Smile Like You Mean It

Von Lukas Heinser, 11. August 2009 15:16

Einer der schlimmsten Irrtümer unserer Zeit ist ja der, dass Wahlkampf im Internet stattfinden müsse. Er kann, wenn man sich mit dem Medium auskennt, gute Ideen hat oder Barack Obama heißt. Mir persönlich wäre es angesichts von Facebook-Profilen von Politikern, iPhone-Apps von Parteien und sechs Milliarden „#piraten+“-Nachrichten auf Twitter täglich sogar lieb, wenn das Internet ein politikfreier Raum wäre, aber man kann nicht alles haben.

Richtig bizarr wird es aber, wenn der Kommunalwahlkampf im Internet stattfindet. Völlig ohne Grund geben sich Menschen, die bestimmt tolle Ideen für ihre Heimatstadt haben, aber nicht über Knowhow und Mittel für einen professionellen (und völlig überflüssigen) Online-Wahlkampf verfügen, online der Weltöffentlichkeit preis — und damit zumeist dem Spott.

Die Ruhrbarone stellen heute schlechte und nicht ganz so schlechte Beispiele von Internet-Videos als Mittel im Kommunalwahlkampf vor. Von den Bochumer Oberbürgermeister-Kandidaten habe ich nichts gefunden, aber in Dinslaken haben gleich zwei der sechs Bürgermeisterkandidaten Werbespots in Auftrag gegeben.

Den Anfang macht Heinz Wansing von der CDU (wir erinnern uns: „Da. Echt. Nah.“), der sich vom Dinslakener Star-Regisseur Adnan Köse („Lauf um dein Leben – Vom Junkie zum Ironman“) in Szene setzen ließ. Nachdem Barack Obama uns letztes Jahr die Mutter aller Wahlwerbespots vorgestellt hat, lernen wir mit „Wansing – Der Film“ jetzt deren Großcousine mütterlicherseits kennen:

Sagen Sie bitte nicht, ich sei der Einzige, der bei der Musik die ganze Zeit damit rechne, dass gleich Dinosaurier aus dem Rotbachsee auftauchen. (Und Dinslaken wirkt übrigens nicht ganz so trostlos, wenn man es im Sommer besucht und filmt.)

Sein Gegenkandidat von der SPD, Dr. Michael Heidinger, orientiert sich mit „Michael Heidinger (SPD) – Der Film“ optisch stärker an Filmen wie „A Scanner Darkly“ oder „Waltz With Bashir“, verzichtet dafür aber völlig auf das Ablesen vom Blatt:

Link: Michael Heidinger (SPD) - Der Film (2009)

Diese Spots wirken auf mich ein wenig wie die Auftritte unbeholfener Kandidaten in Castingshows: Einerseits sucht da jemand ganz bewusst die Öffentlichkeit, andererseits hat man als Zuschauer das Gefühl, sie genau davor beschützen zu wollen.

Nachtrag, 31. August: Die Comicfigur hat übrigens gewonnen

15 Kommentare

  1. FS
    11. August 2009, 16:25

    Zugegeben grausig. Dass es auch besser geht zeigt der FDP-Spot bei den Ruhrbaronen, leider ist die amateurhaftigkeit aber weiter verbreitet – auch ausserhalb des Wahlkampfes (der Podcast unseres hannoveraner OBs ist häufig eine Zumutung). Vermutlich muss man einfach noch 10 bis 20 Jahre warten bis überall professionell gearbeitet wird.

  2. Alex
    11. August 2009, 16:33

    Schön finde ich ja, dass kein Politiker komplett ist, ohne mit zwei Männern auf einer Baustelle gemeinsam auf einem ausgefalteten Plan gestikuliert zu haben.

  3. Hannah
    11. August 2009, 17:27

    Die Beleuchtung bei den Statements der Wansing-Sippe erinnert mich doch sehr an Razorlights Wire to Wire-Video – fehlen nur die Streichhölzer…

    das SPD-Video besticht vor allem durch die Gestaltung der Bildhintergründe – siehe Handshake vor Raufasertapete ;)

  4. roman g
    11. August 2009, 18:03

    „Schön finde ich ja, dass kein Politiker komplett ist, ohne mit zwei Männern auf einer Baustelle gemeinsam auf einem ausgefalteten Plan gestikuliert zu haben.“

    Haargenau dieser lächerliche stumpfsinn ist mir auch aufgefallen.

  5. Dr. Borstel
    11. August 2009, 18:54

    Wahlkampf ist doch was feines. Bei uns (Blomberg) hat die CDU ja nicht einmal einen Kandidaten aufgestellt, weshalb wir uns die Amateurvideos wohl abschminken können. Schade, schade …

  6. Faouzi
    11. August 2009, 21:05

    Interessant ist ja bei Herrn Wansing, wie er am Ende dann doch vor zuviel Vertraulichkeit bei der Anrede zurückschreckt. „Ohne Euch geht das nicht. Begleiten Sie mich ein Stück auf dem Weg …“
    Zumindest an dieser Stelle hat der Spot spontan meine Aufmerksamkeit geweckt. Ansonsten hab ich nur gedacht: „Am meisten leiden doch immer die Kinder …“

  7. JMK
    12. August 2009, 9:33

    Dramaturgisch falsch war ja das obligatorische Kind gleich an den Anfang zu stellen, so was gehört in den zweiten oder dritten Akt.

  8. Thomas K
    12. August 2009, 9:35

    Als Kind der Stadt Dinslaken bin ich froh, dass ich mittlerweile in einer anderen Stadt wohne und mir bei dieser Wahl nicht den Kopf zerbrechen muss… Die Spots sind allerdings große Knaller!

  9. Something Fishy
    12. August 2009, 9:36

    @FS, „Vermutlich muss man einfach noch 10 bis 20 Jahre warten, bis überall professionell gearbeitet wird“ — nein, es wird nie dazu kommen. Wieso auch? Warum soll ein Provinzwahlkampf nicht mit provinziellen Videos geführt werden? Wenn dieser Wansing live vor seinem Ortsverein spricht, erreicht er sicher auch nicht Obama’sche Qualitäten. Die Dinslakener stört das vermutlich nicht.

  10. Bernie
    12. August 2009, 9:53

    Ab 1:40 erinnert Dr. Heidingers Film auch ein bisschen an „Elephant“.

  11. 50hz
    12. August 2009, 15:43

    I strictly disagree. Ich finde das CDU-Video grandios. Gerade weil es nicht perfekt ist. Du bist nur nicht die Zielgruppe. Der SPD-Comic ist vielleicht ein wenig affig. Zugegeben.

  12. Lukas
    12. August 2009, 15:56

    Das ist eben die Gratwanderung: Natürlich ist es völlig legitim, Provinzwahlkampf mit provinziellen Videos zu führen. Und das wenigste, was ins Internet gestellt wird, ist perfekt (ich hab ja selber schon genug Videos online gestellt, die manchen Betrachtern sicherlich körperliche Schmerzen bereiten).

    Die entscheidenden Fragen (für mich) bleiben aber: „Warum macht man das?“ und „Wen will man damit erreichen?“

    Natürlich bin ich als in Dinslaken nicht-wahlberechtigter eher-nicht-so-CDU-Sympathisant nicht Teil der Zielgruppe. Aber die Zielgruppe wird den Film ja kaum im Internet anschauen. Da würde es ja auch reichen, ihn im Dinslakener Kino zu zeigen (was meines Wissens auch geplant ist).

    Mal davon ab finde ich den CDU-Film jetzt auch nicht unterirdisch schlecht. Er transportiert durchaus ein paar Stimmungen und Ansätze. Aber die Fragen bleiben trotzdem.

  13. 50hz
    12. August 2009, 15:59

    Hmm. Also mich hätte er damit erreicht. Wenn er nun nicht ausgerechnet in der CDU wäre.

    Übrigens: Das FDP-Video drüben bei den Ruhrbaronen mag ja gut gemacht sein. Dort allerdings frage ich mich, was das inhaltlich soll. Der Herner Bahnhof sieht scheiße aus? Was für eine Neuigkeit. Und die FDP übt dann Druck auf die Bahn aus? Das ist ja zum Kringeln.

  14. Hannelore
    12. August 2009, 18:15

    Der typische Wahl-Video-Wahnsinn eben. Immerhin kann man drüber lachen.

  15. vib
    15. August 2009, 1:33

    Das zweite hat ja wohl am Anfang die größte Bild/Musik-Schere die ich je erleiden durfte.

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