Rock around the Bundestag

Von Lukas Heinser, 24. Oktober 2007 1:56

Wie ich gerade sueddeutsche.de entnehme, wird sich der Deutsche Bundestag am heutigen Mittwoch mit dem Antrag „Populäre Musik als wichtigen Bestandteil des kulturellen Lebens stärken“ befassen. Darin fordern die Fraktionen von CDU/CSU und SPD eine zaghafte Förderung von heimischem Rock, Pop und Jazz.

Nun muss man bei der sogenannten Kulturpolitik immer ganz vorsichtig sein, besonders, wenn es um Popmusik geht. Erinnerungen an die grauenhafte Forderung nach einer „Radioquote“ werden sofort wieder wach (und daran, wie Wiglaf Droste Antje Vollmer und Hartmut Engler fertig machte).

Und, indeed: Smells Like Deutschquote light.

Das Internet als besonders leicht zugängliches und preiswertes Medium hat sich in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Plattformen für Künstlerinnen und Künstler aller Bereiche entwickelt. Neben der Verfügbarkeit großer und übergreifender Plattformen ist im Internet auch eine eigenständige und selbstbestimmte Präsentation und Vermarktung möglich, die durchaus sinnvoll sein kann. Weitaus höher sind die Zugangsbarrieren jedoch bei den wichtigen medialen Plattformen Hörfunk und Fernsehen. Hier spiegelt sich der bestehende Erfolg der in Deutschland produzierten Rock- und Popmusik nicht wider.

Allein die Vorstellung, beim Einschalten des Radios noch öfter Juli, Silbermond oder gar Revolverheld hören zu müssen, treibt mir den Angstschweiß ins Gesicht.

Zwischenruf: „Und was ist mit Tomte, Kante, Kilians?“
Antwort: „Ja, das ist eben Qualität. Ich habe immer noch die naive Vorstellung, dass die sich langfristig durchsetzen wird. Das ist jedenfalls wahrscheinlicher, als dass eine größere Anzahl Radiokonsumenten plötzlich losrennt und Kante-Alben kauft, nur weil die im Radio liefen. Kante würden aber eh nicht im Radio laufen, sondern die oben genannten.“

Die Bundesregierung wird aufgefordert, bestehende Förderungen für deutsche Popmusik besser abzustimmen, „private Mittel ergänzend zur staatlichen Förderung einzuwerben“ und sich bei den Rundfunkanstalten für „angemessene Plattformen einzusetzen“. Es ist ein zahmer Antrag, zusammen mit zwei Eingaben zur Kulturwirtschaft ist jedoch immerhin eine Stunde zur Beratung vorgesehen. Die veranschlagten Kosten im Haushalt liegen bei je einer Million Euro für 2007 und 2008.

Das kann eine Menge heißen. Natürlich habe auch ich Angst vor Rockbeamten und Popbeauftragten. In Ländern wie Schweden, Finnland, Norwegen, Frankreich, Großbritannien und Kanada, gibt es teilweise seit Jahren „Musikexportbüros“, die sich um eine Förderung der heimischen Musik im Ausland bemühen.

Nun kann man argumentieren, dass Bands wie Abba, a-ha oder die … Beatles durchaus auch ohne derartige Kampagnen Erfolg hatten. Man Ich weiß nicht, inwieweit die aktuelle „Swedish Invasion“ von Mando Diao, Moneybrother und Sugarplum Fairy planbar gewesen sein soll. Und es bleibt natürlich immer ein fader Beigeschmack bei staatlich „verordneter“ Kultur.

Ein deutsches Rockbüro ist für mich eine denkbar uncoole Vorstellung – und ich frage mich, wieso. Als ich auf vergangenen Popkommen von der skandinavischen Förderung hörte, fand ich die Idee wunderbar und fragte mich, wieso es sowas in meinem hinterwäldlerischen Heimatland nicht gibt. Kaum kümmern sich die Politiker mal um popkulturelle Themen, finde ich es auch wieder schrecklich. Einerseits könnte die hiesige Musikszene eine „einheitliche Struktur“, wie sie im Antrag gefordert wird, gut gebrauchen, andererseits zerstört das natürlich das Bild des chaotischen, unaufgeräumten Rock’n’Roll.

Eigentlich ist es nur gerecht: Theater werden gefördert, Museen, Bibliotheken und Denkmäler. Klassische Musik eh. Die deutsche Filmwirtschaft könnte ohne Filmförderung kaum überleben – und Zyniker würden fragen, in wie viel Prozent der Fälle das ein Verlust wäre. Von überwiegend privater Kulturförderung sind wir hierzulande noch weit entfernt und glaubt man den Verantwortlichen der Musikindustrie, wird ihr Wirtschaftssektor bald eh ein Fall fürs Amt.

Vielleicht sollten wir einfach mal abwarten. Die Erfahrung zeigt: Die Deutschen werden es schon falsch machen.

5 Kommentare

  1. Sebastian
    24. Oktober 2007, 11:07

    Ich glaube, einer von Mando Diao hat das sinngemäß so formuliert, dass man in Schweden im Prinzip nur nachweisen muss, dass man im Keller eine Gitarre stehen hat und schon kommt man in den Genuss einer Förderung.

    Und das wäre ja auch nicht so verkehrt. Die Musiker als solche fördern. Aber denen wieder irgendwelche Räume in Radios zuzuschanzen, für die sie nichts anderes sein müssen als Deutschsein. Himmel hilf.

  2. Christian Hoffmann
    25. Oktober 2007, 1:41

    Inhaltlich weitgehend zustimmung (wobei etwa die deutsche Filmwirtschaft und Theaterlandschaft für mich eher abschreckende Beispiele verfehlter „Staatskultur“ sind).

    Wenn ich mich nicht irre, handelt es sich jedoch um einen Antrag von CDU und SPD, nicht FDP. (Ich wollte schon eine Schimpftirade gegen selbsternannte „Liberale“ loslassen ;-)

  3. Lukas
    25. Oktober 2007, 9:21

    Gnaaaaarf: Natürlich SPD. Was sollte die Opposition mit Gesetzesvorschlägen zu tun haben?

    Es handelt sich – wirklich – um einen Tippfehler. Und der ist jetzt korrigiert.

  4. GHLing
    25. Oktober 2007, 11:41

    Ich bin mir da auch unsicher, da es einerseits bestimmt keine schlechte Idee ist, Musik zu fördern. Andererseits muss ich dir da zustimmen, dass noch mehr „Juli“ und wie sie alle heißen bei weitem kein Gewinn sind. Außerdem (und das ist ja eigentlich das traurige daran)sehe ich bei unserer Regierung gleich wieder die MI da stehen, die dafür sorgt, dass diese Förderung an „ihre“ Künstler fließen.
    Das Hauptproblem lässt sich jedenfalls nicht durch Zwangsquoten lösen: Es gibt Genres (zu welchen u.a. auch „meine“ Richtung Gothic gehört), die eben über nicht genug Fans verfügen, dass sich ein eigener Radiosender dafür lohnt. Und wenn pro Stunde 1 oder 2 Stücke im normalen Radio laufen, hör ich das trotzdem nicht, es gibt ja mit Webradios zum Glück sehr gute Alternativen.
    Vielleicht sehe ich dabei zu schwarz, aber ich kann mir nur vorstellen, dass die üblichen „verdächtigen“ Plattenlabels sich damit am Ende wieder die Taschen füllen…

  5. Die Quotenfrau | Die Sockenseite
    26. Oktober 2013, 22:22

    […] Denn damit hat ausgerechnet Frau Berg geschafft, was die Forderungen der unsäglichen Deutschquotenanhänger endgültig fürs Klo qualifiziert: Deutsche Musik findet auch ohne Quoten statt. Dumm nur, daß […]