It’s gonna be an easy ride

Von Lukas Heinser, 26. Juli 2007 14:50

Jacqui Naylor (photo by Thomas Heinser)Es gibt Alben, die sind so Genre-sprengend, dass sie haarscharf an jeder Zielgruppe vorbeischrammen. „The Color Five“ von Jacqui Naylor könnte so ein Fall sein: Eigentlich ist die Kalifornierin Jazzsängerin, aber ihre Alben und Konzerte öffnen auch die Schubladen „Folk“ und „Pop“ so weit, dass die Kommode, auf der groß „Musikgenres“ steht, und die Musikjournalistenmetaphern um die Wette auseinanderfallen.

Gemeinsam mit ihrer (sehr guten, aber dazu kommen wir noch) Band hat Jacqui Naylor etwas erfunden, was sie „acoustic smashes“ nennt: Singt Naylor den Text eines Popsongs („Hot Legs“ von Rod Stewart“, „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“ von U2, „Lola“ von den Kinks), spielt die Band dazu einen Jazzstandard („Cantaloupe Island“ von Herbie Hancock, „All Blues“ von Miles Davis, „Sidewinder“ von Lee Morgan); singt Naylor einen … nun ja: etwas abgegriffenen Klassiker wie das unvermeidliche „Summertime“ von George und Ira Gershwin, bemerkt man das vielleicht gar nicht auf Anhieb, weil die Band lieber „Whipping Post“ von den Allman Brothers spielt. Hört sich kompliziert, merkwürdig oder schlicht unvorstellbar an? Hier kann man in alle Songs reinhören und sich davon überzeugen, dass es ziemlich gut klingt.

Ein Drittel der fünfzehn Songs sind diese „acoustic smashes“, ein Drittel „normale“ Coverversionen und ein Drittel Originals, also Songs, die Naylor und ihr Musical Director Art Khu selbst geschrieben haben. Das nicht gänzlich unrenommierte Magazin „Jazz Times“ verglich das Songwriting der beiden mit dem der nicht gänzlich unbedeutenden Joni Mitchell und Paul Simon, und ich möchte wenigstens noch Sara McLachlan, Tori Amos und Neil Finn namedroppen. „Easy Ride From Here“ z.B. ist ein derart runder Popsong, dass ich ihn bitte in den nächsten Jahren in mindestens fünf verschiedenen romantischen Komödien oder amerikanischen Hochglanzserien hören möchte.

Ich weiß nicht, ob ich je von Jacqui Naylor erfahren hätte, wenn ich sie nicht persönlich kennengelernt hätte; ob ich auch so von ihrer Musik begeistert wäre, wenn ich sie nicht live gesehen hätte. Ihre Stimme bewegt sich zwischen butterweich und angenehm kratzig und ihre Band … Ach, diese Band: Jazzmusikern zuzusehen, ist für Menschen wie mich, die stolz sind, drei Akkorde fehlerfrei greifen zu können, immer in gleichem Maße beeindruckend wie ernüchternd. Diese Band ist besonders tight (ist „tight“ überhaupt eine Vokabel, die zum Beschreiben von Jazzbands geeignet ist?): Art Khu könnte man vermutlich ein Alphorn in die Hand drücken und nach fünf Minuten würde er dem Instrument lieblichste Töne entlocken, Drummer Josh Jones spielt nicht nur die vertracktesten Beats und Rhythmenwechsel, er grimassiert dabei auch noch, als müsse er während des Konzerts noch einer Gruppe durchgeknallter Comiczeichner Modell sitzen.

Es gibt Alben, die sind so Genre-sprengend, dass sie jede Zielgruppe begeistern. „The Color Five“ von Jacqui Naylor könnte so ein Fall sein.

4 Kommentare

  1. birgit
    26. Juli 2007, 20:42

    Danke für die Hinweise, jetzt werde ich mir die Musik nochmal mit Verstand anhören!

  2. maYO
    4. August 2007, 10:46

    Danke für den Tipp! Musik die schon beim ersten Ma l hören überzeugt und trotzdem Tiefe mit sich bringt.
    Was mich allerdings etwas erstaunt: Von der findet man sehr wenig im Netz. Nicht mal auf youtube gibts was von ihr. Und selbst die wikipedia kennt sie nicht – weder die deutsche noch die englische Ausgabe.

  3. Coffee And TV
    31. Januar 2008, 22:38

    Coffee And TV empfiehlt: Jacqui Naylor live…

    Über Jacqui Naylor (bzw. ihr Album “The Color Five”) hatte ich im vergangenen Juli bereits reichlich Lob ausgeschüttet. Im Dezember unterlegte ich mein stinklangweiliges Weihnachtsmarkt-Video mit ihrer außergewöhnlichen Interpretation v…

  4. Coffee And TV: » Coffee And TV empfiehlt mal wieder: Jacqui Naylor live
    12. Oktober 2009, 13:53

    […] Naylor jedenfalls habe ich Ihnen schon mal an der einen oder anderen Stelle nahe zu bringen versucht. Die Jazzsängerin aus San Francisco, in […]