Trau, schau wem

Von Lukas Heinser, 4. September 2008 20:03

Mit manchen Geschichten ist es wie mit alten Pullovern: Man zieht an einem losen Faden und am Ende hat man das ganze Teil aufgeribbelt.

Am Dienstag wurde David Harnasch das seltene Glück zuteil, als Blogger wohlwollend von „Spiegel Online“ porträtiert worden zu sein. Er betreibt seit vergangenem November das Blog „Bildschirmarbeiter“, in dem er das aktuelle TV-Programm kritisiert und parodiert. Mir war das Blog bis vor wenigen Stunden gänzlich unbekannt, seine technorati authority (die freilich nichts über die Qualität aussagt) lag vor dem SpOn-Artikel bei 42.

Harnasch nimmt sich spannenden Themen an, wie in seinem aktuellsten Beitrag vom 6. August. Was „Frontal 21“ da gemacht hat, ist wirklich mindestens sehr merkwürdig, Harnaschs Beitrag finde ich persönlich aber weder spannend noch lustig (falls die Verkleidung lustig sein sollte), sein anfängliches ÖR-Bashing nur peinlich. Aber das ist letztlich Geschmackssache – viele Leute werden ja auch unsere Videos nicht lustig finden.

Jan-Philipp Hein, der das große „Bildschirmarbeiter“-Porträt geschrieben hat, folgt darin einer Prämisse, die er in der Einleitung vorstellt:

Fernsehen spielt online fast keine Rolle. Wenige Blogger arbeiten sich am ehemaligen Leitmedium ab – einer aber mit viel Witz und exzessivem Aufwand. Ansonsten gilt TV online vielleicht einfach nicht mehr als kritikwürdig.

Ich sehe das anders. Da wäre ja zum Beispiel der „Fall Bankhofer“, in dem sich der WDR wegen des „Anscheins auf Schleichwerbung“ von dem sympathischen „Gesundheitsexperten“ trennte, nachdem zwei Blogs die Geschichte angestoßen hatten.

Zugegeben: neben dem Fernsehlexikon, Stefan Niggemeier (bei dem man aber auch ganz froh ist, wenn er nicht jedes Mal genannt wird, wenn der Begriff „Blogger“ fällt), medienpiraten.tv und dem Wortvogel, der sich des Themas immer mal wieder von der Macher-Seite annimmt, fallen mir auch nicht mehr soooo viele Fernseh-Blogs ein. „Fast keine Rolle“ sieht für mich aber trotzdem anders aus.

In der „SpiegelKritik“ stolperte ich dann über diesen Eintrag zu Heins Artikel, den ich auch in meinen aktuellen „Klickbefehl“ aufnahm: Timo Rieg schrieb da, Hein und Harnasch seien einander durch die „Achse des Guten“ verbunden – Harnasch ist Autor jenes „publizistischen Netzwerks“, das sich gerne mit dem Untergang des Abendlandes und dem angeblichen „Klimaschwindel“ befasst, und für das Hein schon dreimal als Gastautor gearbeitet habe. Außerdem betrieben sie gemeinsam das „Netzwerk Gegenrecherche“, schreibt Rieg.

Gefälligkeitsjournalismus unter alten Kumpels bei „Spiegel Online“? Ein ziemliches Ding, wenn dem so wäre.

Allein: So wie’s aussieht, ist dem nicht so. Jan-Philipp Hein erklärte mir gegenüber, dass er David Harnasch „vor zwei, drei Wochen“ erstmalig kontaktiert habe – um eben genau jenes Porträt über ihn für „Spiegel Online“ zu schreiben. Über die „Achse des Guten“ hätten die beiden bisher keinerlei Kontakt gehabt und was dort an Gastbeiträgen von Hein veröffentlicht wurde, seien alle jeweils Zweitverwertungen aus anderen Medien gewesen.

Über „Bildschirmarbeiter“ habe er geschrieben, weil er das Blog „originell“ finde, sagt Hein, und mit dem „Netzwerk Gegenrecherche“ habe der Kollege Harnasch nur insofern zu tun, als der einmal darauf verlinkt habe.

Und – hier kommen wir auf den Pullover-Satz vom Anfang zurück, der Sie dort sicherlich ziemlich verwirrt hat – statt über mögliche Mauscheleien bei „Spiegel Online“ zu schreiben, saß ich plötzlich an einem Artikel, der sich mit der haarsträubenden Recherche (bzw. Nicht-Recherche) bei „SpiegelKritik“ auseinandersetzen muss. Jan-Philipp Hein nannte den dortigen Artikel, in dem sich Timo Rieg auch noch als Mitglied des „Netzwerks Recherche“ zu erkennen gibt, „bedenklich“ und „unmöglich“ und auch bei „Spiegel Online“ war man darüber alles andere als glücklich.

Timo Rieg erklärte mir auf Nachfrage, er wolle seinen Artikel in der „SpiegelKritik“ als „Rezension einer Rezension“ verstanden wissen.

PS: Was man aber wohl ruhigen Gewissens als kontraproduktiv bewerten kann, ist die Tatsache, dass David Harnasch wenige Tage vor der Veröffentlichung seines Porträts bei „Spiegel Online“ einen Blog-Eintrag mit folgenden Worten begann:

Auch wenn ich momentan guten Grundes wegen nicht über SPON lästern sollte, […]

7 Kommentare

  1. Kai
    4. September 2008, 21:07

    An dieser Stelle ein ganz heißer Tipp:

    http://fernsehkritik.tv/?page_id=2

    Der junge Mann hat einen, naja, monatlichen Video Pocast, den er mit viel Aufwand erstellt. Inhaltlich wie äußerlich eine hervorragende Fernsehkritik. Herrlich.

  2. Yetused
    4. September 2008, 21:22

    Why does he have to put his mug everywhere? Why?

  3. Timo
    4. September 2008, 22:34

    Lieber Lukas, ich hatte es dir doch schon per Mail versucht zu erklären: du willst Behauptungen von mir widerlegen, die ich gar nicht aufgestellt habe. Ich habe nicht geschrieben, dass Harnasch und Hein über Achgut „verbunden“ seien – obwohl man das technisch ja sogar so sehen kann. Ich habe Hein zwei fiktive Sätze sprechen lassen, die seine zumindest partielle Geistesverwandtheit mit Harnasch persiflieren – das ist doch hoffentlich erkennbar.

    Meine Verwunderung galt allein der Tatsache, dass SpOn ein Solo-Porträt (oder eine Rezension) über ein Blog macht, das durch nichts besticht als durch seine sehr genau vorhersehbaren Kommentierungen. Und dass dieses Blog zufällig von jemandem entdeckt wurde, der diesem gedanklich nahe steht. Ich bin schlicht über die Namen gestolpert.

    Daneben könnte man zu dem Text selbst einiges sagen, ich habe ein paar Dinge angeschnitten, du auch, aber das zu vertiefen lohnt nicht.

    Wirklich überraschend fand ich jetzt nur noch, dass man bei SpOn „alles andere als glücklich“ über die Spiegelkritik war. Ich werde mich bemühen, das zu ändern.

  4. Lukas
    4. September 2008, 23:21

    @Timo: Dein Artikel hat zumindest bei mir zu der Annahme geführt, dass da zwei langjährige Kumpels übereinander schreiben (bzw. der eine über den anderen). Explizit schreibst Du (außerhalb der fiktiven Sätze) von „Freundschaftsdiensten“, nach denen es in Deinen Schilderungen ja auch aussieht.

    Dass sich Menschen „gedanklich nahe stehen“ oder im gleichen Medium veröffentlicht haben, wird sich im sehr überschaubaren deutschen Medienbetrieb kaum vermeiden lassen. Deswegen habe ich sowohl Jan-Philipp Hein als auch den Redakteuren von „Spiegel Online“ selbst die Frage gestellt, ob man auf solche Verbindungen nicht hinweisen sollte. Wenn es aber „keine direkte Verbindung“ zwischen den Beiden gibt, wie Hein mir gegenüber glaubhaft versichert, kann man sich seine Empörung für die Fälle sparen, wo sie angebracht ist. (Finde ich.)

    Dass ich mit Heins Text und dem von ihm gelobten Blog selbst nicht allzu viel anfangen kann, habe ich ja oben geschrieben und auf die Geschmackssache verwiesen.

    Wirklich überraschend fand ich jetzt nur noch, dass man bei SpOn „alles andere als glücklich“ über die Spiegelkritik war. Ich werde mich bemühen, das zu ändern.

    Ich bin mir sicher, dass die (meisten) Leute bei „Spiegel“ und „Spiegel Online“ mit fundierter Kritik sehr gut umgehen können und dann vielleicht eher über die eigenen Fehler unglücklich sind als über den Hinweis darauf. Aber genau diese fundierte Kritik vermisse ich nach meinem aktuellen Kenntnisstand in Deinem Eintrag.

  5. Armin
    6. September 2008, 13:20

    Nicht von der Hand zu weisen bleibt der Fakt, dass SpOn mal wieder einen bloggenden NeoCon hochschreibt. Da beruhigt es mich leider nicht wirklich, dass höchstens indirekt (via AdG) gemauschelt wurde.

    Ich bin mir sicher, dass die (meisten) Leute bei “Spiegel” und “Spiegel Online” mit fundierter Kritik sehr gut umgehen können und dann vielleicht eher über die eigenen Fehler unglücklich sind als über den Hinweis darauf.

    Das meinst Du jetzt nicht wirklich, oder?

  6. Lukas
    6. September 2008, 13:33

    Das meinst Du jetzt nicht wirklich, oder?

    Nach meinen bisherigen Erfahrungen sind die eigentlich sehr umgänglich, was inhaltliche Fehler angeht. Zumindest reagieren sie auf Anfragen, gehen den Sachen auf den Grund und sind einigermaßen zerknirscht, wenn sie ihre eigenen Fehler dann einsehen. Das kennt man auch ganz anders.

  7. Armin
    6. September 2008, 20:30

    Ich habe da leider andere Erfahrungen gemacht. Sie reagieren ziemlich schnell, das kann ich bestätigen. Und ja, es gibt noch viel Schlimmeres.

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