Was kommt

Von Lukas Heinser, 26. November 2007 0:18

Bochum hat 374.000 Einwohner, aber bis zum letzten Mittwoch gab es in der Innenstadt kein Geschäft, in dem man Audiokassetten, höherwertiges Druckerpapier oder DVDs hätte kaufen können. Am Donnerstag eröffnete dann endlich der neue „Saturn“ im alten Kortum-Haus. Zum Verkaufsstart um sechs Uhr morgens kamen sagenhafte fünfhundert Leute, was nicht nur Djure zu der Vermutung bringt, dass das mit dem Verinnerlichen der Metropolregion Ruhr noch einige Zeit dauern wird.

Ich selbst war Donnerstagabend nach der Uni da, was insofern eine unbeschreiblich bescheuerte Idee war, als zur gleichen Zeit der Weihnachtsmarkt eröffnet wurde und die Leute zwischen Glühwein und Bratwurst noch Lust auf Schlangestehen im neueröffneten Elektroniktempel hatten.

In diesem selbst merkt man nicht mehr viel von der Geschichte des Hauses, es sieht aus wie in jedem zweiten „Saturn“-Markt (nämlich in den etwas edleren Ausgaben). Das beeindruckende alte Treppenhaus ist verschwunden, aber man muss davon ausgehen, dass das Haus sonst noch hundert Jahre leer gestanden hätte. Dafür wird deutlich, dass sich die Macher ein paar Gedanken über den Ort gemacht haben: auf den Gegengewichten der verglasten Fahrstühle findet sich die erste Strophe des Steigerlieds.

Auch bei den Eröffnungs-Angeboten bewies „Saturn“ ein Gespür für Lokalkolorit: So gab es die DVD der im Kortum-Haus gedrehten Miniserie „Der große Bellheim“ für 9,99 Euro und Herbert Grönemeyers Album „4630 Bochum“ für 4,99 Euro. Nach dem Ansturm auf dieses 23 Jahre alte Album dürfte die CD jetzt in jedem Bochumer Haushalt zu finden sein. In meinem übrigens auch.

Ansonsten gab es aber nicht allzu viel zum Angucken oder Kaufen, es war einfach zu voll. Schnell noch „The Spaghetti Incident?“ von Guns N‘ Roses für 4,99 Euro und einen Ein-Gigabyte-USB-Stick für 6,99 Euro (auch der ging geschätzte 374.000 Mal weg) mitgenommen und nach nur fünf Minuten an einer der extra eingerichteten Sonderkassen war ich draußen. Es war voll, es war trotz Weihnachtsmarkt viel zu warm und es war in der Summe unglaublich nervig. Ich stopfte mir meine Ohrstöpsel in die Hörmuscheln, drehte meinen MP3-Player etwas lauter als sonst üblich (und vermutlich auch als schicklich) und stapfte von dannen.

Es ist gut zu wissen, dass ich jetzt Audiokassetten, höherwertiges Druckerpapier und DVDs auch in Bochum kaufen kann und ich noch dazu in den Genuss komme, meine CD-Sammlung mit älteren Tonträgern zu Ramschpreisen komplettieren zu können.

7 Kommentare

  1. Coffee And TV
    26. November 2007, 0:19

    Was geht…

    Am Samstag schloss der Traditionsplattenladen “Elpi” in Bochum für immer seine Pforten. Nach langer Zeit (ich hab vergessen, noch mal nachzufragen, meine aber, mich an die Zahl von 28 Jahren erinnern zu können) zieht sich damit ein tradit…

  2. Pottblog
    26. November 2007, 12:47

    Bochumer Lokalkolorit…

    Neben meinem neuen Apfel habe ich von den Eröffnungsangeboten des Bochumer Saturn mir auch noch die abgebildete DVD Der große Bellheim (welches u.a. im Bochumer Kortum-Haus gedreht wurde) und die CD 4630 Bochum von Herbert Grönemeyer gek…

  3. Christian
    28. November 2007, 9:39

    Wer mangelnden Ansturm bei der Eröffnung eines Elektronik-Geschäfts (in einer Region mit bereits mehreren Dutzend ähnliches Geschäften) als Indiz für mangelnde wirtschaftliche Kraft einer REgion nimmt, der wertet auch sich um Hilfsgüter prügelde Menschen in Bangladesh als Induz für dort zu erwartende kulinarische Genüsse.

    Und wenn sich die Ossis am Alexanderplatz um vermeintlich billige Flachbildfernsehen prügeln müssen, dann zeigt mir das, wes Geistes Kind unsere Hauptstadt ist – wer die zahlt, weiß ich übrigens auch.

  4. Lukas
    28. November 2007, 10:44

    @Christian: Es geht nicht um die „mangelnde wirtschaftliche Kraft“ des Ruhrgebiets, sondern darum, dass die Menschen aus Essen und Dortmund offenbar nicht auf die Idee kommen, zu einer Elektronikmarkt-Eröffnung nach Bochum zu fahren, während die Eröffnung eines ähnlichen Geschäfts am Berliner Alexanderplatz die Leute aus halb Brandenburg anzieht.

    Und: Bitte verraten Sie mir doch, wer die Flachbildfernseher am Alexanderplatz zahlt. Ich habe da zwar so einen Verdacht, aber wenn Sie es wissen …

  5. Christian
    28. November 2007, 10:55

    Warum sollen denn Menschen aus irgendeiner Nachbarstadt von Bochum zur Eröffnung nach Bochum kommen? Jede dieser Nachbarstädrte hat eigene Elektronik-Großmärkte – was man von der Berliner Peripherie nicht behaupten kann. Der Markt ist so gut wie gesättigt.

    Unsere „Freunde“ aus dem Osten haben aber vielleicht auch mehr Spaß daran und Erfahrung darin, sich um Waren zu prügeln.

    Anständige und fleißige Bürger haben um die Zetit Besseres zu tun, als irgendwo Schlange zu stehen.

  6. Lukas
    28. November 2007, 11:09

    Darum geht es doch: Das Ruhrgebiet soll endlich nicht mehr als Verbund von Nachbarstädten wahrgenommen werden, sondern als eine Metropolregion. Immerhin leben hier anderthalb Mal so viele Einwohner wie in Berlin.

    Im Übrigen wünscht ich mir, Sie hätten auch Besseres zu tun, als in den Kommentaren meines Blogs derartige Stammtischparolen abzusondern.

  7. Christian
    28. November 2007, 16:56

    Nicht gefallende Aussagen als „Stammtischparolen“ zu bezeichnen ist ähnlich geistreich wie der Begriff „Gutmensch“, den die Rechten für alle mit etwas gesundem Menschenverstand benutzen.

    Ob jetzt Stammtisch oder Gutmenschentum: alle in einen Sack, da macht man es sich am einfachsten.