­sen­er­halt gehen, ein wenig wei­ter oben erscheint denk­bar. Von allen Ruhr­ge­biets­ver­ei­nen kommt der VfL jeden­falls mit dem größ­ten Rücken­wind aus dem letz­ten Spiel­tag der letz­ten Sai­son.

Beim Trai­nings­spiel lie­fern die rund 1.500 Fans schon mal einen Vor­ge­schmack, wie es mit 28.000 klin­gen wird. Von den Neu­ver­pflich­tun­gen ist noch nicht ganz so viel zu sehen, eini­ge Fans müs­sen die neu­en Spie­ler auch erst­mal goo­geln, bevor sie die­se um ein Auto­gramm bit­ten, aber: Hey, es geht ja gera­de erst los!

Die vor vier Jah­ren noch so gefürch­te­ten und chro­nisch unzu­frie­de­nen Fans sind opti­mis­tisch — was sie natür­lich trotz­dem nicht davon abhält, auf der Tri­bü­ne rum­zum­eckern. Doch trifft es heu­te eher die eige­nen Kin­der oder abwe­sen­de Drit­te.

Qua­si par­al­lel hat Her­bert Grö­ne­mey­er für den 12. Juni 2024 sein ers­tes Kon­zert im Ruhr­sta­di­on seit neun Jah­ren ange­kün­digt. Selbst, wenn es für den VfL nicht so rund lau­fen soll­te: Die Rele­ga­ti­ons­spie­le sind bis dahin über die Büh­ne gegan­gen.

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Film Fernsehen

Streaming-Tipps Juni 2023

Bevor ich mich mut­maß­lich bald bei Net­flix abmel­de, habe ich mal ein paar Sachen von mei­ner „Das woll­test Du Dir irgend­wann viel­leicht mal ange­se­hen haben“-Liste geschaut: Den Film „Die Schlacht um die Schel­de“, die zweit­teu­ers­te nie­der­län­di­sche Pro­duk­ti­on aller Zei­ten, hat­te ich aus zwei Grün­den sehen wol­len: zum einen, um mein Nie­der­län­disch zu trai­nie­ren, zum ande­ren, weil die titel­ge­ben­de Schel­de bei Wal­che­ren in die Nord­see mün­det, also dort, wo ich seit Jahr­zehn­ten am Liebs­ten mei­ne Urlau­be ver­brin­ge. Die Schlacht an der Schel­de­mün­dung dien­te der Befrei­ung des Hafens von Ant­wer­pen, den die West­al­li­ier­ten für ihre Nach­schub­ver­sor­gung brauch­ten, und war inso­fern eine der vie­len ent­schei­den­den Schlach­ten des 2. Welt­kriegs. Zwi­schen „Der Sol­dat James Ryan“-ähnliche Schlach­ten­sze­nen erzählt der Film eher klei­ne, all­täg­li­che Dra­men, die in kei­nem Geschichts­buch vor­kom­men wür­den, von denen man aber anneh­men muss, dass es sie tau­send­fach gege­ben hat. Unter ande­rem wird der Topos „cha­ris­ma­ti­scher Nazi“ von Jus­tus von Dohn­anyi hier noch mal sehr gru­se­lig neu mit Leben gefüllt. Tat­säch­lich wird in dem Film weni­ger Nie­der­län­di­sche gespro­chen als Deutsch und Eng­lisch (in der deut­schen Syn­chron­fas­sung spre­chen mut­maß­lich wie­der alle die gan­ze Zeit Deutsch, weil das halt immer so ist), aber ich fand ihn schon recht beein­dru­ckend und bedrü­ckend.

Eben­falls bei Net­flix läuft die 40-minü­ti­ge Doku­men­ta­ti­on „The Mar­tha Mit­chell Effect“. Mar­tha Mit­chell war die Ehe­frau von John N. Mit­chell, dem Wahl­kampf­ma­na­ger Richard Nixons und spä­te­rem US-Jus­tiz­mi­nis­ter, und als der Water­ga­te-Skan­dal begann, begann sie sofort, Prä­si­dent Nixon selbst zu beschul­di­gen. Mar­tha Mit­chell wur­de von den mäch­ti­gen Män­nern in Washing­ton dis­kre­di­tiert und als alko­hol­kran­ke mad woman abge­stem­pelt. Ihr Ruf und ihre Ehe waren rui­niert, sie starb bald dar­auf — und fast alle Vor­wür­fe, die sie erho­ben hat­te, stell­ten sich im Nach­hin­ein als wahr her­aus (die ande­ren gel­ten als noch nicht bestä­tigt). Auch die­ser Film ist beein­dru­ckend und bedrü­ckend und auch hand­werk­lich sehr gut gemacht.

Auch der Doku­men­tar­film „Cir­cus Of Books“ läuft auf Net­flix. Die Regis­seu­rin Rachel Mason erzählt hier die Geschich­te ihrer Eltern Karen und Bar­ry, die als jüdi­sches Hete­ro-Paar einen der bedeu­tends­ten Läden für schwu­le Lite­ra­tur und Por­no­gra­fie in LA betrie­ben haben. Wie es dazu kam, ist absurd; wie sich kon­ser­va­ti­ve Poli­tik und die AIDS-Epi­de­mie auf die Arbeit und das Leben der Fami­lie aus­wirk­te, ist erschüt­ternd; und wel­che Fol­gen das Inter­net und Dating Apps für das Geschäft haben, kann man sich aus­ma­len. Dies alles aus nächs­ter Nähe von der Fami­lie geschil­dert zu bekom­men, ist sehr beein­dru­ckend.

Bei Dis­ney+ schließ­lich habe ich „In & Of Its­elf“ gese­hen. Ich hat­te schon eini­ges dar­über gehört, meist ver­bun­den mit dem Hin­weis, dass man nicht erklä­ren kön­ne, was das sei. Das stimmt. For­mal ist es der Mit­schnitt einer Show des Zau­be­rers Derek Del­Gau­dio, die 552 mal in einem klei­nen Thea­ter in New York City zur Auf­füh­rung gekom­men war. Del­Gau­dio zeigt dar­in Taschen­spie­ler­tricks, er erzählt Tei­le sei­ner Lebens­ge­schich­te und sorgt spä­ter für im viel­fa­chen Sin­ne magi­sche Momen­te. Es ist für Zau­be­rei in etwa das, was „Nanet­te“ von Han­nah Gadsby für Come­dy ist: eine völ­li­ge Dekon­struk­ti­on und ein Sprung auf die nächs­te Daseins­stu­fe (und das exak­te Gegen­teil von den Ehr­lich Brot­hers bzw. Mario Barth). Ich kann es lei­der auch nicht erklä­ren, aber dar­um geht es ja: Im Sin­ne von Eli­sa­beth Küb­ler-Ross bin ich recht schnell von deni­al zu accep­tance gesprun­gen und habe gar nicht mehr ver­sucht, zu ver­ste­hen, wie die Tricks funk­tio­nie­ren könn­ten. Ich war Fox Muld­er: I want to belie­ve. Selbst wenn Euch Zau­be­rei gar nicht inter­es­siert, soll­tet Ihr Euch „In & Of Its­elf“ anschau­en! (Nicht zuletzt, weil es eine wahn­sin­nig span­nen­de Erfah­rung ist, von einer title card auf­ge­for­dert zu wer­den, sein Han­dy weg­zu­le­gen und alle Ablen­kung zu unter­las­sen.)


Die­ser Text erschien zuerst in mei­nem News­let­ter, für den man sich hier anmel­den kann.

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Musik Leben

In memoriam Tina Turner

Wie stark einen die Nach­richt vom Tod einer berühm­ten Per­son trifft, hängt von meh­re­ren Fak­to­ren ab: Zuerst ein­mal natür­lich von der Bedeu­tung die­ser Per­son und ihres Schaf­fens für das eige­ne Leben; dann von ihrem Alter und der … nun ja: Erwart­bar­keit des Todes, aber auch vom Zeit­punkt und dem Weg, wie man von ihrem Able­ben erfährt. Ich war ges­tern in einer recht auf­ge­räum­ten Fei­er­abend-und-nichts-Kon­kre­tes-vor-Stim­mung, als mir ein Freund und Kol­le­ge einen Screen­shot schick­te, dass Tina Tur­ner gestor­ben sei. Ent­spre­chend hat­te ich Zeit und Muße, sofort sehr aus­gie­big ihre Musik zu hören und mich in den im Minu­ten­takt auf Social Media vor­ge­brach­ten Hul­di­gun­gen zu ver­lie­ren.

Es gab eine Zeit, da gehör­te die Musik von Tina Tur­ner zu mei­nem Eltern­haus wie die Möbel des Pro­fil­sys­tems von Flöt­ot­to, das Bang-&-Olufsen-Festnetztelefon Beocom 2000 und das son­nen­gel­be Stein­gut­ge­schirr der Mar­ke Tho­mas. Ihre Hits der 1980er und frü­hen 1990er Jah­re waren wich­ti­ger Bestand­teil jener Mix­tapes, die mein Vater für soge­nann­te Feten zusam­men­ge­stellt hat­te und die dann, immer einen Tacken zu laut für durch­schnitt­li­che Gesprä­che, zunächst das gesell­schaft­li­che Bei­sam­men­sein und Essen unter­mal­ten, ehe es zum Äußers­ten kam und erwach­se­ne Men­schen in einer Art unge­len­kem Halft­i­me-Pogo über die im Wohn­zim­mer geschaf­fe­nen Frei­flä­chen tanz­ten. (Wei­te­re unab­ding­ba­re Songs für die­se Anläs­se: die Miles-Davis-Inter­pre­ta­ti­on von Micha­el Jack­sons „Human Natu­re“; „Ella, elle l’a“, die­ser Spät-Hit einer ande­ren Groß­künst­le­rin im drit­ten Akt: France Gall; irgend­was von Her­bert Grö­ne­mey­er, Patri­cia Kaas und Phil Coll­ins und – zu spä­ter Stun­de – das eben­so unver­meid­li­che wie unori­gi­nel­le „Smo­ke On The Water“ von Deep Pur­ple, zu dem dann auch schon mal auf Küchen­be­sen Nicht-mehr-nur-Luft-Gitar­re gespielt wur­de. Viel­leicht baue ich irgend­wann mal eine Spo­ti­fy-Play­list aus die­sen Par­ty-Hits – oder ich gehe noch mal in The­ra­pie.)

Songs wie „The Best“, „I Don’t Wan­na Lose You“, „What’s Love Got To Do With It“, „Why Must We Wait Until Tonight“, „Pri­va­te Dancer“ oder „Steamy Win­dows“ waren mir so selbst­ver­ständ­lich, dass sie natür­lich auch auf mei­nen ers­ten eige­nen Mix­tapes lan­de­ten, die – in Erman­ge­lung eige­ner CDs – natür­lich auch nur die Musik­samm­lung mei­ner Eltern wie­der­ga­ben. Ich habe ges­tern Abend beim Wie­der­hö­ren (teil­wei­se nach meh­re­ren Jahr­zehn­ten Pau­se) nur halb über­rascht fest­ge­stellt, wie sexu­ell vie­le die­ser Songs waren, was ich als Zehn­jäh­ri­ger natür­lich nicht begriff – aber ich bin mir sicher, dass z.B. „Steamy Win­dows“ („Coming from the body heat“) schon damals eine selt­sa­me Ver­hei­ßung mit sich brach­te, die eher nicht aus der Musik eines Phil Coll­ins sprach.

Wir ten­die­ren ja dazu, pop­kul­tu­rel­le Phä­no­me­ne – wie alles, mit dem wir auf­wach­sen – als buch­stäb­lich natür­lich zu betrach­ten. Inso­fern war Tina Tur­ner zur Wen­de-Zeit selbst­ver­ständ­lich einer der größ­ten leben­den Pop­stars und ich wuss­te nichts über ihr Davor, die erst pro­duk­ti­ve, dann kata­stro­pha­le Ehe mit Ike und ihr Come­back in den 1980er Jah­ren. Die­ses Wis­sen um ihren bio­gra­phi­schen Hin­ter­grund lässt ihr Schaf­fen im Nach­hin­ein natür­lich noch ein­mal um so grö­ßer erschei­nen, lässt jeden ein­zel­nen, auch nur halb-selbst­be­wuss­ten Song zum State­ment wer­den und sie als Künst­le­rin umso mehr zur Iko­ne. Dass sie bei Ver­öf­fent­li­chung von „The Best“ (ich ler­ne gera­de, dass die ursprüng­li­che Ver­si­on die­ses Songs von Bon­nie Tyler stammt) fast 50 Jah­re alt war – ein für dama­li­ge Ver­hält­nis­se unge­heu­er­li­ches Alter für einen weib­li­chen Pop­star – erscheint mir auch vor allem in der Rück­schau bemer­kens­wert – als Kind ist „Alter“ eine abso­lut unein­seh­ba­re Kate­go­rie und es gibt nur „alt wie Mama und Papa“, „alt wie Omi und Opi“ und „die älte­ren Geschwis­ter von Freund*innen“, was auch wirk­lich alles umfas­sen kann. Aber ich war glei­cher­ma­ßen ver­wirrt und stolz, als ich vor drei Jah­ren mit mei­nem Sohn bei uns im Wohn­zim­mer eine Wand far­big anstrei­chen woll­te, zu die­sem Zweck für mei­ne Ver­hält­nis­se unge­wöhn­lich volks­tü­melnd das For­mat­ra­dio auf­dreh­te und dort dann eine vom nor­we­gi­schen DJ Kygo nur mäßig über­ar­bei­te­te Ver­si­on von „What’s Love Got To Do With It“ lief, von der mein Sohn mir als­bald zu Ver­ste­hen gab, dass sie ihm geläu­fig sei. „Tina Tur­ner müss­te doch inzwi­schen wirk­lich alt sein“, dach­te ich und ließ grü­ne Wand­far­be auf den Fuß­bo­den trop­fen.

Tina Tur­ner war auch das per­fek­te Gegen­ar­gu­ment für die ja immer noch in Tei­len der Hob­by-Kul­tur­kri­tik vor­herr­schen­de Schwach­sinns-Posi­ti­on, „ech­te“ Musiker*innen müss­ten ihre Songs selbst schrei­ben. Mehr noch: Sie brauch­te für ihre Hits nicht mal die bes­ten Song­wri­ter ihrer Gene­ra­ti­on, son­dern vor­sich­tig gesagt irgend­wel­che. Ich per­sön­lich hal­te die Dire Straits für eine der egals­ten Pop-Kapel­len aller Zei­ten, deren Prä­senz in der Rota­ti­ons­lis­te jeden Sen­der Lügen straft, der behaup­tet, „das Bes­te“ der 1980er Jah­re im Reper­toire zu haben, aber „Pri­va­te Dancer“ ist – selbst in sei­ner 7:11-Minuten-Albumversion – ein so atmo­sphä­risch dich­ter, phan­tas­ti­scher Song, dass Mark Knopf­ler für des­sen Lauf­zeit wie ein genia­ler Song­wri­ter wirkt. Bono und The Edge schrie­ben mit „Gol­de­nEye“ das, was Tina Tur­ner dann zum frag­los bes­ten James-Bond-Song aller Zei­ten mach­te, und waren danach offen­bar so aus­ge­laugt, dass ihnen mit ihrer Band U2 nach 1995 nicht mehr viel von Bedeu­tung gelang. Wie­viel sie aus Songs raus­ge­holt hat, die bei ande­ren Men­schen jetzt nicht so zün­den wür­den – und das in den musi­ka­lisch oft frag­wür­di­gen 1980er Jah­ren: Da zeigt sich die gan­ze Stär­ke einer Aus­nah­me-Künst­le­rin.

Ent­spre­chend kamen kurz nach der Todes­nach­richt die Wür­di­gun­gen auch aus allen Ecken des kul­tu­rel­len Spek­trums: Mick Jag­ger, Shir­ley Bas­sey, Anton Cor­bi­jn, Debbie Har­ry von Blon­die und die Pet Shops Boys zogen eben­so den Hut wie Ange­la Bas­sett, die Tina Tur­ner 1993 im Film „What’s Love Got To Do With It“ ver­kör­pert hat­te – zu einer Zeit, als noch nicht jede zwei­te Lebens­ge­schich­te in einem Bio­pic ver­wurs­tet wur­de. Auf Twit­ter mach­te ein Video die Run­de, zu des­sen Beginn Tina Tur­ner erst einer schwar­zen Limou­si­ne ent­stieg, um dann auf beein­dru­cken­den Absät­zen 1:1 den Ein­marsch eines US-Prä­si­den­ten bei der Sta­te of the Uni­on Address zu exer­zie­ren (inkl. „Ladies and gen­tle­men: Miss Tina Tur­ner!“ aus dem Off), was alles in einer 120.000-Volt-Liveversion von „The Best“ kul­mi­niert. Pop­kul­tur: So und nicht anders! Tina Tur­ner ist ges­tern im Alter von 83 Jah­ren in ihrer neu­en Hei­mat, der Schweiz, gestor­ben.

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Musik

Neue Musik von Blur, boygenius, Joker Out feat. Elvis Costello & Bully

Lukas ist vom Euro­vi­si­on Song Con­test zurück und von der anschlie­ßen­den Virus-Infek­ti­on gene­sen! Nach einer klei­nen ESC-Rück­schau geht es wei­ter mit neu­er Musik von Blur, Songs von den Alben von Amil­li, boy­ge­ni­us und Madi­son McFer­rin und gran­dio­sem 90’s‑Retro von Bul­ly.

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Alle Songs:

  • Kää­ri­jä – Cha Cha Cha
  • Joker Out feat. Elvis Cos­tel­lo – New Wave
  • Blur – The Nar­cis­sist
  • Amil­li – Sweet Life
  • boy­ge­ni­us – Emi­ly I’m Sor­ry
  • Danko Jones – Guess Who’s Back
  • Madi­son McFer­rin – (Plea­se Don’t) Lea­ve Me Now
  • Bul­ly – Days Move Slow

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Literatur

Sex, Lügen und Video

In den letz­ten Tagen habe ich mei­ne hal­be peer group zuge­bal­lert mit der Fra­ge, ob sie ES denn schon gele­sen hät­ten — um dann jeweils nach­zu­schie­ben, dass mit „ES“ nicht der so beti­tel­te Roman von Ste­phen King gemeint sei, son­dern das mit vie­len über­ra­schen­den Groß­schrei­bun­gen durch­zo­ge­ne neue Buch von Ben­ja­min von Stuck­rad-Bar­re (wobei es eigent­lich in bei­den um extrem gru­se­li­ge Clowns geht).

„Noch wach?“ ist die Geschich­te drei­er Män­ner – ein Ich-Erzäh­ler; ein mäch­ti­ger Medi­en­ma­na­ger, der immer nur als „mein Freund“ vor­ge­stellt wird; ein Chef­re­dak­teur in des­sen Kon­zern, der jede Men­ge Affä­ren mit ihm unter­ge­ord­ne­ten jun­gen Frau­en unter­hält -, und eini­gen die­ser Frau­en, die als ein­zi­ge Cha­rak­te­re Namen haben. Mehr oder weni­ger zufäl­lig gerät der Erzäh­ler in die­sen Sumpf aus Macht­miss­brauch, Män­ner­kum­pe­lei und poli­ti­scher Radi­ka­li­sie­rung. Eine #MeToo-Geschich­te, die trau­ri­ger­wei­se über­all spie­len könn­te, im Text aber in einem Ber­li­ner Kra­wall-Fern­seh­sen­der, wes­we­gen sich jetzt alle fra­gen, ob damit nicht eigent­lich ein sehr kon­kre­tes Ver­lags­haus gemeint sein müss­te.

Benjamin von Stuckrad-Barre: „Noch wach?“

Es ist schon amü­sant, wenn auch auf Dau­er depri­mie­rend, zu sehen, wie das ver­sam­mel­te Feuil­le­ton-Per­so­nal das Lite­ra­tur­grund­stu­di­um in den Wind schießt und wie von Sin­nen Autor und Erzäh­ler, Fik­ti­on und Rea­li­tät (oder doch Wirk­lich­keit?) durch­ein­an­der­wirft und die gan­ze Zeit (und schon vor Ver­öf­fent­li­chung) einen „Schlüs­sel­ro­man“ her­bei­sehnt. Da möch­te man irgend­wann nur noch rufen: Kin­der, Schlüs­sel sind hier echt nicht das Pro­blem, son­dern Tas­sen und Lat­ten. Im Schrank und … naja, las­sen wir das.

Der unbe­ding­te Wil­le zur Dechif­frie­rung ist sen­sa­ti­ons­lüs­tern und unge­recht gegen­über dem Autoren, denn das Buch ist eben vor allem wahn­sin­nig gut geschrie­ben. Stuck­rad-Bar­re kann, das beweist er jetzt auch schon seit über 25 Jah­ren, in Situa­tio­nen das Wesent­li­che erfas­sen (was ja sel­ten das ist, wor­über alle reden wür­den) und beschrei­ben.

Damit macht „Noch wach?“ die gan­ze Drum­her­um-Bericht­erstat­tung abso­lut über­flüs­sig. Es ist, gera­de weil es sich immer wie­der lus­tig macht über abso­lu­te Urtei­le und defi­ni­ti­ve Ein­schät­zun­gen, ein bei­na­he kom­plet­tes Abbild der mitt­le­ren 10er bis frü­hen 20er Jah­re. Ein etwas zu früh erschie­ne­nes Kom­pen­di­um für nach­ge­bo­re­ne Gene­ra­tio­nen, in dem die spä­ter noch mal nach­gu­cken kön­nen, was für einen Quatsch es damals (also: heu­te, wenn auch nicht mehr zwin­gend nächs­tes Jahr) so gab: Twit­ter, Fox News, Elek­tro­rol­ler, Wire­card und die FDP.

Der leib­haf­ti­ge Elon Musk hat einen Cameo-Auf­tritt und wird dabei von Stuck­rad-Bar­re der­art gut beschrie­ben, dass irgend­wel­che Bio­gra­phien her­nach über­flüs­sig sind (was sie natür­lich eh sind, denn Elon Musk ist – wie die aller­meis­ten Män­ner in die­sem Buch – ein abso­lu­ter Loser, des­sen rela­ti­ve Wich­tig­keit sich objek­tiv nicht erklä­ren lässt, was die­se gan­zen Män­ner und ihre jewei­li­gen Erfol­ge um so erschüt­tern­der macht). Sprach­lich legt der Autor eine bru­ta­le Prä­zi­si­on an den Tag; lau­ter fina­le Ret­tungs­schüs­se mit der abge­säg­ten Schrot­flin­te. Die Sili­con-Val­ley-Hörig­keit altern­der deut­scher Mana­ger wird genau­so abge­hakt wie die mit ihr ein­her­ge­hen­den „new work“-Immobilien — und wenn man tat­säch­lich jemals zu Archi­tek­tur tan­zen konn­te, dann in der Form, wie Stuck­rad-Bar­re die­se absur­den „The Circle“-Konzernzentralen beschreibt. Ihre „Phi­lo­so­phie“: Arbeit soll sich anfüh­len wie Frei­zeit — aber eben auch umge­kehrt. Und das passt dann natür­lich wie­der sehr gut zur Ver­knüp­fung von Dienst­li­chem und Pri­va­tem auf ganz ande­rer Ebe­ne.

Eigent­lich erzählt der Roman auch min­des­tens zwei Geschich­ten: Die von die­sem gan­zen Macht­miss­brauch-Elend und die eines Vater­lo­sen, der viel zu lan­ge an sei­nem väter­li­chen Freund fest­hält, wäh­rend die­ser viel zu lan­ge an sei­nem lei­ten­den Ange­stell­ten fest­hält. Die eine über­la­gert die ande­re zurecht, weil sie die grö­ße­ren Unge­heu­er­lich­kei­ten ent­hält, aber irgend­wann lohnt es sich viel­leicht auch noch mal genau­er hin­zu­schau­en, wie vie­le jun­ge Män­ner, deren Väter frü­her zu viel gear­bei­tet haben, im Lau­fe der Jahr­zehn­te ihre Kar­rie­ren in allen mög­li­chen Bran­chen älte­ren Män­nern ver­dan­ken, die zwar zu wenig zuhau­se waren, aber wenigs­tens bei der Arbeit als „Men­tor“ jeman­den „unter ihre Fit­ti­che neh­men“ kön­nen.

Und natür­lich steht irgend­wann breit­bei­nig die Fra­ge im Raum, ob die Geschich­te von Frau­en, die sich durch ein Minen­feld von juris­ti­schen Dro­hun­gen, beruf­li­cher Exis­tenz­angst und Retrau­ma­ti­sie­rung bewe­gen, denn jetzt unbe­dingt von einem wei­te­ren Mann erzählt wer­den muss — aber auch damit setzt sich der Erzäh­ler (aber in Inter­views auch sein Autor) immer wie­der aus­ein­an­der. Der Erzäh­ler sagt, dass er sich die­se Rol­le nicht aus­ge­sucht habe, aber wenn einer der bekann­tes­ten Autoren des Lan­des auf die ganz gro­ße Pau­ke haut, schlägt das eben höhe­re Wel­len, als wenn jemand anders ein ande­res Buch zum glei­chen The­ma geschrie­ben hät­te. Das kann man unbe­dingt schlecht fin­den oder unge­recht, aber es ist – Stand jetzt – der Zustand unse­rer Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie.

Dabei ist es beson­ders inter­es­sant, wie fast alle Medi­en über­se­hen, dass sie und ihre Spe­ku­la­ti­ons-Bericht­erstat­tung ja selbst schon im Roman vor­kom­men. Schwarz auf weiß, auf Sei­te 349:

Kurz­um, ein unwi­der­steh­li­ches Gos­sen­ge­schwätz­su­jet, und das berei­te­te vie­len die aller­größ­te Freu­de. Die Zuta­ten waren ja auch unschlag­bar: Sex, Schön­heit, lan­ge Näch­te — erst dadurch wur­de das gan­ze eine STORY, eine Sto­ry, die jeden inter­es­sier­te. Schwie­me­lig, dop­pel­deu­tig­keits­s­att und gei­fer­trie­fend geriet das Gere­de und Geschrei­be dar­über, und das nahm lei­der der eigent­li­chen Geschich­te ihre Wucht.

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Musik

Podcast: Episode 6

Am 25. März ist der ers­te Todes­tag von Tay­lor Haw­kins, dem Schlag­zeu­ger der Foo Figh­ters. Ich bin kein Exper­te oder Bio­graph für Tay­lor Haw­kins, aber ich moch­te ihn immer und ich mag Schlag­zeug spie­len und des­halb schaue ich heu­te in einer sehr per­sön­li­chen und etwas emo­tio­na­len Fol­ge zurück auf das Leben die­ses begna­de­ten Rock­stars:

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Alle Songs:

  • Foo Figh­ters – Sta­cked Actors
  • Ala­nis Moris­set­te – You Ough­ta Know (Live)
  • Foo Figh­ters – Next Year
  • Foo Figh­ters – Cold Day In The Sun
  • Den­nis Wil­son – Holy Man (Tay­lor Haw­kins Ver­si­on)
  • Tay­lor Haw­kins & The Coat­tail Riders – Not Bad Luck
  • King Prin­cess – Let Us Die
  • Foo Figh­ters – My Hero (Live Acou­stic)

Show­no­tes:

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Film Digital

Don’t mention the war

1940 sag­te Gene­ral­feld­mar­schall Wil­helm Kei­tel über den deut­schen Dik­ta­tor Adolf Hit­ler, des­sen Armee gera­de Frank­reich und die BeNe­Lux-Staa­ten über­rannt hat­te, die­ser sei der „größ­te Feld­herr aller Zei­ten“. Nach der ver­hee­ren­den Nie­der­la­ge in der Schlacht um Sta­lin­grad mach­te die­se For­mu­lie­rung in der deut­schen Bevöl­ke­rung mit eher sar­kas­ti­scher Kon­no­ta­ti­on die Run­de und Hit­ler wur­de in Anleh­nung an den Abkür­zungs­wahn, der Deut­sche seit Jahr­hun­der­ten umtreibt, zum „GröFaZ“ erklärt.

Man darf davon aus­ge­hen, dass die For­mu­lie­rung – anders als das „Tau­send­jäh­ri­ge Reich“ – die Jahr­zehn­te über­dau­ert hat, denn im Novem­ber 2007 sag­te der dama­li­ge Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Wolf­gang Schäub­le auf dem Höhe­punkt der öffent­li­chen Dis­kus­si­on um die sog. Vor­rats­da­ten­spei­che­rung laut „taz“:

„Wir hat­ten den ‚größ­ten Feld­herrn aller Zei­ten‘, den GröFaZ, und jetzt kommt die größ­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de aller Zei­ten“

Schäub­le schaff­te es damit in mei­ne Lis­te der Nazi-Ver­glei­che, die es damals zu einer gewis­sen Popu­la­ri­tät in der deut­schen Blogo­sphä­re brach­te, spä­ter mit Ergän­zun­gen in Dani­el Erks Buch „So viel Hit­ler war sel­ten“ für die Nach­welt fest­ge­hal­ten wur­de und inzwi­schen auch schon 15 Jah­re alt ist.

Man könn­te also schluss­fol­gern, dass die For­mu­lie­rung „größ­ter Irgend­was aller Zei­ten“ in Deutsch­land mit einer gewis­sen Vor­sicht ver­wen­det wer­den soll­te. Beson­ders, wenn es um Deutsch­land geht. Oder Krieg.

Und damit kom­men wir zur gest­ri­gen Bericht­erstat­tung von Bild.de über die Oscar-Ver­lei­hung und den deut­schen Anti­kriegs­film „Im Wes­ten nichts Neu­es“:

Holen wir heute unseren größten Oscar aller Zeiten?

Das ist kom­po­si­to­risch schon nah an der Per­fek­ti­on (wenn man unter „Per­fek­ti­on“ auch Din­ge ver­steht wie eine über­lau­fen­de Toi­let­te, die die gan­ze Woh­nung in Mit­lei­den­schaft zieht): der Sol­dat mit Stahl­helm; das fröh­lich dumm­stol­ze Stammtisch-„Wir“, das „Bild“ immer her­vor­holt, wenn gera­de Fuß­ball-WM ist oder ein Papst gewählt wird; die For­mu­lie­rung an sich – und natür­lich das Gold drum­her­um.

Im Arti­kel fasst der Bild.de-Autor sei­ne Ein­drü­cke vom Film so zusam­men:

Die Regie geni­al. Die Kame­ra anbe­tungs­wür­dig. Das Sze­nen­bild: Ein­fach nur krass.

„Okay“, hät­te ich gesagt. „Das pas­siert, wenn man Berufs­ein­stei­ger um die 25 Tex­te schrei­ben lässt: Die Spra­che ist etwas umgangs­sprach­li­cher und sie ver­wen­den aus Ver­se­hen For­mu­lie­run­gen, für die ihnen im ent­schei­den­den Moment die Gold­waa­gen-App auf dem Smart­phone fehlt.“

Stellt sich raus: Der Text ist von Bild.de-Redakteur Ralf Pör­ner. Und der müss­te inzwi­schen 60 sein.

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Musik

Goodbye Trouble

Ges­tern war ich auf einer Trau­er­fei­er. Und auf einem Klas­sen­tref­fen. Und auf dem ers­ten (indoor) Kon­zert seit drei Jah­ren. Pale hat­ten zum One-Night-Only-Kon­zert ins Köl­ner Glo­ria gebe­ten und die Indie-Crowd, die vor 20 Jah­ren auf Visi­ons-Par­tys Smirn­off Ice getrun­ken hat­te, war geschlos­sen ange­tre­ten — mit Müt­zen über dem lich­ter wer­den­den Haar, ohne Trai­nings­ja­cken mit Städ­te­na­men drauf und mit nur einem Bier in der Hand, denn man muss ja noch fah­ren und die Kin­der wer­den so früh wach.

Die ers­te Wel­le der Eksta­se schwappt schon hoch, als das Licht für die Vor­band aus­geht. Pale hat­ten vage „Gäs­te“ und „Freun­de“ ange­kün­digt und so geht es als kol­lek­ti­ve Selbst­be­stä­ti­gung durch, als wir sehen, dass es wirk­lich Thees Uhl­mann ist, der da auf die Büh­ne schlurft. Doch – behold! – er ist nicht allei­ne, mit ihm kommt Mar­cus Wie­busch raus. Das macht Sinn, sind doch das letz­te Pale-Album 2006 und das jetzt aber wirk­lich aller­letz­te Pale-Album 2022 beim Grand Hotel van Cleef erschie­nen, dem Label, das die bei­den 2002 gegrün­det hat­ten und des­sent­we­gen wir uns alle ken­nen und gute Musik hören. „Gebt dem Nach­wuchs eine Chan­ce“, scherzt Thees, dann spie­len die bei­den sechs Songs aus dem gro­ßen kett­car/­Tom­te/­Thees-Uhl­mann-Werk. Wir hät­ten auch 20 genom­men, aber sie sind ja nur als Warm-Up hier und brin­gen das Glo­ria erfolg­reich auf Betriebs­tem­pe­ra­tur. Lei­der auch buch­stäb­lich.

Vor dem Pale-Konzert (Foto: Lukas Heinser)

Dann leuch­tet der Pale-Schrift­zug über der Büh­ne auf und die Band (oder das, was von ihr übrig ist) betritt unter einem der dicks­ten Auf­tritts­ap­plau­se, die ich je erlebt habe, das Schein­wer­fer­licht. Nach dem ers­ten Song sagt Sänger/​Gitarrist Hol­ger Kochs, er habe sich in den letz­ten Tagen eine lan­ge Ansa­ge aus­ge­dacht und wie­der ver­wor­fen, denn wir wüss­ten ja eh alle, war­um wir da sind: „Für Chris­ti­an!“

Chris­ti­an Dang-anh war der Gitar­rist von Pale, „der ein­zi­ge rich­ti­ge Musi­ker inner­halb der Band“, wie die ande­ren selbst sagen. 2019, zehn Jah­re nach der Auf­lö­sung der Band, wur­de bei ihm ein Gehirn­tu­mor dia­gnos­ti­ziert, was die Mit­glie­der auf die Idee brach­te, wie­der gemein­sam Musik zu machen. Schlag­zeu­ger und Hol­gers Bru­der Ste­phan Kochs hat­te mit einer eige­nen schwe­ren Erkran­kung zu kämp­fen, dann kam die Pan­de­mie und im Früh­jahr 2021 ist Chris­ti­an lei­der gestor­ben.

Aus die­sen Ses­si­ons und Erfah­run­gen ist „The Night, The Dawn And What Remains“ ent­stan­den, das wirk­lich aller­letz­te Album, des­sen Songs heu­te Abend alle zur Auf­füh­rung kom­men — neben den gan­zen Hits, natür­lich, wobei mir irgend­wann auf­fällt, dass es fal­se memo­ry mei­ner­seits war, zu glau­ben, ich hät­te die Musik der Band „schon damals“ „immer viel“ gehört.

Zwi­schen den Songs sagt Hol­ger so vie­le klu­ge Sachen über das Leben und die Gegen­wart, die man genie­ßen und fei­ern sol­le, dass ich mir den­ke, dass ich mir die alle mer­ken wer­de. Jetzt könn­te ich natür­lich nichts mehr davon zitie­ren, aber das ist total egal, weil ich ja WEISS, dass er Recht hat.

Sie spie­len „Man Of 20 Lives“ für Ste­phan, der heu­te nur im Publi­kum ist. Zu „Big­ger Than Life“ wer­den im Hin­ter­grund alte Vide­os und Bil­der von Chris­ti­an pro­ji­ziert und ich den­ke mal wie­der, wie so oft, über Musik: „This is my church /​ This is whe­re I heal my hurts“. (Maxi Jazz von Faithl­ess ist übri­gens im Dezem­ber auch gestor­ben.) Hol­ger singt – „auch wenn’s pathe­tisch klingt“ – „Wake Up!“ für sei­ne Kin­der und ich ste­he da inmit­ten einer wild zusam­men­ge­wür­fel­ten Grup­pe alter Freun­de und Bekann­ter, jetzt sind wir alle Väter, und ich muss mich gar nicht umgu­cken, weil ich weiß, dass wir gera­de alle Trä­nen in den Augen haben. Das Publi­kum weiß auch, wann Hol­ger Unter­stüt­zung gebrau­chen kann, und umarmt ihn mit lan­gem, fre­ne­ti­schen Applaus. Das Glo­ria ist heu­te ein ein­zi­ger gro­ßer Lie­bes­kreis. (Roc­co Clein ist jetzt auch schon 19 Jah­re tot.)

Beim Pale-Konzert (Foto: Lukas Heinser)

„Still You Feel“, eine Hym­ne auf die Musik, die einem Zuhau­se ist, nach­dem man die furcht­ba­re Hei­mat­stadt ver­las­sen hat, ist auf dem Album ein Duett mit Simon den Har­tog von den Kili­ans. (Auf dem Pop­kul­tur-Altar auf dem Album­co­ver steht ein Mix­tape namens „Home­town Mix“, des­sen B‑Seite mit „Dins­la­ken 2002“ beschrif­tet ist — Simons und mei­ner alten Hei­mat­stadt und mei­nem Abi-Jahr. Ich bin mir auch nach Mona­ten noch nicht sicher, was das mit mir macht.) Und natür­lich kommt Simon, den Hol­ger als sei­ne Lieb­lings­stim­me in Deutsch­land bezeich­net, auch auf die Büh­ne im Glo­ria. Und er bleibt noch für einen zwei­ten Song: „Fight The Start“ von den Kili­ans. Ich habe die­sen Song min­des­tens 30 Mal live gehört, im Publi­kum, beim Sound­check, neben der Büh­ne — zuletzt vor neun Jah­ren, ein paar Leben her, und ich bin sehr froh, dass mir die gan­ze emo­tio­na­le Bedeu­tung die­ses Moments nicht schon ges­tern Abend auf­ge­fal­len ist, son­dern erst jetzt. Durch­at­men.

„Some­day You Will Know“ („The last song of a band that alre­a­dy play­ed its final show“) wird auf dem Album von einem Saxo­fon-Solo von Ste­ve Nor­man von Span­dau Bal­let gekrönt — und es ist jetzt wirk­lich kei­ne gro­ße Über­ra­schung mehr, dass auch er heu­te Abend hier ist und mit­spielt. (Tat­säch­lich wäre es auch nur kon­se­quent gewe­sen, wenn zum abschlie­ßen­den The-Jam-Cover „Town Cal­led Mali­ce“ Paul Wel­ler zur Band hin­zu­ge­sto­ßen wäre. Oder Noel Gal­lag­her. Oder John Len­non, becau­se why the fuck not?) Etwas über­ra­schen­der ist schon, dass auch er für einen zwei­ten Song bleibt und wir so in den Genuss kom­men, „Gold“ von Span­dau Bal­let auch ein­mal live zu hören. You’­ve got the power to know you’­re indes­truc­ti­ble!

Er habe unter­schätzt, wie viel 27 Songs sind, meint Hol­ger lachend vor den letz­ten Zuga­ben, als er das Publi­kum bit­tet, ger­ne etwas lau­ter mit­zu­sin­gen. Drei Stun­den ste­hen sind auch schon ziem­lich anstren­gend, den­ke ich. Und drei Stun­den Rück­weg vom Club zum eige­nen Bett haben sich frü­her auch nicht so schlimm ange­fühlt. Aber wer hät­te gedacht, damals, als man anfing, Musik als etwas wahr­zu­neh­men, was mehr ist als das, was im Radio zwi­schen den Poli­tik-Bei­trä­gen läuft, dass sie einem mal so viel bedeu­ten und einen durch schwe­re Zei­ten (und groß­ar­ti­ge!) beglei­ten wür­de, dass sie mal zu Freund­schaf­ten füh­ren wür­de und zu Aben­den wie die­sem?

This is how it feels when not­hing can ever make you stop /​ This is how it feels when nothing’s wrong.

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Musik

Podcast: Episode 1

Vor zwei­ein­halb Jah­ren hat Spo­ti­fy ange­kün­digt, dass sie bald ein Fea­ture aus­rol­len wür­den, mit dem man eige­ne Musik-Pod­casts erstel­len kann. Man müss­te dafür nur Mode­ra­tio­nen auf­neh­men und mit Songs kom­bi­nie­ren, die bei Spo­ti­fy ver­füg­bar sind — fer­tig! Ich hat­te zu die­sem Zeit­punkt seit etwa 13 Jah­ren (so lang muss es damals unge­fähr her­ge­we­sen sein, dass ich zum ers­ten Mal „All Songs Con­side­red“ von NPR Music gehört hat­te) dar­auf gewar­tet, einen eige­nen Musik-Pod­cast star­ten zu kön­nen, der gleich­zei­tig legal und bezahl­bar ist (ers­te­res ermög­licht die GEMA seit eini­gen Jah­ren mit einem eige­nen Tarif, der zwei­te­res aus­schließt) und war ent­spre­chend sto­ked: Zwei Tage rann­te ich wie high durch mei­ne Woh­nung, war völ­lig begeis­tert und plan­te schon mal die ers­ten zwan­zig, drei­ßig Aus­ga­ben.

Dann pas­sier­te: nichts. Im letz­ten Som­mer habe ich noch mal kurz dar­an gedacht, aber ich befürch­te­te schon, dass das Fea­ture den Weg aller wirk­lich sinn­vol­len Web-Anwen­dun­gen (der Goog­le Rea­der, der Komm-Küs­sen-But­ton bei jetzt.de, die Cen­ten­ni­al-Bulb-Web­cam) gegan­gen und ver­schwun­den sei. Dann schrieb mir vor zwei Wochen eine Freun­din, es gebe jetzt bei Spo­ti­fy die Mög­lich­keit, Pod­casts mit Musik zu ver­öf­fent­li­chen, und das sei doch etwas, was gut zu mir pas­sen wür­de.

Nun, ladies and gen­tle­men und alle in-bet­ween: Hier ist „Cof­fee And TV“, der Pod­cast!

Hier kli­cken, um den Inhalt von Spo­ti­fy anzu­zei­gen.
Erfah­re mehr in der Daten­schutz­er­klä­rung von Spo­ti­fy.

In der ers­ten Fol­ge spie­le ich u.a. neue Songs von Amil­li, The Hold Ste­ady und Mar­ya­ka und obwohl ich ein biss­chen aus der Übung war, hat es wahn­sin­nig Spaß gemacht, nach ca. 16 Jah­ren mal wie­der eine Musik­sen­dung zu mode­rie­ren. Also mach ich das jetzt öfters. Lei­der kann man den Pod­cast aus den oben beschrie­ben Grün­den nur auf Spo­ti­fy hören und wenn man kein zah­len­der Pre­mi­um-Mem­ber ist, gibt es auch nur 30-sekün­di­ge Aus­schnit­te und nicht die gan­zen Songs zu hören, aber ich fin­de, es ist bedeu­tend bes­ser als nichts!

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Musik

Acts des Jahres 2022

Der ers­te Monat 2023 ist fast rum, schnell noch eben die Acts des Jah­res 2022 in eine ordent­li­che Lis­te packen:

10. Sudan Archi­ves
Schon der Name, unter dem Britt­ney Deni­se Parks Musik macht, macht neu­gie­rig: Sudan Archi­ves, das klingt erst­mal nach field recor­dings, nach Eth­no­lo­gie und world music. Ja, aber: Die Art, wie sie Ein­flüs­se aus afri­ka­ni­scher Musik, Elek­tro­nik und Hip-Hop mischt und zwi­schen­durch noch auf ihrer Gei­ge spielt, ist nur eine (wenn man so will: aka­de­mi­sche) Ebe­ne ihres Sounds. Vor allem flirrt, klopft und groovt ihre Musik; oft pas­siert vie­les gleich­zei­tig und doch bleibt noch viel Platz in den Arran­ge­ments, um zu atmen. „Natu­ral Brown Prom Queen“ (Stones Throw Records; Apple Music, Spo­ti­fy, Band­camp) heißt ihr zwei­tes Album und der Titel kommt schon ange­mes­sen breit­schult­rig daher: Wer women of color im Jahr 2022 noch an den Rand drän­gen woll­te, ist bei Sudan Archi­ves an der fal­schen Adres­se (natür­lich auch gene­rell; diver­si­ty exists, get used to it). „I’m not avera­ge“ wie­der­holt sie im Qua­si-Titel­track „NBPQ (Top­less)“ und beschreibt dar­in, wie es ist, aus­ge­grenzt und kri­tisch beäugt zu wer­den und die­ses Anders-Sein zu einer Art Mar­ken­zei­chen umzu­wid­men. „Natu­ral Brown Prom Queen“ ist also ein Album, das sowohl bei sorg­fäl­ti­ger Beschäf­ti­gung auf der inhalt­li­chen Ebe­ne funk­tio­niert, als auch ein­fach gut als Sound­track des eige­nen Lebens funk­tio­niert – und das ist ja immer super, wenn sowas mög­lich ist!

9. Janou
Ich fin­de es ja immer stark, wenn Men­schen ihr Ding durch­zie­hen: Ich ken­ne Jana von Janou jetzt schon mehr als zehn Jah­re und habe erlebt, wie sie rumo­ren­de Bochu­mer Knei­pen zum Schwei­gen brach­te, indem sie ihre Stim­me zur Akus­tik­gi­tar­re erhob. Seit eini­gen Jah­ren ist Janou ein Duo mit star­ken elek­tro­ni­schen Ein­flüs­sen und die­se gan­zen Sounds las­sen ihre aus­drucks­star­ke Stim­me noch mehr strah­len. Nach eini­gen Sin­gles erschien 2022 mit „Flu­id Ground“ (Skip A Beat; Apple Music, Spo­ti­fy) die ers­te EP, die Bock auf mehr macht: Wenn im ope­ning cut „Down“ kurz eine Erin­ne­rung an „She Dri­ves Me Cra­zy“ von den Fine Young Can­ni­bals durch­schim­mert, wenn „Lonely Boy“ von den Black Keys mit Geneh­mi­gung der Band zu „Lonely Boy (Girl)“ umge­wid­met wird, „Soli­tu­de“ ein Licht in der Dun­kel­heit anzün­det oder „Rose­ma­ry“, mein per­sön­li­cher Som­mer­hit 2022 (s.a. die Songs des Jah­res), Bochum nach LA oder Miami ver­legt. Wo sind die Radio­sen­der, die sowas auf Rota­ti­on neh­men?!

8. Maro
Ich habe es im letz­ten Jahr in jedem Inter­view gesagt und ich wie­der­ho­le es ger­ne: Der Euro­vi­si­on Song Con­test hat nur noch wenig mit dem frea­ki­gen musi­ka­li­schen Par­al­lel­uni­ver­sum zu tun, als das er über Jahr­zehn­te galt. Er ist nicht mehr nur die jähr­li­che Leis­tungs­schau der Büh­nen­tech­nik-Indus­trie, son­dern auch ein … nun ja: ernst­zu­neh­men­des Musik­fes­ti­val, bei dem man Acts ent­de­cken kann, die einem die hei­mi­sche Musik­pres­se und der Spo­ti­fy-Algo­rith­mus jetzt eher nicht vor­ge­stellt hät­te. So auch Maria­na Sec­ca aus Por­tu­gal, die als Maro (gespro­chen: Maru) groß­ar­ti­ge Musik macht: Ihr ESC-Bei­trag „Sau­da­de, Sau­da­de“ (s.a. die Songs des Jah­res) ist auf ihrem letzt­jäh­ri­gen Album „Can You See Me?“ (Sec­ca Records; Apple Music, Spo­ti­fy) gar nicht ver­tre­ten, dafür Songs wie das hyp­no­ti­sche „Am I Not Enough For Now?“, das schläf­ri­ge „We’­ve Been Loving In Silence“ oder „Like We’­re Wired“, das klingt wie ein Son­nen­auf­gang. Inhalt­lich bil­det das Album die Gefühls­welt einer Frau Mit­te Zwan­zig ab, mit all den gro­ßen Erwar­tun­gen und Ent­täu­schun­gen, die auch Liz Phair, Fio­na Apple oder Tori Amos vor 30 Jah­ren schon besun­gen haben; musi­ka­lisch steht vor allem Maros Stim­me im Vor­der­grund, aber dahin­ter span­nen die Gitar­ren, Kla­vie­re und Drum­com­pu­ter einen wei­ten Raum auf. Und wenn man denkt, das klingt jetzt schon alles sehr ähn­lich, kommt mit­ten­drin das por­tu­gie­sisch-spra­chi­ge Duett „Juro Que Vi Flo­res“. Das nächs­te Album hat Maro für die­ses Jahr schon ange­kün­digt.

7. Phi­li­ne Son­ny
Irgend­wie hat man es ja bei all dem neu­en Elend schon fast ver­ges­sen, aber in den Jah­ren 2020 und 2021 (und ein Stück weit auch noch 2022) gab es in Euro­pa eine Pan­de­mie, die das öffent­li­che Leben weit­ge­hend zum Erlie­gen gebracht hat­te. Als nach zwei Jah­ren Zwangs­pau­se im letz­ten Som­mer die Musik­fes­ti­vals zurück­kehr­ten, habe ich mich zum ers­ten Mal rich­tig aufs Bochum Total gefreut: end­lich wie­der Live­mu­sik, fuß­läu­fig vor der eige­nen Haus­tür, por­ti­ons­ge­recht fürs eige­ne Kind und ein guter Anlass, um end­lich mal wie­der die eige­nen Freund*innen zu tref­fen. Genia­ler­wei­se hat­te auch noch ein fel­low nerd eine Spo­ti­fy-Play­list gebaut, mit der man sich im Vor­feld auf das Fes­ti­val vor­be­rei­ten konn­te, weil einem die meis­ten Namen ja doch noch nichts sagen. Als ich zu den Songs von Phi­li­ne Son­ny kam, war ich als Ers­tes über­rascht, dass ein Act, der so nach Welt­for­mat klingt, tat­säch­lich beim Bochum Total spielt. Dann stell­te ich fest, dass Phi­li­ne Son­ny aus Unna stammt, was jetzt – selbst von Bochum aus betrach­tet – eher das Gegen­teil der gro­ßen, wei­ten Welt ist. So klingt das also, wenn man mit The War On Drugs, Ryan Adams, Bright Eyes und Lucy Dacus auf­ge­wach­sen ist und die­se Musik ganz doll fühlt (oder zumin­dest klingt es so, als wäre Phi­li­ne Son­ny mit die­ser Musik auf­ge­wach­sen). Die ers­te EP „Lose Yours­elf“ (Might­kil­lya; Apple Music, Spo­ti­fy) haut den Pflock auf alle Fäl­le schon mal sehr fest in den Boden und jetzt, wo Phi­li­ne Son­ny in Bochum wohnt und zum legen­dä­ren show­ca­se fes­ti­val South By Sou­thwest ein­ge­la­den wur­de, wür­de ich sagen: sky’s the limit.

6. Anaïs Mit­chell
Manch­mal fra­ge ich mich schon, wie bestimm­te Acts so lan­ge an mir vor­bei­ge­hen konn­ten. Dann füh­le ich mich kurz schlecht und neh­me ich mir vor, noch mehr Musik zu hören, aber dann den­ke ich auch wie­der: „Das hier ist kein Wett­be­werb und Musik fin­det einen eh immer im rich­ti­gen Moment!“ 2022 war also der rich­ti­ge Moment, um Anaïs Mit­chell nach 18 Jah­ren und eini­gem „Ich hab davon gehört/​gelesen“ in mein Leben zu las­sen – recht­zei­tig zum ach­ten, selbst­be­ti­tel­ten Album (BMG; Apple Music, Spo­ti­fy). Ich hab das bei Musik, die irgend­wie mit Folk zu tun hat, immer, dass ich mir beim Hören wei­te Land­schaf­ten vor­stel­le (was ja auch Sinn die­ses Gen­res ist), aber bei die­sem Album ist es beson­ders stark: es klingt wie ein road trip durch Gegen­den, die man am Bes­ten schnell hin­ter sich lässt, auf der Suche nach dem gro­ßen Glück und dem Ort, wo man sei­ne Plä­ne ver­wirk­li­chen kann. Es erin­nert mich aber auch an Hem, k.d. lang und Bon Iver und es gibt nicht viel bes­se­res, was ich über Musik sagen kann.

5. Lou Tur­ner
Noch mehr Indie-Folk: Auf ihrem drit­ten Album „Micro­c­os­mos“ (Lou Tur­ner; Apple Music, Spo­ti­fy, Band­camp) setzt sich Lou Tur­ner unter den Ein­drü­cken der Pan­de­mie mit der Fra­ge aus­ein­an­der, was es bedeu­tet, „unter­wegs“ und „zuhau­se“ zu sein. Es geht um die Welt, die im Lock­down gleich­zei­tig klei­ner und grö­ßer wur­de, als Spa­zier­gän­ge durch die eige­ne Nach­bar­schaft plötz­lich die neu­en Rei­sen waren. Dabei ori­en­tiert sie sich u.a. an Joni Mit­chells Album „Heji­ra“ (das sie in „Emp­ty Tame And Ugly“ auch nament­lich erwähnt) und das alles, Musik und Lyrics, sind wirk­lich wun­der­bar.

4. Kof­fee
Gut: Den Künst­ler­na­men fin­den wir hier im Blog natür­lich schon mal grund­sym­pa­thisch. Auch Kof­fees Kar­rie­re ist eng mit der COVID-19-Pan­de­mie ver­bun­den: Als gefei­er­te Nach­wuchs­künst­le­rin wur­de sie 2020 erst­mal aus­ge­bremst, die Sin­gle „Lock­down“ wur­de im sel­bi­gen zum Hit. „Gifted“ (Pro­mi­sed Land; Apple Music, Spo­ti­fy) ist ihr Debüt-Album und gilt offi­zi­ell als Reg­gae. Ich habe dafür alle Vor­ur­tei­le, die ich gegen­über dem Gen­re hat­te (auch bzw. vor allem Dank sei­nes stu­den­ti­schen Publi­kums in Deutsch­land), über Bord gewor­fen und mich im Früh­jahr 2022, als die „Nor­ma­li­tät“ so lang­sam, aber sicher zurück­kam, sehr an die­sem Album erfreut. Im ope­ning cut „x10“ läuft Bob Mar­leys „Redemp­ti­on Song“ ein­fach im Hin­ter­grund und auch wenn das natür­lich vor allem als Ehr­er­wei­sung gemeint ist, zeigt es auch: Die­ses Album ist etwas ande­res.

3. Bülow
Alter ist ja etwas, was man unge­fähr nie gescheit ein­schät­zen kann: Als Kind und Teen­ager sind Musiker*innen halt alle irgend­wie „älter“ und die, mit denen man auf­ge­wach­sen ist, wer­den immer älter blei­ben. Dann kom­men plötz­lich Men­schen, die signi­fi­kant jün­ger sind als man selbst, und man denkt: „Woher kön­nen die das denn schon alles?“ Naja: Geor­ge Har­ri­son war 20, als das ers­te Beat­les-Album raus­kam, Beck war bei „Loser“ auch nur ein paar Jähr­chen älter und Conor Oberst ist mit zwölf schon mit eige­nen Songs auf­ge­tre­ten. Also: Megan Bülow ist Ende Dezem­ber 23 gewor­den und macht pro­fes­sio­nell Musik, seit sie 16 ist. Das klang immer schon gut, aber ihre EP „Boo­ty Call“ (Uni­ver­sal; Apple Music, Spo­ti­fy) zeigt ihre Stär­ken noch­mal bes­ser als alle bis­he­ri­gen Releases: fünf Songs, etwas über 13 Minu­ten – maxi­mal ver­dich­te­ter Indie-Pop zwi­schen besag­ten Beck und Conor Oberst, mit gro­ßer Schnodd­rig­keit, nach­klin­gen­der teenage angst und einem gene­rell star­ken nine­ties vibe. Hören jun­ge Men­schen noch Alben? Neh­men jun­ge Acts noch wel­che auf? Ich fänd’s stark!

2. King Prin­cess
Das gro­ße Auf­re­ger-The­ma in den US-Medi­en waren Ende des Jah­res die „Nepo babies“, also jun­ge Men­schen, die – so das Nar­ra­tiv – auf­grund ihrer Abstam­mung einen leich­te­ren Ein­stieg ins Berufs­le­ben und bes­se­re Auf­stiegs­chan­cen haben. Sicher­lich ein ernst­haf­tes Pro­blem, aber gera­de die media­le Fokus­sie­rung auf die Unter­hal­tungs­bran­che nahm der Kri­tik auch ein biss­chen den Wind aus den Segeln: Wenn Du unter Künstler*innen auf­wächst, ist es halt wahr­schein­lich, dass Du selbst ein gewis­ses Inter­es­se an Kunst und Kul­tur ent­wi­ckelst. Dazu kom­men dann eben noch Talent und Kon­tak­te, also: check your pri­vi­le­ge, aber so what?! (Dass deut­sche Medi­en sich vor allem um eine Nach­er­zäh­lung einer ame­ri­ka­ni­schen Debat­te bemüh­ten, aber nicht für eine Sekun­de auf die Idee kamen, dass The­ma auf Deutsch­land her­un­ter­zu­bre­chen, spricht ent­we­der für oder gegen sie – ich bin mir da noch unsi­cher.) Mikae­la Straus, jeden­falls, tauch­te auf die­ser Lis­te der nepo babies auch auf, weil ihr Vater recor­ding engi­neer ist und ihr Ur-Urgroß­va­ter (!) Isi­dor Straus einer der Besit­zer von Macy’s war, bevor er mit sei­ner Frau beim Unter­gang der „Tita­nic“ (bekann­ter­ma­ßen im Jahr 1912) ums Leben kam. Ja, inter­es­san­te Fuß­no­te, aber viel inter­es­san­ter ist doch nun wirk­lich die Musik, die Mikae­la (Jahr­gang 1998) als King Prin­cess ver­öf­fent­licht: kra­chen­der Indie-Pop mit gro­ßen Melo­dien und klu­gen Tex­ten. Mit elf hat­te sie einen Plat­ten­ver­trag abge­lehnt, weil sie die krea­ti­ve Kon­trol­le nicht abge­ben woll­te, und das scheint sich aus­ge­zahlt zu haben: „Hold On Baby“ (Zelig Records; Apple Music, Spo­ti­fy) ist ihr zwei­tes Album und man ahnt, dass es auf einem Major-Label even­tu­ell etwas anders klin­gen wür­de. Inhalt­lich geht es um Bezie­hungs­span­nun­gen in der Pan­de­mie, um Freund­schaf­ten, gen­der iden­ti­ty und Selbst­zwei­fel im Sex Shop. Mit Mark Ron­son, Ethan Grus­ka, Aaron Dess­ner, Bryce Dess­ner und Tobi­as Jes­so Jr. haben eini­ge der aktu­ell nam­haf­tes­ten Pro­du­zen­ten am Album mit­ge­wirkt und der clo­ser „Let Us Die“ ist einer der letz­ten Song, auf dem Tay­lor Haw­kins von den Foo Figh­ters vor sei­nem viel zu frü­hen Tod getrom­melt hat. Kurz­um: Es gibt viel zu ent­de­cken und zum Nach­den­ken und das mag ich ja immer, wenn man Musik hören, aber ihr auch zuhö­ren kann. Bei pas­sen­dem Ver­kehrs­auf­kom­men „reicht“ das Album genau von mei­nem Eltern­haus bis zu unse­rer Haus­tür und in jedem nor­ma­len Jahr hät­ten King Prin­cess und „Hold On Baby“ den Spit­zen­platz mei­ner Rang­lis­te belegt, aber 2022 war auch in die­ser Hin­sicht kein nor­ma­les Jahr.

1. Pale
Ich hab die Geschich­te jetzt schon ein paar Mal erzählt: Pale hat­ten sich eigent­lich 2009 auf­ge­löst. Dann wur­de 2019 bei ihrem ehe­ma­li­gen Gitar­ris­ten Chris­ti­an ein Gehirn­tu­mor dia­gnos­ti­ziert, was die Mit­glie­der auf die Idee brach­te, wie­der gemein­sam Musik zu machen. Schlag­zeu­ger Ste­phan hat­te mit einer eige­nen schwe­ren Erkran­kung zu kämp­fen, dann kam die Pan­de­mie und im Früh­jahr 2021 ist Chris­ti­an lei­der gestor­ben. Man muss die­se Geschich­te ken­nen, um zu ver­ste­hen, was „The Night, The Dawn And What Remains“ (Grand Hotel van Cleef; Apple Music, Spo­ti­fy), das fina­le Album, das aus all dem doch noch ent­stan­den ist, eigent­lich ist: eine ein­zi­ge Fei­er des Lebens, der Freund­schaft und der Musik. Vom instru­men­ta­len Ope­ner „Whe­re­ver You Will Go“, der an U2 und Stars erin­nert und die Tür schon mal ent­spre­chend weit auf­macht, über die Sin­gles „New York“ (s.a. Songs des Jah­res), „Man Of 20 Lives“ (für Ste­phan) und „Big­ger Than Life“ (für Chris­ti­an) bis zum Schluss­ak­kord von „Some­day You Will Know“ zele­briert die­ses Album das Trotz­dem, das Über­le­ben, das Zurück­blei­ben und auch die Trau­er. Es ist wie ein Ben­ga­lo auf einer Beer­di­gung. Und dann taucht mit­ten­drin plötz­lich Simon den Har­tog auf. Der ehe­ma­li­ge Sän­ger der Kili­ans hat zwar fast eine gan­ze Deka­de nicht gesun­gen, aber auf „Still You Feel“ kuschelt sich sei­ne alt­be­kann­te, jung geblie­be­ne Reib­ei­sen­stim­me plötz­lich an die von Pale-Sän­ger Hol­ger Kochs und gemein­sam sin­gen sie über gro­ße Gefüh­le, Musik und Hei­mat­städ­te. Ich wuss­te selbst nicht, wie drin­gend ich genau das gebraucht hat­te, aber: Jun­ge, war ich glück­lich, als ich das Lied zum ers­ten Mal gehört habe! Klar, dass die Songs zu mei­nem täg­li­chen Beglei­ter wur­den, als ich nach dem Tod mei­ner Omi mit mei­ner eige­nen Trau­er, mei­nen Erin­ne­run­gen und vor allem aber auch mei­ner alles über­la­gern­den Lie­be für alles und alle klar­kom­men muss­te. Klar, dass so ein Album natür­lich wie­der beim GHvC erschei­nen muss­te. Klar, dass so ein Album sei­nen ganz eige­nen Platz auf mei­nem pri­va­ten Pop­kul­tur-Altar bekom­men muss – und wie krass ist es da bit­te, dass das Album­co­ver einen Pop­kul­tur-Altar zeigt, auf dem (neben einer Aus­ga­be von „Per Anhal­ter durch die Gala­xis“) ein Mix­tape namens „Home­town Mix“ steht, des­sen B‑Seite (nur auf der Vinyl-Ver­si­on zu ent­zif­fern) mit „Dins­la­ken 2002“ beschrif­tet ist?! Eben. It is the last stop that tells you a lot about whe­re you came from and what you have got.

Pale - The Night, The Dawn And What Remains (Albumcover)

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Musik

Songs des Jahres 2022

Ich brau­che tra­di­tio­nell immer ein biss­chen län­ger, um mei­ne Songs des Jah­res zusam­men­zu­stel­len, aber ich fin­de das bes­ser, als das Jahr schon im Novem­ber ein­pa­cken zu wol­len; hier ist mein Blog mit mei­nen Regeln und außer­dem ist ja noch Janu­ar. Also: Hier sind – Stand jetzt – mei­ne Lieb­lings­lie­der des Jah­res 2022!

25. Death Cab For Cutie – Here To Fore­ver
Ben Gib­bards Lyrics sind ja mit­un­ter so spe­zi­fisch, dass sie schon zum Meme tau­gen. Das muss natür­lich nicht schlecht sein, im Gegen­teil:

In every movie I watch from the ’50s
There’s only one thought that swirls
Around my head now
And that’s that ever­yo­ne the­re on the screen
Yeah, ever­yo­ne the­re on the screen
Well, they’­re all dead now

Damit hat er ein­mal mehr einen Gedan­ken aus­for­mu­liert, den ich so oder so ähn­lich selbst schon oft hat­te. Und wenn Du dann am Tag nach dem Tod Dei­ner Groß­mutter im Wohn­zim­mer des Groß­el­tern­hau­ses stehst, auf einem Regal die Fotos all der Groß­tan­ten und ‑onkel, dann knal­len die­se Zei­len noch mal ganz neu in die offe­ne Wun­de: Die sind jetzt alle tot. Das neue Death-Cab-Album „Asphalt Mea­dows“ hat mich irgend­wie nicht so rich­tig abge­holt, aber die­ser Song wird immer Teil mei­ner Geschich­te sein.

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24. Nina Chuba – Wild­ber­ry Lil­let
Ich bin jetzt in einem Alter, wo es zuneh­mend schwer wird, mit den jun­gen Leu­ten Schritt zu hal­ten – vor allem, wenn man kei­nen Bock hat, sich chi­ne­si­sche Spio­na­ge-Soft­ware aufs Han­dy zu laden. Ich habe die­ses Lied also erst rela­tiv spät in einem prä­his­to­ri­schen Medi­um namens Musik­fern­se­hen ent­deckt, aber mir war sofort klar, war­um das ein Hit ist: Die­se Hook, die gekonnt auf der Gren­ze zwi­schen „ein­gän­gig“ und „ner­vig“ hüpft; die­se Lyrics, die im klas­sischs­ten Sin­ne das durch­spie­len, was wir musi­cal thea­ter kids den „I Want“-Song nen­nen, und dabei sowohl im Dicke-Hose-Rap („Ich will Immos, ich will Dol­lars, ich will flie­gen wie bei Mar­vel“) abschöp­fen, als auch fast rüh­rend kind­lich („Will, dass alle mei­ne Freun­de bei mir woh­nen in der Stra­ße“) daher­kom­men; die­se fröh­lich-rum­pe­li­ge Pip­pi-Lang­strumpf-Hal­tung, mit der wie­der mal eine neue Gene­ra­ti­on ihren Teil vom Kuchen ein­for­dert – oder hier gleich die gan­ze Bäcke­rei („Ich hab‘ Hun­ger, also nehm‘ ich mir alles vom Buf­fet“). Und mit­ten­drin eine Zei­le, die man als immer jugend­li­chen Trotz lesen kann – oder als wahn­sin­nig trau­ri­gen Fata­lis­mus: „Ich will nicht alt wer­den“. Wenn man den Song feuil­le­to­nis­tisch nase­rümp­fend neben den „Fri­days For Future“-Aktivismus legt, wird man fest­stel­len, dass die Jugend (Nina Chuba ist da mit 24 gera­de noch im rich­ti­gen Alter für den Song) ganz schön wider­sprüch­lich sein kann: „We’­re the young gene­ra­ti­on, and we’­ve got some­thing to say“ hat­ten die Mon­kees ja schon 1967 gesun­gen – und dar­über hin­aus nichts zu sagen gehabt, wäh­rend zeit­gleich mal wie­der eine Zei­ten­wen­de aus­brach.

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23. Har­ry Styl­es – As It Was
Damit hät­te jetzt auch nie­mand rech­nen kön­nen, dass aus­ge­rech­net „Take On Me“ von a‑ha mal zu einem der prä­gends­ten Ein­flüs­se auf eine neue Gene­ra­ti­on Pop­mu­sik wer­den wür­de: Schon „Blin­ding Lights“ von The Weeknd war von der legen­dä­ren Key­board-Hook … sagen wir mal: „inspi­riert“ und auch „As It Was“ kann eine gewis­se Ver­wandt­schaft nicht bestrei­ten. Aber ers­tens bit­te nichts gegen a‑ha und zwei­tens pas­siert hier in 2:47 Minu­ten (wäh­rend die Kino­fil­me immer län­ger wer­den, wer­den die Pop­songs immer kür­zer – die Men­schen haben ja auch nicht unend­lich viel Zeit) so viel, dass man kaum hin­ter­her kommt. Und über Har­ry Styl­es muss man ja eh nichts mehr sagen. 1

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22. The Natio­nal feat. Bon Iver – Weird Good­byes
„What your favo­ri­te sad dad band says about you“ titel­te McSweeney’s im Janu­ar 2022, dabei war der Witz da schon min­des­tens vier­ein­halb Jah­re alt. The Natio­nal und Bon Iver sind natür­lich auf bei­den Lis­ten und wenn sie nicht gera­de mit Tay­lor Swift Musik machen, machen sie die halt gemein­sam (dass Aaron Dess­ner von The Natio­nal und Jus­tin Ver­non von Bon Iver auch noch gemein­sam bei Big Red Machi­ne spie­len, ver­wirrt an die­ser Stel­le zwar nur, ich muss es aber erwäh­nen, weil sonst mei­ne Mit­glied­schaft in der „Musikjournalisten-Nerds“-Unterabteilung des Bochu­mer „Sad Dad“-Clubs in Gefahr wäre). So wie bei die­sem Song, der nicht Teil des neu­en The-Natio­nal-Albums sein wird, das inzwi­schen ange­kün­digt wur­de und „First Two Pages of Fran­ken­stein“ (man ahnt eine etwas umständ­li­che Refe­renz, die da irgend­wo als Witz im Hin­ter­grund lau­ert) heißt. Es ist trotz­dem ein schö­ner Song! Und die Band ver­kauft inzwi­schen „Sad Dad“-Merchandise.

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21. Rae Mor­ris – No Woman Is An Island
Rae Mor­ris ist der ers­te und bis­her ein­zi­ge Act, der schon zwei Mal mei­ne Lis­te der „Songs des Jah­res“ ange­führt hat: 2012 und 2018. Rech­ne­risch wäre sie also erst 2024 wie­der dran, was ja auch gut sein kann. „No Woman Is An Island“ ist natür­lich auch nicht schlecht, ich hab nur eben 20 Songs (von ca. 4.000 gehör­ten) gefun­den, die ich 2022 bes­ser fand als die­se leicht thea­tra­li­sche (im Sin­ne von Büh­nen­auf­füh­rung, nicht im Sin­ne von über­trie­ben) Femi­nis­mus-Bal­la­de.

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  1. Außer: Hat er jetzt eigent­lich Chris Pine ange­spuckt?[]
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Gesellschaft Musik Literatur

Tied To The 90’s

„It’s hard to explain the soft dif­fe­ren­ces bet­ween life in the 2020s and life in the 1990s to any per­son who did not expe­ri­ence both of tho­se peri­ods as an adult“, schreibt Chuck Klos­ter­man auf Sei­te 6 sei­nes Buchs über die Neun­zi­ger und auch wenn ich das Jahr­zehnt nur als Kind bzw. Teen­ager mit­er­lebt habe, war ich schon mit dem glei­chen Bei­spiel kon­fron­tiert, das er einen Absatz spä­ter bringt: Erklärt mal einem Acht­jäh­ri­gen, war­um man frü­her Musik nicht ein­fach bei Spo­ti­fy gehört hat, son­dern CDs kau­fen muss­te!

„The Nineties“ von Chuck Klosterman (Foto: Lukas Heinser)

Anders als die alber­nen „Weißt Du noch?“-Paraden im deut­schen Fern­se­hen, in denen sich irgend­wel­che Halb-Pro­mis schen­kel­klop­fend dar­an erin­nern, dass es Songs, Trends und Ereig­nis­se tat­säch­lich gege­ben hat, setzt Klos­ter­man alles in Bezug zuein­an­der: Poli­tik, Gesell­schaft, Sport und natür­lich Pop­kul­tur reflek­tie­ren bei ihm immer ein­an­der und sie reflek­tie­ren ihre Zeit, denn, auch das wird im Buch immer wie­der deut­lich: Man kann die Ver­gan­gen­heit nicht durch die Bril­le der Gegen­wart erklä­ren.

Erwart­ba­rem stellt er längst Ver­ges­se­nes gegen­über; er hat sich durch zeit­ge­nös­si­sche Medi­en und Stu­di­en gefres­sen und alles zu einem wahn­sin­nig guten Buch zusam­men­ge­mixt, das zwar (wie er selbst sagt) kei­ne wis­sen­schaft­li­che Publi­ka­ti­on ist, aber auch Nach­ge­bo­re­nen hel­fen dürf­te, jenes Jahr­zehnt zu ver­ste­hen, das zwi­schen Ende des Kal­ten Krie­ges und 9/​11 eine Zeit rela­ti­ver Ruhe dar­stell­te und in dem die Wahr­neh­mung der Welt noch nicht frag­men­tiert war. Eine Zeit, in der „das Inter­net“ zwar schon exis­tier­te, aber kei­ne bedeu­ten­de Rol­le spiel­te, und in dem Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten und Nach­rich­ten­sen­der als voll­kom­men aus­tausch­bar gal­ten.

Klos­ter­man ist ohne­hin einer mei­ner abso­lu­ten Lieb­lings-Autoren und total prä­gend für mei­ne Arbeit und mei­nen Blick auf die Welt. „The Nine­ties“ wirkt, als habe jemand, der sehr viel mehr weiß als ich, ein Buch über mich geschrie­ben: über Nir­va­na und „The Matrix“, über VHS-Rekor­der und die Prä­si­dent­schaft von Bill Clin­ton. Es ist ein Buch, bei dem ich trau­rig war, als es zu Ende war, und in dem ich woh­nen möch­te!