Die Messe Berlin und das allgemein zugängliche Internet

Von Lukas Heinser, 28. August 2008 12:55

Früher war alles besser: die Popkomm war ein rauschendes Fest einer florierenden Branche, das alljährlich in Köln stattfand – und ihr wichtigster Ort war der Mexikaner am Prime Club. Heute liegt die Musikindustrie röchelnd am Boden, die wichtigen Musikmessen heißen c/o Pop und Pop Up, die Popkomm ist (wie jeder andere Kreative) nach Berlin gezogen und der Mexikaner am Prime Club ist schon lange zu.1

Es gibt keinen wirklichen Grund, noch zur Popkomm fahren zu wollen – außer, um dort Kontakte zu knüpfen, sie zu pflegen, die Mischung aus Zweckoptimismus, Weltfremde und Verzweiflung in sich aufzusaugen und vielleicht das eine oder andere Konzert mitzunehmen. Allerdings ist Berlin vom Ruhrgebiet deutlich weiter entfernt als Köln, so dass sich Tagestrips eher nicht anbieten.

Ich wollte mich also als Pressevertreter für die Popkomm akkreditieren lassen und ging auf die entsprechende Website. Dass es nicht ganz so einfach werden würde wie in Köln, wo man einfach mit dem ausgedruckten Impressum eines Musik-E-Zines reinkam, in dem der eigene Name stand, hatte ich mir wohl gedacht – dass es schlicht unmöglich werden würde, nicht. Ich füllte brav und wahrheitsgemäß ein Formular aus, fotografierte meinen Jugendpresseausweis (den ich in fünf Jahren damit zum dritten Mal hervorholen musste) und schickte alles ab.

Am nächsten Tag erhielt ich eine E-Mail von der Messe Berlin, wonach meine Unterlagen unvollständig seien. Man gab mir den freundlichen Hinweis, dass ich als „Vertreter von Jugendpresseorganisationen“ „gegen Vorlage aktueller Belege“ „einmalig eine Tageskarte an den Akkreditierungscountern des Messegeländes“ erhalten würde. Da ein Tag Messe die Anreise nicht lohnt, schrieb ich zurück, dass ich gerne länger hinwolle und schließlich ein Blog zu den Themenkomplexen Popkultur und Medien betriebe.

Die Antwort lautete:

Guten Tag,
Blogger und deren Betreiber werden, wie andere Vertreter von allgemein zugänglichen Online-Publikationen ausschließlich gegen Vorlage eines gültigen Presseausweises (für hauptberuflich tätige Journalisten) akkreditiert.

Das deckt sich mit den Akkreditierungsrichtlinien, die bei der Messe Berlin offenbar für jede Veranstaltung gelten:

Mitglieder von Internet-Redaktionen werden aufgrund der allgemeinen Zugänglichkeit des Internets und der damit verbundenen mangelnden Überprüfbarkeit der eigenen journalistischen Leistung nur gegen Vorlage eines anerkannten Presseausweises akkreditiert. Ausnahme: Internet-Redaktionen, die zu Vollredaktionen oder Verlagen gehören, z.B. Focus Online usw.

Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Als Blogger hat man bei den vielen Verbänden immer noch keine Chance, an einen Presseausweis zu kommen. Man braucht ihn aber auch (außer vielleicht für peinliche Presserabatte) eher selten. Eine kleine Umfrage ergab: Von den Print-, Radio- und TV-Journalisten in meinem Bekanntenkreis ist niemand im Besitz eines Presseausweises. Ein früherer Kollege (heute bei einem Privatsender aktiv) schrieb mir gar, er habe „nie!!!! wirklich nie!!!!“ mit einem Presseausweis gearbeitet.

Nur um sicherzugehen, dass ich das alles richtig verstanden hatte, fragte ich bei der Messe Berlin noch einmal nach:

Gerade im Bereich Musikjournalismus dürften die wenigsten Kollegen über einen Presseausweis verfügen, viele betreuen ihre Onlinemagazine und Blogs nicht hauptberuflich, aber mit hoher Kompetenz und eben solchem Aufwand. Sehe ich das richtig, dass sie alle keinen Anspruch auf eine Akkreditierung bei einer Veranstaltung in der Messe Berlin haben?

Die Antwort überraschte mich nicht mehr wirklich:

Guten Tag,
Sie sehen das völlig richtig. Ohne Nachweis der hauptberuflichen journalistischen Tätigkeit gibt es keine Akkreditierung.
Ein Recht auf Akkreditierung besteht nicht, es gilt das Hausrecht der Veranstaltungsstätte.

Und bitte nicht vom Beckenrand springen, ja?

Aber noch einmal ganz langsam: die Messe Berlin, die unter anderem die Popkomm, die Internationale Funkausstellung und die Jugendmesse „You“ ausrichtet2, akkreditiert ausschließlich „hauptberuflich tätige Journalisten“.

In den Richtlinien für die „You“ steht sogar klipp und klar:

Nutzer von Blogs (Blogger) unterliegen den genannten Richtlinien von Internet-Redaktionen. Ohne gültigen Presseausweis gelten Blogger als Privatperson und werden nicht akkreditiert.

Ob ich zur Popkomm fahre oder nicht (natürlich nicht) war mir inzwischen egal. Ich wollte auch gar nicht mehr wissen, ob eine Presseakkreditierung kostenlos ist oder nicht.3

Dafür wollte ich von der Messe Berlin wissen, wie das zusammenpasst: das Ausrichten von Medienmessen auf der einen und das Ausgrenzen von Bloggern, E-Zinern und Bürgerjournalisten auf der anderen Seite. Und ob die „allgemeinen Zugänglichkeit des Internets“ es wirklich derart unmöglich macht, eine Auswahl zu treffen, wen man reinlässt und wen nicht.

Das ist jetzt eine Woche her und es ist wohl nur konsequent zu nennen, dass ich noch keine Antwort bekommen habe.

  1. Gerüchten zufolge stehen Popkomm-Umzug und Niedergang des Mexikaners in direktem Zusammenhang – nach Schätzungen ins Blaue wurde dort am Popkomm-Wochenende der halbe Jahresumsatz erwirtschaftet. []
  2. Alles Messen, zu deren Inhalten Gerüchten zufolge auch dieses verrückte neue Medium „Internet“ und dessen Möglichkeiten gehören sollen. Im vergangenen Jahr fand sogar die „Web 2.0 Expo“ in der Messe Berlin statt. []
  3. Die Drei-Tages-Pressepässe in Köln, die man gegen Vorlage eines „Redaktionsnachweises“ erhielt, kosteten etwa 100 DM, wie sich ein Kollege erinnert. []

12 Kommentare

  1. DonDahlmann
    28. August 2008, 13:06

    Ist aber bei fast allen Messebetreiber so, die unter „Blog“ noch was anderes verstehen. Popkomm – den Spaß könnte ich mir dieses Jahr auch noch mal geben. Ich hab lange keine grundsätzlich frustrierten Menschen mehr gesehen, die mir zu verstehen geben, wie gut es mir geht.

  2. Stitch
    28. August 2008, 13:43

    …dafür heisst der Prime-Club jetzt wieder Luxor…

  3. Dr. Azrael Tod
    28. August 2008, 13:47

    also auf der CeBIT letztes Jahr hatte ich keinerlei Probleme.
    Bei der diesjährigen GC wollten die allerdings dieses Mal ein Schreiben von der Redaktion. Es wäre sicher kein Problem gewesen irgendwas zusammen zu tippen und das anerkannt zu bekommen, aber ich hatte wegen Umzug keine Zeit und habs gelassen. Ich war dann auch nichtmal als normaler Besucher dort.

  4. benedikt
    29. August 2008, 10:36

    Das ist vor allem in sofern etwas paradox, als das unter anderem unser „Online Fanzine“ (also eigentlich nur ein Blog) angeschrieben wurde, ob wir nicht Interessan am „Fanzine Stand“ im Popkomm Labelcamp hätten. Allerdings gibt es dann das 3-Tages-Ticket, den Eintrag im Popkomm Guide und die Teilnahme am Fanzine-Stand nur bei gleichzeitiger Mitarbeit an eben diesem Stand (ok, leuchtet ein) sowie „Veröffentlichung ausgewählter Festivalprogrammpunkte (nach individueller Absprache – Preview“ sowie „Redaktionelle Berichterstattung / Festival-Review“.
    (Ausgewählte) Blogger sind also ok, wenn sie ihre Berichterstattung zusichern und „individuell absprechen“. Aha…

  5. Dr. Azrael Tod
    29. August 2008, 14:51

    Das Problem wird halt auch meistens darin liegen, dass eine Unterscheidung zwischen Bloggern die die Messe besuchen um von dort zu berichten und Privatpersonen, die ein Blog betreiben aber eher privat auf die Messe wollen, sehr schwer ist.

    Die Methode die Akkreditierung via Bürokratie zu erschweren ist dementsprechend wohl garnicht so blöd, wer nur zum Spaß auf die Messe will, wird sich wahrscheinlich weniger Mühe geben und leichter aufgeben als jemand, der die Akkreditierung braucht. (z.B. um den Presse-/Resellerbereich auf der CeBIT zu besuchen und dort auch mal genauere Angaben von den Ausstellern zu bekommen)

  6. Matthias
    29. August 2008, 19:45

    Von außen betrachtet, teilweise des Teufels Anwalt spielend:

    Erster Gedanke: Wenn das Internet „allgemein zugänglich“ ist, lässt sich darauf doch sicher auch aus den Räumen der Messe Berlin zugreifen, so dass sich deren Vertreter schnell von der Ernsthaftigkeit des antragstellenden Bloggers überzeugen können – im Gegensatz beispielsweise zur Ernsthaftigkeit der Vertreter von Feuilletons beliebiger Tageszeitungen, die zwar mit dem Presseausweis wedeln, aber der Sache weder großes Interesse noch große Kenntnis entgegenbringen.

    Zweiter Gedanke: Kann man von den Verantwortlichen erwarten, dass sie sich in die Blogs von dutzenden Antragstellern einlesen und dann individuell mal ja und mal nein sagen und sich damit auch noch dem Vorwurf aussetzen, sie handelten willkürlich? Vermutlich nein.

    Dritter Gedanke: Spricht was dagegen, sich einfach mal einen regulären Presseausweis zu besorgen? Ich weiß, Sie schreiben, dass das nicht so einfach ist. Aber da selbst PR-Fuzzies in den Genuss kommen, wie ich höre, dürfte es doch nicht so schwer sein. Elitärer Dünkel („ich kenne Journalisten, die dieses Vehikel noch nie bemühen mussten“) ist jedenfalls eine schlechte Leitlinie. Entschuldigung, aber so wirkt es nun mal.

    Vierter Gedanke: Als was verstehen Sie sich denn nun? Als Journalist oder als vor sich hinbloggender Privatmensch? Ich meine mich zu erinnern, dass das kürzlich hier mal Thema war und Sie was schrieben, das in die Richtung ging: „Ich blogge hier nur zum Spaß“. Das konnte ich schon damals nicht nachvollziehen, denn ich finde, dass Ihre Artikel in hohem Maß journalistischen Kriterien genügen (und zur Vorbereitung einer Laufbahn in einer Print- oder Online-Reaktion zumindest nicht ganz ungeeignet sind).

    Wenn Sie das selbst anders sehen: Bitte. Aber dann stehen Sie auch dazu.

  7. Matthias Sch.
    30. August 2008, 19:02

    Falls du für künftige Fälle ähnlicher Art einen Presseausweis haben willst, mail mich gelegentlich mal an (ist das mindeste, was ich als regelmäßiger Leser hier für dich tun kann ;-)).

  8. Sonja
    5. September 2008, 12:30

    ich habe einen presseausweis, aber auch nicht über mainstage, sondern über meinen arbeitgeber. das einzige mal, dass ich ihn wirklich gebraucht habe war die akkreditierung für den hessentag, die machen da genau so ein theater wie die popkomm. wir wurden übrigens auch gefragt, ob wir interesse am fanzine stand hätten, haben aber dankend abgelehnt. ist wirklich etwas wiedersprüchig die fanzines dabei haben zu wollen, aber nicht zu akkreditieren…

  9. britta
    5. September 2008, 13:04

    […] Denn auch wenn nur fast sehr wichtige Leute wie Lukas vorher aussortiert werden – der Rest muss sich Mühe geben, zwischen all den internetfarbenen Ständen (ich habe so ein schreckliches Gefühl, dass es dieses Jahr “grungig” wird) und den menschenhohen Stapeln umsonster Promo-CDs mit raren Tracks türkische Elektro-Acts drauf irgendwie aufzufallen.[…]

  10. Tessa
    30. September 2008, 14:19

    schon seltsam, dass bei so etwas „modernem“ wie der popkomm immer noch keine leute in der presse sitzen, die den wert und die wichtigkeit von bloggern erkannt haben. und das in der musikbranche! vielleicht sollte sie mal jemand dezent darauf hinweisen, dass es für labels ganz normal und unverzichtbar ist, blogger zu bemustern, oder mal einen blick auf die modewelt werfen. da werden blogger eingeladen, bekommen alles bezahlt und werden verhätschelt. schaden tut’s der branche bestimmt nicht.

  11. Lukas
    10. Oktober 2008, 20:38

    Wie witzig: Da haben wollen sie Blogger auf keinen Fall — aber ihnen ungefragt E-Mail-Newsletter zuschicken, das machen sie gerne …

  12. Coffee And TV: » Der Weg zum Rockstar in sechs Milliarden Schritten
    14. Juli 2009, 14:38

    […] soll diskutiert und nicht nur repräsentiert werden und Musiker und Blogger dürfen auch dabei […]