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Robbie’s Coming Home

„Rob­bie Wil­liams ist bei Take That aus­ge­stie­gen. Der Grund: Er möch­te end­lich mal gute Musik machen.“ Die­sen Witz riss ich im Alter von elf Jah­ren in der damals von mir mode­rier­ten Late Night Show (Publi­kum: mei­ne bei­den jün­ge­ren Geschwis­ter) und auch wenn der dort ent­hal­te­ne Boy­band-Burn der vor­pu­ber­tä­ren Genervt­heit über Klas­sen­ka­me­ra­din­nen, die das alles ganz toll fan­den, geschul­det war (und ich Take That heim­lich auch immer schon ganz gut fand — wenn auch nicht so gut wie East 17), möch­te ich mir mehr als 30 Jah­re spä­ter ein­fach mal attes­tie­ren: Ja.

Ich habe vor unge­fähr zwei Jah­ren schon mal über Rob­bies Früh­werk und des­sen Bedeu­tung für mei­ne eige­ne Musik­bio­gra­phie geschrie­ben. Jetzt hat er die Hei­li­ge Drei­fal­tig­keit des altern­den Pop­stars (Grea­test-Hits-Album mit Orches­ter­be­glei­tung, Net­flix-Doku, Bio­pic mit Affe) hin­ter sich und kann nach vor­ne gucken. Zumin­dest theo­re­tisch, denn das Cover sei­nes 13. Stu­dio­al­bums ziert ein Foto von Rob­bies legen­dä­rem Glas­ton­bu­ry-Wochen­en­de 1995, als er 21-jäh­rig mit den Gal­lag­her Brot­hers sei­nen Abschied von Take That recht zünf­tig beging — hier aller­dings schon muse­ums­reif aus­ge­stellt und von jun­gen Bil­der­stür­mern mit Far­be beschmiert.

Robbie Williams - Britpop (Albumcover)

Dazu der Titel: „Brit­pop“. Jene Par­ty, zu der Rob­bie mit sei­nen ers­ten bei­den Alben „Life Thru A Lens“ (1997) und „I’ve Been Expec­ting You“ (1998) reich­lich spät stieß, zu der er mit Songs wie „Old Befo­re I Die“, „Strong“, „No Reg­rets“, „Lazy Days“ oder „It’s Only Us“ aber durch­aus noch Signi­fi­kan­tes bei­zu­steu­ern hat­te. Er habe das Album erschaf­fen, das er nach sei­nem Aus­stieg bei Take That habe schrei­ben und ver­öf­fent­li­chen wol­len, erklär­te er dann auch beflis­sen bei der Ankün­di­gung im ver­gan­ge­nen Mai — und die Brit­pop-Rob­bie-Fans von damals dach­ten: „Been The­re Then“.

Das Album soll­te zunächst im letz­ten Herbst erschei­nen, wur­de dann wegen Tay­lor Swifts „The Life Of A Show­girl“ auf den Febru­ar ver­scho­ben, und schließ­lich ohne wei­te­re Vor­war­nung doch ver­gan­ge­nen Frei­tag gedroppt. Offen­bar arbei­ten Mega­stars inzwi­schen genau­so erra­tisch wie Behör­den, gro­ße Fuß­ball­ver­ei­ne oder der öffent­lich-recht­li­che Rund­funk. Viel­leicht lag es dar­an, dass Har­ry Styl­es, der Har­ry Kane zu Rob­bies David Beck­ham, letz­te Woche ein neu­es Album für den 6. März ange­kün­digt hat und der Alt­meis­ter dem (auch nicht mehr ganz so) Jung­star aus dem Weg gehen woll­te.

Tat­säch­lich ver­sprü­hen die ers­ten Songs des Albums – die ers­te Sin­gle „Rocket“ mit Tony Iom­mi von Black Sab­bath an der Gitar­re, „Spies“, „Pret­ty Face“ – eine ähn­lich jugend­li­che Luft­gi­tar­ren-Ener­gie wie das Williams’sche Früh­werk. Sie brin­gen aber auch über­ra­schen­de Erin­ne­run­gen an „Esca­po­lo­gy“ mit, das etwas zwei­schnei­di­ge, angeb­lich so „ame­ri­ka­ni­sche“ Album von 2002, das den Abschied von Rob­bies lang­jäh­ri­gem Song­wri­ting-Part­ner Guy Cham­bers (und damit nach Ansicht vie­ler: den Anfang vom Ende) mar­kier­te und die letz­ten wirk­lich gro­ßen Songs („Feel“, „Come Undo­ne“) ent­hielt.

„Pret­ty Face“ zitiert direkt Nir­va­na („Hel­lo, hel­lo, hel­lo, how low“), „Cocky“ (geschrie­ben mit Gaz Coom­bes von Super­grass) erin­nert ans eige­ne „Man Machi­ne“, „Bite Your Ton­gue“ direkt noch mal an „Rocket“. Stö­cke und Stei­ne, die Kno­chen bre­chen und „Human“ eröff­nen, hat­ten wir schon 2001 in „Toxic“, aber das geht ja alles eh auf einen alten Kin­der­reim zurück und über­haupt: War­um denn nicht nach 30 Jah­ren Solo-Kar­rie­re jetzt auch mal flei­ßig Selbst­zi­tat? „Brit­pop“ ist ja eh selbst­be­wusst meta — bis hin zur Idee, als Titel eine Gen­re­bezeich­nung zu neh­men, die zumin­dest damals von allen gehasst wur­de, die damit bedacht wur­den. Wir Alt-Fans aber neh­men dank­bar alles, nur nicht noch mal sowas wie „Rude­box“ oder das zwei­te Swing-Album!

Inhalt­lich wirkt es ein wenig, als sei er bei „Love My Life” aus dem Jahr 2016 hän­gen­ge­blie­ben: Wir waren mal jung und haben da viel (*zwink­er­zwin­ker*) erlebt; jetzt gera­de ist Fami­lie das Wich­tigs­te; wer weiß, wie viel Zeit uns bleibt. Das alles ist ja nun wirk­lich das exak­te Gegen­teil von Rock ’n‘ Roll, aber eben auch Lebens­wirk­lich­keit sei­ner Xen­ni­al fan base und von daher: Bit­te! „Youth is was­ted on the young“, hat­te Rob­bie ja schon 2001 in „Eter­ni­ty“ geklagt und dabei Geor­ge Ber­nard Shaw (mut­maß­lich) nicht zitiert.

Ob es jetzt wirk­lich noch ein Song mit „my life“ im Titel sein muss­te (hier: „All My Life“), sei mal dahin­ge­stellt, aber der Refrain ist schon wie­der so hym­nisch, dass man – das alko­hol­freie Getränk noch in der Hand – schon wie­der die Tanz­flä­che stür­men und sich brom­an­tisch in den Armen lie­gen muss! Außer­dem beschert uns Rob­bie mal wie­der – die Lis­te ist ja inzwi­schen lang – eine groß­ar­ti­ge Selbst­cha­rak­te­ri­sie­rung: „The only thing I’d miss is mis­be­ha­viour /​ I’ve made fri­ends with kno­wing that I’m stran­ge /​ Maso­chi­stic, but I’m always enter­tai­ning /​ And I know l’Il die, but l’Il never lea­ve the stage“. Klar, dass man so einen Song dann nicht etwa mit einem Knall been­det, son­dern 80er-Jah­re-mäßig aus­fa­den lässt.

„Bite Your Ton­gue“ gibt sich so etwas ähn­li­ches wie poli­tisch: „Wham bam, ain’t it a scam /​ Afgha­ni­stan and Viet­nam“. Wenn Rob­bie dann auch noch eine 80er-Jah­re-Band mit dem Todes­schüt­zen von Robert F. Ken­ne­dy gleich­setzt („Duran Duran is a Sir­han Sir­han“), steht fest: „poli­tisch“ in dem Sin­ne wie „Palim, Palim“ — aber auch dort hat ja inzwi­schen eine Umdeu­tung statt­ge­fun­den.

Mit „Mor­ris­sey“ (geschrie­ben mit Gary Bar­low!) lie­fert Rob­bie einen wei­te­ren Bei­trag zum Sub­gen­re „Lie­der über den The-Smit­hs-Sän­ger“, mit dem man inzwi­schen gan­ze Com­pi­la­ti­on-Alben fül­len könn­te, was natür­lich deut­lich erfreu­li­cher ist, als dem kom­plett durch­ge­dreh­ten Ras­sis­ten, Tier­rechts­hy­per­ak­ti­vis­ten und Gele­gen­heits-Musi­ker selbst wei­ter zuzu­hö­ren. 1

„It’s OK Until The Drugs Stop Working“ grüßt im Titel The Ver­ve (Rob­bie muss nach den Auf­nah­me­ses­si­ons Mus­kel­ka­ter vom Zwin­kern und Zuni­cken gehabt haben), erin­nert musi­ka­lisch aber über­ra­schend an den inzwi­schen auch schon 20 Jah­re alten Indiepop-Kra­cher „We’re From Bar­ce­lo­na“ — falls sich da außer mir noch irgend­je­mand dran erin­nern kann.

Klingt der Refrain von „Spies“, als wäre er in den „Cham­pa­gne Supernova“-Kelch gefal­len? Ja, klar. Ande­rer­seits: War­um denn auch nicht? Da könn­te man ja gleich die ver­meint­lich man­geln­de Ori­gi­na­li­tät der Gal­lag­hers kri­ti­sie­ren! Das Album wur­de geschrie­ben und auf­ge­nom­men, bevor Oasis wie­der die Band der Stun­de waren (und Richard Ash­croft und Cast zur Par­ty mit­brach­ten), jetzt passt plötz­lich alles zusam­men bei die­sem gro­ßen Welt­klas­sen­tref­fen.

Dabei gilt über­ra­schen­der­wei­se das, was The Hold Ste­ady in „Stay Posi­ti­ve“ über eine ganz ande­re Musik­sze­ne schrie­ben: „There’s gon­na come a time when the true sce­ne lea­ders /​ For­get whe­re they dif­fer and get big pic­tu­re /​ ‚cau­se the kids at the shows, they’ll have kids of their own /​ The sing along songs will be our scrip­tures“. Wenn „Brit­pop“ wirk­lich die ange­spro­che­ne Selbst­ver­wirk­li­chung ist und dabei noch so soli­den Fan-Ser­vice leis­tet, haben wir doch alle was davon!

Natür­lich gibt es das Album auch in einer „Delu­xe Edi­ti­on“, die die Dra­ma­tur­gie des eigent­li­chen Albums (das mit einer Schlaf­lied-Repri­se von „Pocket“ endet), ad absur­dum führt. Das aller­dings – Rob­bie bleibt Rob­bie – gleich sehr gründ­lich, denn der fina­le Song „Desi­re“, der die Son­der­aus­ga­be nach über einer Stun­de beschließt, ist eine „Offi­ci­al FIFA Anthem“, gesun­gen mit Lau­ra Pausi­ni, und min­des­tens so schreck­lich, wie man es ange­sichts des Fuß­ball­welt­ver­ban­des erwar­ten wür­de. Wenn raus­kä­me, dass der gan­ze Song von einer KI mit dem Auf­trag erstellt wur­de, eine schrei­end kli­schier­te Pathos­quatsch­schleu­der im Sti­le von Ima­gi­ne Dra­gons zu pro­du­zie­ren, wäre man nicht im Min­des­ten über­rascht — es wäre viel­mehr die kon­se­quen­te Fort­set­zung von Rob­bies Auf­tritt bei der Eröff­nung der Fuß­ball-WM 2018 in Mos­kau, bei der er der ver­sam­mel­ten Welt­öf­fent­lich­keit den Mit­tel­fin­ger ent­ge­gen­streck­te. Wenn die FIFA so ver­ant­wor­tungs­los mit Geld umgeht, ist es kein Wun­der, dass sie die Scheich­mil­li­ar­den und das „dyna­mic pri­cing“ braucht.

Wenn man die zusätz­li­chen Tracks aller­dings als Rechts­nach­fol­ger der B‑Seiten sieht – jenem aus­ge­stor­be­nen Medi­um, in dem Rob­bie damals ähn­lich pro­duk­tiv war wie all die gro­ßen Brit­pop-Bands -, dann ergibt es wie­der Sinn. Irgend­wie. „Sel­fi­sh Dis­co“ ist ein Aus­flug in ein ande­res Gen­re; „G.E.M.B.“ (das steht für „Green Eyed Men­tal Boy“) ein wei­te­res Gitar­ren­brett in der Tra­di­ti­on von „The World’s Most Hand­so­me Man“ (auch text­lich); und „Com­ment Sec­tion“ macht sich über Social-Media-Nutzer*innen lus­tig (inkl. gut gelaun­ter Ein­la­dung zum Shit­s­torm: „I’m a fan of K‑Pop and One Direc­tion“). Das haben von Tay­lor Swift über die Pet Shop Boys bis hin zu Mar­cus Wie­busch zwar wirk­lich schon alle durch­ex­er­ziert, aber Pop­kul­tur ist ja immer Spie­gel ihrer Zeit — und Social Media ist eben die Umwelt­ver­schmut­zung der Gegen­wart. 2

„Brit­pop“ ist das musi­ka­li­sche Äqui­va­lent dazu, wenn sich Män­ner über 40 – man­che mit Bier­bauch, man­che frisch getrennt, man­che gera­de wer­den­de Väter – zum gemein­sa­men Fuß­ball­spie­len tref­fen: Es sieht nicht mehr so ath­le­tisch aus wie frü­her; bei man­chen Aus­ru­fen hofft man, dass die eige­ne peer group gera­de nicht zuhört; das kon­su­mier­te Bier wird man mor­gen noch mer­ken — aber in einer Welt, in der man lie­ber gar kei­ne Nach­rich­ten mehr kon­su­miert, gibt die­ses Ritu­al ein Gefühl von Sta­bi­li­tät. Rob­bie Wil­liams hält auch mit 51 das Ver­spre­chen, das er uns im ers­ten Song sei­nes Solo-Debüts gege­ben hat: „And we will have /​ A jol­ly good time“.

Rob­bie Wil­liams – Brit­pop
(Sony Music, 16. Janu­ar 2026)
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Tidal
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Deezer

  1. Aktu­ells­tes Bei­spiel: „Dear Ste­phen“ von den Manic Street Pre­a­chers, Zeit­ge­nos­sen der gro­ßen Brit­pop-Pha­se und im Jahr 2000 von Rob­bie schon in „By All Means Neces­sa­ry“ nament­lich erwähnt, aus dem ver­gan­ge­nen Jahr.[]
  2. Neben Umwelt­ver­schmut­zung.[]
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Musik

Listenpanik 02/​09

Der Febru­ar ist ein blö­der Monat: Ver­dammt kurz, aber vol­ler span­nen­der Ver­öf­fent­li­chun­gen. Alles habe ich nicht geschafft zu hören, eini­ge waren erschre­ckend öde, aber irgend­wie sind mir dann doch noch genug Alben und Songs ein­ge­fal­len, die man sich für die Jah­res­end­lis­te vor­mer­ken soll­te.

Bevor im März mit Star­sail­or und Ben Lee das ganz gro­ße Fan-Fass auf­ge­macht wird, hier erst­mal der Febru­ar:

Alben
Lily Allen – It’s Not Me, It’s You
Sel­ten habe ich mich im Bekann­ten­kreis für etwas so sehr recht­fer­ti­gen müs­sen wie für mei­ne Lily-Allen-Ver­eh­rung. Aber im Gegen­satz zu die­sen gan­zen Café- und Fami­li­en­kom­bi­beschal­le­rin­nen (Duffy, Amy Wine­house, Amy Mac­Do­nald, Ade­le, Gabrie­la Cil­mi, …) hat Lily Allen Eier (das hört sich im Bezug auf Frau­en immer komisch an, weil Frau­en natür­lich gene­rell Eier haben – ganz anders als Män­ner). Ihre Songs sind klug und wit­zig, gehen ins Ohr und in die Füße und ihr zwei­tes Album setzt das phan­tas­ti­sche Debüt kon­se­quent fort. So und nicht anders soll­ten jun­ge Frau­en mit 23 klin­gen.

Bei­rut – March Of The Zapo­tec /​ Real­peo­p­le: Hol­land
Und damit zum nächs­ten Musi­ker, der jün­ger als ich ist: Zach Con­don hat mit sei­ner Band Bei­rut bereits zwei Alben ver­öf­fent­licht, jetzt kommt eine Dop­pel-EP, bestehend aus sechs Songs, die er mit einer 19-köp­fi­gen Band in Mexi­ko auf­ge­nom­men hat, und fün­fen, die er schon vor län­ge­rer Zeit mit sei­nem Elek­tro­nik-Pro­jekt Real­peo­p­le auf­ge­nom­men hat. Der ers­te Teil ist Welt­mu­sik für Leu­te, die sonst kei­ne Welt­mu­sik mögen, der zwei­te Elek­tro­nik für Leu­te, die sonst kei­ne Elek­tro­nik hören. Trotz die­ser zwei doch recht unter­schied­li­chen Ansät­ze wird das Album (die Dop­pel-EP) von Con­dons Stim­me und sei­nen Ideen wun­der­bar zusam­men­ge­hal­ten.

U2 – No Line On The Hori­zon
U2 zäh­len zu jenen Bands, die ich durch­aus schät­ze, die mir aber nie in den Sinn kämen, wenn es um die Nen­nung mei­ner Lieb­lings­bands geht. „No Line On The Hori­zon“ wird jetzt als ihr bes­tes Album seit lan­gem gefei­ert und erst­mals seit lan­ger Zeit höre ich ein Album, von dem bei mir so gar nichts hän­gen blei­ben will. Nach etli­chen Durch­gän­gen könn­te ich gera­de andert­halb Refrains benen­nen, ansons­ten geht das Album ein­fach so durch mei­nen Kopf durch. Selt­sa­mer­wei­se weiß ich trotz­dem, dass ich das Album gut fin­de.

Mor­ris­sey – Years Of Refu­sal
Ja, klar: The Smit­hs waren schon sehr, sehr groß und Mor­ris­sey ist eine coo­le Sau. Trotz­dem haben mich die Alben des Man­nes, den Musik­jour­na­lis­ten stets wis­send mit merk­wür­di­gen Attri­bu­ten beden­ken, nie so wirk­lich inter­es­siert. Die Sin­gles: ja („First Of The Gang To Die“ als abso­lu­ter Über­hit), aber sonst? „Years Of Refu­sal“ ist da anders: Das Album rockt und bockt und zickt und alle schrei­en laut „Ach Gott, ach Gott, das kann er doch nicht machen. Und jetzt hört man auch noch die Ver­zer­rer und das schep­pern­de Schlag­zeug …“. Und ich fin­de es zum ers­ten Mal rich­tig inter­es­sant.

The Whitest Boy Ali­ve – Rules
In einem wachen Moment mei­ner by:Larm-Berichterstattung hat­te ich Erlend Øye als „eine Art Thees Uhl­mann Nor­we­gens“ beschrie­ben, was sich aller­dings pri­mär auf die Mas­kott­chen- und Paten­haf­tig­keit der Bei­den für die jewei­li­gen Musik­sze­nen bezog. (Wit­zi­ger­wei­se ist Øye ja unge­fähr so sel­ten in Nor­we­gen wie Uhl­mann in Ham­burg, weil bei­de in Ber­lin woh­nen, der Stadt, in der man halt wohnt.) Außer­dem sind Bei­de – zumin­dest in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung – jeweils ihre Band. Kaum jeman­den inter­es­siert, wer sonst noch bei The Whitest Boy Ali­ve bzw. bei Tom­te spielt – aber damit ist end­lich Schluss mit den Gemein­sam­kei­ten, denn The Whitest Boy Ali­ve sind per­ma­nent so fun­ky wie Tom­te in ihren fun­kigs­ten Momen­ten. „Rules“ ist von vor­ne bis hin­ten eine Auf­for­de­rung zum Tanz, eine Plat­te, die man erst mit den Füßen hört und dann mit den Ohren (eine ana­to­misch etwas abwe­gi­ge Idee), ein­fach schö­ner, klang­vol­ler Pop.

Songs
Lily Allen – Who’d Have Known
Die Idee, ein­fach den Refrain eines Hits vom Take-That-Come­back-Album zu neh­men („Shi­ne“) und dar­aus einen kom­plett neu­en Song zu ent­wi­ckeln, ist so uncool und absurd, dass man sie ein­fach lie­ben muss. Ansons­ten ist „Who’d Have Known“ auch noch ein so rüh­rend unschul­di­ges Lie­bes­lied, in dem sich Roman­tik und all­täg­li­ches Rum­lun­gern auf sehr sym­pa­thi­sche Wei­se tref­fen. Bezie­hung durch Gewohn­heits­recht, qua­si.

Klee – Ich lass ein Licht an für Dich
Und gleich noch so eine rüh­rend unschul­di­ge Num­mer: „Ber­ge ver­set­zen“, das aktu­el­le, mit­un­ter an Goldf­rapp erin­nernd Klee-Album, war ein biss­chen an mir vor­bei­ge­gan­gen, bis mir der Shuff­le Mode die­sen Song in die Ohren und direkt ins Herz jag­te. Die­ses Lied ist der bes­te Beweis, wie man auch in deut­scher Spra­che völ­lig unpein­lich ganz gro­ße Gefüh­le behan­deln kann. (Ich muss da immer an „Halt Dich an Dei­ner Lie­be fest“ den­ken.)

Kili­ans – Said And Done
Lus­tig: Wenn man es direkt nach „Ich lass ein Licht an für Dich“ hört, klingt es fast wie die Fort­set­zung des Songs. Irgend­je­mand muss ja auch mal „Never Thought I’d Say That It’s Alright“ und „When Did Your Heart Go Miss­ing“ beer­ben, was gene­ra­tio­nen­über­grei­fen­den Air­play angeht. War­um also nicht die Kili­ans, die mit ein paar Strei­chern im Rücken das Feld beackern, das seit dem Ende von Rea­dy­ma­de und Miles brach liegt? Und kei­ne Angst vor dem Pop: Das Album rockt dann wie­der mehr.

Man­do Diao – Go Out Tonight
Wirk­lich span­nend ist auch deren neu­es Album nicht gewor­den (wenn auch nicht ganz so öde wie das von Franz Fer­di­nand), aber kurz vor Schluss kommt dann wenigs­tens so eine Man­do-Diao-typi­sche Schun­kel­num­mer mit Motown-Rhyth­mus, Melan­cho­lie und ordent­lich Feu­er in den Stim­men.

[Lis­ten­pa­nik, die Serie]

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Leben Musik

Meat Is Murder

Ich hät­te nie geglaubt, mal die seich­te Poprock­grüt­ze von Match­box Twen­ty mit Mor­ris­sey ver­glei­chen zu wol­len. Jetzt aber nötigt mich eine Mel­dung dazu, es doch zu tun. „Tier­lie­be: „Match­box Twen­ty“ sagen Fes­ti­val­auf­tritt ab“ heißt es da:

Los Ange­les: „Match­box Twen­ty“ haben aus Tier­lie­be ihre Teil­nah­me am „Che­yenne Fron­tier Days Fes­ti­val“ abge­sagt. Front­mann Rob Tho­mas wur­de vor kur­zem näm­lich von einer Tier­schutz­or­ga­ni­sa­ti­on ein Video­tape zuge­spielt, auf dem zu sehen war, dass im ver­gan­ge­nen Jahr Tie­re bei dem Event gequält wur­den. Laut Medi­en­be­rich­ten zog die Band dar­auf­hin die Kon­se­quen­zen und can­cel­te ihren geplan­ten Auf­tritt. Was genau auf dem Video zu sehen war, ist nicht bekannt. […]

Das ist dann aber doch ein wenig Mor­ris­sey für Arme. Der beken­nen­de Tier­freund sorgt näm­lich lie­ber für Tat­sa­chen. Er ver­bannt seit Jah­ren erfolg­reich das von ihm ver­ach­te­te Fleisch nicht nur aus sei­nen Kon­zert­ve­nues, son­dern teil­wei­se auch aus deren nähe­rer Umge­bung. Er sagt auch schon ein­mal ein Kon­zert ab, weil es in einem ehe­ma­li­gen Schlacht­hof hät­te statt­fin­den sol­len. Rob Tho­mas und co. hin­ge­gen knei­fen lie­ber, ohne irgend­et­was zu ändern, und pro­tes­tie­ren dann auch noch brav und zahm. Noch alber­ner wird es aller­dings, wenn man in der eng­lisch­spra­chi­gen Ursprungs­mel­dung erfährt, dass die­ses Fes­ti­val übri­gens nicht nur eine Rodeo-Ver­an­stal­tung ist, son­dern sogar die welt­größ­te. Das macht die schlech­te Behand­lung von Tie­ren dann doch irgend­wie einen win­zi­gen Deut erwart­ba­rer. Ihren Auf­tritt bei einem ande­ren Rodeo zie­hen Match­box Twen­ty aber wohl durch.

Ange­sichts so viel Weich­eie­rig­keit und Inkon­se­quenz denkt man doch gleich viel lie­ber an Mor­ris­seys hüb­sche Aus­fäl­le. Der for­dert schon mal die Aus­wei­sung aller Fleisch­esser oder über­leg­te ange­sichts sei­ner pelz­tra­gen­den Kol­le­gin Madon­na laut, wie es wohl wäre, wenn man ihre Män­tel­chen aus einem ande­ren Mate­ri­al nähen wür­de. Ähn­lich hand­fest ist übri­gens auch Mark E. Smith von The Fall. Der geht schon ein­mal mit Hecken­sche­ren auf Din­ge los, die ihn stö­ren. Was Mor­ris­sey davon hält, wis­sen wir noch nicht. Eine zukünf­ti­ge Zusam­men­ar­beit der bei­den bri­ti­schen Rock­hel­den dür­fen wir aber wohl aus­schlie­ßen.

[via Forum von plattentests.de]