Wie schnell so ein Jahr vergeht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mixtape zusammenstellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vierteln durch. Okay.
Ich hoffe, die Musik hilft:
Wie schnell so ein Jahr vergeht, merkt man vor allem, wenn man für jeden Monat ein Mixtape zusammenstellt. Jetzt ist 2025 also zu drei Vierteln durch. Okay.
Ich hoffe, die Musik hilft:
Die Sonne machte sich gerade bereit, sich das Präfix „Abend-“ überzuwerfen und, wenn auch schon tief stehend, den Tag würdevoll abzurunden. Am Strand wäre es sicherlich noch mal bedeutend schöner gewesen (so wie es am Meer immer schöner ist) als am Rande der Bochumer Innenstadt, aber da wären wir jetzt nicht so schnell hingekommen, außerdem war Abendessenszeit und als wir uns an den Tisch setzten, fragte ich also meinen Sohn, ob er jetzt bereit sei für mein kleines Impulsreferat über Brian Wilson und die Beach Boys.
Eine Stunde zuvor war die Nachricht auf meinem Smartphone eingegangen, dass Wilson, einer der Pioniere der Popmusik im 20. Jahrhundert; einer der allergrößten Künstler der Popkultur; ich zögere nicht zu sagen: einer der Götter der schönen Künste, im Alter von 82 Jahren gestorben war. Die Spotify-Playlist „This Is The Beach Boys“ hatte also schon die Zubereitung unseres Abendessens lautstark untermalt.

Während wir Hähnchenbrust mit Thymian und Gnocchi mit Lauch – ein angemessen sommerliches Gericht – aßen, musste das Kind nun erdulden, wie ich ihm von der Gründung der Beach Boys durch die Gebrüder Wilson und ihren Cousin berichtete; davon, wie Brian Wilson Einflüsse aus Rock ’n‘ Roll, R&B und Barbershop-Gesang auf bisher unbekannte Art kombiniert und damit die moderne Popmusik mindestens mit-erfunden hatte; wie wir Einflüsse von Beach-Boys-Kompositionen auch heute noch in den Songs unserer Lieblings-Cartoon-Serie „Phineas & Ferb“ wiederfinden könnten. Ich erzählte von Brian Wilsons psychischen Problemen, seinem Ausstieg aus dem Tour-Leben und den Jahren, die der Musiker quasi nur im Bett verbracht hatte — ein so absurder und popkulturell bedeutsamer Fakt, dass die Barenaked Ladies ihm in den Neunzigern einen ganzen Song widmeten, den Wilson selbst, einigermaßen genesen, einige Jahre später covern sollte.
Die Musik der Beach Boys war in meiner Kindheit so allgegenwärtig, dass ich gar nicht sagen könnte, wo sie mir erstmals begegnet ist. Vielleicht im „Babybel“-Werbespot der frühen 1990er Jahre, in dem der wachsverkleidete Minikäse auf die Melodie von „Barbara-Ann“ (übrigens keine Wilson-Komposition) besungen wurde; vielleicht durch die eingedeutschten Versionen ihrer Hits durch eine Band namens – I kid you not – Strandjungs, die damals im Radio liefen (aus „Surfin‘ USA“ wurde etwa „Surfen auf’m Baggersee“ — übrigens mit meinem heutigen „MoMa“-Kollegen Peter Großmann am Mikrofon); vielleicht durch „Kokomo“, diesen objektiv furchtbaren – und Brian-Wilson-freien – Ohrwurm aus dem Tom-Cruise-Film „Cocktail“; vielleicht durch die maximal unseriöse „Super Hits“-CD aus den Wildwest-Tagen der Musikindustrie, die mein Vater besaß und die sich extrem auf das Surf-lastige Frühwerk der Band fokussierte. Verdammt: Sogar bei „Hallo Spencer“, der NDR-Antwort auf die „Muppet Show“, tauchte eine Band auf, die Quietschbeus hieß!

Als ich dann selbst tief eintauchte in die Welt der Popkultur führte natürlich gar kein Weg mehr an Brian Wilson und den Beach Boys vorbei: In den Soundtracks von „Almost Famous“, „Vanilla Sky“ und sogar „Das Experiment“, in den Musikzeitschriften, die ich verschlang, erst recht in der Musik, die ich hörte und liebte. Ben Folds Five, The Ramones, Travis und so viele andere Bands würden nicht so klingen, wie sie klangen, wenn sie nicht auf die Wilson’schen Chor-Arrangements und Harmonien hätten zurückgreifen können.
Ihre Songs waren so groß und teilweise synonym mit Liebe, dass Neil Hannon von The Divine Comedy in seinem Mehrfach-Meta-Liebeslied zwei bedeutende Zutaten für den „Perfect Lovesong” ausmachte: „A divine Beatles bassline / And a big old Beach Boys sound“. Mir ist genau heute aufgefallen, dass „Remember“ von Air ausgiebig den Beach-Boys-Song „Do It Again“ samplet.
Man kann eigentlich fast jeden Song aus ihrem Gesamtwerk hören – und glaubt mir, ich arbeite seit gestern Abend intensiv daran! – und wird immer einen anderen, späteren Song finden, der mehr oder weniger deutlich daran erinnert (allerdings auch etliche frühere Songs, bei denen sich Brian Wilson und seine Bandmitglieder bedient hatten).
Ich hab mich immer schon mindestens so sehr für die Hintergründe und Entstehungsprozesse von Popkultur interessiert wie für das eigentliche Werk und Brian Wilson ist da in den 1960er Jahren etwas gelungen, was in dieser Form sonst eigentlich nur die Beatles beherrschten: Die Produktionstechniken immer zu erweitern und die Grenzen des Konzepts „Popsong“ permanent zu verschieben und dabei immer noch Musik zu erschaffen, die einen einfach nicht kaltlassen kann. Das, was bei anderen in unschönem Mucker-Vokabular wie „Rock-Oper“ oder „Konzeptalbum“ gipfelte, waren bei ihm immer noch Popsongs — unendlich kompliziert, so dass sie Menschen, die sich mit Musikproduktion oder Komposition beschäftigen, noch heute als Anschauungsmaterial dienen, dabei aber immer noch so eindeutig Pop, dass ich von den eigenen Großeltern bis zu meinem damals neugeborenen Sohn widerspruchslos alle damit beschallen konnte.
Jan Wiele ist für seinen Wilson-Nachruf bei FAZ.net auf die – vielleicht nicht wahnsinnig originelle, aber wichtige – Idee gekommen, den Tod von Brian Wilson (und den von Sly Stone wenige Tage zuvor) mit der aktuellen Situation in Kalifornien zu verschneiden: Dass diese beiden Musiker, „die beide auf ihre Weise für kalifornische Träume standen“, nun ausgerechnet in jenen Tagen sterben mussten, in denen Donald Trump die Nationalgarde im freiheitsliebenden „Golden State“ aufmarschieren und Proteste gegen seine unmenschliche Abschiebepolitik niederschlagen lässt, muss einem schon symbolisch vorkommen.

Kalifornien – der einzige USA-Bundesstaat, der bis heute einen eigenständigen deutschen Namen hat – prägt für die meisten von uns Ausländern das Amerikabild wie maximal noch New York City. Der Staat ist gleichzeitig pars pro toto für die USA und unendlich weit weg von den rednecks im fly-over country. Es ist die Geschichte des Goldrauschs, der Entertainment-Industrie, des Internets in all seinen befreienden und beunruhigenden Aggregatformen, die vom Pacific Coast Highway und die vom Strand. Die Beach Boys haben – auch wenn jetzt wieder überall zu lesen ist, dass ja nur Brians Bruder Dennis, der Schlagzeuger der Band, wirklich Surfer war – Kalifornien und damit die USA auf eine Art erfunden und zur Marke gemacht.
In den ersten Zeilen von „Fun, Fun, Fun“ – einem Song, der den Spaß derart ernst nimmt, dass er ihn gleich dreimal im Titel trägt – singt Mike Love „Well, she got her daddy’s car / And she cruised through the hamburger stand now“ und skizziert damit – von der unendlich genialen Phrasierung von „hamburger stand now“ mal ganz ab – das, was Menschen, die sich nicht näher für die USA interessierten, über Jahrzehnte über die USA dachten: Autos und Fast Food. Wenn Du hier einen Pflock in die Erde schlägst, bildet er eine Linie mit George Lucas‘ „American Graffiti“ und weiten Teilen von Quention Tarantinos „Pulp Fiction“. Dass der Song im Frühjahr 1964 erschien, zweieinhalb Monate nach der Ermordung von John F. Kennedy, zu einer Zeit, als der Vietnamkrieg gerade anfing, richtig unschön zu werden, ist Kontext, der das Amerika-Klischee perfekt macht. Studierendenproteste an kalifornischen Universitäten? The Beach Boys got you covered.
Mein Kalifornien-Bild ist geprägt von den Besuchen bei meiner Familie, die in der San Francisco Bay Area, in NorCal, lebt, weit weg von den oberflächlichen Showbiz-Leuten in SoCal (natürlich ist auch Kalifornien noch einmal in sich gespalten, wenn auch nicht so tief wie der Rest der USA). Ich hab’s – von einem Ausflug nach Disneyland per Flugzeug mal ab – nie weiter südlich geschafft als Big Sur. Und gleichzeitig ist der Mythos Südkaliforniens natürlich auch tief in mein Herz eingebacken — durch „The O.C.“, die Red Hot Chili Peppers und die Bands von Andrew McMahon. Der ist gerade auf Tournee, um das 20. Jubiläum von „Everything In Transit“ zu feiern, und postete gestern sogleich ein Instagram-Reel, in dem er Wilson gedachte und dessen Einfluss auf sein eigenes Album würdigte. Sollte ich jemals mit meinem vor vier Jahren begonnenen Soloalbum fertig werden, wird darauf ein Song enthalten sein, der „California Girls“ heißt, den Mythos Kalifornien feiert und sich im Refrain natürlich schamlos bei den Beach Boys bedient — man kann das Wort „California“ ja nur im Satzgesang singen.
Ich bin mir relativ sicher, dass ich das Meer auch ohne die Beach Boys lieben würde (ich fahre nach Holland, seit ich zwei Jahre alt bin!), aber die Melancholie, die jeden Strandbesuch umweht, die kommt wahrscheinlich zu einem guten Teil von der Band.
Jens Balzer schafft es in seinem Nachruf bei „Zeit Online“, wirklich jeden Winkel von Wilsons Schaffen auszuleuchten und doch persönlich und menschlich zu schließen. Ann Powers, die große Pop-Erklärerin bei „NPR Music“, erinnert auch noch mal ausführlich an die vielen Herausforderungen und Tiefschläge im Leben des Mannes, dessen Musik für sehr oberflächliche Beobachter*innen vor allem für „Sonne, Strand und gute Laune“ stand.

Dabei muss man ja nicht einmal zu „God Only Knows“, „I Just Wasn’t Made For These Times“ (schon der Titel!) oder „Surf’s Up“ greifen: Selbst „Fun, Fun, Fun“ hat eine bedrohlich an eine Sirene erinnernde Hintergrundmelodie und der ganze Spaß endet, wenn Vati dem übermütigen Mädchen die Autoschlüssel wegnimmt. Diese Widersprüchlichkeit des Lebens wird in „God Only Knows“ besonders deutlich: Die erste Zeile lautet – für ein Liebeslied eher ungewöhnlich – „I may not always love you“; eine Trennung bedeute zwar nicht das Ende der Welt, aber ob und wie der Sprecher hernach weiterleben könne, dass wisse nur Gott allein.
Bei Bob Dylan hatte die Antwort auf alle wichtigen Fragen ein paar Jahre zuvor schon deutlich irdischer im Wind geweht.
Im Jahr 1999 erschienen jede Menge Alben, die für unsere Autor*innen prägend waren. Zu ihrem 25. Jubiläum wollen wir sie der Reihe nach vorstellen.

Zum ersten Mal von Tom Jones gehört habe ich, wie vermutlich die meisten Menschen meiner Generation, in „Mars Attacks!“, dem übersehenen Meisterwerk von Tim Burton. In dem Film greifen Marsianer die Erde an und sie tun das unter anderem in Las Vegas, während Tom Jones auf der Bühne eines Casino-Hotels steht und – natürlich – „It’s Not Unusual“ singt. Jones spielt sich selbst, er wird im weiteren Verlauf des Films mit Annette Bening und Janice Rivera zu den Tahoe-Höhlen fliehen und, nachdem die Marsianer besiegt sind und ein Falke auf seinem Arm gelandet ist, erneut „It’s Not Unusual“ anstimmen. Eines der Top-10-Enden der Filmgeschichte. (Falls Ihr „Mars Attacks!“ noch nie gesehen habt: Es ist, seit ich mit 13 im Kino war, einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Auch mehr als 25 Jahre später muss ich immer noch sagen: 10/10, ein Meisterwerk für alle Zeiten. Guckt ihn Euch an!)
Für meine Eltern und ihre Generation war Tom Jones damals im Wesentlichen eine etwas abgehalfterte Witzfigur, nicht unähnlich den ehemaligen Schlagerstars, die bei Baumartkeröffnungen sangen. Es waren die zynischen 1990er und die Qualitäten, die es braucht, um Las Vegas residencies und Baumartkeröffnungen zu bestehen, wurden allenfalls von Götz Alsmann gewürdigt. Da konnte auch sein Mini-Comeback von 1994 nichts dran ändern, als er gemeinsam mit The Art Of Noise „Kiss“ von Prince coverte und mit seiner Version für nicht wenige Kritiker das Original übertraf.
Womöglich war es eine Mischung aus 1990er-„Ironie“ und Teenager-Trotz, aber irgendwie fand ich Tom Jones cool. Entsprechend überrascht war ich, als ich im Herbst 1999 in einem Elektronikmarkt ein neues Album von ihm sah, gemeinsam mit Gaststars wie The Cardigans, Robbie Williams, Natalie Imbruglia und Simply Red, die mir natürlich etwas sagten. Irgendwie muss ich auch erkannt haben, dass es sich um jede Menge Coverversionen und Neueinspielungen handelte, denn ich war enttäuscht, dass „It’s Not Unusual“ nicht dabei war, und so habe ich die CD zu diesem Zeitpunkt nicht gekauft.
Doch dann kam der Auftritt bei „Wetten, dass ..?“: Nina Persson und die Jungs hatten sich trotz aller eigenen Charterfolge vermutlich nie vorgestellt, einmal in dieser seltsamen deutschen Fernsehsendung, von der sich internationale Stars in first class lounges, Festival-Backstage-Bereichen und bei Preisverleihung fassungslos erzählen, vor einem sprechenden Bühnenbild (ja, in der Tat: ein brennendes Haus) einen Auftritt mit dem „Tiger“ zu absolvieren, bei dem sie so tun, als würden sie gerade ihre Version von „Burning Down The House“ live performen. Ich kannte das Original von den Talking Heads nicht (und war, als ich es dann endlich irgendwann mal hörte, nicht sonderlich beeindruckt), aber dieser Auftritt ließ mich direkt am darauffolgenden Montag zu R&K in Dinslaken fahren und „Reload“ doch noch kaufen.
Das Album war für mich der Erstkontakt mit Acts wie The Divine Comedy, Barenaked Ladies, Portishead, Catatonia und Stereophonics und die erste CD in meiner Sammlung, auf der The Cardigans und James Dean Bradfield von den Manic Streets Preachers zu hören waren – Acts, bei denen ich, wie auch bei Robbie Williams, in der Folge einen gewissen Hang zum Komplettismus entwickeln sollte. Es machte mich nicht nur mit „Burning Down The House“ bekannt, sondern auch mit Songs wie „All Mine“ (Portishead), „Never Tear Us Apart“ (INXS) und wahrscheinlich auch „Lust For Life“ (Iggy Pop). Kurzum: Es war ein Crashkurs in Sachen Popkultur der vorangegangenen Jahrzehnte und der Gegenwart.
„Are You Gonna Go My Way“ (Lenny Kravitz) mit Robbie Williams wirkte nicht nur wegen des Titels wie die Übergabe eines Staffelstabs. „Sometimes We Cry“ von und mit Van Morrison, der als Einziger einen seiner eigenen Songs sang, rührt mich bis heute. James Dean Bradfield von den Manic Streets Preachers liefert bei „I’m Left, You’re Right, She’s Gone“ (Elvis Presley) eine der besten Gesangsleistungen seiner Karriere ab (Tom Jones schreibt, wenn ich das richtig erinnere, in seiner Autobiographie, dass er Angst hatte, ein Duett mit einem so begnadeten Sänger zu singen, und ganz ehrlich: Wenn Ihr keine Gänsehaut bekommt, wenn JDBs Stimme zum ersten Mal in den Song reingrätscht, kann ich Euch auch nicht helfen!). Selbst die Ideen, die auf dem Papier schlecht wirken, funktionieren im (hoffentlich weit aufgedrehten) Lautsprecher: Sollte man Iggy Pops „Lust For Life“ covern? Nein. Außer, wenn Chrissie Hynde von The Pretenders und Tom Jones singen. Dann unbedingt.
Dass ein Album mit 17 Tracks so seine Längen hat, lässt sich schwer vermeiden: „Ain’t That A Lot Of Love“ mit fucking Simply Red? „She Drives Me Crazy“ mit Zucchero? Ist doch schön, wenn Tom Jones so viele angesagte Acts zum Mitwirken bewegen konnte!
Der große Hit, der zu einem späten signature song werden sollte, war indes ein anderer: „Sex Bomb“, die einzige Neukomposition des Albums, aus der Feder des Hannoveraner Musikproduzenten Mousse T., der mit seinem Debüt-Hit „Horny ’98“ bereits gezeigt hatte, dass er stumpfes Rumpf-Gemumpf extrem cool und clubtauglich klingen lassen konnte. Heute würde man anders darüber denken, wenn ein 59-jähriger Mann mit gefärbtem Haupthaar einer mutmaßlich sehr viel jüngeren Frau den Refrain „Sexbomb, sexbomb you’re a sexbomb / You can give it to me, when I need to come along / Sexbomb, sexbomb you’re my sexbomb / And baby you can turn me on“ angedeihen lassen wollte, aber man muss Popkultur immer aus ihrem Zeitgeist lesen, wenn man sie irgendwie verstehen will, und der Zeitgeist der ausgehenden 1990er Jahre war eben so, dass ich ihn auf einer Website, die auch Minderjährige besuchen können, schlecht ausformulieren kann.
Einmal angefixt, tauchte ich natürlich in das Gesamtwerk des walisischen Tigers ein – und, meine Güte, waren da Hits, Hits, Hits! Gut: Die Mörderballade „Delilah“ wurde in den letzten Jahren von Sportveranstaltungen verbannt und auch die Sujets manch anderer Songs sind schlecht gealtert, aber diese Stimme, die immer über irgendwelchen State-of-the-art-Arrangements schwebte, lässt zumindest mich einen Tacken mehr durchgehen lassen als es bei anderen Acts der Fall wäre.
Tom Jones war – nach den Prinzen 1994 – tatsächlich das zweite große Popkonzert, das ich in meinem Leben besuchte (im Mai 2000 mit meinen Eltern und meinem Bruder in der Arena Oberhausen; das Konzertplakat, das mein Vater auf dem Heimweg von einem Maschendrahtzaun abmontierte, könnte immer noch im Keller meiner Eltern stehen) und auch wenn natürlich keiner der „Reload“-Gäste dabei war, war es ein Erlebnis. Jones legte in der weiteren Folge einen beeindruckenden dritten (oder vierten oder fünften) Karriere-Akt hin, indem er aufhörte, seine Haare zu färben, und begann, Folk- und Americana-Alben aufzunehmen (ich habe im letzten Jahr zufällig festgestellt, dass er eine Version von „Charlie Darwin“ von The Low Anthem veröffentlicht hat!). Das hatte Folgen, denn als ich ihn zum zweiten Mal live sah, spielte er die meisten seiner Klassiker in kaum wiederzuerkennenden Arrangements. Das Publikum wirkte ein bisschen enttäuscht, aber mit damals schon 79 Jahren hatte er sich das Recht erarbeitet, seine Songs derart zu dylanisieren. Der überraschende Ort dieses überraschenden Auftritts: das Burgtheater Dinslaken.
Tom Jones – Reload
(Gut/V2, 16. September 1999)
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Zum ersten Mal gehört:
Auf dem Haldern Pop 2001 (das mit dem besten Line-Up aller Zeiten: Travis, The Divine Comedy, Neil Finn, Starsailor, Muse [damals noch gut], Slut, Blackmail, …), danach den ganzen Sommer über. Auch heute überkommt mich ein sehr entspannt-sommerliches Gefühl, wenn ich den Song und das dazugehörige Album „Regeneration“ höre.
Wer musiziert da? Der Nordire Neil Hannon und eine wechselnde Truppe Musiker, besser bekannt als The Divine Comedy.
Warum gefällt mir das? Zunächst einmal ist es musikalisch zuckersüß, ohne weh zu tun, aber ich liebe auch diese textliche Meta-Ebene: Es ist ein Lied übers Songschreiben und über die Wirkung von Musik (Hannon hatte das bei „Songs Of Love“ zuvor schon mal gemacht). Und dann ist da noch der einzige mir bekannte Einsatz einer Blockflöte in der Popmusik überhaupt!
Außerdem erinnert mich das Lied an die Zeiten, als das Haldern Pop Festival der jährliche Fixpunkt in meinem Kalender war. Ich habe dort großartige Auftritte gesehen und einige Musiker interviewt – darunter 2006 auch Neil Hannon. Obwohl die Besucherzahlen gleich bleiben, ist mir das Festival mit den Jahren zu groß geworden: Zu viele Bühnen, zu früh ausverkauft, zu viele Hipster. Ich verstehe inzwischen auch nicht mehr, warum man die ganze Technik auf eine (zugegebenermaßen idyllische) Wiese verfrachtet, wo man in neun von zehn Jahren Pech mit dem Wetter hat, anstatt Konzerte in der dafür vorgesehenen Infrastruktur abzuhalten. Festivals sind eben was für Menschen unter 30 – aber wenn ich noch einmal zu einem hinfahren sollte, dann wahrscheinlich zum Haldern. Dieses Jahr jedoch nicht (obwohl das Line-Up mit Patti Smith, First Aid Kit, Conor Oberst, Fink, Alexi Murdoch, Grant Hart und Sun Kil Moon endlich mal wieder recht gelungen ist). Viel Spaß!
PS: Es schmerzt auch nach mehr als zwölf Jahren noch, das Viva-Zwei-Logo in dem Video da oben zu sehen!
Band Of Horses – Infinite Arms
Bei „All Songs Considered“ sprechen sie längst nur noch von „bärtiger Musik“, wenn bärtige junge Männer auf ihre Gitarren eindreschen und mehrstimmig melancholische Songs schmettern. Band Of Horses halten diese Grundregeln auch auf ihrem dritten Album ein, was sich aber bedeutend langweiliger liest, als es sich anhört. Musikalisch irgendwo zwischen Nada Surf, Built To Spill und Fleet Foxes wird eher geschwelgt als gerockt: Weitgehend sehr entspannt pendelt „Infinite Arms“ zwischen Entspanntheit und Melancholie und wäre damit tendenziell eher ein Herbst-Album, aber gute Musik ist jahreszeitlos schön.
Anspieltipps: „Factory“, „On My Way Back Home“, „Evening Kitchen“, „Bartles + James“. (LH, Rezensionsexemplar)
Beach Fossils – Beach Fossils
Beach Fossils klingen wie vor vierzig Jahren oder wahlweise eben auch wie Real Estate, die Produktion ist rauschig und vermumpft, und so richtig Drive ist da auch nicht drin. Und trotzdem sind sie großartig. Andauernd muss ich sie hören, was vielleicht etwas weniger mit der Musik zu tun hat als viel mehr mit einem in mir lange verloren geglaubten Entspannungsgefühl beim Hören lahmer, halbpsychedelischer Trend-Indiemusik zusammen hängt. So ein Meta-Moment, in dem mir relativ wurscht wird, ob das, was ich höre, hochgradig innovativ ist oder nicht. Ein bisschen wie Velvet Underground auch und Joy Division, falls Sie da Referenzen brauchen.
Anspieltipps: „Daydream“, „Window View“, „Wide Awake“. (MS)
The Black Keys – Brother
Man bräuchte ein Beamgerät. Das denke ich so oft. Einfach rein und zack! ist man am gewünschten Ort und muss nicht der Bahn das Geld in den Rachen werfen. Diese Institution transportiert eh nur noch Millionäre, dieser Tage. Leider gibt es noch kein Beamgerät, aber das neue Album der Gebrüder Black Keys ist ein kleiner Versuch.
Wenn man auf Play drückt, ertönt ein bluesiger Gitarrensound aus den 70ern und beamt sich dann mal schnell ins Zeitalter des Garagenrock um dann weiter zu hüpfen ins Jetzt. Sie nehmen aus den Jahren des Rock einfach das Beste mit.
„Brothers“, das sechste Werk mit dem super Cover, das nur den Titel trägt: „This is an album by The Black Keys. The name of the album is Brothers.“, ist vielleicht das smootheste bis jetzt. Dan Auerbach und Patrick Carney liefern ab.
Sie haben den dreckigen Sound ihrer Vorgängeralben mit ein wenig funky Smooth gekoppelt, „Sinister Kid“ drischt und macht lust auf Tanzen bis man nicht mehr kann. Bei „Tighten Up“ haben die beiden sich Danger Mouse ins Studio gebeamt und meinen unglaublich langwierigsten Ohrwurm erschaffen (auch das Video dazu ist nur zu Empfehlen).
Oder man beamt sich ein wenig in ein Zeitkontinuum, in dem man die Zeit mal vergisst und einfach diese super Platte genießt.
Highlights: „Tighten Up“, „Sinister Kid“. (AK)
The Divine Comedy – Bang Goes The Knighthood
Ich bin ein wenig in Sorge, dass ich schon sehr bald nur noch neue Alben von Bands kaufen werde, die ich sowieso schon kenne und schätze, dass ich diese Alben ein paar Mal hören und dann sagen werde: „Ja, schön, aber die hatten auch schon bessere …“ Nun ja, wer ein Divine-Comedy-Album kauft, weiß, was ihn erwartet und genau das bekommt er auch: Luftigen Pop mit eher barocker Instrumentierung, intelligente Texte und viel britischen Stil – also ein bisschen wie die Pet Shop Boys in analog. Neil Hannon macht also ungefähr da weiter, wo er vor vier Jahren auf „Victory For The Comic Muse“ aufgehört hat (kulminierend im großen Selbstzitat „The Lost Art Of Conversation“), und das ist ja nicht das Schlechteste. Die richtig herausragenden Songs fehlen bis auf die Single „At The Indie Disco“ ein wenig, dafür ist der Opener „Down In The Street Below“ so laid back wie kaum etwas seit der „Regeneration“.
Anspieltipps: „Down In The Street Below“, „At The Indie Disco“, „When A Man Cries“, „I Like“. (LH)
Foals – Total Life Forever
Dass ich mal was über Mathe schreiben würde. Aber die Herren Foals aus dem Vereinigen Königreich haben mit ihrer neuen Platte „Total Life Forever“ und ihrem Math-Rock einfach mitten in mein derzeitiges Elektro-Rock-Herz getroffen. Seit zwei Wochen lauf ich jetzt schon mit der Platte durch die Straßen und grinse in mich rein, wenn ich von den Beats im Ohr angefeuert werde.
Bei „Spanish Sahara“ halte ich dann inne, weil ich jedes mal sowas von überrumpelt werde, wenn bei 4:12 ein Sound einsetzt, der wie Sommerregen und Wunderkerzen klingt. Jedesmal bleib ich stehen oder schließe die Augen und lass dieses Lied über mich regnen. Das Konzept geht auf, wahnsinnig genial komponierte Melodien gepaart mit einem super Schlagzeug und der Stimme von Sänger Yannis Philippakis erzeugen einfach eine perfekte Gänsehaut.
Es ist diese Mischung aus futuristischer Weltanschauung und trotzdem an alten Dingen festhalten. Das Album passt als Gesamtwerk wunderbar zusammen. Die Songs nehmen sich nichts weg, sondern zeigen verschiedenen Persepektiven und werfen neues Licht auf die Welt. Schöne Welt da, bei den Foals.
Anspieltipps: „Black Gold“, „Spanish Sahara“, „Alabaster“. (AK)
Gisbert zu Knyphausen – Hurra! Hurra! So nicht
Menschen kommen und gehen und die wenigsten bleiben. Die meisten gehen wieder und die allerwenigsten lassen etwas zurück. Mit Herrn zu Knyphausen war das ähnlich. Ihn brachte mir jemand mit, der dann wieder ging, und er war einer der wenigen, die gingen und etwas da ließen, und so denk ich immer auch ein wenig an ihn, wenn ich Gisbert höre.
Wenn wir jetzt in die neue Platte reinspringen, dann merkt man, dass Herr Knyphausen ein wenig verschmitzer geworden ist („Es ist still auf dem Parkplatz Krachgarten“). Ähnlich wie Damien Rice, der einmal in einem Interview sagte, er würde nicht ewig nur traurige Lieder schreiben können, weil er gar nicht so melancholisch ist. Und so geht es mir mit Gisberts zweitem großen Album „Hurra! Hurra! So nicht“. Natürlich sind die Töne nachdenklich und beschreiben diese Gefühlsnostalgie und Momente, aber es schwingt jetzt auch Optimismus in den Liedern mit. Auch das typische Knyphausen-jajajaja ist dabei und das Talent, die irrwitzigen Momente des Lebens ins Bilder umzubasteln.
Es ist jetzt nicht mehr nur Gisbert mit seiner Gitarre, nein, es ist auch ein Schlagzeug und ein Bass dabei! Und wenn mir auch die alten Lieder deshalb so gefallen haben, weil es nur er, die Gitarre und du waren, so muss ich doch sagen, dass das Arrangement sehr gut geworden ist! Die Lieder packen an der richtigen Stelle, das Schlagzeug morst die kleinen musikalischen Botschafen direkt ins Ohr und ins Herz. Die neue Platte ist gut, richtig gut!
Anspieltipps: „Grau Grau Grau“, „Es ist still auf dem Parkplatz Krachgarten“, „Kräne“. (AK)
The National – High Violet
Eigentlich hatte ich ja bereits Anfang Mai ein paar hundert lobpreisende Absätze über dieses Album geschrieben und eigentlich nicht gedacht, dass da noch etwas hinzuzufügen sein könnte. An meiner persönlichen Wertung, die objektiv irgendwo bei 100 von 5 Sternen liegt, weil das halt einfach so ist, hat sich auch nichts geändert. Vielleicht ist es aber ganz gut, meinen Anfangseindruck nach mittlerweile fast mehrmonatigem Hören und auch mal Nichthören auf den neuesten Stand zu bringen: Entgegen aller meiner Erwartungen überspringe ich den untypischen Opener „Terrible Love“ immer noch nicht, wenn ich das Album höre. Was für ein Knaller, mit einer Demo-Aufnahme anzufangen, wenn man seine fünfte LP veröffentlicht. In der Süddeutschen Zeitung stand über „High Violet“: Konsensrock. Mit schlechter Note. Ich mag mich irren, aber ist etwas von vornherein als langweilig zu verurteilen, wenn jeder es irgendwie hören kann, ohne sich übergeben zu müssen? Oder weil die Gitarren einem nicht das Gehör zersägen, sondern man sie sozusagen erstmal suchen muss? Weiter möchte ich mich gar nicht aufregen. Super Sache, das Album! (MS)
The New Pornographers – Together
Einmal Kanadier sein! Man stellt sich auf die Straße vor die eigene Haustür, hebt kaum merklich für ein bis zwei Sekunden die Hand, sagt etwas wie „Ich habe eine Gitarre da drin, möchte von euch vielleicht irgendwer mitspielen?“ und schwupps, hat man ein Orchester in der Hütte. Keine Beschwerden bitte, diese Vorstellung bestätigt sich quasi alleine, also ohne Stützräder, sozusagen von selbst, ungefragt, wenn Sie mögen, wenn man sich nur mal Broken Social Scene anschaut und den Baum von Querverweisen, Zitaten, Mitgliederwechseln, Aushilfsgitarristen, Sängerinnen und Sängern und so weiter versucht nachzuvollziehen, ohne dabei zumindest einen Notizblock zu haben. Ein kaum überwindbarer Arbeitsberg. Zurück zum Thema. The New Pornographers bestehen, lässt man die haltlose Anschuldigung, es handele sich dabei um Sänger Carl Newman mit Gästen, aus drei hauptsächlich mit Songwriting und Singen beschäftigten Menschen, von denen A.C., oder Carl, Newman nur einer ist, und einer Reihe weiterer Musiker. Die übrigen beiden Songschreiber der Band sind Neko Case, die vor nicht allzulanger Zeit mit dem Soloalbum „Middle Cyclone“ ein ganz schön tolles Ding abgeliefert hat, und Daniel Bejar, dem einzigen festen Mitglied der auch gar nicht so marginal bekannten Band Destroyer. Hätte ich das Bedürfnis, geohrfeigt zu werden, würde ich für die New Pornographers also ein Wort benutzen, das mit S anfängt und mit upergroup aufhört, aber ich bin ja nicht von allen guten Geistern verlassen. Was soll diese ganze Einleitung? Man erwartet von einer Band mit solch einem Kaleidoskop der Eigenköpfigkeit und Soloplattenerfahrung möglicherweise eine verkopfte, anstrengende, überkandidelte Veröffentlichung nach der anderen. Das Bemerkenswerte ist, dass „Together“ weniger eitel nicht sein könnte. Es klingt, als wäre Carl Newman damals nicht nur einfach auf die Straße gelaufen, um Leute zu suchen, die mit ihm musizieren wollen, sondern hätte in der Frage auch ganz eindeutig noch die Formulierung „Bitte bringt eine Tüte gute Laune pro Person mit!“ benutzt. Ein hochgradig erheiterndes und schönes Album ist das hier. Wenn hier überhaupt ein Konzept durchgezogen werden sollte, dann vermutlich einfach das, einen Riesenspaß zu haben. Hat man die Band einmal live gesehen, verdichtet sich dieser Eindruck zusätzlich, was leider manchmal zu einem Hauch Schülerbandgefühl führt. Muss ja aber auch nichts Schlimmes sein.
Anspieltipps: „Valkyrie In The Roller Disco“, „Crash Years“, „We End Up Together“. (MS)
Mitarbeit an dieser Ausgabe:
AK: Annika Krüger
LH: Lukas Heinser
MS: Markus Steidl