Generation Blog

Von Lukas Heinser, 26. Januar 2008 15:51

Ich werde eher selten zur Teilnahme an Podiumsdiskussionen geladen, weswegen ich diese ermüdenden Anti-Blog-Diskussionen, von denen man bei renommierteren Bloggern immer wieder liest, noch nie aus der Nähe erlebt habe. Das änderte sich aber am Donnerstag, als wir in einem Literaturseminar auf das „Vanity Fair“-Blog von Rainald Goetz zu sprechen kamen.

Die meisten der etwa zehn Seminarteilnehmer kannten den Namen Rainald Goetz nicht1 und hatten noch nie ein Blog gelesen. Beides ist sicherlich verzeihlich, bei Germanistikstudenten Anfang Zwanzig aber vielleicht auch etwas unerwartet.

Da wir mit der Interpretation des Goetz’schen Werkes nicht so recht aus dem Quark kamen, driftete die Diskussion in grundsätzlichere Gefilde. Einem Kommilitonen2 missfiel diese ganze „Selbstdarstellung“ in Form von StudiVZ, Blogs und Videos, und eine Kommilitonin, die zuvor geäußert hatte, außer Auslandstagebüchern von Freunden noch nie ein Blog gesehen zu haben, echauffierte3 sich in harschem Ton über die mindere Qualität und die allerorten anzutreffende Selbstdarstellung, die sie „peinlich“ finde.

Nun gehöre ich nicht zu den Vertretern jener Zunft, die im Internet die Heilsbringung für alles und jeden sehen. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch in fünfzig Jahren noch Menschen geben wird, die das Internet überhaupt nicht nutzen. Es gibt ja auch heutzutage Leute, die weder Telefon noch Fernseher besitzen, und von Eugen Drewermann liest man immer wieder, dass er noch nicht einmal einen Kühlschrank in seiner Wohnung habe. Etwas erstaunt bin ich aber, wenn Menschen in meinem Alter, die mitten im Leben stehen4, moderne Medien und Phänomene rundherum ablehnen, und halbwegs sauer werde ich, wenn sie dies ohne vorherige Inaugenscheinnahme tun.

Ich kippelte mit meinem Stuhl nach hinten, breitete die Arme aus und lächelte. „Natürlich gibt es viel Schrott im Internet, aber den hat man in der traditionellen Literatur oder wo auch immer ja auch. Ich finde es gerade spannend, dass man sich selbst ein bisschen umsehen muss, um gute Sachen zu finden. Aber es gibt eben jede Menge gute und spannende Sachen im Netz.“

So ganz wusste die junge Frau wohl nicht, was in Blogs überhaupt so drinstehen kann. Oder Goetz hatte sie auf die falsche Fährte gelockt: Sie erzählte jedenfalls, in ihrem Bekanntenkreis gebe es Dutzende Leute, die immer schon erzählt hätten, sie würden gerne mal ein Buch schreiben. Getan habe das zum Glück noch keiner. Aber jetzt könnten alle mit ihrer minderen Qualität das Internet vollschreiben.

Mit der gleichen Begründung, so entgegnete ich, könne sie ja auch Konzerte von Nachwuchsbands in Jugendzentren verdammen, weil die oft auch nicht so doll seien. „Das ist doch das spannende, dass heute endlich die Versprechungen der Pop Art und fast aller wichtigen Medientheorien des 20. Jahrhunderts eingelöst werden“, geriet ich etwas zu heftig in Fahrt. „Warhols 15 Minuten Ruhm, ‚Jeder ist ein Künstler‘, ‚the medium is the message‘: jeder kann sich einbringen!“ Ich dachte: „Jetzt hassen sie mich alle. Namedropping, Angeberei und Pathos. Das kann in einer Universität nicht gut gehen.“ Dann fügte ich hinzu: „Ich finde, dass jede Form von Kunst, die irgendjemandem was bedeutet – und sei es nur dem Künstler selbst – ihre Berechtigung hat.“5

Meine Gegenüberin äußerte nun die Vermutung, wir hätten offensichtlich recht unterschiedliche Kunstbegriffe. Leider befanden wir uns zeitlich schon in der Verlängerung, so dass wir uns nicht mehr wirklich hochschaukeln konnten. Aber ich fühlte mich schon etwas knüwer als sonst.

  1. Sie hörten sogar von der berühmten Stirn-aufschlitz-Geschichte zum ersten Mal, fanden sie aber gleich doof. []
  2. „Kommilitone“ gehört zu den Begriffen, die ich nur schreiben kann, wenn ich an einem Computer mit automatischer Rechtschreibüberprüfung sitze. Weitere Beispiele: Atmosphäre, Feuilleton, Kommissar, aufpfropfen. []
  3. Ha, noch so ein Wort! []
  4. Gut: Einige von ihnen wollen vielleicht Lehrer werden … []
  5. Das ist übrigens eine Einstellung, die ich regelmäßig verwerfen will, wenn ich das Radio einschalte und mit Maroon 5 oder Revolverheld gequält werde. []

10 Kommentare

  1. Sebastian
    26. Januar 2008, 20:05

    Wer von Goetz spricht, darf über aufschlitz nicht schweigen.

    Übrigens sympathische Kommilitonin, wird sicher mal eine tolle Deutschlehrerin.

  2. Ernst
    27. Januar 2008, 13:47

    Das Beste am Deutschen ist die Möglichkeit unendlicher Neologismen. Danke für das „knüwer“!

  3. niels | zeineku.de
    27. Januar 2008, 15:05

    „“Natürlich gibt es viel Schrott im Internet, aber den hat man in der traditionellen Literatur oder wo auch immer ja auch. „

    Noch besser: Auf Papier gibt es Exzellentes und Scheiße. Genau deswegen sind diese Diskussionen um die Qualität der Inhalte bestimmter Medienformen ja so langweilig.

    Aus einer bestimmten technischen Darreichungsform lässt sich fast nie zutreffend auf die Qualität des Inhalts folgern – außer bei Straßenpantomime. Die nervt immer.

  4. Doc Montresor
    28. Januar 2008, 13:34

    Danke, der war richtig super.

    Was die Amis mit Verben können, dass können wir in deutsch mit Adjektiven.

    Merke: Das Internet macht offene Menschen knüwer.

    ;O)

  5. Jörg Friedrich
    28. Januar 2008, 16:52

    Ich bin besonders froh über Anmerkung 2.

    Ansonsten: Die Fähigkeit, ein abschließendes vernichtendes Urteil über Sachverhalte zu haben, die man bis eben gerade noch nicht kannte, gibt es schon sehr lange, und alle Erfindungen, die wir jetzt nicht missen wollen, waren ganz sicher davon betroffen, jeder innovative (Anmerkung 2) Künstler ebenfalls.

  6. smoggy
    30. Januar 2008, 17:56

    Solche Diskussionen müssen doch mit der Zeit endlich mal langweilig werden. In der Internet Community gehören Blogs nunmal mitlerweile zur elemtaren Ausstattung und viele Menschen genießen es die unterschiedlichsten Thematiken aufs Blogs zu lesen. Wer das nicht möchte muss ja nicht, deswegen versteh ich die Menschen nicht, die sich ständig aufregen.

  7. Dr. Dean
    30. Januar 2008, 20:19

    Das Problem der „Qualitätsmedien“ besteht darin, dass sie vor unverhoffter – und unverstandener – Konkurrenz stehen.

    Es könnte für viele Journaliten, die sich mühselig nach oben gekämpft haben, ärgerlich sein, wenn einzelne kleine Blogs (Beispiel: wirres.net) mitunter mehr Aufmerksamkeit genießen, als z.B. ein ein etablierter „Alpha-Journalist“. Und dann verstoßen diese Blogs auch noch in Inhalt und Form gegen liebgewonnene Konventionen. Und und und.

    Ist es ein Wunder, wenn sich dann der eine oder andere etablierte Pavianhintern deutlich rötet?

    (Wenn ich recht im Bild bin, gibt es in den USA nicht diese vom deutschen Fäule-Ton inbrünstig betriebene Debatte, dass Blogs zumeist furchtbar und schrecklich seien)

  8. Lukas
    30. Januar 2008, 23:41

    Ich weiß allerdings nicht, ob sich Blogger sonderlich positiv hervortun, wenn sie bei der bloßen Erwähnung einer Anti-Blog-Diskussion sofort mit dem Bashing unbeteiligter Journalisten beginnen … ;-)

  9. Yetused
    5. Februar 2008, 11:26

    „[…] dass heute endlich die Versprechungen der Pop Art und fast aller wichtigen Medientheorien des 20. Jahrhunderts eingelöst werden“

    Oh ja! In dem Zusammenhang ist auch Bertolt Brecht als Medientheoretiker zu nennen. Er sah das riesige Potenzial des Radios und wollte es als Kommunikationsapparat verwendet sehen. Als ein Gerät mit dem der Brüger eine Stimme bekommt und sie broadcasten kann. Natürlich ist er an der Sturheit der Intendaten gescheitert, aber ein Web 2.0 wäre ganz in seinem Sinne gewesen!

  10. Yetused
    5. Februar 2008, 11:27

    Siehe auch hier:

    http://www.uni-essen.de/einlad....._radio.htm