Wer kann am längsten?

Von Lukas Heinser, 20. August 2010 17:07

Das mit den Charts ist natürlich sowieso so eine Sache: Bis vor wenigen Jahren wurden die Hitparaden der meistverkauften Tonträger noch mit Hilfe der Knochen von im Mondlicht geschlachteten Hühnern errechnet. Mittlerweile listen sie tatsächliche Verkäufe auf, aber was drückt das schon aus, solange die absoluten Zahlen geheim gehalten werden und man in manchen Wochen angeblich schon mit dreistelligen Absatzzahlen in die Top 100 kommt?

Diese Woche wurde dennoch eine kleine Sensation gefeiert: Die Band Unheil…

Moment, bevor ich weiterschreibe: Ich habe keine Ahnung, wer oder was Unheilig ist oder wie ihre Musik klingt. Die Single „Geboren um zu Leben“, die angeblich über Wochen die Charts und die Radiostationen dominiert hat und in dieser Zeit mehrere Milliarden Male gekauft wurde, habe ich ein einziges Mal versehentlich im Musikfernsehen gesehen. Ich fand’s nicht gut, aber auch zu egal, um mich darüber aufzuregen, solange es noch Revolverheld gibt.

Unheilig jedenfalls ist eine kleine Sensation gelungen: 15 Mal stand ihr Album „Große Freiheit“ auf Platz 1 der deutschen Charts — ein Mal öfter als Herbert Grönemeyers „Ö“ von 1988.

Wichtig ist hier das Wörtchen „öfter“, denn während Grönemeyer 14 Wochen am Stück die Chartspitze blockierte, gingen Unheilig immer mal wieder „auf Eins“. Die Behauptung „am längsten“ wäre also falsch.

Und damit kommen wir zu einer Pressemitteilung, die Media Control, das Unternehmen, das in Deutschland die Charts ermittelt, am Dienstag verschickte:

Unglaublicher Rekord für den Grafen und seine Band Unheilig: Zum 15. Mal stehen sie mit „Große Freiheit“ an der Spitze der media control Album-Charts – und legen damit das am längsten auf eins platzierte deutsche Album aller Zeiten hin.

Dabei schloss man sich der Formulierung von Unheiligs Plattenfirma Universal an, die am Vortag verkündet hatte:

Seit dieser Woche ist Unheilig mit dem aktuellen Album „Grosse Freiheit“ mit insgesamt 15 Wochen an der Spitze der deutschen Albumcharts das am längsten auf Nummer 1 platzierte deutsche Album aller Zeiten!

Mit diesen Vorlagen standen die Chancen auf eine fehlerfreie Berichterstattung bei Null:

Die Platte „Große Freiheit“ ist das am längsten auf eins platzierte deutsche Album in den deutschen Charts.

(„Welt Online“)

Damit ist die Platte „das am längsten auf eins platzierte deutsche Album“.

(dpa)

Damit ist die Platte das am längsten auf Rang eins platzierte deutsche Album aller Zeiten.

(„RP Online“)

Zum 15. Mal stehen sie mit ihrer Platte „Große Freiheit“ an der Spitze der Album-Charts und legen damit das am längsten auf Platz 1 platzierte deutsche Album aller Zeiten hin, wie Media Control mitteilte.

(Bild.de)

Und weil die Anzahl der Chartplatzierungen keinerlei Schlüsse auf die tatsächlichen Absatzzahlen zulässt, ist die Formulierung von motor.de besonders falsch:

Damit verdrängt Bernd Heinrich Graf, wie der Musiker mit bürgerlichen Namen heißt, seinen Kollegen Herbert Grönemeyer vom ewigen Thron der am meistverkauften deutschsprachigen Pop-Alben aller Zeiten.

Das Schöne ist: Es ist alles noch komplizierter. Media Control ist nämlich erst seit 1977 für die Erfassung der deutschen Musikcharts zuständig, vorher oblag diese Aufgabe dem Magazin „Musikmarkt“. Und das führte vom 31. Mai bis zum 3. Oktober 1974 – und damit geschlagene 18 Wochen – „Otto 2“ von Otto Waalkes auf Platz 1. Somit würden Unheilig, die heute mal wieder von der Spitzenposition gefallen sind, noch vier Wochen fehlen zum Rekord.

Aber auch hier gibt es wieder einen Haken: Der „Musikmarkt“ hat die Charts damals noch Monatsweise veröffentlicht, man kann also nicht sagen, ob sich während der 18 Wochen nicht vielleicht mal das eine oder andere Album für eine Woche besser verkauft hat als „Otto 2“.

Wie gesagt: Das mit den Charts ist so eine Sache. Aber was wären die Medien und die Plattenfirmen ohne sie?

Mit Dank auch an Marco Sch.

11 Kommentare

  1. Ingix
    20. August 2010, 18:56

    Da die Charts ja immer eine Woche gültig sind, ist „öfter“ dann doch dasselbe wie „länger“.

  2. Markus
    20. August 2010, 19:26

    Wenn es 15 Wochen in Folge gewesen wären, wäre das tatsächlich so.

  3. Ingix
    20. August 2010, 19:30

    Wer war länger in Amerika: Der Student, der 3 mal 6 Monate da war oder der Weltenbummler, der einmal 1 Jahr da war?

  4. Markus
    20. August 2010, 19:43

    Wenn diese beiden Studenten einen Wettbewerb auszutragen hätten, bei dem der eine einen Preis dafür verteidigt, dass er 1 Jahr OHNE Unterbrechung in Amerika war, könnte ihm der andere auch dann nicht das Wasser reichen, wenn er hundert Mal für jeweils 6 Monate dort gelebt hat. Bei diesem Grönemeyerrekord handelt es sich um die ununterbrochene Dauer der Am-ersten-Platz-Bleibung, nicht darum, dass er ab und an mal wieder an die Spitze schwappte. Ein Kategorien- und Unterscheidungsproblem gibt es hier, und das ist einziges Thema des Artikels.

  5. Markus
    20. August 2010, 19:46

    Ein einen Meter langes Wienerchen lebt ja auch in einer ganz anderen Längenkategorie als eine gleichlange Kette von Mini Winis.

  6. Ingix
    20. August 2010, 22:45

    Aus dem Artikel:

    Wichtig ist hier das Wörtchen “öfter”, denn während Grönemeyer 14 Wochen am Stück die Chartspitze blockierte, gingen Unheilig immer mal wieder “auf Eins”. Die Behauptung “am längsten” wäre also falsch.

    Die Aussage von Lukas stimmt einfach nicht. In einer durchaus sinnvollen Interpretation von „am längsten“ (3 mal 6 Montate ist länger als 1 mal 12 Monate) war Unheilig „am längsten“ auf Platz 1.

    Natürlich kann man auch eine andere Interpretation von „am längsten“ haben, das wird ja in den Kommentaren hier sehr deutlich. Welche Interpretation die bessere oder richtige ist, will ich hier nicht entscheiden.

    Nur man kann eben *nicht* sagen, die Aussage mit „am längsten“ sei falsch (was ja im Artikel getan wird), nur weil es in *einer* möglichen Interpretation falsch ist, es aber eben noch andere Interpretationen gibt, die genauso möglich sind.

  7. Marius
    23. August 2010, 11:23

    wäre zudem ganz interessant z erfahren, wieviele tonträger denn nun grönemeyer einerseits und vatter graf andererseits jeweils verkauft haben – da dürften ja wohl millionen dazwischen liegen…

  8. mct
    24. August 2010, 10:02

    Nur am Rande:
    Wahrscheinlich hätte selbst Michelle (Wer Liebe leeeebt) den Titel „Geboren um zu leben“ abgelehnt, weil zu schmalzig.

  9. Christopher
    24. August 2010, 12:35

    Die Top 100 Bewertungen sollen vielleicht neu strukturiert werden. Das ist ungefähr so wie mit der Popularität der Blogs heute. MAn bekommt den Eindruck, dass die Verlinkung zwichen den Blogs immer wieder an Bedeutung verliert. Allerdings berücksichtigt man den Twitter und andere Social-Sites die solche Verlinkungen teilweise übernehmen.
    Bei Musik ist das auch so. Es wird nicht so viel CD verkauft. Die Leute hören aber immernoch gleich so viel Musik falls nicht mehr. Die Quellen, von denen die Musik bezogen wurde haben sich geändert. Werden beispielsweise die Verkaufszahlen aus dem iTunes Musik Store auch in die Bewertung miteinbezogen?

  10. Lukas Heinser
    24. August 2010, 13:33

    Werden beispielsweise die Verkaufszahlen aus dem iTunes Musik Store auch in die Bewertung miteinbezogen?

    Ja.

  11. Melanie
    27. August 2010, 13:19

    Sorry für den Kalauer Jungs, aber:
    „Es kommt nicht auf die Länge, sondern auf den Umfang an.“
    ;-)