Journalisten

Von Lukas Heinser, 9. Juni 2011 16:37

Ich zucke immer zusammen, wenn ich als „Journalist“ vorgestellt werde. Das hat wenig mit dem behaupteten Kulturkampf „Blogger vs. Journalisten“ zu tun (ich zucke auch zusammen, wenn ich als „Blogger“ vorgestellt werde) und viel mit dem, was in Deutschland für Journalismus gehalten wird.

„Journalist“ ist keine geschützte Berufsbezeichnung, anders als zum Beispiel „Tierarzt“. Metzger, Wilderer und Automechaniker betreiben nachweislich keine Veterinärmedizin, das Werk von Volksverhetzern, Leichenfledderern und sonstigem charakterlosen Pack kann aber ohne weiteres als „Journalismus“ bezeichnet werden.

Deshalb wird Paul Ronzheimer, 25-jähriger „Bild“-Redakteur, der auch gerne schon mal „den Pleite-Griechen die Drachmen zurück“ gibt, mit dem Herbert-Quandt-Medien-Preis (immerhin benannt nach einem anderen großen Menschenfreund und Wohltäter) ausgezeichnet.

Und deshalb werden Druckerzeugnisse wie „Bild“, „Focus“ oder „Bunte“ auch von seriösen Journalisten (die es natürlich, um Himmels Willen, auch gibt und die gut daran täten, die Bezeichnung „Journalist“ zu verteidigen) als Journalismus angesehen, obwohl es in der restlichen zivilisierten Welt eher unüblich ist, Boulevardjournalismus als Journalismus wahr- oder auch nur ernstzunehmen.

Jörg Kachelmann hat der „Zeit“ ein langes Interview gegeben und auch wenn die Interviewerin Sabine Rückert selbst jetzt nicht gerade als strahlendes Beispiel für ordentlichen Journalismus bezeichnet werden kann, ist es ein beeindruckendes Dokument.

Kachelmann sagt darin unter anderem:

Ich bin sicher, dass die Boulevardmedien überall U-Boote haben. In allen wichtigen Organisationen haben die einen sitzen, damit er mal kurz in den Computer guckt. Wenn ich in einer Maschine unterwegs war, die nicht zu den Fluglinien des Firmenverbundes Star Alliance gehört, hat mich nie ein Paparazzo am Flugplatz erwartet.

Das lässt nur zwei Schlüsse zu: Entweder, der Mann ist verrückt (geworden), oder dieses Land ist sehr viel upgefuckter, als man sich das als Bürger gemeinhin vorstellen würde.

Das Internetportal „Meedia“, dessen Chefredakteur es als „elementarste Aufgabe“ der Medien ansah, „das Doppelleben des netten Herrn Kachelmann zu enthüllen“, und der es als „rufschädigend für den Journalismus“ bezeichnet hatte, den medialen Irrsinn in Sachen Kachelmann zu hinterfragen, dieses Internetportal jedenfalls schreibt heute über das Interview:

Schwenn habe nicht gebrüllt oder auf den Richtertisch gehauen, wie die Bild berichtet hat. Es ist nicht nur diese Stelle des Interviews, die den Eindruck erweckt, Kachelmann habe seit dem Prozess womöglich eine etwas verschobene Wahrnehmung der Realität. Zwar hat Schwenn tatsächlich nicht gebrüllt, aber seine Art und Weise im Gericht vorzugehen kann jeder, der anwesend wahr nur als offene Provokation empfunden haben.

Kachelmann sagt, Schwenn habe nicht gebrüllt, und Schwenn hat nicht gebrüllt, aber Kachelmann hat eine „etwas verschobene Wahrnehmung der Realität“? Was hat dann Stefan Winterbauer, Autor dieser Zeilen? (Außer vielleicht „den Schuss nicht gehört“.)

14 Kommentare

  1. tilman
    9. Juni 2011, 16:50

    der link zum kachelmann interview führt ins leere …

  2. SvenR
    9. Juni 2011, 17:08

    Und was hat Audi damit zu tun?

    (Im Ernst: Warum Stefan und Du überhaupt noch schaut, was diese Dumpfbacken Altrogge und Winterbauer ins Internet tippen und das durch Eure Kommentare aufwertet, verstehe ich nicht so ganz.)

  3. Gunnar
    9. Juni 2011, 18:34

    Ich war mit dem Lesen noch nicht fertig und das Handelsblatt hat das Interview gekillt. Gibts zufällig nen Alternativ-Link?

  4. JMK
    9. Juni 2011, 19:58

    @Sven
    Weil immer noch oder immer mehr Menschen so ein Dreck (sorry) wie Meedia ernst nehmen

  5. janosch
    9. Juni 2011, 23:26

    @ gunnar, das interview erschien heute in der gedruckten zeit. also wird es wahrscheinlich spaetestens am we online sein…

  6. SvenR
    10. Juni 2011, 0:44

    Eine ganz andere Frage: Warum wird eigentlich ein Artikel aus der gedruckten Zeit im Handelsblatt online veröffentlicht und nicht bei Zeit-Online?

  7. Pottblog
    10. Juni 2011, 6:33

    Links anne Ruhr (10.06.2011)…

    Dortmund: Entlarvt: Die Dortmunder Huren-Lüge (Bild.de) – Bochum: Bagger reißen JVA-Wohnungen in Bochum für Gewalttäter-Neubau ab (DerWesten) – Dortmund: Siebtgrößte Stadt: Dortmund zieht an Stuttgart vo…

  8. “Hannelore Kraft und das Spermium” – Fremdschämen mit der (über die?) Westdeutsche Allgemeine Zeitung » Pottblog
    10. Juni 2011, 7:41

    […] und hatte auch den einen oder anderen Lacher dabei. Aber anscheinend bewegte die Sendung einige “Journalisten” von der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) sehr, die daraus nicht nur ein Titelthema […]

  9. test
    10. Juni 2011, 8:05

    Ich glaub dem Mann was er über die UBoote in den Fluggesellschaften betrifft.
    Das passt zu einer ARD oder ZDF Reportage die kürzlich lief. Dort wurde eine Lufthansa Mitarbeiterin mmit etwas Geld versorgt, damit sie an ihrem Ticketschalter im Terminal am Flughafen nen Blick auf die Passagierlisten hat und einem Paparatzidingsbums bescheid gibt wenn nen Promi vorbei kommt.

  10. Too much information » Guten Morgen
    10. Juni 2011, 8:39

    […] Heinser fragt sich, wie upgefuckt der Boulevardjournalismus in Deutschland inzwischen […]

  11. Mantaspringer
    10. Juni 2011, 10:48

    Niggemeiers Schoßhündchen als Wadenbeißer. Wie niedlich.

  12. Usul
    10. Juni 2011, 11:49

    Ich glaube, dass mit den Informations-U-Booten ist noch viel schlimmer und auch einfacher, als man sich das vorstellen will. Eine Bekannte von mir hat vor Jahren mal bei einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet und war im Zuge dessen für ein paar Wochen bei einer größeren Bank im Haus. Ihre Aufgabe bestand dort darin, in Microfichen nach Bankauszügen zu suchen, die Kunden aus welchen Gründen auch immer angefordert haben. Ein stupide Arbeit – aber auch eine sehr sensible. Es war zwar natürlich verboten, aber sie konnte sich da ansehen, was sie wollte – und hat mal „testweise“ ins Konto der Vermietern geschaut, da sie wusste, es ist die gleiche Bank (wg. Mietüberweisung).

    Keine Ahnung, ob das noch so ist, aber es war erschreckend, wie einfach da „Wildfremde“ wie Zeitarbeiter praktisch unbeschränkten Zugriff auf hochsensible Informationen hatten. Seitdem hab ich da jede Illusion verloren. Informationen, die irgendwo vorhanden sind, sind auch für jeden mit etwas Aufwand erreichbar. Man muss nur jemanden mit Zugang zur Datenbankmaske kennen, und da gibt es mehr als man sich vorstellen mag.

  13. Lukas Heinser
    13. Juni 2011, 14:10

    Das Interview stand ursprünglich beim „Handelsblatt“ (wie „Die Zeit“ zu Holtzbrinck gehörend) online, ging dann Donnerstagnachmittag wieder offline und steht jetzt bei „Zeit Online“.

    Die Chefredaktion der „Zeit“ wollte diesen „internen Vorgang“ nicht näher kommentieren.

  14. Too much information - Moin - Guten Morgen
    29. Juni 2014, 11:13

    […] Heinser fragt sich, wie upgefuckt der Boulevardjournalismus in Deutschland inzwischen […]

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