Abiwitzig

Von Lukas Heinser, 18. Juli 2007 14:56

Gestern las ich bei „Indiskretion Ehrensache“ diesen schönen Satz:

Wie die Ostereiersuche durften die Fans […] hinter jedes Sendefenster lugen, irgendwann kam halt mal wieder ein Stückchen.

„Nun ja“, dachte ich als erstes, „da sind Herrn Knüwer halt die Metaphern verrutscht. Weiß doch jedes Kind, dass das mit den Fenstern Adventskalender sind und die nichts mit Ostereiern zu tun haben.“ Dann dachte ich: „Und was mach ich jetzt mit dem Satz?“

Verunglückte, ungewollt zweideutige oder auch von vorne bis hinten sinnlose Sätze werden von den etablierten Medien allenfalls stiefmütterlich behandelt. Wenn Edmund Stoiber nicht gerade die Vorzüge des Transrapids zu erklären versucht, ist „TV Total“ so ziemlich die einzige Plattform, die sich am Scheitern von Sprache in der Öffentlichkeit weidet. Dabei hat beinahe jeder, der in diesem Land über einen Schulabschluss verfügt, sich schon als Katalogisierer von missglückten Aussprüchen betätigt.

Keine Abizeitung kommt ohne eine Zitatensammlung aus, in der Lehrern und Mitschülern mit schonungsloser Brutalität Aussprüche um die Ohren gehauen werden, an die sich die Betreffenden oft genug gar nicht mehr erinnern können. Wenig (nicht einmal die Abiturklausuren) bleibt im halböffentlichen Raum der Schule so lange bestehen wie die aus Gedankenlosigkeit formulierten und sofort mitstenographierten Sätze, die zumeist während der Oberstufenzeit fallen. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich war in unserer Jahrgangsstufe zuständig für das Sammeln, Sortieren und schließlich auch Abdrucken dieser Zitate.

Im Wesentlichen gibt es vier Klassen von Abizeitungszitaten. Die beliebtesten sind natürlich die zweideutigen, „versauten“:

SoWi-Lehrer: „Der Sven ist in den letzten Stunden gar nicht schlecht gekommen.“

Dann gibt es die, die an der fachlichen Kompetenz der Lehrer zweifeln lassen:

Erdkundelehrerin: „Wart Ihr schon mal auf Mallorca oder einer anderen griechischen Insel?“

Es gibt Aussprüche, bei denen man das Knacken in den Hirnwindungen der Sprecher hören zu können glaubt:

Geschichtslehrer: „In Wirklichkeit haben wir es nicht mit Fiktionen zu tun, sondern mit Realität!“

Und dann gibt es natürlich noch die Schüler, die glauben, durch besonders vorlaute und alberne Antworten in Erinnerung zu bleiben – oder es wenigstens in die Abizeitung zu schaffen:

Deutschlehrerin: „Gebt mal ein Beispiel für ’scheinbar‘!“
Schüler: „Er wollte mit Münzgeld bezahlen, aber die Bedienung sagte: ‚Dies ist eine Scheinbar‘!“

Einige Lehrer haben ein Standardrepertoire an Sprüchen, mit denen sie es in beinahe jede Abizeitung schaffen, weil die mitschreibenden Schüler nicht über ausreichend Recherchewillen oder Lebenserfahrung verfügen. So ein Verhalten ist vergleichbar mit dem halbironischen Rumgeeier, das Bands wie die Toten Hosen produzieren, wenn sie bei einer „Award Show“ ausgezeichnet werden, und äußert sich in Sätzen wie:

Physiklehrer: „Letzte Stunde standen wir vorm Abgrund, heute sind wir einen Schritt weiter!“

Seltsamerweise kommt außerhalb des Biotops Oberstufe kaum jemand auf die Idee, die Aussprüche seiner Mitmenschen aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Vorgesetzte, Familienmitglieder, ja sogar Universitätsdozenten können sich trotz Videohandys in Sicherheit wiegen: Niemand wird mehr leise kichern und mit der Überschreibseite eines Tintenkillers hektische Notizen auf einem Collegeblock vornehmen, wenn mal wieder ein denkwürdiger Ausspruch im Raum hängt wie ein grotesker Papagei auf der Schulter einer rosagewandeten, überschminkten alten Dame.

Aber es gibt ja noch genug andere Beispiele für Dinge, die man nach seinem Abitur klugerweise nie wieder macht: Sich mit dem Bruttoinlandsprodukt Litauens auseinandersetzen; sich mit eigentlich unbekannten, davor und danach verhassten Altersgenossen verbrüdern; auf dem Schulhof mit Bier rumspritzen und sich alberne Wortspiele einfallen lassen. Vor allem letzteres wäre eigentlich mal ein Fall für irgendeine noch zu gründende Aufsichtsbehörde: Jede „Abi“-Verballhornung sollte pro Jahr maximal dreißig Mal und mit einem Sicherheitsabstand von 120 Kilometern zwischen den beteiligten Schulen verwendet werden dürfen. Und nach ein paar Jahren werden Slogans wie „KohlrABI – Wir machen uns vom Acker“, „CannABIs – Der Stoff ist durch!“ oder „Abigeddon“ dann vollständig verboten.

2 Kommentare

  1. Jens
    19. Juli 2007, 20:19

    Das ist mir auch aufgefallen, als ich unlängst mal kurz in der aletn Abi-Zeitung blätterte. Da waren ganze Sprücheseiten.

    Kann mich gut dran erinnern (ich habe viele davon damals gesammelt – ich hatte dafür in jedem Kurs ein extra Blatt Papier auf dem Tisch), wie das damals gemacht wurde.

    Schade, das sowas nicht in allen Bereichen fortgeführt wird. Ich hätte da jedoch aktuell einen Spruch, den ein Kollege letztens am Telefon gehört hat:

    „Ich rufe im Auftrag meiner am Wochenende verstorbenen Mutter an!“

  2. Matthias Sch.
    27. April 2009, 10:45

    ach, du warst AUCH für diese Sprüche zuständig? – ich habe die immer auf meinen Heftumschlägen gesammelt, brauchte man dann für die Abizeitung nur abtippen….

    Die Slogans „KohlrABI“ & Co. kannte ich allerdings noch nicht, geb ich dann irgendwann mal meinen Kindern weiter, als Tip ;-)