Großkatzen in kleinen Stücken

Von Lukas Heinser, 5. Mai 2007 20:11

Send Away The Tigers - Coverentwurf (Abgelehnt)

Gestern erschien „Send Away The Tigers“, das achte Album der Manic Street Preachers. Vorgestern gab’s das Interview mit deren Sänger James Dean Bradfield, hier gibt’s die (wie immer total subjektive) Track-by-track-Analyse:

Send Away The Tigers
Der erste Titeltrack seit „Everything Must Go“ – und danach klingt das Lied mit seinem Gitarren-Feedback-gestütztem Hymnen-Refrain auch ein wenig. „There’s no hope in the colonies“ ist natürlich eine Auftaktzeile nach Maß und wenn die Manics auch noch ein „slow boat to China“ nehmen wollen, ist mal wieder Politdisko angesagt.

Underdogs
Der Song braucht genau 42 Sekunden, bis Sean Moore ein Trommelfeuer entzündet und die Nummer in bester Leise-Strophe-lauter-Refrain-Manier in höhere Sphären prügelt. „Like the underdogs we are / Shining bright but now disappeared“ kann man natürlich mal wieder auf den verschwundenen Gitarristen Richey Edwards beziehen – oder einfach ebenso laut mitgrölen wie die Zeile „People like you need to fuck / Need to fuck people like me“.

Your Love Alone Is Not Enough
James Dean Bradfield und Nina Persson schmachten sich gegenseitig an! Muss man mehr dazu schreiben? Na gut: „unübertroffen schlecht“ ist höchstens Dein Geschmack, Jan Kühnemund.

Indian Summer
Da ist sie wieder: die Stadionhymne im Dreivierteltakt. Mit etwas Anstrengung kann man sogar den Text „A Design For Life“ darauf singen. Atmosphärisch ganz dicht, Musikgewordene Jahreszeit.

The Second Great Depression
Ein Song, der klingt, als sei er bei den Aufnahmesessions zu Bradfields Soloalbum übriggeblieben – musikalisch wie textlich. Aber das macht zumindest mir nichts, den ich mochte „The Great Western“ ja auch. Der Refrain kommt mit einem paar opulenter Streicher daher und schreit schon wieder nach Stadionrund und Feuerzeugen. „This Is My Truth Reloaded“, sozusagen.

Rendition
Diesmal geht’s gleich ganz weit zurück: „You Love Us“ klopft an und mit „I wish we still had Jack Lemmon“, „Oh good God I sound like a liberal“ und „I never knew the sky was a prison“ gibt’s wieder jede Menge Sprüche für die Schultische und Unterarme kleiner Jungrevolutionäre.

Autumnsong
Hurrah, die Manics covern die Pumpkins!
Oh nee, doch nicht, klang nur so: nicht „Today is the greatest day I’ve ever known“, sondern „Remember that the best times are yet to come“. Die Streicher kommen diesmal schon in der Strophe, die Bridge klingt wie bei Queen. Und trotzdem – oder gerade deshalb? – eine der besten Manics-Nummern seit Jahren.

I’m Just A Patsy
Das ist der Beweis: die Manics stehen wieder voll im Saft. Selbst die nicht ganz so guten Songs rocken und bleiben besser im Ohr als zwei Drittel „Lifeblood“. Aber vielleicht hätte irgendjemand noch einen neuen Text schreiben sollen, bevor man Bradfield „I’m just a patsy for your love / I need an angel from above“ singen lässt.

Imperial Body Bags
White Trash as its best. Ein Rundumschlag in Sachen Krieg, Schönheitswahn, Oberflächlichkeit und was uns sonst noch am Westen nervt. Klingt ein bisschen wie Guns N‘ Roses …

Winterlovers
Die dritte Jahreszeit im zehnten Song, dazu ein „Nanana“-Refrain, der die Kaiser Chiefs beinahe neidisch machen könnte. Irgendwie nicht so ganz der große Wurf, aber eigentlich ein ganz passender Schlusstrack …

Working Class Hero
… wäre da nicht noch die heimtückische Attacke auf John Lennon. Selten waren sich Rezensenten derart einig: diese Coverversion geht gar nicht. Aber die Idee, ein ziemlich gutes Album mit dem vermutlich schlechtesten Song der Bandkarriere zu beenden, erfordert ja auch irgendwie Mut. Oder eine eindeutige „Leckt mich!“-Einstellung.

Fazit
Eigentlich darf ich sowas gar nicht schreiben, denn ich fand eh jedes Manics-Album mindestens okay: Trotzdem ist „Send Away The Tigers“ das in sich stimmigste und emotional aufpeitschendste, daher vielleicht beste Album seit „Everything Must Go“. Alle Experimente sind vorbei, die Band besinnt sich auf das, was sie am besten kann, und liegt damit goldrichtig.

Send Away The Tigers - Cover (Original)
Manic Street Preachers – Send Away The Tigers

VÖ: 04.05.2007
Label: RedInk/SonyBMG
Vertrieb: Rough Trade

3 Kommentare

  1. Jens
    11. Juni 2007, 0:18

    also ich habe mir das Album gar nicht mehr zuende angehört… :-) meinste das war ein Fehler?

    http://www.pure.de/_blog/2007/.....preachers/

  2. Lukas
    11. Juni 2007, 0:36

    Ich find’s halt ziemlich gelungen und würde ihm an Deiner Stelle eine zweite Chance geben.

    Aber „Working Class Hero“ scheint ja langsam gute Chancen zu haben, „Lucy In The Sky With Diamonds“ von William Shatner als kanonisch schlechteste Coverversion abzulösen …

  3. Coffee And TV: » Gesammelte Platten August/September 2010
    18. Oktober 2010, 9:00

    […] den Manic Street Preachers passieren konnte, denn seitdem erlebt die Band ihren zweiten Frühling: “Send Away The Tigers” war groß, “Journal For Plague Lovers” rau — und mit ihrem zehnten Album zielen […]