Beiträge vom November, 2008

Listenpanik 09/08

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. November 2008 19:33

Es ist November und ich bin noch nicht dazu gekommen, die Bestenliste für September zu schreiben. Das liegt zum einen daran, dass im September verdammt viele Alben herausgekommen sind, die mir gefallen (könnten), zum anderen daran, dass ich zeitgleich mit dem Vorhaben begonnen habe, bisher ungehörte CDs aus meinem Regal mal einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Und dann bin ich auch noch ständig unterwegs …

Ich habe jetzt aber den Moment gefunden, in dem ich mit der ungefähren Reihenfolge der September-Veröffentlichungen leben kann. Bevor ich diese wieder verwerfe, drücke ich besser auf “Veröffentlichen”. Deshalb fehlen diesmal auch die Erläuterungen, was ich zu entschuldigen bitte.

Es folgen die besten Platten und Songs des Monats September – wie immer und alles hier im Blog streng subjektiv:

Alben
1. Travis – Ode To J. Smith (s.a. hier)
2. PeterLicht – Melancholie Und Gesellschaft
3. Ra Ra Riot – The Rhumb Line
4. Ben Folds – Way To Normal
(s.a. hier)
5. The Streets – Everything Is Borrowed

Songs
1. Travis – Before You Were Young
2. PeterLicht – Alles was Du siehst gehört Dir
3. Tomte – Der letzte große Wal
4. Oasis – The Shock Of The Lightning
5. Ra Ra Riot – Too Too Too Fast

Oktober kommt dann hoffentlich auch bald.

[Listenpanik - Die Serie]

War was?

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 6. November 2008 14:38

Wie es der Zufall so will, hat sich die große Koalition in Deutschlandübrigens gestern darauf verständigt, wie das BKA-Gesetz aussehen soll. Der Weg zu heimlichen Online-Durchsuchungen ist damit frei.

Headlines And Deadlines

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. November 2008 19:15

Aus dem Liveblog von heute Nacht:

00:35 Uhr: Oha, schwerer Busunfall bei Hannover mit 20 Toten. Das macht es für die Titelseitenredakteure von “Bild” auch nicht einfacher.

00:39 Uhr: “Bild” hat wirklich ein Schlagzeilen-Problem: Boris Becker und Sandy Meyer-Wölden haben sich getrennt!

Immer noch berauscht von dem Statistikoverkill auf CNN hab ich dann heute für Sie einmal nachgemessen:

Titelseite der "Bild"-Zeitung vom 5. November 2008

Die Gesamtgröße der Titelseite beträgt inklusive Weißflächen 2.280 cm², davon entfallen

  • 679 cm² (29,8%, blau) auf die Präsidentschaftswahl (deren Ausgang bei Drucklegung noch nicht feststand)
  • 252 cm² (11%, gelb) auf den Busunfall
  • 126 cm² (5,5%, rot) auf Boris Becker

Heute im Premium-Angebot

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. November 2008 15:14

Liebes-Aus: Boris sucht nach der großen Liebe. Nächstes Jahr: Franka Potente will heiraten. Liebes-Aus: Becker trennt sich von Sandy.

RP Online-Geschäftsführer Oliver Eckert muss derzeit viel Kritik einstecken: das Internetangebot der “Rheinischen Post” wird fast täglich von Deutschlands bekanntesten Bloggern mit Häme überzogen. Zu bunt, zu nachlässig recherchiert, zu “klickgeil” heißt es immer wieder.

Bei Meedia gibt es ein Interview mit Oliver Eckert, dem Geschäftsführer von “RP Online”.

Der beantwortet dort die Fragen, ob er der Prügelknabe der Blogosphäre sei (“Nein, überhaupt nicht.”), warum die Texte auf dem von ihm verantworteten Portal mitunter klingen, als seien sie von einem Achtjährigen geschrieben worden (diese Frage wurde leider nicht wörtlich gestellt, er schob es aber aufs “Newsflow-Prinzip”), und wie viel Boulevard “eine erfolgreiche Webseite” vertrage brauche (“Unsere beiden Ressorts Gesellschaft und Panorama machen jeweils nur einen einstelligen Prozentsatz unserer Gesamtreichweite aus.”).

Fragen wie die, ob das Redaktionssystem von “RP Online” so etwas wie eine Rechtschreibprüfung habe, oder wie es offensichtliche Schleichwerbung in das erfolgreichste deutsche Regionalportal schafft, wurden leider nicht gestellt.

Man erfährt nicht also viel neues, außer dass “RP Online” ein “Premium-Angebot” sei. Und das ist vermutlich so etwas ähnliches wie eine “Premium-Brauerei”.

Oder so.

[via Katti]

Coffee And TV goes green

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. November 2008 13:59

Nachdem ich mich in der vergangenen Nacht an der Schönheit der Demokratie berauscht habe, werde ich nächste Woche Gelegenheit haben, mich mit dem harten politischen Alltagsgeschäft in Deutschland zu befassen.

Vor einigen Wochen hatte die Partei Bündnis 90/Die Grünen (und das war das erste und letzte Mal, dass ich diesen knackigen Namen komplett ausgeschrieben habe) einen Aufruf gestartet, bei dem sich Blogger für eine Art Bloggerstipendium für den Bundesparteitag (der bei den Grünen Bundesdeligiertenkonferenz heißt) bewerben konnten. Weil ich bereits in ganz jungen Jahren verschiedene Grünen-Veranstaltungen besucht hatte, fühlte ich mich hinreichend kompetent für diesen Job und habe mich dort beworben.

Jetzt habe ich erfahren, dass ich vom 14. bis zum 16. November in Erfurt dabei sein darf. Es wird mein erster Parteitag und ich bin sehr gespannt. Ich erwarte nicht allzu viel “Change”-Stimmung, auch wenn mit Cem Özdemir erstmals ein türkischstämmiger Politiker Vorsitzender einer größeren deutschen Partei werden kann.

Nun werden Sie vielleicht denken: “Die Partei zahlt ihm Zugfahrt und Hotel, da wird er die ja sicher in den Himmel loben!” Da kann ich Sie beruhigen: So lange Claudia Roth, die am Montag vor die Presse stürmte und das Verhalten der vier hessischen SPD-Abweichler verurteilte, bevor die sich überhaupt erklärt hatten, bei den Grünen dabei ist, wird es genug geben, über das ich mich ärgern kann.

Erwarten Sie also stimmungsvolle Impressionen aus der mir völlig fremden Welt der Parteipolitik hier bei Coffee And TV — und ebenfalls im Pottblog, denn Jens ist witzigerweise auch dabei.

Präsidiales Liveblog

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 5. November 2008 0:00

00:00 Uhr: Jetzt geht’s lo-hos!

Blogger und Arbeitsplatz sind bereit:

Ich gucke seit zehn Minuten ARD und bezweifle jetzt schon, dass ich das wach überstehen werde. Was schon mal ein Fortschritt ist: vor vier Jahren saß in dieser Maischberger-Runde Henryk M. Broder.

[...]

Programmhinweis

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 4. November 2008 18:19

US-Präsident (Archivbild)

Ich hatte die Käsewürfel schon klein geschnitten, den Prosecco aufgewärmt und kleine Länderfähnchen gekauft — und dann fiel mir auf, dass heute gar kein Schlager-Grand-Prix stattfindet.

Ich werde aber trotzdem ein Liveblog machen. Es wird sich stattdessen mit der großen Krise befassen, die morgen über den Journalismus hineinbrechen wird, und die auf den Namen “Oh mein Gott, worüber sollen wir jetzt schreiben?!” hört. Es geht also (Sie ahnten es bereits und fanden meine Versuche, Ross, Reiter und Kind nicht beim Namen zu nennen, eher so mittel) um die Präsidentschaftswahl in den USA.

Ich weiß noch nicht, ob ich die ganze Nacht durchhalte, aber Kaffee und Fernseher (Es passt! Endlich mal eine Stelle, an der es passt!) stehen bereit, um Sie und mich durch die Nacht zu bringen.

Das präsidiale Liveblog auf coffeeandtv.de
Ab Mitternacht des 5. November 2008

Links
Bei Gawker können Sie nachlesen, wann mit welchen Ergebnissen zu rechnen ist.
Bei NPR können Sie die USA-Landkarte nach Ihren Wünschen politisch einfärben.
Die “New York Times” hat den Wahlkampf bis hierher noch einmal zusammengefasst.
In Berlin findet eine Wahlparty im Salon Schmück statt.
Und Hendrik aus dem Ohrensessel wird ebenfalls live bloggen, seinen Medienkonsum aber auf das Radio beschränken.

(Not) My Generation

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 3. November 2008 12:43

“Welt Debatte” ist ein Angebot, das ich bisher eher vom Hörensagen kannte. Ich kann mich auf welt.de nicht lange aufhalten, weil ich es für eines der schlimmsten dieser klickhurenden Monster halte, die sich notdürftig das Mäntelchen “Onlinejournalismus” übergeworfen haben, und mich die dortigen Leserkommentare immer wieder tief in meinem Glauben an die Wichtigkeit der Meinungsfreiheit erschüttern.

Wenn also irgendjemand bei “Welt Debatte” irgendwas schreibt, kriege ich das höchstens über Umwege mit. So auch im Fall von Gideon Böss, der dort bloggt. Herr Böss ist der gleiche Jahrgang wie ich, womit die Gemeinsamkeiten im Großen und Ganzen auch schon genannt wären. Dass es Konservative in meinem Alter gibt, überrascht mich immer ein bisschen, aber das ist ja nicht weiter schlimm, verschiedene Meinungen sollen wir alle haben und wir sollen sie alle frei äußern können, ohne uns dafür gegenseitig an die Gurgel zu springen, nur so wird’s was mit der Diskussionskultur.

Herr Böss macht es einem indes schwer mit dem Nicht-Gurgelspringen, hat er doch offenbar die Henryk-M.-Broder-Schule für Polemik und Rechercheschwäche besucht, was seinen Positionen ein bisschen die Schlagkraft nimmt.

Vergangene Woche hat er über einen Besuch des früheren iranischen Präsidenten Mohammad Chatami gebloggt und diesen Mann, der als der erste Reformer in einem wichtigen politischen Amt im Iran gilt, eine “Galionsfigur des iranisch-islamistischen Terrors” genannt.

Überhaupt seien deutsche Universitäten viel zu links:

Irgendwie ist die organisierte Studentenschaft immer entweder religiös, antikapitalistisch oder globalisierungskritisch und werterelativistisch ist sie sowieso.

Nun wäre es natürlich eine spannende Frage, warum sich Herr Böss, der anscheinend studiert hat, dann nicht für seine Interessen in der Studentenschaft organisiert hat. Es wäre auch spannend, sich durch die Kommentare zu kämpfen, aber das haben mir meine Ärzte und Schreiner verboten: Herz, Zähne und Tischplatten sind nicht unendlich belastbar.

Gestern hat er dann nachgelegt und mal so richtig derbe mit seiner (ungenannten) Uni abgerechnet:

Mein Vorschlag wäre, zuerst einmal alles aus der Uni zu verbannen, was mit Wissenschaft nichts zu tun hat. Der ganze Gender-Quatsch zum Beispiel. Ich musste dreimal im Verlauf des Studiums solche Kurse besuchen. Da lernte ich, dass es eine gesellschaftliche Konstruktion ist, dass es nur zwei Geschlechter gibt. In Wahrheit gibt es mehr, wobei die genaue Zahl nicht klar ist.

Herr Böss vertritt also noch nicht mal ein konservatives Weltbild, er vertritt ein schwarz-weißes Weltbild: wichtig vs. unwichtig, Mann vs. Frau, gut vs. böse, rechts vs. links. Da ist man mit dem Weltsortieren schneller fertig und hat mehr vom Tag.

Und dann brodert es nur so aus ihm hinaus:

Noch eine Nummer härter wird es bei den Hardcore-Feministinnen, für die Kinder, die von ihrem Vater vergewaltigt wurden, genauso traumatisiert sind wie Holocaust-Überlebende (der Versuch, die Leidensgeschichte der Juden als Blaupause für die Unterdrückung der Frauen zu missbrauchen, gehört mit zum geschmacklosesten des Feminismus Made by Alice Schwarzer). Wir lernen also, dass ein Kind zwei Elternteile hat: eine liebende Mutter und Auschwitz.

Vergewaltigte Kinder taugen für Herrn Böss also gerade noch zur schalen (und inkohärenten) Pointe. Ich sehe eine große Zukunft für ihn im deutschen Geifergewerbe.

Und weil ich mich keine Minute länger mit Herrn Böss’ missglücktem Versuch einer Debatte befassen will, verweise ich stattdessen auf diese kluge Replik von Martin Spindler, der all das in Worte fasst und untermauert, was ich selber nur rausgegeifert gekriegt hätte.

[via rivva]

Miss American Pie

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 1. November 2008 13:30

Dieser Tage schaut die Welt noch mehr auf Amerika, als sie es sowieso schon tut. Die “Schicksalswahl unserer Generation” steht an und es wirkt ein bisschen so, als werde am Dienstag zwischen Himmel und Hölle entschieden.

Der Wahlkampf zeigt einmal mehr die eklatanten Unterschiede zwischen den USA und Deutschland auf: Nicht nur, dass wir hier ein anderes Wahlsystem haben, auch kulturell sieht es hier ganz anders aus. Das Pathos, das Obamas halbstündigen Infomercial durchweht, wäre hierzulande undenkbar.

Vielleicht liegt es daran, dass Schwarz, Rot und Gold keine so schöne Farbkombination ist wie Rot, Weiß und Blau. Aber noch nicht mal eine geeignete Musikuntermalung würde man hier für so einen Wahlwerbefilm finden: in Deutschland gibt es keine Folklore, denn was es gab, wurde vom “Musikantenstadl” in Grund und Boden gevolkstümelt.

Ich finde diese Unterschiede nicht schlimm (auch wenn ich mir manchmal wünsche, dass sich jeder einzelne Deutsche ein bisschen mehr mit seiner Rolle in der Gesellschaft um ihn herum – nicht mit dem abstrakten Begriff der Nation – identifizieren würden), aber diese Unterschiede sind eben da. Deswegen sollten sich deutsche Politiker dafür hüten, Obamas vermeintliche Erfolgsrezepte nächstes Jahr 1:1 für den deutschen Markt kopieren zu wollen.

Die armen, armen Hessen, die im Januar die sogenannte Wahl zwischen Roland Koch und Andrea Ypsilanti hatten, bekommen am Dienstag vielleicht eine neue Ministerpräsidentin. Ja, an jenem Schicksalsdienstag, 4. November. Und weil das so schön passt, hat sich Frau Ypsilanti heute Morgen auf einem SPD-Sonderparteitag in Fulda dem wehrlosen Barack Obama ans Bein geschmissen und mit einem einzigen Satz diese tiefen kulturellen Unterschiede, diesen schmalen Grat zwischen ansteckendem Pathos und abstoßender Peinlichkeit zusammengefasst:

Ich hoffe, Genossinnen und Genossen, dass die amerikanischen Wählerinnen und Wähler am 4. November in Amerika sagen: “Yes, we can!”, und dass die hessischen Abgeordneten dann sagen können, mit Euch zusammen in Hessen: “Yes, we do!”

[via WDR2-Nachrichten]

Seite: << 1 2 3 4