„Sein“ oder nicht „sein“

Von Lukas Heinser, 17. Oktober 2013 21:01

Am 21. August wurde die ehemalige Soldatin Chelsea Manning, die der Whistleblower-Plattform Wikileaks geheime Dokumente zugespielt hatte, von einem US-Militärgericht zu 35 Jahren Haft verurteilt.

Wobei: Das stimmt so nicht. Damals hieß Chelsea in der Öffentlichkeit noch Bradley Manning und galt als Mann. Erst einen Tag später ließ sie ein Statement veröffentlichen, in dem es hieß:

As I transition into this next phase of my life, I want everyone to know the real me. I am Chelsea Manning. I am a female. Given the way that I feel, and have felt since childhood, I want to begin hormone therapy as soon as possible. I hope that you will support me in this transition. I also request that, starting today, you refer to me by my new name and use the feminine pronoun (except in official mail to the confinement facility).

Wer gleichermaßen aufgeklärt wie naiv ist, hätte annehmen können, dass das Thema damit schnell beendet war: Chelsea Manning ist eine Frau, die in einem männlichen Körper geboren wurde und einen männlichen Vornamen getragen hat, jetzt aber explizit darum bittet, mit ihrem weiblichen Vornamen bezeichnet zu werden.

Die „New York Times“ erklärte dann auch in einem Blogeintrag, möglichst schnell den Namen Chelsea Manning und die weiblichen Pronomina verwenden und zum besseren Verständnis für die Leser auf die Umstände dieser Namensänderung zu verweisen. Der „Guardian“ legte den Schalter von „Bradley“ auf „Chelsea“ um und schrieb fürderhin nur noch von „ihr“.

Aber so einfach war das alles natürlich nicht.

Die „Berliner Zeitung“ fasste das vermeintliche Dilemma am 24. August eindrucksvoll zusammen:

Bradley Manning möchte fortan als Frau leben und Chelsea genannt werden. […] Der 25 Jahre alte Soldat ließ erklären, er habe sich seit seiner Kindheit so gefühlt. Von nun an wolle er nur noch mit seinem neuen Namen angesprochen werden. Auch solle künftig ausschließlich das weibliche Pronomen „sie“ verwendet werden, wenn über Manning gesprochen werde. Eine operative Geschlechtsumwandlung strebt Manning zunächst wohl nicht an.

Mit diesem Wunsch hat Manning, der gut 700000 Geheimdokumente an die Enthüllungsplattform Wikileaks weitergab, Journalisten in den USA verwirrt und vor große Herausforderungen gestellt. In den Meldungen über Mannings Erklärung war einmal von „ihm“ die Rede, dann wieder von Bradley Manning, „die“ nun eine Frau sein wolle. Die einen vermieden es peinlich, Personalpronomen zu verwenden. Die anderen erklärten, sie würden solange von „ihm“ sprechen, wie Manning aussehe wie ein Mann.

Wie es die „Berliner Zeitung“ selbst hält, wurde in den folgenden Wochen deutlich:

5. September:

Die von Matthew H. 2009 besuchte Veranstaltung des Chaos Computer Clubs war immerhin öffentlich. Sein Anteil an der Verurteilung des Whistleblowers Bradley Manning ist unklar. Und auch wenn der Umgang mit Manning nicht unseren Vorstellungen entspricht: Er hat militärische Geheimnisse verraten. Das ist auch deutschen Soldaten verboten.

6. September:

Wie in letzter Zeit in Berlin häufiger der Fall, stehen mal wieder leere Stühle auf der Bühne, diesmal nicht für den mit Ausreiseverbot belegten Filmemacher Jafar Panahi, sondern für Edward Snowden und Bradley Manning, die Ulrich Schreiber gern dabeigehabt hätte. Leider sind sie aus bekannten Gründen verhindert.

Bei der „Süddeutschen Zeitung“ gibt es offenbar auch keine Empfehlungen und Richtlinien wie bei der „New York Times“ — und noch nicht mal eine klare Linie. Am 2. September schrieb die „SZ“:

Auf Transparenten fordern die Teilnehmer, dass US-Präsident Barack Obama seinen Friedensnobelpreis an die Geheimdaten-Enthüller Chelsea Manning und Edward Snowden abtreten solle.

Und eine Woche später:

Anders gefragt: Hätten amerikanische Dienste eine solche Anfrage zugelassen, wenn ein deutscher Dienst sich um Hintergründe zum Treiben eines bekannten amerikanischen Journalisten interessiert hätte? Da können, trotz aller Narreteien und Verhärtungen der amerikanischen Politik im Kampf gegen Whistleblower wie Bradley Manning oder Edward Snowden amerikanische Behörden empfindsam reagieren.

Am 7. Oktober nun wieder:

Schließlich, so schreiben einige, sei er ein Visionär, gleichzusetzen mit der Wikileaks-Informantin Chelsea Manning oder dem NSA-Whistleblower Edward Snowden .

„Bild“ hatte in ganz wenigen Zeilen klargemacht, wie wenig sich die Redaktion um die Bitte von Chelsea Manning schert: In ihren „Fragen der Woche“ am 24. August fragte die Boulevardzeitung „Kommt Manning in den Frauenknast?“ und antwortete:

Nein! Obwohl der zu 35 Jahren Gefängnis verurteilte Wikileaks-Informant Bradley Manning (25) ab sofort als Frau namens Chelsea leben und sich einer Hormonbehandlung unterziehen will (BILD berichtete), kam er in das Männergefängnis Fort Leavenworth (US-Staat Kansas). Ein Armeesprecher sagte, dass dort weder Hormontherapien noch chirurgische Eingriffe zur Geschlechtsumwandlung bezahlt werden.

Der Unterschied zum „Spiegel“ ist da allerdings marginal:

Manning fühlt sich schon länger als Frau, nach seiner Verurteilung will er auch so leben. […] Am Mittwoch verurteilte ihn ein Militärgericht dafür zu 35 Jahren Gefängnis, abzusitzen in Fort Leavenworth, Kansas. Zwar kann Manning auf vorzeitige Entlassung hoffen – doch bis dahin steht ihm eine harte Zeit bevor: Seine Mitinsassen sind ausnahmslos Männer, eine Verlegung in ein Frauengefängnis ist nicht geplant.

Die Deutsche Presse-Agentur tat sich anfangs noch schwer mit dem Geschlecht. Am 4. September schrieb die dpa:

Die Mission des angeblichen US-Agenten soll dem Bericht zufolge öffentlich geworden sein, nachdem er im Juni dieses Jahres als Zeuge im Prozess gegen den Whistleblower Bradley Manning vor einem amerikanischen Militärgericht in Maryland aufgetreten sei. Manning wurde später zu 35 Jahren Haft verurteilt, weil er WikiLeaks rund 800.000 Geheimdokumente übergeben hatte. Der Ex-Soldat war eine Art Zeuge der Anklage der Militärstaatsanwälte.

Im Rahmen ihrer Berichterstattung zum Friedensnobelpreis letzte Woche schrieb die dpa dann:

Unter den bekannten Kandidaten in diesem Jahr ist auch Chelsea Manning (früher Bradley Manning). Dem einstigen US-Whistleblower räumt der Prio-Direktor aber wenig Chancen ein. „Es gibt keinen Zweifel, dass die Enthüllungen sehr zur internationalen Debatte über Überwachung beigetragen haben“, sagt Harpviken. Ethisch und moralisch reflektiere Manning aber zu wenig, was sie getan habe.

Tatsächlich hatte die Agentur in der Zwischenzeit die Entscheidung getroffen, zukünftig immer von „Wikileaks-Informantin Chelsea Manning“ zu schreiben und im weiteren Textverlauf möglichst schnell zu erklären, dass Chelsea als Bradley Manning vor Gericht gestanden habe. Wie mir ihr Sprecher Christian Röwekamp auf Anfrage erklärte, hat die dpa nach Abstimmung mit anderen Agenturen am 6. September eine entsprechende Protokollnotiz in ihr Regelwerk „dpa-Kompass“ aufgenommen, in dem sonst etwa die Schreibweisen bestimmter Wörter geregelt werden.

Der Evangelische Pressdienst epd war da offenbar nicht dabei. Er schrieb am 11. Oktober:

Gute Chancen auf den Friedensnobelpreis wurden auch dem früheren US-Präsidenten Bill Clinton, dem WikiLeaks-Informanten Bradley Manning und der afghanischen Menschenrechtlerin Sima Samar eingeräumt.

Wie einfach es eigentlich geht, hatte die „FAZ“ am 9. September bewiesen:

Der Umgang mit Chelsea (vormals Bradley) Manning, die Causa Snowden mit transatlantischer Sippenhaft gegen ihn unterstützende Journalisten und der Umgang mit den Geheimdienst- und Militär-Whistleblowern insgesamt zeigt überdeutlich, welch unkontrollierte Macht der „deep state“ der Dienste mittlerweile hat und wie unberührt von öffentlichem Protest er agiert.

Am 5. Oktober schrieb die „FAZ“ dann allerdings wieder:

Ohne die von Bradley Manning an die Enthüllungsplattform Wikileaks gelieferten geheimen Regierungsdokumente hätte Mazzetti manche Zusammenhänge nicht rekonstruieren können.

Nun zählen die Themenfelder Transgender und Transsexualität im Jahr 2013 immer noch zu den etwas außergewöhnlicheren, sind aber zumindest immer mal wieder in Sichtweite des Mainstreams. Balian Buschbaum etwa, der als Yvonne Buschbaum eine erfolgreiche Stabhochspringerin war, ist häufiger in Talkshows zu Gast und wird dort mehr oder weniger augenzwinkernd angelanzt, wie das denn jetzt so sei mit einem … hihi: Penis. Der Amerikaner Thomas Beatie durfte als „schwangerer Mann“ die Kuriositätenkabinette der Boulevardmedien füllen. Mina Caputo wurde mal Keith genannt und war als Sänger von Life Of Agony bekannt und Laura Jane Grace von der Band Against Me! begann ihre Karriere als Tom Gabel — was die Komiker von „Spiegel Online“ seinerzeit zu der pietätvollen Überschrift „Gabel unterm Messer“ inspiriert hatte.

Viele haben in ihrem Bekanntenkreis keine Transmenschen (oder wissen nichts davon) und wissen nicht, wie sie mit einem umgehen sollten. Für Journalisten, die aus der Ferne über sie schreiben, ist es aber meines Erachtens erst einmal naheliegend, die Namen und Personalpronomina zu verwenden, die sich die betreffenden Personen erbeten haben. Und Chelsea Manning hat dies explizit getan.

In vergleichsweise alltäglichen Situationen scheinen Journalisten übrigens weniger überfordert: Muhammad Ali und Kareem Abdul-Jabbar waren schon bekannte Sportler, als sie zum Islam konvertierten und ihre neuen Namen annahmen. Durch Eheschließungen und -scheidungen wechselten Schauspielerinnen wie Robin Wright, Politikerinnen wie Kristina Schröder und Schmuckdesignerinnen wie Alessandra Pocher ihre Namen und die Presse zog mit. Und der Fernsehmoderator Max Moor hieß bis zum Frühjahr dieses Jahres Dieter, was – nach einem kurzen Moment des Naserümpfens und Drüberlustigmachens – inzwischen auch keinen mehr interessiert.

Hoffentlich braucht es weniger als 35 Jahre, bis Chelsea Mannings Bitte von den deutschen Medien erhört wird.

29 Kommentare

  1. Matze
    17. Oktober 2013, 22:58

    „ist es aber meines Erachtens erst einmal naheliegend, die Namen und Personalpronomina zu verwenden, die sich die betreffenden Personen erbeten haben“

    Das sehe ich gar nicht so.
    Ein Mensch hat ein Geeschlecht, dass biologisch definiert ist. Was er sich wünscht, ist dabei eher nebensächlich. Nach einer Op mag das anders sein.
    Prince bleibt auch Prince, egal, wie er sich gerade mal nennen mag und Cat Stevens nennt auch niemand Yussuf.
    Irgendwie fühle ich mich an „Das Leben des Brian“ erinnert, als der eine plötzlich Loretta genannt werden möchte.

  2. Stefan Niggemeier
    17. Oktober 2013, 23:44

    @Matze: Sie meinen, wenn jemand, der die Geschlechtsorgane eines Mannes hat, sich als Frau fühlt, dann irrt er einfach? Bis zu dem Moment, wo er aufgrund einer OP nicht mehr die Geschlechtsorgane eines Mannes hat?

    Und Sie meinen, wir anderen können besser beurteilen, ob jemand in Wahrheit ein Mann oder eine Frau ist, als der- oder diejenige selber und sollten ihm keinesfalls dieses Recht auf Selbstbestimmung zugestehen?

    Ja, was wäre das für eine schreckliche Welt, wenn man dauernd auf andere und ihre elementarsten Bedürfnisse und Wünsche Rücksicht nehmen müsste. Da kuscheln wir uns doch lieber in unsere bräsige Bequemlichkeit, dass wir wissen: Hat einen Schwanz = ist ein Mann.

  3. HE
    17. Oktober 2013, 23:57

    @Matze

    Beim Leben des Brian mag das noch als Witz funktioniert haben. Der Film wurde allerdings 1979 gedreht, seit dem hat sich einiges getan. Früher war auch homosexuelles Verhalten generell erstmal für einen Schenkelklopfer. Inzwischen begreifen viele (aber leider noch nicht mal annähernd genug) Menschen, dass man sich über Transsexualität genauso wenig aufzuregen braucht, wie über Homosexualität. Etwas mehr Gelassenheit wäre angebracht.

    Wenn Chelsea Mannings biologisches Geschlecht nicht mit seinem empfundenen übereinstimmt, wo ist das Problem ihn als Frau zu behandeln, wenn man über ihn berichtet? Das schadet doch nun wirklich niemandem und verstärkt im besten Fall sogar die Toleranz für Transsexualität in der Gesellschaft.

  4. Guybrush
    18. Oktober 2013, 9:06

    Ich finde man sollte bei aktueller Berichterstattung den Wünschen entsprechen, aber alleine schon des Verständnises wegen sollte man in Artikeln da wenigstens in einem Satz drauf eingehen. SPON hatte vor kurzem einen Artikel in dem das nicht der Fall war und ich denke sehr viele Leser haben den Wunsch von Manning gar nicht mitbekommen und sich wahrscheinlich erstmal gefragt, ob das die Frau oder Schwester von Bradley ist.

  5. ludoergosum
    18. Oktober 2013, 9:07

    In die gleiche Kerbe wie Matzes Kommentar haben viele Kommentare bei Spiegel Online geschlagen, als über Chelsea Manning geschrieben wurde, wie sie den Friedenspreis abgelehnt hatte.

    Wenige sind sachlich auf den Artikel eingegangen, so viele haben lediglich darüber geschimpft, dass „I am not a pacifist“ mit „ich bin keine Pazifistin“ übersetzt wurde, männlich wäre ja Korrekt und im englischen gibts da ja keine unterschiedlichen Formen und außerdem würde dass nur diese Propaganda vom frei wählbaren Geschlecht verbreiten.

    Diese Kommentare zeigen leider, unsere Gesellschaft ist einfach nicht so offen wie sie sein sollte.

    Schließlich sind es die gleichen Kommentatoren die wenn irgendwas über Vorschläge zur hilfe für Transsexuelle, Homosexulle und andere betroffene Schreiben: „Die sollen sich mal nicht so haben, sie werden schließlich nicht mehr diskriminiert und es gibt wichtigere Probleme“

  6. Tobias
    18. Oktober 2013, 9:22

    kurz @Matze: Natürlich wird das Geschlecht durch die Biologie definiert, und die Biologie macht manchmal einen kleinen Fehler. Denn die Biologie sagt: „Du bist eine Frau!“ und hat gleichzeitig den Menschen mit den körperlich männlichen Attributen versehen. So was kann passieren, ist anschließend mit Anstrengungen und Problemen versehen und sollte vom Rest der Menschheit nicht auch noch mit eigenen moralisch-bigotten Wertungen betrachtet werden.

    Nichtsdestotrotz: Da steht dieser kleine tapfere Soldat, in Uniform, mit Orden an der schmächtigen Brust, großer Brille und Käppi und legt sich ganz allein mit der mächtigsten Nation der Welt an. Hätte so etwas ein „echter Mann“ gemacht? Nein, ich glaube, für solch eine Heldentat benötigt man eine echte Frau!

  7. Albi
    18. Oktober 2013, 9:32

    Der Artikel „Doing Gender“ von West und Zimmerman wurde vor nun gut 26 Jahren veröffentlicht. Und das Thema ist derzeit offenbar noch besonders gut, um die Klickzahlen seiner Website hochzujagen (könnte ein klassisches Freitagsthema bei Heise sein). Ich hoffe, dass die Liberalisierung der Gesellschaft da nicht Halt macht.

  8. SvenR
    18. Oktober 2013, 9:37

    Wenn ich darüber nachdenke, wie viele insbesondere ältere Männer, aber auch welche meiner Generation (1968) und auch deutlich jüngere schon Probleme mit Schwulen und deren „schwul sein“ haben. Als ob man davon angesteckt werden können, wie von einem Schnupfen. Und außerdem sei das ja auch total eklig. Und widernatürlich.

    Wie schwer kann es für solche Menschen sein, zu verstehen, dass es auch Menschen gibt, deren biologische Geschlecht nicht mit dem tatsächlichen übereinstimmt? Die denken nur an schwule Männer in Frauenklamotten, Comedy-Transen, anzügliches Kabaret: noch ekliger und widernatürlicher.

    Wir hatten vor Jahren eine Kollegin, die als Mann geboren wurde und uns eines Tages eröffnete, dass sie sich als Frau fühle und ab sofort als solche behandelt werden wolle. Sie hat ein Jahr durchgehalten, bei uns zu arbeiten und sich dabei wie eine Frau zu verhalten und zu kleiden. Erst danach startete die Hormontherapie nach knapp drei Jahren kamen dann die für Matze scheinbar entscheidenden operativen Eingriffe dazu.

    Ich wäre nicht so stark, mir die persönlichen Anfeindungen der Kollegen über einen so langen Zeitraum zuzumuten. Sie war außer in den OP-Zeiträumen immer da, lies alle vorsätzlichen Zumutungen und unabsichtlichen Verletzungen über sich ergehen, blieb freundlich und offen. Nachdem die Transformation zu einer richtigen Frau (frei nach Matze) abgeschlossen war, hat sie unser Unternehmen verlassen und ist in eine andere Stadt gezogen. Wir sind im Kontakt geblieben und sie hatte ihre eigenen Aussage nach die zwei schönsten Jahre ihres Lebens, bevor sie plötzlich im Schlaf an einem Herzinfarkt verstarb. Da war sie noch keine fünfzig.

    Auch für mich war das schwierig. Ich habe sie relativ am Anfang in einer E-Mail mit „Herr“ angeschrieben. Ohne darüber nachzudenken. Das war mir unfassbar peinlich. Doch sie blieb ganz gelassen, weil sie ja mal der „Herr“ war und ich es ja nicht böse gemeint hätte. Und da zeigte sie mir, was der Abschaum ihr – nicht anonym, sondern vom Firmen-E-Mail-Account aus – so schrieb. Sie wurde als Monster, Zombie (Hä?), Missgeburt, Ausbund der Hölle und Schande für das Unternehmen (Doppel-Hä?) bezeichnet. Man wolle sie umbringen, foltern, zwangssterilisieren (Trippel-Hä?), vergasen und vernichten.

    Ich arbeite in einer Top-5 multinationalen Beratungsgesellschaft, über 40% promovierte, über 80% Akademiker aus aller Herren Länder, Förderer von Kunst und Kultur, Corporate Responsibility Programmen, etablierten Netzwerken für Schwule, Lesben und transgender. Wir hatten seinerzeit sogar einen offen schwul lebenden Geschäftsführer.

    Es gibt noch viel zu tun.

  9. Schwarztee
    18. Oktober 2013, 10:22

    Niggemeier hat doch recht: wir wissen – hat einen Schwanz = ist ein Mann. Ich fühle mich nach einem Diskobesuch auch älter als mein Paßalter.

  10. Fritz
    18. Oktober 2013, 10:34

    Zum Zeitpunkt der „Tat“ und der Verurteilung war Manning ein Mann. Da gibts nichts hinzuzufügen. Deshalb ist es auch absurd, wenn die Medien nun alles umdrehen würden.
    Irgendwie fühle ich mich ja auch manchmal wie Superman, sollen mich nun deshalb alle so nennen?

  11. Albi
    18. Oktober 2013, 11:31

    @Fritz: Falsch, in seiner Erklärung schreibt Chelsea Manning, dass sie sich schon seit ihrer Kindheit als Frau fühlt.
    Eventuell lässt Dich der kurze Wiki-Artikel den Standpunkt des Artikels besser nachvollziehen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Doing_Gender

  12. Jan
    18. Oktober 2013, 11:34

    Vielleicht haben wir ja in ein paar hundert Jahren eine Sprache, die sich um diesen ganzen Geschlechtsquatsch nicht mehr kümmert. Wäre doch toll, wenn es sowohl gesellschaftlich als auch sprachlich egal wäre, ob xier männlich oder weiblich ist.
    Man wird ja noch träumen dürfen…

  13. maike
    18. Oktober 2013, 12:11

    @HE
    Du schreibst:
    „Wenn Chelsea Mannings biologisches Geschlecht nicht mit seinem empfundenen übereinstimmt, wo ist das Problem ihn als Frau zu behandeln, wenn man über ihn berichtet? Das schadet doch nun wirklich niemandem und verstärkt im besten Fall sogar die Toleranz für Transsexualität in der Gesellschaft.“ und benutzt hier weiterhin männlichen Pronomen. Es ist nicht damit getan, nur den Vornamen zu ändern und sonst weiterhin alles männlich zu konnotieren..

  14. Sebastian
    18. Oktober 2013, 12:26

    @Jan: Das war jetzt Ironie, oder? Ich meine, manche vertreten das ja wirklich als Ideal, dass Menschen eines Tages draußen auf der Straße keine Männer und Frauen, Mädchen und Jungen mehr sehen, sondern nur noch abstrakte „Menschen“. Andere auszeichnende Eigenschaften bestimmter Personen darf man dann ja auch nicht mehr sehen, weil die ja alle zwangsläufig an Normen orientiert sind. Mir ist total unverständlich, wie man so eine Welt voller Egalmenschen erstrebenswert finden und sogar für möglich halten kann.

    Damit stelle ich mich nicht gegen das Anliegen von Manning. Sie ist schließlich nach eigener Auskunft eine Frau und nicht etwas geschlechtlich Egales.

    Es würde allerdings tatsächlich leichter fallen, wenn sie weiblicher aussähe. Es gibt eine erfolgreiche professionelle transsexuelle Starcraft-Spielerin, die sich also in einem extrem männerdominierten Milieu bewegt. Abgesehen von einer kleinen Prozentzahl von Nichtverstehenden ist die Verwendung weiblicher Pronomen selbst im männlich-jugendlichen Gamer-Milieu kein Problem und weitgehend als selbstverständlich etabliert. Aber bei ihr dominieren halt auch keine Bilder mit kurzgeschorenen Haaren in Soldatenuniform das Mediengeschehen. Ich bin sicher, das macht einen großen Unterschied.

    Insofern ja, der Wunsch von Chelsea Manning sollte respektiert werden. Gleichzeitig wird damit aber vielen Leuten abverlangt, sich gegen die eigene, unmittelbare Wahrnehmung zu stemmen. Und wie gesagt, diese Wahrnehmung ist erstmal real, und ob man sie allgemeinverbindlich so weitgehend umprogrammieren kann, und will, und das Recht dazu hat, wäre ein Frage, die vielleicht mal eine rationale (!) Diskussion lohnen würde. Bislang steht da meistens Ignoranz auf der einen gegen Dogmatismus auf der anderen Seite.

  15. Sebastian
    18. Oktober 2013, 13:01

    Nachtrag: Ein Beispiel für den Dogmatismus, den ich meine:

    ‚Hätte so etwas ein “echter Mann” gemacht? Nein, ich glaube, für solch eine Heldentat benötigt man eine echte Frau!‘

    Kommentar 6 da oben. Von Männern kommt im großen und ganzen nix Gutes. Für offenen Sexismus dieser Art wird man heute gefeiert. Der Dogmatismus zeigt sich darin, dass solche Behauptungen anscheinend weder bewiesen werden müssen noch widerlegt werden können. Auch wenn das augenzwinkernd gemeint war, steht dahinter immer noch dieselbe Haltung.

  16. Michael
    18. Oktober 2013, 13:13

    @SvenR da stellt sich wohl die Frage, wie viele in dem Unternehmen nur des Geldes wegen arbeiten…

  17. Stefan Mertz
    18. Oktober 2013, 13:58

    Stefan Niggemeier hat es geschrieben :
    Hat einen Schwanz = ist ein Mann.
    Das ist auch meine Meinung,- allerdings völlig ironiefrei.Und selbst wenn man der Natur ins Handwerk pfuschen würde, wäre es keine Frau, sondern ein kastrierter Mann.
    Bei dem Gedanken, daß sich eines Tages echte Frauen mit solch einem ´´Etwas´´ die Toilette teilen müssen, wird mir schlecht…

  18. Kitschautorin
    18. Oktober 2013, 15:18

    Besser hätte ich es nicht ausdrücken können.

    Matze: So einfach ist es nicht.

  19. Wolfgang
    18. Oktober 2013, 15:27

    @Stefan Mertz
    Mir wird bei dem Gedanken schlecht, den knappen Sauerstoff mit Leuten wie Ihnen zu teilen.

  20. jj preston
    18. Oktober 2013, 19:44

    @Stefan Mertz:
    Überlassen Sie die wertvolle deutsche Atemluft denen, die sie gebrauchen können. Seien Sie konsequent und schließen Sie sich denen an, die wie Sie denken. Kurzum: Ich wünsche Ihnen eine schöne Zukunft in Saudi-Arabien!

  21. Angelo M.
    18. Oktober 2013, 23:42

    Frau Manning liest keine deutschen Zeitungen.

  22. Kim Schicklang
    19. Oktober 2013, 11:08

    Weil ja Menschen gerne so tun, als wüssten sie was ein „biologisches Geschlecht“ ist. Transsexuelle Frauen sind genauso biologisch, was ihr Geschlecht angeht, wie andere Frauen… Da: http://issuu.com/atme/docs/war.....ll__-_atme

  23. OJ
    20. Oktober 2013, 16:54

    Jetzt ist die richtige Zeit für mein Outing: Ich fühle mich insgeheim als Mischung aus einem Orc aus dem Computerspiel „World of Warcraft“ und einem Dackel. Ich verlange, in Zukunft mit „Tarak-Waldi“ angesprochen zu werden. Show some respect, y’all!

  24. Kim Schicklang
    21. Oktober 2013, 11:24

    „Ich fühle mich insgeheim als Mischung aus einem Orc aus dem Computerspiel “World of Warcraft” und einem Dackel.“

    Du checkst schon, dass Transsexualität nichts damit zu tun hat, wie jemand sich fühlt? Nein? Es muss schlimm sein, die Welt nur so eingeschränkt wahrnehmen zu können.

  25. OJ
    21. Oktober 2013, 23:24

    Kim, Transsexualität ist natürlich auf dem 24. Chromosom verankert. Wusstest du das nicht?

  26. Schnellinger
    22. Oktober 2013, 4:48

    @Stefan Mertz
    Schlecht wird mir, weil ich mir mit Gestalten wie dir ein Klo teilen muß.
    Schönes Leben noch.

  27. Aurelia
    22. Oktober 2013, 11:33

    Wäre schön wenn man es so akzeptieren würde wie es ist und das auch zu den Medien durchdringen würde.

  28. Al
    22. Oktober 2013, 18:02

    Wenn Manning sich als Frau sieht, sehe ich Manning auch als Frau. Hat auch niemand einen Nachteil von. Allerdings muss ich Jan widersprechen. Es kann gewissermaßen gesellschaftlich gar nicht egal sein, ob jemand Mann oder Frau ist und das ist auch nicht wünschenswert. Es ist für die große Mehrheit sehr entscheidend, ob sie (biologisch) ein Mann oder eine Frau sind. Schließlich verspürt diese große Mehrheit ja den starken Drang, sich mit dem geschlechtlichen Kontrast zu paaren. Dementsprechend definieren sich die allermeisten Menschen sehr stark über ihr biologisches Geschlecht und leben es auch als soziales Geschlecht. Im übrigen ist ja auch Manning gerade das eigene Geschlecht nicht egal.

  29. Jan
    23. Oktober 2013, 13:31

    @Sebastian: Nein, das war keine Ironie. Es ging mir nicht um die realen Unterschiede zwischen den einzelnen, konkreten Menschen. Die existieren unzweifelhaft, und die will ich ja gar nicht negieren. Sprache muss das auch nicht tun.
    Es geht darum, dass es an den Stellen, wo keine Unterscheidung NÖTIG ist (wie hier), auch keine gemacht wird, weder in der Sprache noch in der gesellschaftlichen Realität. Diese Möglichkeit gibt uns unsere Sprache aber heute nicht.

    @Al: Siehe oben. Ist letztlich das gleiche Argument: Unterschiede und Geschlechter sind real und spielen in so einem Fall natürlich eine Rolle. Ich will ja auch „er“ oder „sie“ als Pronomen nicht ersetzen, sondern nur sprachlich die Möglichkeit haben, das Geschlecht nicht zu erwähnen.

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