Blutig: Noch ein Medium durch!

Von Lukas Heinser, 15. Oktober 2008 0:01

Fernseher (unter CC-Lizenz von Walt Jabsco)

Ich wollte nicht über Marcel Reich-Ranicki und seinen Auftritt beim Fernsehpreis schreiben. Andere Leute haben eine Vielzahl von klugen Texten geschrieben, die ich alle auf ihre Weise nachvollziehen kann.

Aber erstens ist dieses Land eh über Nacht zu einer Nation von 82 Millionen Medienkritikern geworden,1 und zweitens haben mich die Reaktionen der Fernsehleute jetzt, da sich der erste Staub gelegt hat und der wütende, alte Mann nicht mehr in Hörweite ist, wahnsinnig gemacht. Die „Frankfurter Rundschau“ hat einige davon dokumentiert, „Bild“ und die „Netzeitung“ ebenfalls.

Es ist unfassbar: Medienschaffende, Journalisten gar,2 befinden sich plötzlich in der Situation, dass ihr Medium kollektiv abgewatscht und für scheiße befunden wird. Ja, „Willkommen im Club“, kann ich da nur sagen, denn als Blogger passiert einem das regelmäßig.

Nur sind die meisten Blogger Amateurpianisten auf der medialen Klaviatur, weswegen wir immer noch ständig in Rechtfertigungsgestammel verfallen. Fernsehmacher hingegen sollten Profis sein — und entsprechend reagieren. Das heißt, sie stellen sich entweder selbstbewusst hin und sagen: „Ja, kann schon sein, dass wie hier Mist machen. Aber die Leute mögen es und auch wir können noch jeden Tag in den Spiegel gucken, lasst uns doch den Spaß“,3 oder sie glauben an den Anspruch ihres Programms und haben ein trotziges „Aber wir machen doch gar keinen Mist!“ nicht nötig. Überhaupt hätte mal jemandem dem Herrn Literaturkritiker entgegenhalten können, dass es ja nicht nur Bücher von Thomas Mann und Bertolt Brecht gibt, sondern auch welche von Uta Danella und Ken Follett.

WDR-Intendantin Monika Piel will sich jetzt dafür einsetzen, dass in der ARD Kulturveranstaltungen vermehrt zur Primetime gesendet werden. Es ist wie im (mutmaßlich sehr schlechten, von mir nach der Betrailerung ungesehen) Film „Free Rainer“, wo Arte plötzlich Mörder-Einschaltquoten hat.4 Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich das nicht will. Ich will kein „Faust II“ nach der „Tagesschau“, ich will nur, dass das normale Programm ein bisschen weniger lieblos und Zuschauerverachtend ist. Wenn ich mich mit Literatur befassen will, höre ich mir Germanistikvorlesungen an.5

Unterhaltungssendungen müssen kein Bildungsfernsehen sein,6 aber man kann auch gute Unterhaltung machen. Gerade deshalb ist der Preis für „Deutschland sucht den Superstar“ ein Skandal, weil es eine lieblose, handwerklich allenfalls solide Show ist, die sich über ihre eigenen Hauptfiguren lustig macht. Wie gute Unterhaltung funktioniert, haben „Ich bin ein Star – holt mich hier raus!“ und „Das perfekte (Promi-)Dinner“ bewiesen, bei denen Bild- und Tonschnitt, Musikauswahl und Kommentar ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Barbara Schöneberger hat bei Reinhold Beckmann7 gesagt, man könne auch nicht ins Fußballstadion zu Hertha gehen und dann fragen, warum die Berliner Philharmoniker nicht da seien. Aber wenn ich ins Fußballstadion gehe, erwarte ich, dass da Fußball gespielt wird. Und nicht, dass Mario Gomez am Ball vorbei tritt, oder Borussia Mönchengladbach einen 0:1-Rückstand zu verwalten versucht. Eine Fernsehpreisverleihung sollte, wenn schon keine Sternstunde des Fernsehjahres, dann wenigstens nicht ihr Tiefpunkt sein. Aber wie auf Kommando erscheint beim Stichwort „Tiefpunkt“ eben Atze Schröder in Kapitänsuniform auf der Bühne.

Bei der ganzen Diskussion wird mal wieder ein Medium mit seinen Inhalten verwechselt. Je länger ich über Marshall McLuhans berühmten Ausspruch nachdenke, wonach das Medium die Botschaft sei, desto abwegiger finde ich ihn. Goethe soll „Wandrers Nachtlied (Ein Gleiches)“ in die Wand einer Holzhütte auf dem Kickelhahn geritzt haben — und zweifellos hat es doch einen höheren kulturellen Wert als so ziemliche jedes andere Graffito, das in Deutschland in den letzten 250 Jahren eine Bretterwand geziert hat.

Das Symbolbild ist von Walt Jabsco und wird hier unter CC-Lizenz verwendet.

  1. Heute Abend werden’s dann aber wieder 82 Millionen Fußballtrainer, versprochen! []
  2. Und das schreibe ich ohne Gänsefüßchen und Ironie. []
  3. Was bizarrerweise nah dran ist an dem, was ausgerechnet Marco Schreyl am Samstag getan hat. []
  4. Und dessen Start vor elf Monaten schon einmal eine Mini-Qualitätsdiskussion durchs Dorf getrieben hatte. []
  5. Und Sie können das via Podcast sogar auch. []
  6. Es wäre schlimm, wenn’s so wäre. []
  7. Oh, diese Geschichte ist so voller Ironie, man hätte es sich nicht ausdenken können! []

11 Kommentare

  1. PhilipS
    15. Oktober 2008, 9:57

    Ähm sehr schwache aus der Luft gegriffene Kritik, die sicha auf Dinge bezieht die du zugegebener Maßen nichts gesehen hast.
    Hättest du nicht wenigstens eine vergleichbare Story gehabt die du auch kennst? Vincent von Joey Goebel fänd ich auf deine Kritik weit passender (allerdings ein Buch).

    Und was du als gute Unterhaltung anpreist wird auch nur in neuen Staffeln immer weiter verwurstet. Mit der jetzigen Grundlage von Ideen und Möglichkeiten kann man kaum neues unterhaltsames Fernsehen gestalten ohne sich direkt wieder an bereits dagewenes Format zu hängen oder blödsinnig zu wiederholen.
    Da kann es noch so „stimmig“ gemacht sein, irgendwann hab ich keine Lust mehr, zweitklassige Promis bei irgendwelchen Dingen zuzusehen, die sie unter Anleitung einer Regie so machen als wäre es echt.

    Dadurch das zumindest mehr Kultur ins Unterhaltungsfernsehen eingebracht wird, wäre meiner Meinung nach schon etwas gewonnen, da mehr Möglichkeiten für Sendungen entstünden. Dadurch geht nichts verloren und wenn was schlechtes dabei herauskommt schaltest du wie gewohnt einfach um….

  2. Hein
    15. Oktober 2008, 11:30

    Irgendwie kann ich deine Beispiele nicht nachvollziehen.
    DSDS ist handwerklich gut gemacht. Hmh, naja gut, könnte man so stehen lassen. Aber warum genau nennst du jetzt „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ als positives Gegenbeispiel? Auf diese Show würde ebenfalls das Attribut „Handwerklich gut gemacht“ zutreffen, aber an sonsten ist das Niveau leider auch unterirdisch, wenngleich es auch gute Unterhaltung sein kann. Das schließt sich ja nicht aus. Trotzdem würde MRR wohl brechend vorm TV sitzen, wenn er IbeShmhr sehen würde.

  3. Lukas
    15. Oktober 2008, 12:21

    @Hein: Steht doch da: weil bei „IBESHMHR“ Bild- und Tonschnitt, Musikauswahl und Kommentar ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Weil ich als Zuschauer merke, dass sich da Leute Gedanken gemacht und Mühe gegeben haben. Das ist nichts, was ich mir ewig anschauen wollte, aber für zwei Wochen im Jahr ist es durchaus nett.

    Natürlich ist das nichts, was Reich-Ranicki sehen will. Muss er ja auch nicht. Das ist ja in meinen Augen auch der große Fehler an seiner (ansonsten sicher notwendigen) Pauschalkritik: dass er sich Kultur dahin wünscht, wo sie nichts verloren hat. In meinen Augen muss man nicht Molière spielen, um das Fernsehpublikum zu unterhalten. Aber man sollte ihm eben auch keinen dummen, lieblosen Mist vor die Füße kotzen wie „DSDS“ oder „TV Total“.

  4. Hein
    15. Oktober 2008, 13:59

    weil bei “IBESHMHR” Bild- und Tonschnitt, Musikauswahl und Kommentar ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Weil ich als Zuschauer merke, dass sich da Leute Gedanken gemacht und Mühe gegeben haben. Das ist nichts, was ich mir ewig anschauen wollte, aber für zwei Wochen im Jahr ist es durchaus nett.

    Das würde bei mir auch in die Kategorie „Handwerklich gut gemacht“. Ich meine, wenn eine Unterhaltungssendung das macht was sie soll, nämlich unterhalten, dann muss man das ja eigentlich nicht noch extra hervorheben.

    Das ist ja in meinen Augen auch der große Fehler an seiner (ansonsten sicher notwendigen) Pauschalkritik: dass er sich Kultur dahin wünscht, wo sie nichts verloren hat.

    Ich finde das nicht so ganz leicht aufzudröseln. Immerhin gibt es unverständlicherweise auch Menschen, die den Heizdeckenverkäufer Walter Freiwald gerne sehen. Aber hast schon irgendwie recht.

  5. zota
    15. Oktober 2008, 14:02

    Man mag „DSDS“ aus verschiedenen Gründen ablehnen, es gibt dafür sicher mehrere vertretbare Positionen. Aber dass die Sendung vor allem im direkten Vergleich mit „IBESHMHR“ am anderen Ende der Liebevölle (ähem) verortet wird, kann ich nicht nachvollziehen. Bei den Castings kann man der Musikeinspielung, den Kommentaren und bewusst-naiven MS-Paint-artigen Bildbearbeitungen vieles nachsagen, nicht aber, dass sich dabei niemand Gedanken gemacht hätte.

  6. Lukas
    15. Oktober 2008, 14:04

    Ich meine, wenn eine Unterhaltungssendung das macht was sie soll, nämlich unterhalten, dann muss man das ja eigentlich nicht noch extra hervorheben.

    Sollte man eigentlich nicht müssen, ja. Aber gerade diese „Scheißegal“-Haltung und Zuschauerverachtung, mit der in Deutschland Unterhaltungssendungen (aber nicht nur die) produziert werden, ist das, was mich aufregt.

    Warum z.B. muss immer erst Reinhold Beckmann Sommerpause machen, bis die ARD mal nach den „Tagesthemen“ tolle Reportagen oder Spielfilme sendet?

  7. LOBI
    15. Oktober 2008, 16:34

    zu Vorletztem. Was macht dich so sicher, das es die Haltung ist, und nicht das pure Unvermögen?

  8. Lukas
    15. Oktober 2008, 16:52

    Da weiß ich jetzt gar nicht, was ich schlimmer fände.

  9. LOBI
    15. Oktober 2008, 17:17

    Ich kenne 4 Leute die beim Fernsehen arbeiten (also das etwas, was diese produzieren wirklich im Programm zu sehen ist)(2*Autor(in) und 2*Produzent(in)) und 2 (eigentlich) Filmer, die aber natürlich letztendlich mit Filmförderung auch das Fernsehn beglücken.

    Und die vorherschende Haltung ist eher: Einer muss es ja machen.

    O.K. iss‘ jetzt übertrieben. Aber die wirklichen, echten Probleme mit Unterhaltung erzeugen die (wenigen) Leute die entscheiden dürfen, welches Signal in der Sendetechnik landet. Ob’s z.B. so strukturierte Testbilder wie IchBinMalEinStarGewesenUSW. sind oder DSDS.

  10. Matthias Sch.
    15. Oktober 2008, 21:18

    Also, dass du Ken Follett als Negativ-Qualitäts-Beispiel sozusagen auf eine Stufe mit DSDS sellst, erstaunt mich jetzt bass (einer der besten Autoren m.E., gibt sich bei unterschiedlichsten Themen – 2. Weltkrieg, Mittelalter, Gentechnik, Iran, Kinderarbeit in GB im Industriezitalter etc. – richtig Mühe und bringt *ganz nebenbei* auch ein bisserl Wissen rüber)

    aber ich war ja auch irritiert, als meine Mutter mir einst verriet, dass Simmel als Trivial-Literatur gilt – sollte daher vielleicht ebensowenig über Literatur urteilen wie RR über Fernsehen ;-)

    Ach ja, „Perfektes Dinner“ stimme ich dir vollauf zu: Gut gemacht, gute Unterhaltung (wenn ich’s bloß nicht jeden Abend mit meiner Freundin anschauen müsste…..)

  11. Matthias Sch.
    15. Oktober 2008, 21:19

    kaufe ein „t“ für die zweite Zeile (apropos, was macht eigentlich Maren Gilzer heute?)