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Another Day In Paradise

Die ers­te Schall­plat­te, von der ich mich erin­nern kann, sie in den Hän­den gehal­ten zu haben, müss­te „…But Serious­ly“ von Phil Coll­ins gewe­sen sein. Mein Vater hat­te sie ver­mut­lich kurz nach Erschei­nen gekauft und ich neh­me an, „Ano­ther Day In Para­di­se“ war mit sechs Jah­ren sowas wie mein ers­tes Lieb­lings­lied, ein­fach weil es stän­dig auf Plat­te und im Radio lief. So ganz genau weiß ich es nicht mehr, aber Phil Coll­ins war ein­fach immer da.

Etwa zu die­ser Zeit fing ich mit dem Schlag­zeug­spie­len an und begriff erst lang­sam, dass Phil Coll­ins auch ein berühm­ter Schlag­zeu­ger (gewe­sen) war – einer der bes­ten der Welt. So wird es wohl nie mehr einen beein­dru­cken­de­ren Schlag­zeug­ein­satz geben als auf „In The Air Tonight“ und auch heu­te sind sei­ne Schlag­zeug­so­li die Höhe­punk­te jedes Live­kon­zerts. Ehe der ungleich coo­le­re Dave Grohl vom Nir­va­na-Schlag­zeug ans Foo-Figh­ters-Mikro­fon wech­sel­te, war Phil Coll­ins das Vor­bild aller Drum­mer, die sich zu Höhe­rem beru­fen fühl­ten (also aller Drum­mer).

Sein ’93er Album „Both Sides“ war eine der ers­ten CDs, die ich selbst besaß, auch wenn ich es bis heu­te glau­be ich kein ein­zi­ges Mal kom­plett gehört habe – als jun­ger Mensch hör­te man ja irgend­wie immer nur die Sin­gles, die man aus dem Radio oder aus der WDR-Video­clip­sen­dung „Hit Clip“ kann­te. Dafür kann ich die Tex­te die­ser Sin­gles heu­te immer noch aus­wen­dig mit­sin­gen, was inso­fern beacht­lich ist, als das Album ja aus einer Zeit stammt, zu der ich gera­de im ers­ten Jahr des Eng­lisch­un­ter­richts steck­te.

Weih­nach­ten 1996 wünsch­te ich mir dann und bekam „Dance Into The Light“, das ich auch erst­ma­lig als voll­stän­di­ges Album wahr­nahm. Aus heu­ti­ger Sicht lässt sich natür­lich leicht sagen, dass es sich um ein ziem­lich grau­en­haf­tes Radio­pop-Album han­delt, auf dem der damals 45-jäh­ri­ge Coll­ins abwech­selnd ver­such­te, jugend­lich und wie sein alter Gene­sis-Kum­pel Peter Gabri­el zu klin­gen. Auch hat­te ich mich als 13-Jäh­ri­ger noch nicht so weit in die Musik­his­to­rie ein­ge­ar­bei­tet um zu erken­nen, dass Coll­ins‘ Ver­si­on von „The Times They Are A‑Changin‘ “ ein ziem­lich übles Ver­ge­hen am Werk eines gewis­sen Bob Dylan war. Ich war halt Phil-Coll­ins-Fan und soll­te noch ler­nen, dass es offen­bar eben­so schwer ist, sich gegen sei­ne ers­ten musi­ka­li­schen Hel­den zu stel­len, wie etwas schlech­tes über sei­ne ers­te Teen­ager-Lie­be zu sagen. So bin ich ja heu­te noch glü­hen­der Ver­eh­rer von a‑ha und Her­bert Grö­ne­mey­er, ver­su­che auch der grau­en­haf­ten neu­en Paul-McCart­ney-Plat­te irgend­et­was posi­ti­ves abzu­rin­gen und nach mei­nem Wie­der­hö­ren mit der Mün­che­ner Frei­heit will ich am liebs­ten gar nicht wis­sen, was ich auch heu­te noch von BAP und East 17 hiel­te.

„…Hits“, das Coll­ins-Best-Of von 1998, war jeden­falls eine mei­ner ers­ten selbst­ge­kauf­ten CDs und mach­te mich auch mit den Erfol­gen, die vor mei­ner Geburt lagen, bekannt. Als Phil Coll­ins dann 1999 den Sound­track zu Dis­neys „Tarzan“-Film ver­öf­fent­lich­te, befand ich mich zwar schon auf dem Weg zu einem ande­ren Musik­ge­schmack, aber die sym­pa­thi­sche Stim­me des klei­nen Man­nes gehör­te inzwi­schen qua­si zur Fami­lie. Auch die­se Lie­der kann ich heu­te alle noch mit­sin­gen und die Sin­gle „You’ll Be In My Heart“ hat es sei­ner­zeit auf min­des­tens eine Kas­set­ten­mäd­chen­kas­set­te geschafft.

Selbst, als sich bei mir schon die Radiohead‑, Smas­hing-Pump­kins- und Tom-Liwa-Alben sta­pel­ten, war Phil Coll­ins aus mei­nem Leben nicht weg­zu­krie­gen: Das Leo-Say­er-Cover „Can’t Stop Loving You“ vom ansons­ten grau­en­haf­ten Album „Testi­fy“ lan­de­te wahr­schein­lich nur des­halb auf kei­nem Mix­tape, weil die Ste­reo­an­la­ge mei­nes Vaters damals nach einem Blitz­scha­den in Repa­ra­tur war, und selbst „Look Through My Eyes“ vom „Bären­brü­der“-Sound­track fand ich gut. Phil Coll­ins‘ Stim­me hat inzwi­schen die glei­che Wir­kung auf mich wie der Geruch auf dem Dach­bo­den mei­ner Groß­el­tern: Sie weckt Erin­ne­run­gen an längst ver­gan­ge­ne Tage, als die Welt noch groß und auf­re­gend war, und einem trotz­dem nichts pas­sie­ren konn­te.

So war ich auch kein biss­chen über­rascht, als bei der Aka­de­mi­schen Jah­res­fei­er, in deren Rah­men ich am Diens­tag mein Bache­lor-Zeug­nis erhielt, ein Jazz-Trio „Against All Odds“ zum Bes­ten gab (der Grund, war­um ich über­haupt auf die Idee zu die­sem Ein­trag kam). Ich war sogar rich­tig­ge­hend beru­higt, denn ich wuss­te, Phil Coll­ins und sei­ne Songs wür­den immer da sein, egal wo ich bin und was ich tu. Und es ist doch immer schön, wenn man sich auf etwas ver­las­sen kann.

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Rundfunk Fernsehen

Keine Amnesie für Coffee And TV

Ich trat gera­de ans Hand­wasch­be­cken, um mei­ne Hän­de zu waschen, als ein Satz mei­ne Syn­ap­sen durch­zuck­te:

Als Herr von Schel­le tre­te ich viel ener­gi­scher und zacki­ger auf

Weit schlim­mer als der Satz ist sein Ursprung und vor allem die Tat­sa­che, dass ich mich dar­an erin­ne­re. Er ent­stammt näm­lich einer Über­schrift auf der Medi­en­sei­te der NRZ, die ich etwa im Jahr 1992 auf dem Küchen­fuß­bo­den mei­ner Eltern las. Gesagt hat ihn die inzwi­schen ver­stor­be­ne, damals aber noch quick­le­ben­di­ge Anne­ma­rie Wendl, die in der belieb­ten ARD-Serie „Lin­den­stra­ße“ die Haus­meis­te­rin Else Kling spiel­te. In einer Fol­ge die­ser Serie muss­te sich Else Kling als Mann (eben jener Herr von Schel­le) ver­klei­den, da sie – und hier wird mei­ne Erin­ne­rung bruch­stück­haf­ter – einen Auf­ent­halt auf einer Well­ness Farm (die damals noch nicht „Well­ness Farm“ hieß) gewon­nen hat­te, es sich aller­dings um eine Well­ness Farm für Män­ner han­del­te und sie des­halb unter Pseud­onym teil­ge­nom­men hat­te und nun auch so dort anrei­sen muss­te.
Da man sich auf einer Well­ness Farm eher sel­ten voll beklei­det auf­hält, will mir die­se Erklä­rung heu­te, knapp 15 Jah­re spä­ter, irgend­wie völ­lig däm­lich und weit her­ge­holt erschei­nen, aber ich bin mir recht sicher, dass es sich so oder so ähn­lich abge­spielt hat. Der der­art über­schrie­be­ne Arti­kel dreh­te sich ent­spre­chend um die Erfah­run­gen, die Frau Wendl bei den Dreh­ar­bei­ten in dis­gu­i­se gemacht hat­te.
Lei­der fin­de ich heu­te kei­ner­lei aus­sa­ge­kräf­ti­ge Quel­len mehr zu dem The­ma, aber ich bin bereit, einem Gedächt­nis, das einen sol­chen Satz über Jahr­zehn­te ver­wahrt, auch die Begleit­um­stän­de zu glau­ben – sei­en sie auch noch so dif­fus und unsin­nig.

Das Besorg­nis­er­re­gends­te an die­ser Geschich­te aber ist: ich habe die „Lin­den­stra­ße“ nie bewusst geguckt.