It’s always raining somewhere

Von Markus Steidl, 14. Juli 2009 17:19

Im Geiste von Harry Rowohlt habe ich mich entschlossen, es folgendermaßen zu sagen: Ich erzähle mal kurz was übers La-Pampa-Festival. Ich habe das inzwischen überall rumerzählt; da sehe ich nicht ein, weshalb ich es ausgerechnet Ihnen nicht auch erzählen soll. Das war’s jetzt aber auch mit dem freien Zitieren.

Über das Festival selbst muss man zumindest Folgendes sagen: Es stehen zwei bis drei Bühnen (die Zahl hängt massiv davon ab, wie die persönliche Definition des Wortes „Bühne“ bei den jeweiligen Besuchern beschaffen ist) auf einem Seebad-Gelände am Südostzipfel des Landes Sachsen, in der Nähe von Görlitz, genauer: Hagenwerder bei Görlitz. Um den See herum kann man zelten, unmittelbare Nähe zum Wasser ist hierbei unbedingt empfehlenswert. Denn mit jedem Zentimeter, um den man sich mit dem Zelt vom See entfernt, steigt die ohnehin schon gefährliche Proximität zur anliegenden Gleisanlage. Diese wird zwar nur jede Stunde von einer S-Bahn der ODEG (Ostdeutsche Eisenbahn GmbH – deshalb müsste sie eigentlich ODEGMBH heißen, aber was weiß ich schon?) befahren, ist aber auch nicht mit einem Zaun vom Weg um den See abgetrennt. Wie durch ein Wunder kommt, soviel ich weiß, am ganzen Wochenende niemand dabei ums Leben.

Ich werde jetzt hier nicht chronologisch aufzählen, was alles schief gegangen ist oder schlechter als gedacht funktioniert hat. Das mit dem Wetter, dafür kann ja niemand was, aber wenn es jeden Abend pünktlich um 22 Uhr anfängt, ein piesackendes Bisschen mehr als zu nieseln, macht das aus einem entspannten Konzert von The Notwist am Freitag schon mal eine kleine Hängepartie, vor allen Dingen deshalb, weil an den Stellen der Songs, die aufgrund ihrer steigenden Intensität auch mit mehr Licht untermalt werden, das Ausmaß des Regens erst gut beleuchtet sichtbar wird und man dadurch ganz und gar nicht zum Jubeln und Frohlocken aufgelegt ist.

Irgendwann hat man sich natürlich dran gewöhnt. So um 1 Uhr nachts oder so, da ist man dann halt nass, Leugnen hilft auch nicht mehr. Was dazu führt, dass ich Bonaparte um Viertel vor Drei schon so früh zu meinem persönlichen Festivalhöhepunkt erkläre und mir vornehme, zukünftig mein streng abschätziges Verhältnis zu, pardon, Hüpf- und Springmusik, noch einmal zu überdenken.

Die Nacht findet allerdings leider nicht statt, weil es so laut regnet, dass ich das Gefühl habe, eine Million kleiner Steine fiele auf das Zeltdach. Das wird nur übertroffen von einer Handvoll männlicher Jugendlicher aus dem nahe gelegenen Görlitz-Hagenwerder/Weinhübel, oder wie auch immer das heißt, die einen gefühlten Zentimeter von meinem Ohr entfernt einen unfassbaren Radau machen, unter anderem so geartet, dass mit steigendem Alkoholisierungsgrad die Lautstärke steigt, die Qualität der Witze allerdings rapide absinkt, bis sie bei wahnsinnigunterirdischen Rassismen gegen Polen angekommen sind, bei denen ich eigentlich hoffnungsvoll überzeugt war, dass sie endlich, endlich, endlich einmal aus der Mode kommen würden. Stattdessen schäme ich mich stellvertretend für die gesamte Menschheit und versuche neurotisch, mich in den Schlaf zu wiegeln. Immerhin finde ich ein Oropax, das ich in der Mitte salomonisch zerteile, damit beide meiner Ohren ihre Ruhe kriegen.

Samstag spielen Portugal. The Man in der Hauptsache, und vielleicht noch ClickClickDecker, den/die ich eigentlich sehr gern mag, die aber im Vergleich zum immer noch nachwirkenden großartigen Eindruck von Bonaparte eine eher schwammige und lasche Vorstellung abliefern, mitunter sicher auch deshalb, weil sie sehr leise sind. Andererseits aber auch deshalb, weil ich glaube ich so langsam genug Lieder gehört habe, die am Achtel-Fieber leiden. But that’s just me.

Wenn ich aber nun zusammenfassend ein bisschen zwiegespalten bin und sage, dass ich schon weiß, warum ich kaum auf Festivals gehe, und mein letztes davor mittlerweile schon sechs Jahre her ist (und deshalb notwendig war, weil ich sonst vermutlich nie mehr Radiohead live gesehen hätte, ohne dafür meine Seele für den Ticketpreis zu verkaufen), dann liegt das mit Sicherheit nicht an der Musik, die nämlich, trotz aller bösen Konnotation des Ausdrucks, wenn nicht sehr gut, dann immerhin gut gemeint war. Es liegt vielmehr daran, dass ich noch heute, zwei Tage danach, Ohrenzwicker aus dem Zelt in meinem Zimmer finde. Oder dass ich die Schuhe, die ich dabei hatte, wahrscheinlich wegwerfen muss, nachdem ich versucht habe, mit dem Messer den alten krustigen Schlamm aus den offenen Zwischenräumen zwischen Stoff und Sohle zu entfernen. Und an einem mehr oder weniger fiesen Schnupfen, den ich so gut gebrauchen kann wie ein Loch im Knie.

Zum Schluss noch eine pädagogische Note. Wenn Sie unsicher darüber sind, wie das Wort „Material“ richtig ausgesprochen wird, und sich diesbezüglich informieren möchten, halten Sie nicht, ich wiederhole, nicht, unter keinen Umständen, an einem Rasthof in der Nähe von Kosel an der Bundesstraße 99. Egal, wie leer der Tank ist. Es sei denn natürlich, sie wollen für den Rest Ihres Lebens mit einem breiten, aufdringlichen „Mattärjol“ auf der Zunge herumlaufen.

18 Kommentare

  1. Johannes
    14. Juli 2009, 17:44

    Bonaparte sehe ich am Wochenende irgendwann mitten in der Nacht auf dem Melt. Bin gespannt, mag die nämlich auch.

    Kommt von dir eigentlich noch was vom FvC? Habe dich gesehen und schon wieder nicht „Hallo!“ gesagt. [/geheimnisvoll]

  2. Muriel
    14. Juli 2009, 18:16

    Hach, ich war noch nie auf einem Festival. Werde immer ganz melancholisch, wenn ich sowas lese.

  3. Markus
    14. Juli 2009, 18:18

    @Johannes?

    Mich?

  4. Johannes
    14. Juli 2009, 18:26

    @Markus: oh, nö, den Lukas, Verzeihung. Ist mir nicht aufgefallen, dass es nicht sein Eintrag ist.

  5. Markus
    14. Juli 2009, 18:27

    @Johannes: Kein Problem, liegt bestimmt auch daran, dass das da in gefühlter Schriftgröße Zwei steht.

  6. Tante Taifun
    14. Juli 2009, 18:39

    Es ist ein Festival. Unter freiem Himmel. Das stellt ein Risiko dar. Für Veranstalter und Besucher. Ist man einigermaßen erfahren, nimmt man Gummistiefel und dicke Kleidung mit, die man durch einen Regenmantel vor kompletter Durchnässung schützt. Und man packt eine Menge Hoffnung mit ein, dass die Wassersäule des Zeltes ausreichend groß ist. Über Idioten darf man sich nicht beschweren, die sind überall, nicht nur auf Festivals. IMHO ein recht überflüssiges Lamento, das zudem danach riecht, als würdest Du, Markus, den Organisatoren dieses kleinen, feinen Festivals einen Vorwurf machen.

  7. Markus
    14. Juli 2009, 18:48

    @Tante Taifun: „Das mit dem Wetter, dafür kann ja niemand was […]“. Wobei hierbei klar sein dürfte, dass ich deshalb niemandem einen Vorwurf machen will. Allerdings will ich das auch nicht bei den Idioten, über die man sich dennoch aufregen darf, wie ich finde, auch wenn sie überall sind. Ich finde dieses Festival auch sehr nett und gelungen, und es war keineswegs meine Absicht, den Veranstaltern die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, dass es Leute gibt, die nachts gerne laut sind. Ich will damit eher meine allgemeine, vielleicht neurotische, Urangst vorm Zelten im Freien kundgeben und nicht etwa behaupten, Festivals wären schlimm für das universale menschliche Wohlergehen, weil die Veranstalter an den Idioten schuld sind. Wenn ich mir das alles aber nochmal so durchlese, finde ich eigentlich nicht, dass es irgendwie anders als rein persönlich rüberkommt.

  8. Muriel
    14. Juli 2009, 18:54

    @Tante Taifun: Wenn ich Markus da kurz mal sekundieren darf, bei mir ist es auch nicht als Vorwurf angekommen. Ich fand den Artikel sehr nett, und schon die Überschrift verdeutlicht doch eigentlich, in welche Richtung die Reise geht.
    Aber wenn ich auch mal was kritisieren darf: es könnte wirklich deutlicher sein, wer die Artikel schreibt. Ich gebe zu, dass es da oben steht, aber ich habe es auch überlesen.

  9. Tommy
    14. Juli 2009, 20:56

    „Immerhin finde ich ein Oropax, das ich in der Mitte salomonisch zerteile, damit beide meiner Ohren ihre Ruhe kriegen.

    Samstag spielen Portugal. The Man in der Hauptsache, und vielleicht noch ClickClickDecker, den/die ich eigentlich sehr gern mag, die aber im Vergleich zum immer noch nachwirkenden großartigen Eindruck von Bonaparte eine eher schwammige und lasche Vorstellung abliefern, mitunter sicher auch deshalb, weil sie sehr leise sind.“

    Du mustt die Dinger aber auch wieder rausnehmen!^^
    Ach, und Weinhübel≠Hagenwerder wie Kreuzberg≠Potsdam oder St.Pauli≠Buxtehude. Muss man aber auch nicht wissen.

  10. Markus
    14. Juli 2009, 21:05

    @Tommy: Ach, ich dachte, die wären selbstlösend :)

    Das mit Kreuzberg und Potsdam wusste ich sogar. Ähem. Ja richtig. Da habe ich die lange Promenade, die man nach Hagenwerder noch am Berzdorfer See entlangfährt, wohl aus meiner Erinnerung verdrängt. Zweite Todsünde: „Sind ja nur 10 Kilometer!“

  11. Jörch
    14. Juli 2009, 23:25

    Die Lektüre steigert die Vorfreude und wirft nebenbei die Frage auf: gibt’s dieses Jahr wieder ein Haldern Blog?

  12. Tante Taifun
    15. Juli 2009, 10:01

    Naja, ich finde dieser Text hat so einen lamentierenden Grundton, eben wie von jemandem, der Zelten eigentlich bescheuert findet und trotzdem auf ein Festival fährt. Da muss man halt durch, finde ich. Oder Du suchst Dir ne Ferienwohnung in der Nähe. Kostet auch nicht die Welt. Dann hast Du aber immer noch das Problem mit deinen Schuhen. Und das, lieber Markus, kann man mit einem Gang zu Deichmann sehr günstig abstellen.
    Nix für ungut!

  13. Bernie
    15. Juli 2009, 11:50

    Radiohead spielen übrigens am 25.08. in Poznań, Karten ab 95 Złoty. http://www.eventim.pl/portal/e.....mance.html?

  14. Markus
    15. Juli 2009, 18:38

    Hi! Ausgerechnet Bonaparte haben mich enttäuscht. Das mit dem Regen und so, ja. Aber ich habe mich 2 Nächte in einem Hotel untergebracht; mein Geheim-Tipp für unbeschwerten Festivalgenuss. Bericht und ne Reihe Fotos hier:
    http://www.regioactive.de/stor.....erder.html

    Grüße

  15. CthIngo
    17. Juli 2009, 10:36

    Schau dir das nächste Mal einfach Görlitz an stattdessen. Total schöne Altstadt.

  16. thilo
    18. Juli 2009, 15:12

    Festivalbrsuch rangiert auf meiner persönlichen Vorliebenliste knapp hinter Waterboarding.

  17. Coffee And TV: » Listenpanik 07/09
    10. August 2009, 17:53

    […] die Serie] Donnerstag geht’s wieder los! [↩]Dafür aber beim La-Pampa-Festival. [↩]Es kann kein Zufall sein, dass ich ausgerechnet über WDR 2 von der Veröffentlichung des […]

  18. Hannes Logitech
    9. Oktober 2009, 21:41

    Darüber wurde ja schon eine Menge geschrieben – das ist aber besonders stark.