Mein Protest-Problem

Von Lukas Heinser, 16. Juni 2009 1:04

Um das Verhältnis der Ruhr-Uni Bochum zu Studentenprotesten zu verstehen, muss man wissen, dass es in Bochum eher die Ausnahme ist, wenn gerade mal nicht irgendwo wofür oder wogegen demonstriert wird. Als vor drei Jahren das damals leerstehende Querforum West (erst Übergangsmensa für die Zeit des Mensaumbaus, heute Tutorienzentrum und für diese Funktion denkbar ungeeignet) besetzt wurde, belauerten sich Uni-Verwaltung und Besetzer etwa acht Monate lang, bis das Gebäude dann doch von der Polizei geräumt wurde.

Studentenvertretung und Protestkomitee – ein Wort, bei dem ich im Geiste immer „Kölner Karneval“ ergänzen will – schaffen es grundsätzlich nicht, der riesigen Mehrheit der Studentenschaft ihre Anliegen zu erklären. Auf den spärlich besuchten Vollversammlungen springen die Redner oft binnen weniger Sätze von der Kritik am Bildungssystem zur Abschaffung des Kapitalismus und dem Krieg in Afghanistan. Während an anderen Unis die Professoren und Dozenten ihre Studenten zur Teilnahme am Bildungsstreik ermutigen, haben in Bochum selbst die engagiertesten Professoren keine Lust mehr, sich mit Protesten auseinanderzusetzen, und fragen, ob es nicht geeignetere Methoden gäbe, die durchaus berechtigte Kritik an der desaströsen Bildungspolitik der schwarz-gelben Landesregierung zu artikulieren.

Heute Morgen dann wurde die Uni-Brücke belagert. Die Protestler flehten die heranströmenden Studenten fast schon an, sich doch ihre Argumente und Ziele anzuhören. Aber irgendwie war die Idee, die Leute über und unter Absperrungen klettern zu lassen, nicht geeignet, die gewünscht Botschaft zu vermitteln. Die Studenten waren genervt und machten Witze. Vor dem Zelt des Proteskomitees saßen Menschen, für deren Besetzung als Studentenvertreter in einem Fernsehfilm man den zuständigen Castingdirektor wegen Klischeelastigkeit entlassen hätte. Und als schließlich etwa achtzig Protestler die Hörsäle stürmten und „Solidarisieren, Mitmarschieren!“ skandierten, wusste ich plötzlich wieder ganz genau, warum mir das alles nicht gefällt: Ich mag einfach kein Gebrüll und kein Marschieren.

Vor drei Jahren war ich für CT das radio bei einer Demonstration gegen Studiengebühren in Düsseldorf und dieser Tag hat mein Verhältnis zu Protestaktionen nachhaltig gestört: Während am Straßenrand Passanten standen und sich angesichts der doch recht allgemein gehaltenen Transparente und Sprechchöre fragten, worum es eigentlich ginge, kam ein Teil der Menge auf die Idee, zur Melodie von „Einer geht noch, einer geht noch rein“ immer wieder „Ohne Bildung wer’n wir Polizist“ zu grölen, was ich auch rückblickend noch als empörenswerten Ausbruch von Arroganz und Menschenverachtung empfinde.

Kaum waren die Absperrungen entlang der Bannmeile um den Landtag erreicht, hielt es ein Teil der Demonstranten offenbar für geboten, diese als erstes zu Überspringen, was die Polizei zum Heranstürmen veranlasste. Ich floh derweil mit einem Redaktionsnachweis in der einen und meinem Jugendpresseausweis in der anderen Hand hinter die Polizeilinien und telefonierte aufgeregt in die Livesendung, während ein paar Meter weiter Chinaböller in Richtung von Kindern und alten Frauen flogen, die sich bizarrerweise im Park um den Landtag aufhielten.

Demonstranten schrien andere Demonstranten an, sie sollten doch mit dem Scheiß aufhören. Polizisten bellten in ihre Funkgeräte, was für Idioten denn wohl veranlasst hätten, die Menge auch noch mit Videokameras zu filmen — auf solche Provokationen könne man ja wohl verzichten. Eine andere Hundertschaft machte gerade Mittagspause in der Sonne. Ich dachte – und denke es gerade angesichts der Meldungen aus Teheran wieder -, dass es vielleicht im Großen und Ganzen doch nicht so übel ist, in Deutschland zu leben.

Wenn heutige Studenten jetzt von ’68 träumen, legen sie damit immerhin die für erfolgreiche Revolutionen benötigte Weltfremde an den Tag. Zwar neigt Geschichte dazu, in Abständen von etwa vierzig Jahren vergleichbare gesellschaftliche Spannungen zu durchlaufen, aber die Welt ist 2009 doch in fast jeder Hinsicht eine andere als 1968. Oder: Zumindest Deutschland ist ein anderes.

Auch wenn ich persönlich mit meinem Studium ziemlich zufrieden bin, weiß ich von genug Leuten, bei denen die Bachelor/Master-Studiengänge zu Desastern geführt haben. Ich glaube in der Tat, dass bildungspolitisch einiges, wenn nicht alles, im Argen liegt. Aber mich überzeugen diese Formen des Protests (zumindest die, dich ich bisher mitbekommen habe) nicht — ich halte sie viel eher für kontraproduktiv. Dass Demonstrationszüge ohne den nötigen Rückhalt in der Bevölkerung allenfalls Mitleid erzeugen, kann man jeden Montagabend in der Bochumer Innenstadt besichtigen.

Fragen Sie mich nicht, wie ich das machen würde. Ich leiste mir nach wie vor die Naivität, an die Macht des Dialogs zu glauben und an den Sieg der Vernunft. Auch hunderte Landes- und Bundesregierungen werden mich nicht davon abbringen können — und mit dieser Weltfremde bin ich doch irgendwie wieder ganz bei den Protestlern.

Musik!

30 Kommentare

  1. Kunar
    16. Juni 2009, 1:46

    Mein Gott, das kann man ja so unterschreiben. Und dann auch noch ein Beatleslied und das richtige noch dazu.

  2. Lomexx
    16. Juni 2009, 2:05

    Hut ab! Großer Text!

  3. Jan Kohnert
    16. Juni 2009, 2:15

    Es ist so schwer, auf komplexe Sachverhalte und Probleme Antworten zu geben, und Forderungen aufzustellen, die Leute überzeugen können und dennoch plakativ, d.h. für Transparente geeignet sind, damit sie möglichst viele Menschen ansprechen.

    Ich bin z.B. auch gegen Studiengebühren, sehe aber nicht ein, warum 35jährige Dauerstudenten im vierten Studiengang Hörsäle vollschwitzen, wenn am Ende doch nichts dabei rauskommt. Aber wie soll man das ausdrücken? Ich weiß es nicht.

    Die einfachste Variante ist, es eher populistisch zu machen. Damit spricht man viele Leute an, leider aber auch den Mob. Meist sind es wahrscheinlich eher kleine Grüppchen, die Situationen außer Kontrolle geraten lassen, das schlimme ist eben, dass das viele andere mitrennen, die sich in dem Augenblick eben nicht rational verhalten. So schlimm das ist, es ist menschlich. Wenn einer eine Lösung hat, ich brenne darauf, sie zu hören.

    Aber mit dem Song, da habe ich mich, glaube, gerade ein wenig in dich verl.., äh egal, ich oller Beatles-Fan. ;)

    Jan

  4. Julius
    16. Juni 2009, 3:11

    Ich habe auch keine Ahnung, wie man sowas besser aufziehen könnte, habe aber den Vorteil, nicht an einer Uni sein zu müssen, wo ganze Gebäudekomplexe jahrelang besetzt sind, bis niemand mehr weiß, warum. Es geht auch gemäßigter, friedlicher – das Problem ist nur: Es hat meistens keinen Effekt: Politisch eh nicht, und dann nichtmals medial. Das scheint manche dermaßen zu frustrieren, daß man Angst haben muß, mit diesen Gruppierungen gemeinsam eine Demo zu besuchen. Das ist Schade, aber es ist so.
    Den, der zuhause bleibt und an der Wii rumspielt, kann ich gut verstehen.

  5. Stephan
    16. Juni 2009, 7:21

    Die Homepage der Protestler (protestkomitee.de) ist übrigens wieder ein schönes Beispiel für den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dort ist via Twitter zu lesen: „Jetzt: Spontandemo von 400 Studierenden auf em RUB-Campus.“ Ich habe ich hingegen auch eher die erwähnten 80 Gestalten gezählt. Auch von den 500! Aktiven, die angeblich die Unibrücke sperrten habe ich nichts gesehen.

    Einen cleveren Gedanken hatten die Protestler aber mit der Idee die Stühle und Tische in den Seminarräumen auf einen großen Haufen zu werfen. Ich hab das zuletzt bei unserem Abisturm gemacht. Schon damals war es weder lustig noch originell. Heute und durchgeführt von Leuten Mitte 20, die eine der höchsten Bildungsabschlüsse Deutschlands anstreben, ist es einfach nur albern.

    Klar kann/sollte/muss man über den Zustand des Bildungssystems diskutieren und streiten, der hier eingeschlagene Weg führt jedoch direkt gegen die Betonmauer. Weder die Entscheidungsträger noch die Masse der Studis werden den Protest ernstnehmen.

  6. Thomas L
    16. Juni 2009, 8:10

    Solange die 16 deutschen Fürstentümer ihre Bildungssuppe jeder selbst kochen dürfen, kann man nicht viel Veränderung erwarten. Bei Bildungsfragen entdecke ich immer wieder den, äh, Zentralisierer in mir.
    Ich erinner mich noch gut dass mein erstes Semester (WS 2003/04), an der Humboldt Uni in Berlin, direkt mit Streiks began. Bei einer Vollversammlung, die ganz gut besucht war, wurde per Hammelsprung abgestimmt ob wir nun den Streik ausrufen oder nicht – zumindest erinner ich mich so daran, vielleicht war die Frage auch eine andere. Dabei hat sich mehrfach hintereinander ein neuer Clown gefunden der eine Neuauszählung gefordert hat. Dabei wurde die Vollversammlung immer dünner. Am Ende waren weniger als 50% der ursprünglich Anwesenden dageblieben.

    Leider artet Demokratie an den Unis irgendwie immer in Polittheater aus. Da werden Gremien verschiedenster Unwichtigkeit hier und da gewählt, doch der Durchschnittsstudent hat keine Ahnung was ein StuPa ist und warum man es wählen sollte. Mir scheint es gibt kein Äquivalent zu den Bürgerpflichten in der uniinternen Politik – ich fühl mich selbst wenig animiert irgendwelchen Wahlen beizuwohnen. Das Häufchen was da übrig bleibt gehört dann also den Hochmotivierten an, gern auch sehr links, wenn man mal von den (‚tschuldigung) RCDS-Spinnern absieht. Die hauen sich die Köpfe ein oder klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, je nach Zusammensetzung des Gremiums.
    Auf den Demos 2003 wurde plötzlich aus „Bildung für Alle (und zwar umsonst)“ ein weniger schlüssiges „Alles für Alle“. Ich hatte zwar noch kein Semester studiert, doch ich war zunächst begeistert bei den Demos und Streiks dabei – doch die Instrumentalisierung der Bewegung durch extreme Linke hat mir das ganze versaut. Ich seh mich eher Mitte-Links und finde dass es der Diskussion über Bildungmisere mehr als schadet das ganze mit Kapitalismuskritik zu paaren. Als Aufhänger für radikale Demos ist Bildung einfach zu schade. Die letzte Bildungsdemo in Berlin, an die ich mich erinnern kann, war wohl die der Schüler. Die Demo war verheerend, für die Schüler und ihr Anliegen (zb. hier nachzulesen: http://www.spiegel.de/politik/.....91,00.html)
    Nach den Streiks 2003 haben die Berliner Unis doch ein paar Studiengänge eingestampft, weil große Kürzungen des Senats Einsparungen gefordert haben.
    Am Mittwoch ist nun die große Bildungsdemo 2009 und es ist zu erwarten dass der schwarze Block mitmaschiert und es ordentlich Krawall geben wird, in Berlin. Ich halte es wie Lukas und denke dass Bildung mit Argumenten eingefordert werden sollte, die zeigen dass man der Bildung wert ist. Ich habe keine Zeit zur Demo zu gehen und bin nicht sonderlich traurig darüber.
    Es bleibt zu hoffen dass genug Vernunft übrig bleibt um etwas zu verändern. Wir werden es sehn.

  7. meteorite76
    16. Juni 2009, 8:52

    Ich freue mich wirklich immer, Deine Beiträge zu lesen (die unpolitischen genieße ich einfach ;)

    Mein Studienbeginn war damals auch durch einen „Generalstreik“ gekennzeichnet: das geisteswissenschaftliche („geistloswissenschaftliche“) Gebäude der Bremer Uni war mit Tischen und Stühlen verrammelt, und ich durfte im Laufe der diversen Tage miterleben, wie so ein „Streik“ abläuft. Es gibt ein paar goldene Regeln: 1. Pöbele Deine Mitstudierenden an, wenn sie nicht mitstreiken wollen. Schubse sie herum, wenn sie Deine „Barrikaden“ überwinden wollen (ich fand Demos außerhalb der Vorlesungen immer klüger als Streiks). Auf Vollversammlungen gilt: räume den RCDSlern keinesfalls Rederecht ein! Unterlaufe es, indem Du sie mit Deiner gesamten Baggage umzingelst und mit Trillerpfeifen unhörbar machst. Nach 20 Sekunden (!) wirst Du ihnen eh mit Gewalt (!) das Mikrofon aus der Hand reißen. Gehört sich halt so!

    Dann vor ein paar Jahren fiel ein Streik gegen Studiengebühren in die Bremer Wahlkampfzeit. Ich wäre mitgelaufen, wenn ich nicht gerade für die CDU ein Innenstadt-Wahlkampf-Café mitbetreut hätte. Der Demo-Zug ging natürlich direkt an uns vorbei. Der (verniedlichend) „harte Kern“ der Demo hatte sich das Ziel gesetzt, ins Café zu gelangen, um es zu besetzen und renovierungsbedürftig zu machen. Da wir das nicht wollten, sondern allenfalls VOR der Tür Rede und Antwort zur Position der CDU beziehen wollten, ließen wir niemanden hinein. Ich habe selten so eine Aggressivität erlebt. Selbst eine Studentin von uns wurde herumgeschubst. Ganz toll waren auch die sogenannten „Clowns“, die Hand in Hand mit den Teilvermummten das Ziel „Einschüchterung“ festgelegt hatten.

    Nunja, es kam zum Glück nur zu einem kleineren Handgemenge (wir hatten die „massiveren“ Wahlkämpfer aus Sicherheitsgründen zum Café geholt). Trotzdem frage ich mich jedesmal, warum solche Demos nach dem Prinzip „meines Feindes Feind ist mein Freund“ (wirft man z.B. den USA immer vor, oder?) jegliche linksradikale Kleingrüppchen machen lassen, was sie wollen. Eine Distanzierung findet nicht statt.

    Eine Diskussion auch nicht: man kann ja z.B. anderer Meinung sein als die GEW im Bildungsstreik – dass nämlich nicht „mehr Geld“ erforderlich ist (eine typische Lobby-Forderung), sondern bessere Organisation (dezentrale Machtverteilung zu den Schulen hin, Professionalisierung der Schulleitung, Beschränkung von Personalratsmacht, Überprüfung von Arbeitsleistung, Büros für Lehrer – DARÜBER kann man sicher diskutieren).

    In der folgenden Nacht wurde das Wahlkampf-Café dann noch mit Farbbeuteln beworfen. Feigheit siegt.

  8. rantanplan
    16. Juni 2009, 9:43

    Schön, dass ich mit meiner Einschätzung zur Bochum Studentenvertretung nicht alleine bin.

    Auf der letzten VV war auch der Vorsitzende der Professorenfraktion im Senat anwesend, was ich persönlich eine ziemlich gute Aktion fand.
    Ich habe aber meine Zweifel ob er das noch einmal macht.
    Ich zumindest hätte keine Lust mit Menschen zu diskutieren, die mich die ganze Zeit anpöbeln und ein Verhalten wie fünfjährige an den Tag legen. Wenn nach 13 Jahren Schule und 20 Semestern Uni so etwas dabei raus kommt, scheint unser Bildungssystem wirklich ein Problem zu haben.

  9. Benjamin (der zu Hause an der Wii rumspielt)
    16. Juni 2009, 10:09

    ebenfalls froh, differenzierte Meinungen zum Thema Bildungsstreik Bochum zum lesen. Auch wenn ich sicherlich auch den ein oder anderen Kritikpunkt an der Ausgestaltung unseres jetzigen Bildungssystem aufzählen kann, mag ich mich irgendwie nicht mit dieser standardmäßig links-utopischen Aktion anfreunden – auch nicht, wenn sie so professionalisiert glatt herüberkommt wie im Bildungsstreik: Die modernen Hochglanzplakate und die bundesweite Ausrichtung, zusammen mit der Beteiligung breiter gesellschaftlicher Gruppen hätte doch auch zu ausgewogneren Forderungen führen können. So ist (zumindest in Bochum) der Unterschied zu den selbstbemalten Transparenten der studentischen Linksfraktionen nicht mehr gegeben. Alles wie immer. Gestern auf der Brücke wurde zur Beteiligung aufgefordert: „Das wird bestimmt ne tolle Party!“ Aber soll den wirklich die Kombination aus Zwangsverteilung von Flugblättern in einer Art Sicherheitsschleuße + das Versprechen auf einen Heidenspaß + megaphonierte Hinweise, es ginge „um unser Geld“ zu hochschulpolitischer Beteiligung animieren. Ich habe mich gestern lange gefragt, wie ich mit meinen Vorbehalten umgehen soll. Das größte Hochschulpolitische Forum StudiVZ zählt eine inhaltlich betreute Gruppe von Bildungsstreikgegnern, aber die wird geführt von einem liberalen AStA-Mitglied aus Düsseldorf, der so klischeebelastet unsympathisch ist, dass ich mich dieser Gruppe ebensowenig vorbehaltlos anschließen mag. Kann man denn, wenn man politische Fragen differenziert betrachten möchte, tatsächlich nur zu Hause sitzen und „an der Wii rumspielen“ und die Auseinandersetzung mit extremen Argumenten nur im eigenen Kopf führen?

    Naja, jetzt erstmal wieder zur RUB, mal sehen, welcher „Spaß“ mich heute erwartet…

  10. Philipp
    16. Juni 2009, 10:31

    @Benjamin: Das hat übrigens im Düsseldorfer AStA zu einiger Aufregung geführt, da die „offizielle AStA-Linie“ pro Protest ist.

    Die Bildungsstreikaktion hat aber meiner Ansicht nach schon ihren ersten Erfolg gefeiert, nämlich gestern – ohne das schon was passiert war – in vielen Zeitungen zu erscheinen (in der SZ meinem Empfinden nach sehr wohlwollend und mit nettem Seitenhieb auf die Streikgegner), und abends mit einem Bericht in den Hauptnachrichtensendungen. Ob sich dadurch wirklich was ändert sei mal dahingestellt, aber öffentlichkeitswirksam ist der Streik schon mal.

  11. bongokarl
    16. Juni 2009, 11:35

    Ich weiß ja nicht, wie das bei euch in Bochum ist, aber bei uns in Heidelberg wird auch einfach protestiert, damit es überhaupt zum von dir gewünschten Dialog über bildungspolitische Defizite kommt.
    Was würdest du denn tun? Ne Mail schreiben?

  12. Björn
    16. Juni 2009, 12:09

    Liebe Skeptiker und Bedenkenträger, ich teile ja euren Hang zu einer zurückgelehnten, rationalen, abwägenden Haltung. Selbstverständlich ist nicht alles schlecht, der Kapitalismus eine zwar mittelmäßige, aber alles in allem ja doch ganz effiziente Wirtschaftsform und überhaupt treten viele Leute aus dem bildungsaktivistischen Spektrum arrogant und apodiktisch auf. Ist ja alles richtig.

    Und trotzdem gehe ich morgen auf die Straße, GERADE WEIL es mich gehörig nervt, dass (bisher) nur die linksradikalen den Bildungsstreik wirklich tragen. Auch die „normalen“ Leute sollten endlich mal so viel Gespür für kollektives Handeln entwickeln, um einzusehen, dass Vernunft und Dialog zwar unheimlich mächtig sind, dass einem aber überhaupt erstmal jemand zuhören muss.

    Im Übrigen beziehen sich die Forderungen des Bildunsstreiks eben gerade nicht auf „den Kapitalismus“, sondern klar und eindeutig auf tatsächlie Missstände des Bildungssystems. Wenn ihr das nicht glaubt, lest es auf http://www.bildungsstreik.net nach.

    Vielleicht sehen wir uns ja doch morgen… im „normalen Block“. ;)

  13. Lukas
    16. Juni 2009, 12:35

    @Björn: Das ist natürlich auch eine legitime Argumentation — und in anderen Städten scheint ja tatsächlich ein breiteres Spektrum studentischen Lebens zu demonstrieren.

  14. Philip S.
    16. Juni 2009, 13:19

    Na ja aber Bildungsstreik.de ist grade einer der Punkte die es mir schwer machen das Ganze für voll zu nehmen, die Forderungen sind einfach nur wirr.
    Auf der einen Seite fordert man den Abbau von Zulassungsbeschränkungen und auf der anderen eine Gebührenfreiheit von Bildung (ganz abgesehen von der finanziellen Unabhängigkeit der Studierenden).
    Ich meine alle Ehre dem Idealismus, aber grade als „Gebildeter“ möchte man doch auch irgendwo realistische und sinnvolle Ziele verfolgen, um Ernst genommen zu werden.

    Wenn ich morgens auf dem Rasen zur Uni eine Anarchieflagge sehe, hab ich leider einfach das Gefühl dass das nichts ist, außer blinder Aktionismus

  15. Hirnfick 2.0 » Blogarchiv » Opera Unite: Kinderkram für Sensationslüsterne
    16. Juni 2009, 14:41

    […] Verbesserung von Schul- und Studienbedingungen gestreikt. Ein ehrenhaftes Ziel, wenn auch manche offenbar über die Stränge schlagen: Und als schließlich etwa achtzig Protestler die Hörsäle stürmten […]

  16. Thomas L
    16. Juni 2009, 15:07

    @Philip S (#14)

    Abbau von Zulassungsbeschränkung auf der einen und Gebührenfreiheit auf der anderen Seite? Geht doch problemlos in einen Topf, vielleicht ist ja nur Ihre Formulierung etwas unexakt.
    Doch wie Sie das beschreiben klingt es grenzenlos utopisch das zu fordern, ist es jedoch nicht.

    Bildung sollte keine (monetäre) Investition des Individuums erfordern, sondern eine Sache der Gesellschaft sein. Es wäre durchaus finanzierbar deutschlandweit die Studienplätze zu verdoppeln und trotzdem die Gebühren abzuschaffen. Das durchzusetzen halte ich für utopisch, denn schließlich muss sich Leistung („wieder“ ^^) lohnen. Übersetzt heißt dass, wer Geld hat sollte ohne Belästigung durch den Pöbel alle Freiheiten genießen können. Soweit, so polemisch.
    Mir persönlich ist sowieso mehr nach einer autokratischen Lösung der Misere. Der Bund soll sich gefälligst den Hut wieder aufsetzen und viel mehr in Bildung investieren und zentrale Standards festlegen. Mag ja sein dass auf einem gute gedüngten Beet auch Unkraut wächst, doch der Rest wächst dann auch besser (nicht wegrennen, ich meins noch ernst ;o). Jedenfalls in dem Moment wo mehr in Bildung investiert wird, kann man die Zulassungsbeschränkungen auch lockern. Ich will auch nicht dass jeder einfach so, auch ohne Eignung und Interesse, studieren kann und nebenbei BaföG kassiert. Doch wenn man alles auf Effizienz prügelt, dann bleiben irgendwann nur noch ein paar BWL Elfenbeintürmchen übrig und produzieren hochspezialisierte Finanzfachidioten. Insofern akzeptiere ich dass meteorite76 da anderer Meinung ist, doch besonders anfreunden kann ich mich damit (der anderen Meinung) nicht.
    Noch hab ich keine Kinder, doch wenn die Racker dann mal groß genug für die Schule sind, dann hoffe ich dass ich mir entweder leisten kann viel für deren Ausbildung zu bezahlen oder, besser noch, sich das Bildungsklima gebessert hat.

  17. Benjamin
    16. Juni 2009, 19:14

    Ich muss glaube ich tatsächlich stärker relativieren, auch meine Kritik an den Protestlern. Heute wars angenehm ruhig an der RUB, da wo gestern blockiert wurde diskutierte eine kleine Runde gesittet und inhaltlich sehr sinnvoll (für den Wortbeitrag, den ich im Vorbeigehen gehört habe). Und ja, bongokarl, ganz offensichtlich wird die Diskussion in Gang gebracht, schon allein in meinem Kopf und in Beiträgen wie in diesem Blog.
    Mir liegt das laute Protestgeheul nur eben nicht so, ich möchte nichts fordern von dem ich weiß, dass es unmöglich ist, bzw. zu Kosten anderer Gesellschaftsteile geht.
    Aber vielleicht funktioniert es ja genauso: Ein paar Bekloppte machen Krach, ein paar andere Denken ernsthaft über Möglichkeiten, Alternativen, für und wieder nach.

    Bei der Diskussionsrunde heute morgen hätte ich mich sogar getraut mich dazu zu setzen, aber ich muss schnell weiter, noch die Statistik-Hausaufgaben vor der Übung abschreiben. (Ja sowas gibts tatsächlich – im M.A. Sozialwissenschaft; ist aber das einzige Verschulungselement dieser Güte, dass ich bisher in 8 Semestern erlebt habe)

  18. SvenR
    16. Juni 2009, 20:21

    Mit welchen Luxusproblemen Ihr Euch so den ganzen Tag beschäftigt…ich wäre froh, wenn es rechtzeitig genug ortsnahe Kinderbetreuungsangebote gäbe. Meine Kinder sind 1, 4 und 7. Der ganz kleine kommt im August in die Krippe meines Arbeitgebers (1100 € pro Monat, von denen mein Arbeitgeber freundlicherweise 800 € trägt, weil ich in einer mittleren Einkommensschicht bin + 60 € für Essen), der mittlere geht in den städtischen Kindergarten (150 € + 60 € für’s Essen + 20 € Bastelgeld) und die große in die Grundschule (Initial ca. 300 € Kosten, 15 € im Monat für Kopien, 30 € Klassenkasse pro Halbjahr). Nebenbei bin ich im Förderverein der Schule und im Förderverein des Kindergartens. Macht nochmal 200 € „freiwillige“ Spende pro Jahr. Meine Frau ist Elternbeirätin im Kindergarten, ich Vorlesepapa in der Schule. Ich würde deshalb aber nicht so rumjammern.

    Damals, am Klondyke, habe ich meinen Lebensunterhalt auch während des Studiums selbst verdient. Dabei habe ich so viele wesentliche Dinge gelernt, die ich weder an der TU Darmstadt, noch der Johann-Wofgang-von-Goethe-Universtität in Frankfurt noch an der Said Business School der University of Oxford erlernen konnte.

  19. Lomexx
    16. Juni 2009, 20:28

    @SvenR

    Öhm… mit Verlaub: Dafür, dass Du „deshalb nicht rumjammern“ würdest, jammerst Du aber ganz schön rum…

    Und was hat das Alles mit der Frage nach „Protest oder nicht“ zu tun?

  20. Kunar
    16. Juni 2009, 20:33

    @SvenR

    1. Zum Thema „bessere Kinderbetreuung“ (in diesem Zusammenhang, wohlgemerkt!) hat sich der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume geäußert.

    2. Sprüche „wie damals am Klondyke“ zeugen von einer gesunden Selbstironie und einer guten Bildung durch Carl Barks.

  21. emophodze
    16. Juni 2009, 23:23

    @svenr:

    ist ja schön, dass du „damals“ neben dem studium gearbeitet hast und davon offensichtlich vernünftig leben konntest. schön auch, dass du danach offensichtlich einen beruf gefunden hast, mit dem du 3 kinder versorgen kannst. aber… jo nen aber kommt immer… du kannst die situation an den universitäten und vor allem im arbeitsleben nicht mit „damals“ vergleichen.
    damals (und das ist noch nichtmal lange her) bekam jeder vollhonk, der nen nen lehramtsstudium verschlafen hat nen guten job mit guter bezahlung und relativ wenigen zukunftsängste. damals musste man auch nicht zwischen 600 und 800 euro im halbjahr auf den tisch legen, um überhaupt studieren zu dürfen, und ja, damals kamst du auch nicht mit einigen tausend euro schulden auf dem buckel in den beruf, was für viele menschen schon mal grundsätzlich desaströs ist. zudem ist die arbeitsmarktsituation in vielen regionen sowas von bescheiden, dass die vielen motivierten akademiker gleich mal den taxischein machen können.
    ich verschweige dazu mal, dass es fast kaum noch klassische studiengänge gibt, sondern nur noch dieses unsägliche bachelorgeschwurbel, das einer mischung aus tischlerlehre und vhs-sommerkurs gleicht.

    wer den studenten den protest abspricht, weil es bei ihm ja besser war, der macht sich – so leid mir das tut – unmöglich. selbst wenn die vorzeichen gleich sind, heißt das noch lange nicht, dass jeder gleich darauf reagiert. und so ist es nunmal auch, dass studenten besser oder schlechter mit der heutigen situation, dem heutigen druck, den perspektivängsten usw. klarkommen. persönlicher leidensdruck. ist auch bei angsterkrankungen ne feine sache.

    und mal generell an alle, die hier über die link(sradikal)en ablästern: wenn es die nicht geben würde, dann würde es keinen protest, außer dem von braunen eierköpfen, geben. das bürgerliche in deutschland ist so endlos gelähmt, dass man einfach weinen möchte. was man von bestimmten phrasen und aktionen auch halten mag, ist gesellschaftlicher protest oder ungehorsam immer noch ein wichtiges mittel.

  22. Coffee And TV: » Mein anderes Protest-Problem
    17. Juni 2009, 0:07

    Ich habe kurz überlegt, ob ich all das, was ich gestern zum Thema Bildungsstreik, Demonstrationen und Besetzungsaktionen aufgeschrieben habe, heute noch mal zu den Programmpunkten „Zensursula“, „Unwählbarkeit“ und „Mit Euch reden wir jetzt gar nicht mehr“ aufschreiben soll. […]

  23. Zum Bildungsstreik « dasKLEINgedruckte.
    17. Juni 2009, 1:27

    […] Zum Bildungsstreik 17Jun09 Fragen Sie mich nicht, wie ich das machen würde. Ich leiste mir nach wie vor die Naivität, an die Macht des Dialogs zu glauben und an den Sieg der Vernunft. Auch hunderte Landes- und Bundesregierungen werden mich nicht davon abbringen können — und mit dieser Weltfremde bin ich doch irgendwie wieder ganz bei den Protestlern. (via Coffee and TV) […]

  24. rantanplan
    17. Juni 2009, 13:07

    @emophodze: Henne und Ei, was lähmt den Rest denn bitte? Von wievielen Leuten höre ich, dass sie sich an Protesten beteiligen würden, wenn nicht jedesmal der linksradikale Verein da auftauchen würde.

  25. Oliver Ding
    17. Juni 2009, 20:29

    Man sollte natürlich die gerechtfertigte Ablehnung der üblichen christdemokratischen Positionen nicht dadurch entwerten, dass man selbst bockig, unflätig oder gewalttätig wird. Diskreditieren können die sich ja ziemlich gut selbst.

  26. SvenR
    17. Juni 2009, 20:58

    @ Lomexx #19:

    Das hat mehr mit den Kommentaren, als mit dem Protest zu tun, da haben Sie recht.

    @ Kunar #20:

    Danke für den Link. Und ich weiß auch nie, wie man Klondyke richtig schreibt.

    @ emophodze #21:

    Keine Witze über Namen. Sind es nicht normalerweise sagen doch die Älteren immer „früher war alles besser“?

    Warum soll man meine Situation nicht mit heute vergleichen können? Ist es denn richtig, wenn jeder Vollhonk einen so tollen Job bekommt?

    Es ist wohl einfach contemporary, nur das Risiko/das Schlechte zu sehen, aber nicht die Chancen.

  27. Worte zum Wochenende « Real Virtuality
    19. Juni 2009, 21:22

    […] Heinser, Coffee and TV // Mein Protest-Problem No one really pays much attention to what year sci-fi movies take place. I thought it would be […]

  28. aisopis’ blog – Eine Frisur findet nicht statt – Internetsperren schon
    21. Juni 2009, 15:07

    […] beteiligt (dazu zu einem späteren Zeitpunkt mehr, aber es hat ähnliche Gründe wie Lukas’ Abneigung gegen Demonstrationen), aber ich habe mein bestes versucht, möglichst viele Menschen in meinem Umfeld von der […]

  29. Ein Vierteljahr Zivilschein « Zivilschein
    5. Juli 2009, 0:44

    […] lag daran, dass es gleich zwei Rekordtage gab: Zuerst wurde mein Artikel zum Bildungsstreik wurde am Folgetag von Coffee And TV verlinkt und bei eyesaiditbefore in die Delicious Bookmarks gesetzt, woraufhin WordPress 199 Besucher […]

  30. Zivilschein: Halbjahr eins « Zivilschein
    13. Oktober 2009, 1:59

    […] Eindruck vom Bildungsstreik 2009, der von Lukas verlinkt und von Malcolm (offenbar ein Fan des Textes) in seine Bookmarks gesetzt wurde – viel […]

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