Internetversteher unter sich

Von Lukas Heinser, 27. Juli 2009 15:03

Ich muss zugeben, nie der große Blumfeld-Fan gewesen zu sein. Deswegen war es mir auch einigermaßen egal, dass deren früherer Frontmann Jochen Distelmeyer vor kurzem bei einigen Konzerten neue Songs vorstellte, die auf seinem Solo-Debüt „Heavy“ (VÖ: 25. September) enthalten sein werden.

Einige dieser Songs wurden – wie heutzutage allgemein üblich – mit Handy- oder Digitalkameras aufgenommen und kurz danach bei YouTube hochgeladen. Dort blieben sie nicht allzu lange stehen: Sie wurden mit Hinweis auf Urheberrechtsverletzungen gelöscht, wie der Popkulturjunkie gestern in einem Eintrag dokumentierte.

Seine Überschrift ließ keinen Zweifel daran, wer hier der Schuldige sein müsste:

Sony hat das Internet immer noch nicht begriffen

In den Kommentaren ergoss sich schnell der übliche „Wir hier unten, die da oben“-Sermon von

ich finde das äußerst begrüßenswert wenn sich sony selbst ins bein schießt, je früher medienkonzerne aller art krepieren desto besser.

bis hin zu

Memo an mich selbst: Kauf von Sony Produkten meiden!

Als Christian Ihle höflich anfragte, ob es nicht viel einfacher sein könnte und weder Distelmeyer noch die Plattenfirma das Risiko eingehen wollten, dass die Leute die neuen Songs in schlechter Qualität hörten (weil das „den Buzz zerstören würde“), wurde diese Möglichkeit mit dem Hinweis abgebügelt, so schlecht sei die Qualität nun auch wieder nicht gewesen.

Ich hab heute einfach mal Jochen Distelmeyers Manager Oliver Frank nachgefragt, wie es denn zu der Löschung gekommen sei. Der sagte mir, er habe während der Tour beobachtet, dass immer mehr Mitschnitte aus den Konzerten hochgeladen wurden, und – „weil wir nicht so früh in den Wettbewerb ‚Wer stellt das wackeligste Video ins Netz?‘ einsteigen wollten“ – Distelmeyers Plattenfirma Sony Music gebeten, etwas dagegen zu unternehmen.

Oliver Frank meinte weiter, dass es nicht nur immer die „bösen Konzerne“ seien, die Trends wie das Hochladen ganzer Konzerte skeptisch sehen, sondern häufig auch die Künstler selbst. Man käme sich vor den hochgereckten Kameras im Publikum ja manchmal vor wie vor einer Busladung Touristen.

Ich weiß, dass es vielen Künstlern gerade bei neuem Material ähnlich geht, und ich kann das verstehen: Man verbringt doch nicht Monate im Studio, damit die Hörer dann eine übersteuerte, verquatschte und womöglich noch nicht mal fehlerfreie Liveversion als ersten Eindruck bekommen.

[Zwischenruf: „Dann braucht man doch gar nicht mehr live zu spielen!“]

Äh, doch. Es ist ja was anderes, ob dreihundert Menschen so eine Version einmal hören, oder sich ein paar Tausend diese Version immer und immer wieder anschauen können.

Man kann das als Musiker natürlich auch anders sehen und wie Thees Uhlmann sagen: „Film das und stell das online!“, aber das ist ja dann eine bewusste Entscheidung des Künstlers:

Tomte – "der letzte große Wal" aufm Fest van Cleef 2008

(Ben Folds nutzt die YouTube-Mitschnitte seiner Konzerte ja bekanntlich, um aus wüsten Improvisationen Albumtracks zu zaubern.)

Ich finde es legitim, wenn ein Musiker wenigstens im Vorfeld einer Albumveröffentlichung versucht, die Kontrolle über seine Songs zu behalten. (Und Jochen Distelmeyer hat ja durchaus schon einen Song, der nicht die Single wird, zum Durchhören auf seine Website gestellt.) Nach der Veröffentlichung gehören die Songs ja sowieso den Menschen, wie Fran Healy so schön sagt — auch wenn manche das mit dem „gehören“ vielleicht ein bisschen zu wörtlich nehmen.

Das Management von Jochen Distelmeyer hat übrigens angedeutet, dass die Löschung die letzte gewesen sein wird.

17 Kommentare

  1. Mathias
    27. Juli 2009, 16:05

    Ich bin durchaus froh, wenn ich mich bei Youtube nicht erst durch Dutzende Handyvideos klicken muss, um eine einigermassen anhörbare Version eines Songs zu finden.

  2. asdrubael
    27. Juli 2009, 16:14

    „Man kann das als Musiker natürlich auch anders sehen…“
    Vielleicht noch als Ergänzung für Interessierte: Inzwischen sind professionelle Konzertmitschnitte immer häufiger als USB-Stick oder Download nach der Veranstaltung zu haben beispielsweise auf concert-online.com

    Ob wackelige Handy-Videos nun eher positive oder negative PR sind ist sicher ein guter Streitpunkt, aber das sollte immer noch jeder Künstler selbst entscheiden dürfen. Für „Entsetzen“ sorgt es bei mir keinesfalls, das die offensichtlich zu 90% urheberrechtsverletzenden Inhalte bei YouTube auch mal ausgedünnt werden.

  3. sony hat das internet immer noch nicht begriffen. - popkulturjunkie.de
    27. Juli 2009, 16:39

    […] vom 27. Juli: Wie Lukas Heinser inzwischen berichtet, hat Sony die Videos auf Bestreben des Distelmeyer-Managements sperren lassen. Ich lasse meinen […]

  4. SG
    27. Juli 2009, 17:54

    Wo ist das Problem? Die Künstler bzw. Plattenfirma ist Rechteinhaber und hat jedes Recht der Welt, gegen Content-Diebe vorzugehen. Rechtfertigen müssen sich die Diebe, nicht die rechtmäßigen Eigentümer. Wie verkommen ist eigentlich das Rechtsverständnis derer, die das ernsthaft in Frage stellen?

  5. Muriel
    27. Juli 2009, 18:50

    Naja. Ich sehe das ein bisschen anders. Natürlich ist die Sache rechtlich einwandfrei, und natürlich kann man verstehen, dass Sony und Distelmeyer es doof finden, dass da diese grisseligen Videos im Netz stehen. Ob es eine gute Entscheidung war, dagegen vorzugehen, kann man aber trotzdem bezweifeln.
    Was manche Kommentare angeht, hast du sicher Recht. Wenn ich jedes Unternehmen boykottieren wollte, dessen Einzelentscheidung über irgendeinen Fall mir nicht passt, müsste ich ein ziemlich frugales Leben führen.

  6. Linus
    27. Juli 2009, 20:24

    Mir gehen ehrlich gesagt Leute, die meinen, ein ganzes Konzert auf dem Winz-Handy-Display verfolgen zu müssem extrem auf die Nüsse. Menschen, die sich bei einem Morrissey-Konzert in die erste Reihe stellen und dann sauer gucken, wenn man sie aus Versehen enthusiastisch anrempelt, Oh Verzeihung, weil dann ihr schöner Mitschnitt verwackelt ist.

    Da wird nix mehr erlebt. Sondern nur noch das zu Erlebende für den Fall aufgezeichnet, dass man sich später noch dran erinnern kann, dass man denn vielleicht was erleben hätte können.

  7. Lukas
    27. Juli 2009, 21:36

    Sich bei Morrissey-Konzerten zu bewegen, ist doch sicher sportiv, zu maskulin und unsensibel, um Morrisseys nicht selten widersprüchliche Schmerzprotokolle treffend zu untermalen. Oder?

  8. Linus
    27. Juli 2009, 22:00

    öh? Na, theoretisch vielleicht. Praktisch sind die vorderen Reihen eher nahe an der Hysterie, die aus einem gestandenen Fussmitwipper wie mir auf die alten Tage noch einen Fanboy machen, der versucht, seinem Idol nahe zu kommen. Da stehen Handyfilmer nur im Weg. Und erzähle mir keiner, die gucken sich das zuhause an, um sich nochmal richtig das Herz brechen zu lassen.

    Apropos. Jochen erregte sich darüber, dass besonders die wild hüpfenden Mädels nicht wirklich den Eindruck machten, besonders auf die Texte zu achten. Aber das ist eine andere Geschichte.

  9. Lukas
    27. Juli 2009, 22:06

    Oh, vielleicht müssen wir running gags künftig mal kennzeichnen und in einem eigenen Appendix erklären.

  10. Extra Thimian » Und dann war da noch…
    28. Juli 2009, 0:13

    […] Andereseits. Aber. Share and […]

  11. Linus
    28. Juli 2009, 0:56

    D’oh!

  12. Die Erklaerung
    28. Juli 2009, 3:04

    Viele haben Sony noch nicht begriffen! Die wollen doch nur ihr und unser Bestes! Und das ist ohne jede Ironie gemeint.

    Getoppt werden diese Konzertsplitterbomben nur noch durch Direkt-vom-Fernseher- und 80er-Jahre-Videokassettenabfilmer. Mit wie wenig Qualität die High-Quality-Gesellschaft doch auszukommen scheint!

  13. Spex - Magazin für Popkultur » Der Spextrakt
    28. Juli 2009, 21:05

    […] DIGITAL: Internetversteher unter sich Kürzlich erwähnten wir im Spextrakt ein Distelmeyer-Live-Video von dessen jüngster Aufwärm-Tournee, die ihn auch nach Essen führte. Im Publikum wurde eifrig mit der Consumer-Cam gefilmt, später das gesammelte Material auf YouTube veröffentlicht, Ergebnis: wir hatten einen netten Live-Mitschnitt gesehen, die Leser einen Einblick in ein neues Stück – prinzipiell hätten also alle glücklich sein können. Bis das Video (samt einiger anderer) von Sony BMG Records gelöscht wurde. Aufschrei, Skandal, Major-Label-Messup war die Reaktion. Lukas Heinser, Betreiber des Blogs Coffee And TV, hakte daraufhin kurz beim Management nach und dokumentierte seine Erfahrungen. Tenor des Texts: Ruhig, Brauner. […]

  14. Extra Thimian » Bookmarks for July 27th to July 28th
    29. Juli 2009, 1:03

    […] Coffee And TV: » Internetversteher unter sich – […]

  15. Mario H.
    1. August 2009, 14:07

    Naja, solange die nicht jeden verklagen, der darüber berichtet, wie diese bitterbösen Elektrometaller ;-) sehe ich kein Problem.
    Mich nerven schlechte Videos bei YT mehr als gar keine, ähm… schlechte Aufnahmen schau ich mir gar nicht erst an.

  16. Daniel
    6. August 2009, 21:36

    Vorgestern hab ich den Post hier gelesen, gestern war ich auf ’nem Konzert (Birthday Massacre) und komm deshalb heute nicht drum rum, aus Publikumssicht meinen Kommentar abzugeben: Auch als Zuschauer nerven mich Kameras und Handys bei Konzerten! Teilweise hab ich die Bühne nicht sehen können, weil so viele ihre Digitalkameras und Telefone hoch gehalten haben (der Blick aufs Display des Vordermannes ist irgendwie nicht das selbe…). Der Stroboskop-Effekt durch die Blitzlichter war auch nicht so prickelnd.

    Geh ich zum Konzert, um anderen beim Filme zuzuschauen? Mit Sicherheit nicht… und ich glaube nicht, dass ich der einzige bin, den das nervt…

  17. ein post – ein song #89. Jochen Distelmeyers neues Video | indiestreber.de
    20. August 2009, 13:06

    […] Distelmeyer-Live-Videos vor einigen Wochen hatte ja für Gesprächsstoff gesorgt. (z.B. hier und hier) Nun ist aber das offzielle Video zur ersten Solosingle des ehemaligen Blumfeld-Sängers […]

Diesen Beitrag kommentieren: