Es ist doch immer das Gleiche

Von Lukas Heinser, 18. September 2009 15:17

Twitter ist ja nicht gerade als das Medium bekannt, das den Siegeszug der Aufklärung endlich abschließen könnte: 140 Zeichen kann man auch eben schnell tippen, ohne dass man das Gehirn zwischen Galle und Finger schalten müsste. Twittern ist oft genug der Sieg des Affekts über die Reflektion, Hauptsache man ist der Schnellste — besonders bei der Eskalation.

Entschuldigung, was? Das hab ich schon mal geschrieben?! Oh ja, Verzeihung!

Anders gesagt:

Es kann doch nicht sein, dass wir immer wieder die Informationen loben, die im Internet für jeden überall und frei verfügbar sind, und dann nicht mal drei Minuten darauf verwenden, bei einer solchen Geschichte auch die Gegenseite abzuchecken. Stattdessen wird der Link blindlings bei Twitter weiterverbreitet.

Wie bitte? Das hab ich auch schon geschrieben?! Verdammt, Sie haben Recht!

Was ich sagen will, ist Folgendes:

Die Leute, die den Medien vorwerfen, unkritisch zu sein und nur aufzuschreiben, was ihnen in den Kram passt, waren unkritisch und schrieben genau das auf, was ihnen in den Kram passte: „fail“ eben.

Hä? Ach so.

12 Kommentare

  1. Alex
    18. September 2009, 16:43

    Ich bin ja sowas von deiner Meinung! Aber man darf das ja fast nicht laut sagen, weil man dann immer als fortschrittsfeindlich abgestempelt wird, sogar vom sonst so netten Jeff Jarvis. http://www.buzzmachine.com/200.....ers-tools/

  2. SvenR
    18. September 2009, 16:54

    Jein.

    Man kann „die Leute“ oder „die Twitterer“ oder „die Onlinecommunitybenutzer“ genausowenig über einen Kamm scheren, wie „die Journalisten“. Du bist ja schließlich auch einer. In der Ausbildung. Oder so. Halt noch nicht so ganz etabliert. Aber bewundert.

    Ich weiß nicht, wie viele Twitterer auf den gefakten Focus-Artikel hereingefallen sind (keiner in meinem Netzwerk) und ihn „weitererzählt“ haben. Schadenfreude macht trunken. Diese Twitterer tragen aber auch nicht den ganzen Tag die Monstranz „ich bin gesellschaftlich notwendig, systemisch relevant und gut und erkläre Euch dummen Schafen die Welt„, wie das der Qualitätsjournalismus™ all zu oft tut.

    Trotzdem hast Du natürlich recht.

  3. Muriel
    18. September 2009, 17:24

    Der Unterschied ist wohl, dass (auch wenn gewisse Manifeste das anders darstellen) die Menschen im Internet Menschen bleiben und nicht besser werden, bloß weil sie plötzlich vernetzt sind. Sie (um nicht zu sagen wir) sind oft dumm, und das ist ärgerlich, wird sich aber wohl nicht ändern lassen.
    Beim Journalismus hingegen darf man vielleicht noch auf Besserung oder zumindest auf ein bisschen mehr Einsicht hoffen. Deswegen lohnt es sich auch eher, den zu kritisieren, als die Twitterer.
    Ungeachtet dessen kann ich Twitter auch nicht leiden.

  4. Lukas
    18. September 2009, 17:35

    @Muriel: Aber ich halte die Überwindung der Dummheit (also in diesem Fall der mechanischen, unreflektierten Reaktion – also des Triebs) für eines der wichtigsten Ziele der Menschheitsgeschichte. Egal, ob bei Journalisten oder Privatpersonen.

    Davon ab halte ich das Medium Twitter schon für eine ganz nette Erfindung — im deutschsprachigen Raum scheint es sich im Großen und Ganzen leider zu einer Außenstelle des Heise-Forums und seines politischen Arms, der Piratenpartei, zu entwickeln. Im Kleinen kann man aber auch dort auf sehr lesenswerte Kurznachrichten stoßen.

    Von dem Punkt, ein Medium für seine Nutzung (bzw. seinen Missbrauch) zu verurteilen, sollten wir doch weg sein. Oder?

  5. Muschelschubserin
    18. September 2009, 18:33

    Das ist dann die Stelle, wo ich endlich anbringen kann, dass ich die Coffee And TV-Tweets vermisse. Diese Stelle hab ich schon öfter gesucht. Fein. Da haste. :)

  6. Armin
    19. September 2009, 0:08

    Ach was, Ihr habt doch alle keine Ahnung. Steht doch alles im „Internet-Manifest“:

    „Die “Generation Wikipedia” weiß im Zweifel die Glaubwürdigkeit einer Quelle abzuschätzen, Nachrichten bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen und zu recherchieren, zu überprüfen und zu gewichten – für sich oder in der Gruppe.“

    Also alles kein Problem. Bis auf den fehlenden Zweifel.

  7. Muriel
    19. September 2009, 2:08

    @Lukas: Du hast mit beidem Recht. Allerdings halte ich die umfassende Überwindung der menschlichen Dummheit auf dem erzieherischen Wege für aussichtslos. Eventuell könnte uns da eines Tages die Gentechnik helfen, ansonsten bin ich da eher pessimistisch. Aber bei Einzelpersonen können solche Beiträge wie dieser vielleicht doch was bewirken, und das wäre es dann ja schon wert.
    Und dass ich Twitter nicht leiden kann, hat nichts mit dem Inhalt zu tun. Alle Medien vermitteln den Unfug genauso wie die guten Inhalte. Bei Twitter mochte ich von Anfang an das Medium selbst nicht. Allein der Name schon… Vielleicht komme ich da irgendwann drüberweg, wer weiß.

  8. SvenR
    19. September 2009, 12:56

    @Lukas:

    Woher willst Du das wissen, Du twitterst seit 18. Juni scheinbar nicht mehr: http://twitter.com/coffeeandtv/status/2222082671

    (Was ich persönlich sehr schade finde, weil ich dann immer in facebook rein muss, um zu sehen, was Du so treibst. Und facebook ist für alte Menschen wie mich die Ausgeburt des Tumben.)

  9. Lukas
    19. September 2009, 13:25

    @SvenR: Was wissen? Dass es da gute Texte gibt? Dafür muss ich doch nicht selber schreiben (mal davon ab, dass ich das immer noch tue).

    @SvenR/Muschelschubserin: Danke für das Lob, aber beim Reinschreiben musste man ja auch immer lesen, was die anderen schreiben. Und das war neben den tollen Texten halt viel zu oft „#zensursula“, „#piraten+“ und „#fail“. Außerdem muss ja nicht jeder wissen, was ich so treibe. Plus: Die Beschränkung auf 140 Zeichen halte ich für eine ähnliche kreative Sackgasse wie das Konzept „Dogma 95“.

  10. SvenR
    19. September 2009, 13:43

    @Lukas:

    Das hier meine ich:

    „im deutschsprachigen Raum scheint es [Twitter] sich im Großen und Ganzen leider zu einer Außenstelle des Heise-Forums und seines politischen Arms, der Piratenpartei, zu entwickeln.“

    Das bei einem Microbloggingdienst Nerds rumtreiben ist so überraschend nicht. Und wenn man nicht dauernd „#piraten+“ lesen will muss nur z.B. Tauss nicht folgen.

    FarmVille, Mafia Wars, Horoskope-Schnick-Schnack, Sodoku-Tetris oder was auch immer bei facebook halte ich für deutlich tumber, als den durchschnittlichen Twittererquatsch.

    Das Leute freiwillig dokumentieren, dass sie den ganzen Tag auf der Arbeit nicht Arbeiten finde ich phänomenal!

    Ich folge im Prinzip den gleichen Leuten (Freunde, Bekannte, Kollegen, A-, B- und C-Promis) auf Twitter, wie ich in facebook „befreundet“ (Allein das Wort schon!™) bin. Natürlich ist das nicht deckungsgleich.

    Wenn man dann auch noch den richtigen Twitter-Client für die richtige Aufgabe nimmt (TweetDeck, PowerTwitter, Twirl, Seesmic, ÜberTwitter etc.) dann hat man schnell einen Überblick was abgeht.

  11. Lukas
    19. September 2009, 13:48

    Das bei einem Microbloggingdienst Nerds rumtreiben ist so überraschend nicht.

    Aber die haben doch schon IRC und Usenet, die technisch sehr viel hochwertiger und individuell einstellbarer sind als Twitter! Auch bei Facebook hab ich viel mehr „Ignore“-Buttons als bei Twitter (von den 140+ Zeichen mal ab).

    Äh, worüber diskutieren wir hier noch mal?

  12. SvenR
    19. September 2009, 13:59

    Dass es überall Idioten gibt und dass das Medium nix über die Botschaft sagt?

    Ich hab‘ Dich auch lieb.

    (Meinst Du mit „Ignore“ diesen „Verbergen“-Dropdown rechts oben?)