Beitrags-Archiv für die Kategorie 'Political Science'

“Spiegel”-Eier

Von Lukas am Montag, 23. November 2009 23:10

Eine Nahtoderfahrung der besonderen Art machte ich vor einigen Jahren, als ich bei der Lektüre der Satireseite schandmaennchen.de derart heftig zu lachen begann, dass ich mich nach einigen Minuten nach Luft ringend auf meinem Teppichboden wälzte. (Einen Lustgewinn habe ich dabei allerdings nicht verspürt.) Grund war ein angebliches Zitat aus dem “Spiegel” über Helmut Kohl, seine Büroleiterin Juliane Weber und Frühstückseier.

Über Jahre habe ich versucht, dieses Zitat zu verifizieren und den exakten Wortlaut zu finden. Irgendwie muss ich mich bei der Verwendung der “Spiegel”-Archivsuche sehr dämlich angestellt haben.

Gestern jedenfalls berichtete das NDR-Medienmagazin “Zapp” über den uralten Artikel und jetzt kann ich Ihnen das Zitat endlich im Wortlaut präsentieren:

Wie gewohnt serviert des Kanzlers langjährige Mitarbeiterin Juliane Weber ihrem Chef den Kaffee. Sie schlägt ihm auch die Eier auf, weil der Kanzler sie so heiß nicht anfassen mag.

Ja, zugegeben: Brüllkomisch fand ich es jetzt auch nicht mehr.

Dafür hat der “Spiegel” sich kürzlich an einer Neuauflage seiner Fips-Asmussen-Politkommentierung versucht und dabei die ohnehin schon niedrig liegende Latte gerissen:

Die Kommunistin Sahra Wagenknecht, intime Kennerin von Lafontaines Positionen und nicht nur in Streikfragen mit ihm auf Augenhöhe, verlangt wie er regelmäßig französische Verhältnisse.

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Volles Vertrauen, hier in Deutschland

Von Lukas am Montag, 26. Oktober 2009 13:05

In der letzten Zeit habe ich mit mehreren Radioleuten gesprochen, die sich beklagten, dass viele Bands heutzutage kein Interviewtraining mehr von den Plattenfirmen bekämen und deshalb im Gespräch oft etwas konfus rüberkämen und keine guten O-Töne lieferten.

Nun könnte man einwenden, Musiker müssten ja nicht primär gescheit daher reden, sondern vor allem schöne Musik machen. Anders verhält es sich da schon bei Politikern: Noch bevor die neue Bundesregierung im Amt ist, haben einige Kabinettsmitglieder schon durch außergewöhnliche Pressekonferenzen von sich reden gemacht.

Der designierte Außenminister Guido Westerwelle weigerte sich, eine englischsprachige Frage eines BBC-Reporters anzuhören und belehrte diesen, dass er sich in Deutschland befinde. Bundeskanzlerin Angela Merkel kanzelte einen niederländischen Reporter ab, der Zweifel an der Kompetenz Wolfgang Schäubles als Finanzminister wegen dessen Verstrickung in die CDU-Parteispendenaffäre äußerte.

Beide Antworten hätten sich vor wenigen Jahren noch versendet — heutzutage wurden sie innerhalb weniger Stunden ein paar Tausend Mal auf YouTube angeschaut und via Internet weiterverbreitet. Für viele User scheint sich zu bestätigen, was die Illustrierte “Der Spiegel” heute aus der Kristallkugel berichtet: Schwarz/Gelb wird ein Desaster.

Ich habe Fritz Goergen, der früher Strategieberater führender FDP-Politiker war und heute als freier Kommunikationsberater arbeitet, nach seiner Einschätzung des Themas gefragt und er war so freundlich, einen kleinen Gastbeitrag zu verfassen:

Politik? Bitte internetter.

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Die Führerlose Zeit ist vorbei!

Von Lukas am Freitag, 9. Oktober 2009 15:26

Habe ich da ein “Hitler” gehört?

Wirbel um ausländerkritische Bemerkungen: Zentralrat der Juden stellt Sarrazin mit Hitler in eine Reihe

Es muss die Mitglieder des Zentralrats der Juden in Deutschland extrem gewurmt haben, dass das Empörungskarussell im “Fall Sarrazin” (schnauzbärtiger Tourette-Funktionär beleidigt die letzte Bevölkerungsgruppe, die ihm in seinem Sammelalbum noch fehlte, und rettet sich damit vor der “Was macht eigentlich …?”-Rubrik des “Stern”) ohne sie losgefahren war.

Schlimmer noch: Von allen Seiten waren die Menschen herbeigesprungen, um die Steilen Thesen des Dampfplauderers zu verteidigen oder den Mann wenigstens wegen seiner Unangepasstheit zu loben.

Da half nur noch eins, um gehört zu werden: Hitler!

„Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist“, sagte der Generalsekretär des Zentralrates, Stephan Kramer, am Freitag in Berlin. „Er steht in geistiger Reihe mit den Herren.“

Göring, Goebbels und Hitler hatten wir als solches Dreierpack (mutmaßlich zum Preis von Zweien) glaub ich auch noch nicht, also hat sich Kramer sein Messingschild in der Ruhmeshalle der Nazi-Vergleiche redlich verdient.

Außerdem sieht es gut aus für ihn im Rennen um den konsequentesten Konjunktiv 2009:

Er fügte hinzu: „Ich will mich nicht auf das Niveau von Sarrazin begeben. Würde ich das tun, würde ich das als intellektuellen Dünnschiss bezeichnen.“

Na ein Glück, dass er’s nicht getan hat!

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Sigmundsgewiss

Von Lukas am Mittwoch, 23. September 2009 13:44

Wenn Freud heute auf Express.de ginge, was würde er da wohl denken?

Neue Umfragen: Vorsprung von Schwarz-Geld schmilzt zusammen. Hamburg/Berlin - Wenige Tage vor der Bundestagswahl hat Schwarz-Gelb seinen lange Zeit komfortablen Vorsprung eingebüßt.

Eingesandt von Manfred H.

Nachtrag, 14:52 Uhr: Express.de hat die Überschrift auf “Schwarz-Gelb” geändert.

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Wir haben uns für die Erbsensuppe entschieden

Von Lukas am Sonntag, 20. September 2009 12:25

Die gelernte Naturwissenschaftlerin Merkel wird diese Art Beweisführung zulassen müssen: Um ein unbekanntes Element zu erforschen, kann es hilfreich sein, die Daranheftenden und Drumherumschwirrenden zu definieren. Wenn sie zum stets in ihrer Nähe schleichenden Pofalla blickt, nickt er meist sofort. Oder schüttelt den Kopf. Was halt gerade gewünscht wird. Seine Größe ist allein durch Unterwerfung bedingt.

Der Typus Pofalla wird nicht abgestoßen von Merkel, anders als widerständigere Charaktere.

Benjamin von Stuckrad-Barre, das vergisst man gerne, hat ja nur einen Roman und eine Handvoll fiktionaler Texte veröffentlicht. Den Großteil seines Werks machen journalistische Arbeiten aus, besonders Reportagen.

Und die kann der Mann, der kürzlich vom Magazin “Cicero” sehr schön porträtiert wurde, auch immer noch schreiben — man kriegt davon nur nichts mit, weil sie in Zeitungen wie der “Welt am Sonntag” veröffentlicht werden.

Dass es über Merkel, je länger sie regiert, immer weniger Witze gibt, ist auch merkwürdig. Wenn Opposition, Herausforderer und Kommentatoren ihr mangelnde Greifbarkeit vorhalten und quecksilbrige Positionen, klingt das hilflos. Wenn aber den Witzemachern zu ihr nichts mehr einfällt, müssen wir das vielleicht ernst nehmen.

Seine Reportage über eine Zugfahrt mit Angela Merkel kann ich Ihnen nur wärmstens empfehlen, nicht zuletzt wegen des sagenhaften Nicht-Interviews, aus dem man mehr über die Kanzlerin erfährt als aus vier Jahren Regierungsverantwortung:

Wenn Sie aus dem Zug schauen, was für ein Land sehen Sie?

Ich sehe ein ziemlich intaktes Land, im Vergleich zu anderen Ländern, in denen man schon so war.

(Man! Länder, in denen man schon so war! Das erste, was einem ein Psychotherapeut beibringt: Sagen Sie nicht „man“, sagen Sie „ich“. Das erste, was man als Profipolitiker wahrscheinlich lernt: öfter mal „man“ sagen, dann kann nichts groß passieren.)

“Wie war die Wurst?” von Benjamin von Stuckrad-Barre bei welt.de.

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Eine schrecklich nette Familie

Von Lukas am Freitag, 18. September 2009 22:55

Es ist eine erstaunliche Nachricht, die “Spiegel Online” da fast beiläufig zwischen den Zeilen raushaut: Angela Merkel und José Manuel Barroso sind verwandt.

Glauben Sie nicht?

Aber hallo:

Barrosos Wiederwahl: Senhor Mutlos ist am Ziel

Bundestagswahl-Blog: Countdown für Madame Mutlos

Mit Dank an Mutlu.

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Plakatastrophentourismus

Von Lukas am Mittwoch, 16. September 2009 12:38

Ich will das hier weder zu einem Fachmagazin für Wahlplakatierung werden lassen, noch will ich irgendwie paranoid klingen, aber: Das haben die doch extra gemacht, oder?

Mein Weg vom Wohnheim zur U-Bahn ist vollgepflastert mit Frank-Walter Steinmeiers:

Frank-Walter Steinmeier Anpacken. Für unser Land.

Frank-Walter Steinmeier Anpacken. Für unser Land.

Unser Land kann mehr.

Mal davon ab, dass ich Frank-Walter Steinmeier jetzt nicht unbedingt “anpacken” muss, dürfte das letzte Motiv natürlich eines der ehrlichsten Wahlplakate der letzten 60 Jahre sein: Neben ein Foto von Steinmeier und unter das Logo der SPD “Unser Land kann mehr” zu schreiben, das ist schon erstaunlich offen.

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Wie war noch mal die Frage?

Von Lukas am Dienstag, 15. September 2009 19:03

Im Rennen um das aussagefreieste Wahlplakat ist Bundestagspräsident Norbert Lammert möglicherweise uneinholbar in Führung gegangen:

Lammert! CDU

Es kann natürlich auch sein, dass der Regen die ganzen programmatischen Aussagen alle ausgewaschen hat.

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14 Millionen Schläfer

Von Lukas am Montag, 14. September 2009 18:29

Gestern Abend hatten sie mich so weit, da war ich plötzlich einer der vielen Millionen Deutschen, die sich Günther Jauch als Bundeskanzler wünschten.

Zugegeben: Nach dem “TV-Duell”, dessen VHS-Aufzeichnungen seit heute früh in Apotheken als Mittel gegen Schlaflosigkeit zu haben sind (allerdings nur auf Rezept!), hätte ich auch Reinhold Beckmann noch als spritzig und sympathisch empfunden. Aber das hatte schon was, wie Jauch sich da in seiner ehemaligen Beinahe-Sendung – die jetzt “Anne Will” heißt – im Sessel fläzte, gutgelaunt das eben Durchlittene in Worte fasste, die auch an jedem Stammtisch hätten fallen können, und dann als Zugabe noch das aussprach, was ich zuvor auch gedacht hatte: Schwarz-Rot macht jetzt noch zwei, drei Jahre weiter, dann kommt der große Knall und das große Experiment und dann ist Klaus Wowereit mit Hilfe der Linkspartei Kanzler.

Mitten in dieser Therapiesitzung der Selbsthilfegruppe “Große Koalition” hatte sich eine Erinnerung in mein Bewusstsein geschlichen, die da zum wirklich falschen Zeitpunkt kam: Ich musste ein Jahr zurückdenken, an den Wahlkampf in den USA, an die Fernsehdebatten, die charismatischen Kandidaten auf beiden Seiten, an die “Schicksalswahl” und den zum Heilsbringer deklarierten Barack Obama. Nach dem Beamtenmikado zur Primetime hätte auch Rudolf Scharping noch einen glaubwürdigen Heilsbringer abgegeben.

Anders als bei der Bundestagswahl vor sieben Jahren, wo “Stoiber verhindern” noch eine Art von Systemkampf ausgestrahlt hatte, geht es dieses Jahr um nichts. Die Regierungskoalition ist unerheblich, das Volk wird aus unerfindlichen Gründen sowieso der Meinung sein, dass Angela Merkel eine gute “Arbeit” mache. Das Signal des gestrigen “Duells” (wer eine Aussage trifft, hat verloren) war ganz klar: Deutschland ist ein Land, das jeder führen kann, der sich irgendwann mal für die gehobene Beamtenlaufbahn qualifiziert hat. Man muss keine Ideen haben, für Deutsche ist es völlig ausreichend, wenn sie verwaltet werden.

Zu schade, dass Günther Jauch nicht antritt.

Alles Wichtige zum TV-Duell hat Peer im FAZ.net-Fernsehblog noch mal zusammengefasst.

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… und wir sind nur die Kandidaten

Von Lukas am Dienstag, 8. September 2009 14:21

Montagnachmittag im Kölner E-Werk: Außer Rentnern, Studenten und Arbeitslosen hat um diese Zeit eigentlich niemand Zeit. Trotzdem haben WDR und NDR es hinbekommen, 179 Bundesbürger anzukarren, die angeblich repräsentativ für 82 Millionen sind: alt und jung, aus Nord und Süd, Mann und Frau — die ganze Palette halt. Sie sollen SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier in einer dieser Townhall-Meeting-Simulationen, die der neueste Schrei im deutschen Polit-TV sind, auf den Zahn fühlen. Bizarrerweise bin ich einer dieser 179.

Nach dem nur verhaltenen Warm-Up durch einen Kollegen (es ist halt eine öffentlich-rechtliche Politiksendung, keine Privatfernseh-Comedy) begrüßen die Moderatoren Jörg Schönenborn und Andreas Cichowicz erst uns und dann den Mann, der Kanzler werden will. Steinmeier begrüßt die Zuschauer, die um ihn herum sitzen, routiniert und man ist froh, dass er nicht gleich mit dem Händeschütteln anfängt. Er hätte ja gar nicht kommen brauchen, sagt er, so toll habe ihn “der Jonas”, ein junger Zuschauer mit blondierten Haaren, der im Warm-Up seinen Platz eingenommen hatte, ja vertreten. Solche Aussagen sorgen für Stimmung, aber dann erinnert Schönenborn, der trotz seiner sonstigen Kernaufgabe, Zahlen von einem Monitor abzulesen, menschlicher wirkt als der lebende Aktendeckel Steinmeier, daran, dass wir ja nicht zum Vergnügen hier seien, und es geht los.

Die erste Frage wird gestellt und die erste Antwort gegeben. Im Vorfeld hatten sich die WDR-Redakteure telefonisch erkundigt, was man eventuell fragen wolle, aber im Studio lässt sich (außer bei ein paar ausgewählten Gästen) nicht zuordnen, wer welche Frage stellen würde — eine wie auch immer geartete Kontrolle scheint ausgeschlossen. Ein Mann wird vorgestellt, der 33 Jahre bei Hertie gearbeitet hat und “mit nichts mehr als einem feuchten Händedruck” (er muss sehr feucht gewesen sein, denn er findet zwei Mal Erwähnung) verabschiedet wurde. Hoffentlich war es nicht auch noch der selbe Hertie-Mitarbeiter wie vor drei Wochen bei RTL. Steinmeier sagt von Anfang an oft “ich” und “wir”, ohne dass klar wird, welche geheimnisvolle Truppe er damit meint. Die magischen Buchstaben “SPD” nimmt er nach 67 Minuten zum ersten Mal in den Mund, “CDU” folgt kurz darauf. Er redet viel und sagt wenig. Sagt ein Zuschauer, woher er kommt, kommen von Steinmeier stets die gleichen backchannels: “Rheda-Wiedenbrück, ah!”, “Grevenbroich, ah!”, “Bochum, ah!”. Ein Mann, der bei Continental arbeitet, wird fast zu Steinmeiers Joe the plumber: Zwar kann er sich den Namen des Mannes nicht merken, aber auf den “Arbeiter bei Conti” kommt der Kanzlerkandidat an jeder passenden und unpassenden Stelle gern noch mal zurück.

Konkrete Fragen beantwortet Steinmeier mit dem Hinweis, “sofort” auf den Kern zurückzukommen, nur um dann so weit auszuholen, dass er an einer beliebigen Stelle abbiegen und über irgendwas reden kann. Als Fragesteller ist man zu betäubt, um das sofort zu merken, und die Moderatoren wissen natürlich sowieso am Besten, dass sie hier keine konkreten Antworten erwarten können.

Eine ältere Dame, die zuvor bereits wüst in die Kamera gewunken hatte, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie eine Frage stellen will, hat ein paar kopierte Zettel dabei und fragt Steinmeier, ob er schon Gelegenheit gehabt habe, den aktuellen “Spiegel” zu lesen. Steinmeier wird aber gerade frisch überpudert und kann deshalb nicht antworten, weswegen Schönenborn bittet, eine konkrete Frage zu formulieren. Es geht um die Besteuerung von Sonntagsarbeit und Steinmeier antwortet, man dürfe auch nicht alles glauben, was in der Zeitung stehe. Obwohl es natürlich stimmt, kommt das ein bisschen meckerig rüber und die Dame entgegnet, es habe ja nicht in “Bild” gestanden, sondern im “Spiegel” und dem müsse man ja trauen. Ich hoffe, dass die Raummikros zu schwach eingestellt waren, als dass man mein glucksendes Gelächter auch noch zuhause hören könnte.

Weil ich ein “junger Mann im karierten Hemd” bin, darf ich auch eine Frage stellen, aber ich merke schon, als das Fragezeichen durch den Raum schwebt, dass das keine gute Idee war. Ich will wissen, ob Steinmeier manchmal von Murat Kurnaz träume, aber der Kanzlerkandidat antwortet mit dem Verweis auf irgendwelche Dokumentationen über sich und darauf, dass ein Untersuchungsausschuss seine (Steinmeiers) Unschuld bewiesen habe. Man müsse jetzt auch mal mit diesen Anschuldigungen aufhören, sagt er, während wir irgendwie haarscharf aneinander vorbei gucken, und ich das Gefühl habe, unter den Blicken der anderen Zuschauer und der Hitze der Scheinwerfer langsam zu zerfließen.

Mit Politikern zu sprechen ist eine der unbefriedigendsten Beschäftigungen überhaupt, weil einem immer erst hinterher klar wird, dass das gar kein Gespräch war, sondern eine Phrasen-Routine, die man schon im Informatikunterricht der siebten Klasse schreiben kann. (Es kann kein Zufall sein, dass Douglas Adams einst an einem Computerprogramm namens “Reagan” arbeitete, das Fernsehdebatten anstelle des US-Präsidenten hätte führen können.) Es macht fast mehr Spaß, im Herbst Laub zusammenzukehren und die Wiese kurz nach dem Wegpacken des Rechens schon wieder mit Blättern übersät zu sehen.

Das Thema Außenpolitik kommt in der Befragung des Außenministers nicht vor. Fragen nach afghanischen Tanklastern (“Wie viele davon werden wir noch in die Luft sprengen müssen, bis es in dem Land keine Taliban und keine Zivilisten mehr gibt und wir nach hause gehen können?”) verbieten sich wegen der Vorlaufzeit von fast 30 Stunden: Wer weiß, wie die Nachrichtenlage bei Ausstrahlung aussieht? Afghanistan kommt trotzdem vor, wenn auch anders als gedacht: Die Mutter eines Soldaten fragt nicht etwa, wann ihr Junge dauerhaft zuhause und in Sicherheit bleiben darf, sondern erkundigt sich nach besserer technischer Ausstattung für die Truppen. Dass sich die Sendung so amerikanisch anfühlen würde, war sicher nicht geplant.

Zur Auflockerung werden Steinmeier zwischendurch zwei “Wer wird Millionär?”-mäßige Quizfragen gestellt. Es fällt schwer zu glauben, dass eine mutmaßlich gut bezahlte Redaktion in monatelanger Vorbereitung nicht über “Was werden Sie nach dem Ende der großen Koalition am meisten vermissen? A: Angela Merkel, B: Karl-Theodor zu Guttenberg, C: Ursula von der Leyen, D: meinen Dienstwagen” hinausgekommen ist. Immerhin gibt es Steinmeier die Gelegenheit zum einzigen Mal in 75 Minuten mit Witz und Schlagfertigkeit zu glänzen, als er antwortet: “‘D’ scheidet ja aus, denn wenn die große Koalition endet, sitze ich ja im Kanzleramt.”

Als Schönenborn eine längere, komplizierte Zwischenmoderation, in der es auch irgendwie um die FDP geht, augenscheinlich völlig frei (also jedenfalls ohne Teleprompter und ohne noch mal auf seine Karten zu gucken) in die Kamera spricht, werde ich zu seinem glühenden Verehrer. Cichowicz dagegen gerät bei seinen kurzen Textpassagen häufiger ins Schwimmen, hat dafür aber das Zwischen-Zuschauern-Hocken in der Tradition von Jürgen Fliege und Günther Jauch im Repertoire. Zwischendurch stürzen immer wieder studentische Mikrofon-hinhalte-Kräfte die Treppen hinunter, was man am Bildschirm vermutlich nur als grotesk anmutende Satzpausen wahrnimmt.

Kurz vor Schluss darf noch eine Mutter mit Migrationshintergrund eine Frage stellen und weil sie in Steinmeiers Rücken sitzt, gerät diese Gesprächssimulation vollends zum Desaster: Steinmeier dreht ihr halb die Schulter zu und redet lieber zu Schönenborn und Kamera 1 und berichtet dann – Einzelschicksale hervorheben! – von einer jungen Türkin, die er kürzlich in Mainz kennengelernt habe und die jetzt ihren Hauptschulabschluss nachmache. Dass vor hinter ihm das vielleicht spannendere Einzelschicksal sitzt, ist egal: Die Frau aus Mainz passt besser in die Routine.

Die ersten Zuschauer erheben sich schon während des Abspanns.

Wahlarena: Zuschauer fragen Frank-Walter Steinmeier
Dienstag, 8. September 2009
21:05 Uhr im Ersten

Nachtrag, 9. September: Bis zum kommenden Samstag kann man sich die Sendung jetzt auch in der ARD-Mediathek ansehen.

Kategorie: Political Science, TV On The Radio | Kommentare (41)

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