Wir müssen reden!

Von Lukas Heinser, 12. November 2016 19:40

Vier Tage sind seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten vergangen und ich habe seitdem viele Texte gelesen, warum das überraschend oder nicht überraschend war, dass die Demokraten daran schuld seien oder die weißen Männer, dass vielleicht alles gar nicht so schlimm wird oder vielleicht alles noch schlimmer, dass wir mit den AfD-Wählern reden müssen oder ihnen zuhören, dass wir Verständnis für sie zeigen sollen oder klare Kante. Kurzum: Das linksliberale Lager, in dem ich mich bewege, ist mindestens genauso gespalten wie die Gesellschaft selbst. Der Motor hat gerattert, diverse Warnlampen sind angegangen, es kam Qualm aus der Motorhaube und die Tankanzeige leuchtete und jetzt stehen wir vor einem liegengebliebenen Auto und diskutieren darüber, ob wir vielleicht Luft in die Reifen hätten packen sollen.

Manchmal wird jetzt darauf hingewiesen, dass nicht alle Trump-Wähler Rassisten und/oder Sexisten seien, was sicherlich richtig ist. Aber sie sammeln sich hinter einem Mann, der mit rassistischen Ressentiments nur so um sich geworfen hat und bei dem alles dafür spricht, dass er Frauen als Objekte betrachtet, mit denen er machen kann, was er will. Und das wirft ja dann doch Fragen auf. Nicht jeder, der einen rassistischen oder sexistischen Witz macht, ist deshalb automatisch Rassist oder Sexist, aber es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft, auf den rassistischen bzw. sexistischen Hintergrund des Witzes aufmerksam zu machen und zu verstehen zu geben, dass wir so etwas nicht akzeptieren. Wer das nicht verstehen will und munter weiter macht, erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass er tatsächlich Rassist bzw. Sexist ist, deutlich.

Ich glaube, dass es einigermaßen müßig ist, sich öffentlich mit Chefpropagandisten wie Udo Ulfkotte oder namhaften AfD-Politikern zu bekämpfen (und es schmerzt mich wirklich, eine Formulierung wie „namhafte AfD-Politiker“ zu verwenden). Die wird man auf keinen Fall überzeugen können und deren Anhänger reagieren mit Ablehnung, wenn man ihre Helden mit dem schweren Gerät in die Mangel nimmt, das für Volksverhetzer, Lügner und Populisten notwendig ist.

Aber wir können mit den „normalen Menschen“ reden. (Einschub: Diese Formulierung klingt immer so, als seien aufgeklärte, fortschrittliche Linke und Liberale keine normalen Menschen und als ob es irgendeinen natürlichen Interessenkonflikt zwischen der Arbeiterklasse und intellektueller orientierten Großstädtern gäbe. Meine Freunde und ich sind erst mal genauso normal wie Bauern im Allgäu, Automechaniker in Sachsen-Anhalt oder Werftarbeiter in Niedersachsen. Wenn jemand anfängt, anderen Menschen Rechte abzusprechen, schwenkt er aus dem Bereich der Normalität aus. Einschub Ende.) Nicht, indem wir versuchen, ihnen die gesamte Welt zu erklären, sondern indem wir ihnen von anderen Menschen erzählen, die genauso normal sind und sich im aktuellen politischen Klima ernsthafte Sorgen um ihr Leben und das ihrer Kinder machen. Wir müssen Fakten auswendig lernen, Zahlen kennen und von Menschen aus unserem Umfeld berichten. Wenn wir die Aufstellungen aller Bundesligavereine, die Sieger des Eurovision Song Contest seit 1956 und die Zitate aus allen Filmen von Monty Python und Loriot kennen, kann es ja nicht so schwer sein, sich ein paar zusätzliche Informationen draufzuschaffen.

Ich habe als direkte, erste persönliche Konsequenz aus Donald Trumps Wahlerfolg angefangen, online mit Menschen zu diskutieren. Nicht, sie beschimpfen, sondern ihnen meinen Standpunkt zu erklären und zu versuchen, ihren Standpunkt zu verstehen. Ich habe dabei zahlreiche Beschimpfungen in mein Wohnzimmer gebrüllt, nur um zwei, drei Kommentare später festzustellen, dass wir inhaltlich gar nicht so weit auseinanderliegen. Zum Beispiel beim Thema „Political Correctness“, die früher „Anstand“ hieß und die für viele Menschen, auch solche, die weit davon entfernt sind, AfD zu wählen auf merkwürdige Art ein rotes Tuch darstellt. Ich verstehe nicht, warum Menschen sich so schwer damit tun, auf Begriffe zu verzichten, durch die sich andere Menschen verletzt oder ausgegrenzt fühlen. Es bricht einem doch kein Zacken aus der Krone, wenn in einem Behördenschreibern „Bürger*Innen“ steht oder man zu einer Backware, die sowieso schon alles andere als gesund und natürlich ist, jetzt „Schaumkuss“ sagen soll, obwohl man jahrelang ein anderes Wort gebraucht hat.

Das heißt: Aus sprachwissenschaftlicher Sicht habe ich da sogar ein gewisses Verständnis. Bücher über Grammatik und Rechtschreibung waren anfangs deskriptiv, irgendwelche Leute haben also alle paar Jahre oder Jahrzehnte aufgeschrieben, wie die Menschen gerade so gesprochen und geschrieben haben. Der „Duden“, wie wir ihn seit unserer Schulzeit kennen, fungierte aber schon als Unterscheidung zwischen „richtig“ und „falsch“ (es ist halt auch einfacher, wenn man weiß, wovon der andere schreibt). Dann kam die sogenannte Rechtschreibreform und ein Gremium hatte plötzlich ganz viele neue Vorschläge für Schreibweisen, die sich aber nicht an dem orientierten, wie die Leute schrieben (denn die schrieben ja so, wie es bisher im Duden stand), sondern die manchmal verständliche, manchmal falsch abgeleitete neue Vorschläge waren. Nicht nur, dass (Achtung, Achtung: das „dass“ ist ein schönes Beispiel!) die Leute plötzlich anders schreiben sollten ohne zu wissen warum, die Zeitungen hielten sich nicht daran, in den Schulen gab es ein Hin und Her im Lehrplan und letztlich weiß seit 20 Jahren ungefähr niemand mehr, was „richtig“ und was „falsch“ ist. Sprache ist aber etwas, was uns Menschen ganz nahe ist, die wir alle benutzen. Selbst Menschen, die von Geburt an nicht hören können, nutzen sehr häufig eine Gebärdensprache — weswegen sie – Hallo, Political Correctness! – auch nicht „taubstumm“ sind, sondern „gehörlos“. Wir alle benutzen Sprache, überall auf der Welt. Sprache wird von mehr Menschen genutzt als Autos, es können mehr Menschen sprechen als schwimmen, wir nutzen Sprache, um uns gegenseitig bei Facebook anzuschreien, aber auch, um unseren Liebsten mitzuteilen, was wir für sie empfinden. Wenn da jemand an unseren Wortschatz heranmöchte, ist das irritierend, vielleicht sogar erschreckend und wenn man dann noch zufällig mal irgendwas über George Orwells „1984“ gelesen hat, ist der Schrei, hier sei die „Sprachpolizei“ am Werk, nicht mehr weit.

Vor 30 Jahren war es total normal, in öffentlichen Gebäuden, Gaststätten, sogar in Zügen und Flugzeugen zu rauchen. Jeder einzelne Raucher konnte die Luft für hundert Menschen um ihn herum verpesten und deren Gesundheit gefährden. Inzwischen gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens, dass Rauchverbote in öffentlichen Gebäuden, Zügen und Flugzeugen in Ordnung sind (bei Gaststätten ist das schwieriger und meine eigene Position zu dem Thema könnte drei weitere Blog-Einträge füllen, denen ich mich gerne widmen will, wenn wir wieder Zeit für die etwas weniger drängenden Probleme haben), dass man eher nicht raucht, wenn Kinder in der Nähe sind und dass Rauchen generell nicht so doll für die Gesundheit ist. Diese Rauchverbote kamen natürlich auch auf Druck von Bürgerinitiativen zustande, die Politik musste sie aber von oben herab durchsetzen — gegen den erklärten Willen der mächtigen Tabaklobby. Ein „Lasst uns doch einfach alle mal aufhören, in der Straßenbahn zu rauchen“ hätte keinen Erfolg gehabt. Diese Rauchverbote sind für alle besser, aber sie zwingen Raucher dazu, vor die Tür zu gehen oder stundenlange Bahn- und Flugreisen ohne Nikotinzufuhr durchzustehen, was tatsächlich wahnsinnig anstrengend sein kann.

„Bürger*Innen“, „Schaumkuss“ und „gehörlos“ tun niemandem weh. Niemand bekommt deswegen Schmacht. Ja, es kann sogar jeder, der diese Begriffe nicht mag, vollkommen legal andere benutzen. Er sollte sich nur nicht wundern, wenn er von anderen Menschen schief angeschaut wird, weil die im Laufe der Zeit eine stärkere Sensibilität dafür entwickelt haben. Denn Sprache hat auch Macht und prägt das Denken. (Das ist jetzt schwer vereinfacht ausgedrückt, aber ich habe das Gefühl, mit meinem Mansplaining hier schon genug Leserinnen und Leser verloren zu haben. Entschuldigung, aber ich versuche wirklich, das alles Schritt für Schritt verständlich zu machen und ich hab das auch mal studiert.) Ich möchte nicht, dass mein Kind in einer Welt aufwächst, wo „schwul“ und „behindert“ als Synonyme für „doof“, „schlecht“ oder „scheiße“ verwendet werden. Denn selbst wer darauf beharrt, nichts gegen Schwule und Menschen mit Behinderung zu haben, sorgt sonst dafür, dass diese Begriffe negativ konnotiert sind. Und während ich ganz gut damit leben kann, dass Vokabeln wie „geil“ oder „Chip“ im Laufe der Zeit ihre Bedeutung geändert bzw. mehrere Bedeutungen haben, finde ich es inakzeptabel, dass Begriffe, die eine Bevölkerungsgruppe beschreiben, in einem anderen Kontext als abwertend benutzt werden.

Meine Mutter hat sich in den 1980er Jahren mit anderen Eltern zusammengetan, um lokal gegen Umweltverschmutzung, Atomkraftwerke und den Klimawandel zu kämpfen. Es ist unfassbar, dass wir nicht nur diese Probleme noch nicht in den Griff bekommen haben, sondern wir jetzt auch noch ganz ernsthaft vor Problemen stehen, die damals schon seit Jahrzehnten überstanden schienen. Aber so ist eben jetzt die Lage, also müssen wir da ran und gleichzeitig für die völlige Gleichstellung von Frauen, der LGBTI-Community und Menschen mit Behinderung auf der einen Seite kämpfen, während wir auf der anderen Seite mit Leuten diskutieren, die die simpelsten menschenrechtlichen Errungenschaften auf den Prüfstand stellen wollen.

Wir müssen also jetzt mit den Leuten in der Kneipe reden, in der Straßenbahn, im Stadion, schlimmstenfalls sogar beim Familienkaffee. Wir dürfen nicht die Augen verdrehen und gleich „Nazi!“ denken, wenn jemand etwas sagt, was nicht unserer Meinung entspricht. Wir müssen klarstellen, dass universelle Menschenrechte nicht verhandelbar sind, und in Detailfragen den Austausch suchen. Wir müssen sagen, dass wir es auch nicht gut finden, wenn muslimische Frauen gezwungen werden, ein Kopftuch zu tragen, es aber auch nicht vertretbar ist, sie dazu zu zwingen, keines zu tragen, wenn sie denn eins tragen wollen. Und wir müssen bei der Frage: „Und wie soll man das unterscheiden?“ sagen, dass wir das jetzt auch nicht wissen, dass es aber keine Lösung sein kann, eine Volksgruppe unter Generalverdacht zu stellen. (Es aber andererseits auch nicht in Ordnung ist, alle Menschen, die ein Problem damit haben, dass Muslimas ein Kopftuch tragen, ohne weitere Diskussion als „Faschisten“ zu brandmarken.)

Wir müssen diesen Leuten sagen, dass Rechtspopulisten vielleicht Probleme benennen, dann aber nur Sündenböcke präsentieren und keine Lösungsansätze, die irgendwie realistisch oder moralisch oder legal sind. Dass Schwule und Lesben endlich wirklich heiraten und eine Familie gründen wollen und dass deren Leben dadurch viel besser wird, aber das Leben keiner einzigen Hetero-Familie deswegen schlechter. Dass wir, wenn die Politik dieses langwierige Orchideenthema Gleichberechtigung endlich mal abgehakt hat (was nach meiner Einschätzung fast an einem Tag in Bundestag und Bundesrat zu schaffen sein könnte), sofort über andere Themen sprechen können. Dass „Victim Blaming“ noch so ein doofes, neues Akademikerwort sein mag, dass aber auch niemand „selbst schuld“ ist, wenn er oder sie Opfer eines Verbrechens wird. Dass fremde Menschen in der eigenen Heimat keine Gefahr sein müssen, sondern auch eine Chance darstellen können. Dass man niemals Menschen gegeneinander ausspielen sollte. Dass Journalisten keine „Regierungsagenda“ vorantreiben, sondern manchmal höchstens ein bisschen faul und auf ihre eigene Welt fokussiert sind. Dass Experten nicht eingebildete, weltfremde Affen sind und man sich mit Zahnschmerzen, Ausschlag oder Herzinfarkt ja auch gerne in fachmännischer Obhut wüsste. Dass Claudia Roth ganz sicher nicht die Sharia einführen will. Dass die Frage, ob hier irgendein Abendland islamisiert werden könnte, bald keine Rolle mehr spielen wird, weil wir, wenn wir den Klimawandel (den es übrigens tatsächlich gibt!) nicht ganz schnell in den Griff bekommen, bald weder Abendland noch Muslime haben. Und wir müssen ihnen sagen, dass „die da oben“ nicht machen, was sie wollen, sondern dass Politik wahnsinnig komplex ist.

Ich für meinen Teil kann einigermaßen damit leben, dass Politiker von meiner Lebenswirklichkeit keine Ahnung haben — ich habe ja umgekehrt auch kein Interesse an Details über Verkehrsausschüsse, Ergänzungsanträge zu Verordnungen und diesem ganzen Kram. Ich tue mich ehrlich gesagt etwas schwer damit, Politiker überhaupt gegen ihre Kritiker zu verteidigen, denn es gibt zahlreiche Dinge, die mich an der Politik aufregen (und die steuerliche Besserstellung kinderloser Ehepaare gegenüber unverheirateten Eltern ist nur das wichtigste Beispiel), und ich sehe Lobbyismus und den Einfluss von Großkonzernen mit Sorge. Ich glaube aber auch, dass die meisten Mitglieder des Bundestages schon im Großen und Ganzen ihr Bestes geben. Mit mir haben in den letzten Jahren keine Politiker gesprochen. Ich aber auch nicht mit ihnen.

14 Kommentare

  1. Max
    12. November 2016, 21:29

    Jetzt hab ich den Link zu diesem Artikel bei Twitter gesehen und gedacht, les‘ ich doch mal, was der Heinser zusammenfassend zu sagen hat.
    Am Ende des Artikel stand ein großes „HÄ?“.
    Ich hab nicht so richtig verstanden, was der Autor mir sagen will. Außer: wir müssen miteinander reden. Mit dem Nachsatz: weil ich (wir, er, sein Milieu) ja recht habe.

  2. Lyn Cassady
    12. November 2016, 22:50

    bravo! in einer ausgedruckten version hätte ich einige passagen unterstrichen. mir gefällt, dass du zusammenhänge verdeutlichst, damit der komplexität des themas gerecht wirst und so ein text entstanden ist, der wirklich substanz hat.

    was mit orchideenthema gemeint ist, hab ich nicht ganz verstanden und befürchte auch, dass politische regelungen dazu in der tat fix gemacht wären, die umsetzungen in der gesellschaft aber durchaus etwas zeit brauchen könnten.

    im letzten absatz wird’s noch mal auf anderer ebene interessant, weil das miteinander reden eben gerade zwischen politiker*innen und bürger*innen superwichtig wäre, damit sich da beide seiten mal ein lebendiges bild voneinander machen können.

    zur problematik von praktiken von denen manche menschen sich befreien, die aber gleichzeitig von anderen freiwillig fortgeführt wird (da ist unter frauen* das kopftuch nur eins von vielen, vielen, vielen themen): auch hier ist miteinander reden wichtig. sensibilität und interesse im richtigen moment (und der ist nicht ständig gegeben. es kann sehr ermüdend sein, sich ständig erklären zu müssen), also: „was bedeutet dir das?“ eher als „machst du das freiwillig?“ und vor allem eine freundliche, offene, respektvolle atmosphäre schaffen, in der menschen wagen können, sich zu öffnen. das geht einfach mit lächeln besser als mit schiefen blicken. dann kriegt man auch eher mit, wenn jemand wirklich unterstützung bei befreiungsprozessen braucht, und diese unterstützung muss dann auch da sein. und: interesse am ganzen menschen, und nicht nur an dieser einen kulturellen besonderheit, die einem selber fremd sein mag. das macht es auch leichter, die leute einfach mal in bezug auf ihre „andersartigkeit“ in ruhe zu lassen.

    zum thema zuhören sind übrigens ausgezeichnet ezra kleins beitrag zu hillary clinton und das interview von rachel maddow mit elizabeth warren.

    oh, und noch was: mansplaining sieht zum glück anders aus. truly well done, friend. :)

    im übrigen: #WarrenSanders2020

  3. struppi
    13. November 2016, 10:13

    Was ich merkwürdig finde, dass es von der linken/liberalen Seite aus auschließlich darum zu gehen schient, was man den Menschen vorschreiben könnte damit es ihnen besser geht oder was man verbieten könnte und welche Ansichten man bekämpfen muss. Das ist auch das worum sich der ganz Artikel hier dreht.

    Dabei fällt aber nicht auf, dass das genau das ist was die Leute nervt. Ihr haltet vorschreiben und verbieten für eine sinnvolle politische Einstellung und wollt, dass alle auch in dieser Welt voller Vorschriften und Reglementierungen leben sollen und sich dabei wohlfühlen.

    Das ist aber nicht die Welt, in der ein grosser Teil der Menschen lebt. Dort gibt es Unterschiede, Konflikte und auch Kämpfe. Da ist auf der einen Seite die solidarität mit den Nachbarn, der Familie oder denen die „dazu gehören“, aber eben auf der anderen Seite auch die Abgrenzung zu den Fremden. So ist das Leben der meisten Menschen auf dieser Welt. Das ist in westlichen Großstädten anders und das ist auch gut so. Aber das beduetet doch ganz einfach, dass das Interesse eines Menschen in der Großstadt einfach anders ist, als dem auf dem Land. Keines von beiden ist besser oder schlechter (nur aus der Sicht des anderen) und statt zu akzeptieren, wird das gegenseitige bekämpfen als Ziel gesetzt.

    Ich verstehe das nicht, Politik ist dafür da Interessen der verschiedenen Gruppen auszuloten, d.h. aber auch dass jede Gruppe ihre Ziele und Wünsche formuliert – diese gelten aber NUR für diese Gruppe und muss in Abstimmung der Interessen der anderen in reale Politk fliessen.

    Diese moralische selbstüberhöhung einzelner ist das Problem was wir jetzt haben, dagegen stehen nun ein Haufen Menschen die sich nicht mehr abwerten lassen wollen und meinen diese Moral umzudrehen ist die Lösung.

    D.h. ihr die ständig auf die anderen heurnter schaut habt genau solche Bewegungen erschaffen und merkt es nicht einmal. Die Lösung wäre ein Politik die im Interesse der Menschen handelt und nicht um des „Wohlfühlen“ willens.

    Leider habe ich da wenigh Hoffnung, wer glaubt er hat die Moral gefressen wird sich nicht ändern und wer glaubt unterdrückt zu werden wird nicht aufhören dagegen zu agitieren.

  4. HAL
    13. November 2016, 11:26

    Kein Mensch braucht eure Doppelmoral. Ihr, die ihr euch selbst „progressiv“ nennt, tragt mit eurer verlogenen Belehrungsgeilheit die Hauptschuld an AFD und Trump. Danke dafür. Aber Hauptsache ist ja eh, dass ihr euch überlegen fühlen könnt.

  5. Torsten
    13. November 2016, 11:43

    @HAL (und eigentlich auch @struppi
    Habe ich den Text von Lukas nicht aufmerksam genug gelesen oder wo siehst Du (seht Ihr) das verlogen Belehrende?

  6. Lukas Heinser
    13. November 2016, 12:32

    @Struppi: Weil ich ja wirklich versuchen will, die andere Seite zu verstehen: Können Sie mir Beispiele in diesem Text nennen, die Sie zu der Annahme verleiten, ich wolle Menschen etwas „vorschreiben“ oder auf sie „herunterschauen“? Diesen Eindruck möchte ich nämlich wirklich nicht erwecken.

    @HAL: Könnten auch Sie Beispiele für eine „verlogene Belehrungsgeilheit“ liefern? Danke!

  7. PG
    13. November 2016, 13:59

    Leider sehe ich es ähnlich wie Struppi: so sehr ich viele Sichtweisen auch persönlich teilen mag, es geht auch in diesem Artikel am Ende vorrangig darum, wie man die eigene, korrekte, Meinung dem noch nicht ausreichend sensibilisierten „Anderen“ möglichst effektiv nahebringen kann. Im Zweifelsfall halt durch staatlichen Zwang (Rauchverbot). Die Möglichkeit, dass man eventuell selbst falsch liegen könnte, existiert irgendwie grundsätzlich nicht.
    Beispiel:
    „Dass „Victim Blaming“ noch so ein doofes, neues Akademikerwort sein mag, dass aber auch niemand „selbst schuld“ ist, wenn er oder sie Opfer eines Verbrechens wird.“

    Genausowenig darf der Vorwurf des „Victim Blaming“ aber eben auch zur automatisierten Kritikimmunisierung führen. Wer sich als Opfer bezeichnet, dem MUSS geglaubt werden, bei Strafe des Ausschlusses aus der Gemeinschaft der moralisch richtig Denkenden. Und das muss gepaart sein mit eben diesem Sendungsbewußtsein, mit dem man auch im nächsten Fall ohne aus vorhergehenden (Kachelmann, Mattress Girl, UVA, Gina-Lisa) zu lernen, wieder mit einer Haltung beginnt, die genauso lernresistent ist wie die der „sollte sie halt keinen kurzen Rock tragen“-Fraktion.

    Du möchtest Beispiele für Belehrungen? Du bezeichnest deine eigene Fraktion als „aufgeklärt“ und „fortschrittlich“, beides ist die andere Seite also schon mal offensichtlich nicht. Weiterhin „wir müssen ihnen erklären…“, „wir müssen ihnen sagen, dass Politik komplex ist“. Die Grundtendenz ist immer paternalistisch. Wie soll man denn glaubwürdig Gesprächsbereitschaft signalisieren, wenn schon innerhalb des eigenen Lagers leichte, im Zweifelsfall mißverstandene, „Abweichungen“ mit dem Bann belegt werden (Sarah Wagenknecht, Conne Island).

    Ich habe das früher auch anders gesehen, aber glaube inzwischen, dass die Ablehnung einer „Leitkultur“-Idee als de facto faschistisch ein Fehler war. Es ist augenscheinlich sehr wichtig, eine solche gemeinsame Basis zu finden und zu definieren. Der große Teil der politischen, akademischen, kulturellen und medialen „Elite“ besteht allerdings aus globalistisch denkenden Städtern, für die andere, lokale Bezugnahmen rückständig, im Zweifelsfall rassistisch sind (und das ist dort zweifelsfrei auch vorhanden). Ich finde diesen Ansatz dagegen hilfreich:

    http://www.the-american-intere.....globalism/

    „If the story I have told here is correct, then the globalists could easily speak, act, and legislate in ways that drain passions and votes away from nationalist parties, but this would require some deep rethinking about the value of national identities and cohesive moral communities. It would require abandoning the multicultural approach to immigration and embracing assimilation.
    The great question for Western nations after 2016 may be this: How do we reap the gains of global cooperation in trade, culture, education, human rights, and environmental protection while respecting—rather than diluting or crushing—the world’s many local, national, and other “parochial” identities, each with its own traditions and moral order? In what kind of world can globalists and nationalists live together in peace?“

    Ohne die Schaffung einer positiven, gemeinsamen Leitidee, die eben aus mehr bestehen muss als aus „ich muss MEINE Idee den unaufgeklärten Massen nur besser erklären“ und die auch die konservativ-nationale Seite in irgendeiner Form berücksichtigt, wird die Spaltung der Gesellschaft weitergehen. Ich fürchte nur, dass der Diskurs inzwischen weitgehend vergiftet ist, woran natürlich Gestalten wie Bachmann und Höcke alles andere als unschuldig sind.

  8. Lukas Heinser
    13. November 2016, 15:20

    @PG: Das Rauchverbot hatte ich als explizit als Beispiel genannt, bei dem die persönliche Entfaltung einiger eingeschränkt wird zum Wohle aller — so etwas kann ich aber bei der Einführung einer Ehe für alle und eines Adoptionsrechts für homosexuelle Paare nicht erkennen.

    Bei „Victim Blaming“ hatte ich ehrlich gesagt nicht diese sehr komplexen Fälle im Kopf (und ich bin auch der Meinung, dass ein „#TeamGinaLisa“ vor einer sehr gründlichen Beweisaufnahme plump und kontraproduktiv ist), sondern einen Gedanken wie „Kim Kardashian ist selbst schuld, dass sie überfallen wird, wenn sie ihren Schmuck auf Instagram zeigt“, der tatsächlich noch viel weiter verbreitet ist als der mit dem kurzen Rock.

    Und, ja: Ich bin der Meinung, dass wir fortschrittlich sind, wenn wir dafür eintreten, dass Frauen, LGBTI-Menschen und People of Color die gleichen Rechte haben sollten wie weiße, heterosexuelle Männer. Ich finde es auch nach längerer Überlegung nicht möglich, dass die gegenteilige Position „fortschrittlich“ sein könnte.

    Ich verstehe, dass „Wir müssen ihnen erklären“ tatsächlich sehr belehrend wirkt. Ich will aber am Ende auch eine „positive, gemeinsame Leitidee“ (das Adjektiv „positiv“ finde ich besonders wichtig, weil es in solchen Debatten ja überwiegend um Abgrenzung, also negative Ansätze geht). Und da sollten die gleichen Rechte für alle eine große Rolle spielen.

  9. PG
    13. November 2016, 16:36

    @Lukas
    „Ich bin der Meinung, dass wir fortschrittlich sind, wenn wir dafür eintreten, dass Frauen, LGBTI-Menschen und People of Color die gleichen Rechte haben sollten wie weiße, heterosexuelle Männer. Ich finde es auch nach längerer Überlegung nicht möglich, dass die gegenteilige Position „fortschrittlich“ sein könnte.“

    Aber du bist doch auch sprachsensibel und weißt, dass die Aussage „ich habe bei Position x eine fortschrittliche Ansicht“ etwas anderes ist als „ich bin aufgeklärt und fortschrittlich“. Gesagt und so wahrgenommen wird aber eben meist die zweite Variante, die implizit eine grundsätzliche Aufwertung eigener Sichtweisen beinhaltet.

    Die Frage ist halt, wer der Position, dass alle (Bürger) die gleichen Rechte haben sollten, widerspricht, bzw. inwieweit das ein zentraler Punkt in den aktuellen Auseinandersetzungen ist? Wo findet denn eine RECHTLICHE Benachteiligung von Frauen oder PoCs statt? Bei Ehe/Adoptionrecht (befürworte ich beides) kann ich das Argument nachvollziehen, genauso, wie mir klar ist, dass bestimmte Personengruppen spezifische (auch Diskriminierungs-)-Hintergründe haben. Jenseits von Paragraphen ist der alltäglich Umgang ja dann auch wieder etwas anders und dort „einzugreifen“ wird schwieriger und kann als bevormundend empfundend werden.
    Ein Beispiel aus meiner Heimat (stamme aus Mordor [tiefstes Sachsen] und lebe inzwischen in Berlin, meine also beide „Seiten“ etwas zu kennen): Besuch bei „normalen“ Bekannten, sie erzählen mir nebenbei, dass sie zuletzt beim Dönermann waren und dessen Tochter getroffen haben. Zitat „Aber sie konnte total gut Deutsch und macht jetzt sogar Abitur!“
    Einem fortschrittlich denkenden Hauptstädter wird es da einen Stich versetzen. Ist das rassistisch? Strenggenommen schon. Ist es bösartig gemeint und sollten die entsprechenden Leute aus dem Diskurs ausgeschlossen bzw. vorwurfsvoll über ihre Verfehlungen belehrt werden? Ich bin da nicht so sicher…

    Ich möchte hier auch nicht einfach nur allem widersprechen, wir werden bei den meisten Punkten kaum unterschiedliche Ansichten haben. Die aktuellen Streitpunkte liegen aber doch eigentlich eher woanders (Flüchtlinge, Terrorismus, Islamismus), soweit ich das in Erinnerung habe, gibt es zumindest nach Umfragen ja breite Mehrheiten für die Gleichstellung der Ehe?

  10. Lukas Heinser
    13. November 2016, 17:20

    @PG: Sehr schönes Beispiel, das aus Sachsen. Und genau das meinte ich mit „Wir dürfen nicht die Augen verdrehen und gleich ‚Nazi!‘ denken, wenn jemand etwas sagt, was nicht unserer Meinung entspricht.“ Da hat das linke Lager echt Nachholbedarf.

    Und was die Umfragen zur Gleichstellung der Ehe angeht: Die Bundesregierung (vor allem die CDU, aber auch die SPD, die jederzeit einen Gesetzentwurf der Opposition mit verabschieden könnte, wenn ihr das Thema wirklich am Herzen läge) blockiert dieses Thema seit Jahren und nur deshalb müssen wir überhaupt noch öffentlich darüber diskutieren. Wir könnten so viel weiter sein!

    Und was Flüchtlinge, Terrorismus und Islamismus angeht, ist es ja auch absurd, dass manche Besorgte Bürger (die ich dann schon eher zu dem streng rechten Rand zählen würde, den man vielleicht gar nicht mehr erreichen kann) offenbar echt glauben, Linke fänden Terrorismus gut oder wollten die Sharia einführen. Auch hier sind Menschenrechte nicht verhandelbar und hier zählen das Grundgesetz und die Gesetzbücher mehr als irgendwelche religiösen Schriften. (Dass das Thema „Religion im öffentlichen Raum“ im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine Rolle spielt, ist natürlich auch überraschend und einigermaßen deprimierend, aber das ist ja auch nicht auf den Islam begrenzt.)

  11. Lars
    17. November 2016, 12:00

    Sehr geschätzter Herr Heinser,

    besten Dank für diesen wichtigen Beitrag. Ganz in diesem Sinne empfehle ich als Lektüre:

    1) Schmidt-Salomon „Die Grenzen der Toleranz“ (klingt wie ein Wutbürgerbuch, ist es aber nicht – im Gegenteil!; wer den Autor kennt, weiß das eh)
    2) Carlo Strenger „Zivilisierte Verachtung“

    Ja, was uns fehlt derzeit ist eine Kultur des politischen Diskurses, worin man sich mit gegenseitiger Achtung (bia an gewisse Grenzen) und Sachlichkeit austauscht. Stattdessen: Beißreflexe und Fatalismen auf allen Seiten einer Diskussion. Da ist die Linke oft nicht besser („Nazikeule“) als die Rechte („Lügenpresse“). Schade.

    Gruß Lars

  12. Lars
    17. November 2016, 12:08

    @ #5 und #4 (Torsten und HAL)

    Hallo Torsten, ich denke, ich weiß, was HAL sagen will, nämlich dass (und da sind wir dann bei Brexit und US-Wahl) ein guter Teil der Bevölkerung sich nicht gehört fühlt und es am Ende vielleicht auch nicht ist. Und ich nehme auch sensibel diesen belehrenden Unterton wahr – den ich selbst immer dann anschlug, wenn ich von meiner besseren Position überzeugt war.

    Das ist aber nicht diskursiv und achtend, sondern leider nur überheblich und ignorant. Das heißt nicht, dass ich meine Positionen immer noch für die richtigen halte, aber ich darf daraus doch nicht ableiten, dass ich den anderer Meinung in verschiedener Form (sei sie noch zu subtil) diskreditieren darf.

    Und solche Herabstufungen finden oft statt, angefangen von Diskussionen über Bildungsverlierer, Migranten oder unbewegliche Männer in Ostdeutschland (oder ältere weiße Männer im mittleren Westen der USA). Das wird auch unter all denen sehr wohl vernommen, aber nicht akzeptiert. So ist dann eine politische Bewegung, die sich (wenn auch meist nur verbal) gegen alles Etablierte richtet, das ersehnte Vehikel.

  13. Lars
    17. November 2016, 12:15

    @ PG
    Sie schreiben „… es geht auch in diesem Artikel am Ende vorrangig darum, wie man die eigene, korrekte, Meinung dem noch nicht ausreichend sensibilisierten „Anderen“ möglichst effektiv nahebringen kann. Im Zweifelsfall halt durch staatlichen Zwang (Rauchverbot). Die Möglichkeit, dass man eventuell selbst falsch liegen könnte, existiert irgendwie grundsätzlich nicht.“

    Aber es gibt doch wohl Meinungen, die man als durchsetzenswert erachten darf, nämlich wie in dem Beispiel das hohe Gut der körperlichen Unversehrtheit. Das kann man nicht relativieren durch das Vergnügen mancher, überall rauchen zu wollen.

    Genauso ist das mit den Rechten von Schwulen oder Frauen, die ein Kopftuch tragen wollen. Niemand hat ihnen etwas zu verbieten oder sie anders zu behandeln. Natürlich müssen Schwule und Lesben das Recht haben zu heiraten und wer ein Kopftuch tragen möchte, der muss das tun dürfen! Es fehlt hier der ganz einfach der vernünftige Grund, dies diesen Leuten zu untersagen.

    Zitat: „Genausowenig darf der Vorwurf des „Victim Blaming“ aber eben auch zur automatisierten Kritikimmunisierung führen.“

    Völlig richtig. Siehe dazu Schmidt-Salomon, der das sehr gut herausgearbeitet hat.

  14. Lars
    17. November 2016, 12:18

    Ups …in #12 sollte es heißen:

    …Das heißt nicht, dass ich meine Positionen nicht immer noch für die richtigen halte, …

    Will also sagen, dass ich sie sehr wohl für richtig halte, aber daraus keine Verachtung anderer folgen lasse, die anderer Ansichten sind. Deren Position kann ich verachten und bekämpfen, aber sie nicht persönlich angehen. Klingt komisch, ist aber wichtig, wenn man interagiert.

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