Tower Records

Von Lukas Heinser, 11. September 2008 16:46

Preisfrage: Was ist das?

a) Ein Plattencover von Wilco.
b) Ein Foto der Marina City in Chicago, IL.
c) Ein Teil einer Bildergalerie bei „RP Online“.
d) Irgendwas mit Elfter September.

Sie brauchen gar nicht lange zu grübeln oder jemanden anrufen: Alle vier Antworten sind richtig.

Aus gegebenem kalendarischen Anlass haben sich „Rheinische Post“ und „RP Online“ des Themas „Popmusik seit dem 11. September“ angenommen. Autor Sebastian Peters beginnt bei Enyas Katastrophenbegleitmusik „Only Time“, erwähnt Songs („Let’s Roll“ von Neil Young) und Alben („The Rising“ von Bruce Springsteen), die unter den Eindrücken der Terroranschläge entstanden sind, und führt dann aus, dass der Pop politischer geworden sei:

Die linke Popkultur von Radiohead bis zu den Dixie Chicks wiederum holte zum Rundumschlag gegen Präsident Bush aus. Und neuerdings üben sich Stars von Kid Rock bis Madonna im Plädoyer für Obama und gegen die Republikaner. Ohne Zweifel ist Popmusik in Amerika nach dem 11. September politischer geworden.

Nun passen Radiohead und „Popmusik in Amerika“ nicht unbedingt sooo gut zusammen — noch weniger verständlich ist allerdings, wann sich Kid Rock „für Obama“ ausgesprochen haben soll. Das letzte, was der Prollrocker zum Thema Politik gesagt hat, war eigentlich die Aufforderung, dass Prominente im Bezug auf Wahlempfehlungen die Klappe halten sollten.

Peters schreibt über Pop, der „seit dem 11. September auch in Deutschland wieder politisch aufgeladen“sei, und belegt das wie folgt:

Auch die Sportfreunde Stiller sind Stellvertreter dieser x-ten „Neuen Deutschen Welle“. Ihr Lied „54, 74, 90, 2006“ sagt laut Ja zur Heimat, Solche Positionen waren zuvor exklusiv dem Schlager vorbehalten, plötzlich landen sie in der Pop-Mitte.

Jene Sportfreunde Stiller, die im Jahr 2000 eine Single namens „Heimatlied“ veröffentlicht haben?

Noch merkwürdiger als der Text ist aber – immerhin reden wir hier von „RP Online“ – die dazugehörige Bildergalerie, in der acht Plattencover abgebildet und notdürftig mit Titel und Interpret versehen sind (und das manchmal auch noch fehlerhaft).

Dort findet man:

  • den Sampler „America: A Tribute To Heroes“
  • Bruce Springsteens „The Rising“
  • „Are You Passionate?“ von Neil Young
  • „Riot Act“ von Pearl Jam (vermutlich wegen des Songs „Bu$hleaguer“)
  • „Gold“ von Ryan Adams (vermutlich, weil das Video zur Single „New York, New York“ am 7. September 2001 gedreht wurde und das noch intakte World Trade Center zeigt)
  • den Sampler „Love Songs From New York“ (keine Ahnung, was das sein soll, Google kennt’s nicht)
  • „Kid A“ von Radiohead
  • das oben gezeigte „Yankee Hotel Foxtrot“ von Wilco.

Zu möglichen Parallelen von „Kid A“ und den Ereignissen vom 11. September gibt es eine recht spannende Abhandlung von Chuck Klosterman in seinem Buch „Killing Yourself To Live“, aber das wird kaum der Grund sein, weshalb dieses, im Oktober 2000 erschienene Album in der Bildergalerie auftaucht. Immerhin werden Radiohead ja im Text erwähnt, ganz anders als Wilco.

Für deren Auftauchen suche ich noch nach der richtigen Erklärung:

a) Weil „Yankee Hotel Foxtrot“ ursprünglich am 11. September 2001 veröffentlicht werden sollte, was sich wegen eines Labelwechsels aber bis April 2002 verzögerte.
b) Weil sich auf dem Album ein Song namens „Ashes Of American Flags“ befindet, der sich aber (s. das geplante Veröffentlichungsdatum) nicht auf den 11. September bezieht.
c) Weil das Cover die Zwillingstürme eines Hochhauses zeigt, das – im Gegensatz zum World Trade Center – auch heute noch steht.
d) Wieso Erklärung? Da steht’s doch: „RP Online“.

10 Kommentare

  1. bastian
    11. September 2008, 17:22

    Ich bin ja eher der Metallmusik zugewandt, doch leider wurde auch dort nicht vor Politisierung halt gemacht. Während Otep dies jedoch beispielsweise mit „Warhead“ auf wenig subtile, aber angenehme Weise taten [http://www.youtube.com/watch?v=tfLnDUPmP4s – durchaus gutes Video], haben beispielsweise Iced Earth mit „When the eagle cries“ dafür gesorgt, dass ich dieser einst von mir gemochten Band zeitweilig angewidert den Rücken zuwenden musste.

    Will sagen: Auch woanders wird herumpolitisiert, und tatsächlich glaube ich, dass eine vollständige Auflistung aller von 9/11 direkt oder indirekt beeinflussten Werke kein Ende nehmen würde, ohne dazu krampfhaft Plattencover an den Haaren herbeizuziehen…

  2. Uwe
    11. September 2008, 20:13

    Ich weiß, das ist korinthenkackerisch, aber ich liebe nun mal dieses Album und es muss heißen: foxtrot – ein t zu viel.

  3. Lukas
    11. September 2008, 21:00

    @Uwe: Das stimmt natürlich.

    Ich könnte folgende Entschuldigungen anbieten:
    a) Es stand so (also falsch) in meiner iTunes-Library.
    b) Nach den ganzen „11“ und Zwillingstürmen habe ich nur noch in Doppeln gedacht.
    c) Ich bin ein Trotel.

    Jedenfalls: Vielen Dank, ist korrigiert.

  4. SvenR
    11. September 2008, 21:55

    *seufz*

    Warum muss ich bei der RP-Online nur immer an Albert Einstein denken.

    Tut Dir das eigentlich körperlich weh, mit denen Dich immer auseinanderzusetzen (zu müssen)?

  5. Uwe
    12. September 2008, 6:15

    Ich habe zu danken – für den aufschlussreichen Beitrag. Und wie kann man eigentlich in so einer unnötigen Auflistung ausgerechnet Neil Young vergessen?

  6. yeda
    12. September 2008, 10:49

    Könnte das mit dem Ryan-Adams-Album auch daran liegen, daß das Cover von „Gold“ Adams vor einer – dun dun dunnnnn – kopfüber aufgehängten USA-Flagge zeigt? Symbolisiert Amerika-Kritik und was man sich sonst noch so überlegen kann zu Dingen…

  7. Antonio
    12. September 2008, 11:16

    Ich denke, dass im Kunstbetrieb sich viele Leute für wichtiger halten als sie sind. Die Verehrung, die ihnen von Fans, dem Feuilleton und den Medien im Allgemeinen entgegengebracht wird, verleitet sie (zu) oft zu der Annahme, sie wären besonders qualifiziert oder gar verpflichtet, politische Statements abzugeben. Ein weiteres Problem ist aber auch, dass ihnen von den Medien einfach ständig Statements zu allen möglichen Themen abgenötigt werden. Selten gibt es Leute, die zugeben, von einem Thema keine Ahnung zu haben (das macht der „Normalbürger“ auch ungern). Um sich nicht diese Blöße zu geben, werden halt Platitüden und Allgemeinplätze kundgetan.

    Was mich meistens an den typischen Äußerungen zum Klimawandel, George Bush, 3. Welt u.a. stört, ist dass diese Leute sich für bessere Menschen halten, als diejenigen, die eine andere Meinung zu diesen Standardthemen haben und ein Konsens in gewissen Kreisen vorausgesetzt wird. Sonst gehört man irgendwie nicht dazu.

    Es gibt aber immer wieder Künstler (wie der im Artikel genannte Kid Rock), die sich wohltuend davon abheben. Dazu gehört Alice Cooper. Ein besonders schönes Zitat von ihm:

    „If you’re listening to a rock star in order to get your information on who to vote for, you’re a bigger moron than they are. Why are we rock stars? Because we’re morons. We sleep all day, we play music at night and very rarely do we sit around reading the Washington Journal.“

    Ein weiteres Zitat von ihm:

    „Außerhalb der Bühne ist man nichts anderes als ein stinknormaler Staatsbürger. Wenn ich morgens aufstehe, ziehe ich mir wie alle anderen die Hosen an und mache Frühstück. Ich weiß nicht mehr als andere über Politik, ich verfüge über keinerlei mystische Kräfte.“

    Ich würde mir mehr Menschen im Kunstbetrieb wünschen, die sich selbst so realistisch einschätzen können und nicht meinen, sie müssten mit der Verbreitung von gutgemeintem Kokolores die Welt verbessern.

  8. Finn
    18. September 2008, 9:26

    ‚Für‘ New York, nicht ‚von‘: http://www.amazon.com/Love-Son.....B000063DH7

  9. Lukas
    18. September 2008, 10:22

    @Finn: Oh. Vielen Dank für den Hinweis.

    Schwache Rechercheleistung meinerseits, auch.

  10. Coffee And TV: » Emfohlen
    9. Oktober 2008, 12:07

    […] von Borussia Mönchengladbach von 1964 bis heute zusammengestellt und dabei nicht nur auf doofe, nichtssagende Fotos gesetzt, wie es in seinem Hause sonst üblich […]

  11. u n k e w l
    15. Oktober 2008, 10:31

    Das Rezept gegen die Verdummung der Fernsehnation: Nackte Frauen!…

    Wer schon einmal in der Online-Redaktion irgendeiner Zeitung saß, Websites von Zeitungen regelmäßig liest und/oder bei Coffee and TV das berechtigte Gemecker über nicht so tollen Online-Journalismus verfolgt hat*, kennt unweigerlich auch die so gen…