Relaunch My Fire

Von Lukas Heinser, 16. Februar 2009 16:10

Ich habe ja nie ernsthaft in einer Redaktion gearbeitet, könnte mir aber vorstellen, dass an dem Tag, an dem man dort beschließt, den grafischen Auftritt des Produkts zu überholen (also zu „relaunchen“), dass an diesem Tag also neben Grafikern auch Nervenärzte und Seelsorger die Redaktionsräume beziehen. Die Grafiker für das Design, die Seelsorger für die Leserbeschwerden und die Nervenärzte für die von den eigenen Lesern gepeinigten Redakteure.

Wie konservativ ein Mensch wirklich ist, kann man ganz leicht überprüfen, indem man seine Tageszeitung neu gestaltet: Menschen, die alle paar Jahre mit ihren jeweiligen Partnern umziehen, viel Geld bei der Typberatung lassen und nicht davor zurückschrecken würden, Privatfernseh-Wohnraumexperten durch ihre eigenen vier Wände pflügen zu lassen, legen eine erschütternde Kompromisslosigkeit an den Tag, wenn es um ihre tägliche Lektüre geht. Was insofern erstaunlich ist, als mir spontan keine einzige deutsche Zeitung oder Zeitschrift einfiele, die wirklich uneingeschränkt schön und in ihrem jetzigen Zustand bewahrenswert wäre. Aber Leser finden den Relaunch ja in der Regel auch nicht hässlich, sondern nur anders.

Insofern wünsche ich den Redakteuren vom „Musikexpress“ jetzt schon mal viel Kraft (und stabile Tischplatten) für die nächsten Wochen. Wie ich nämlich kürzlich am Bahnhof feststellen musste, ist das Blatt ganz neu gestaltet worden und sieht jetzt endlich auch so aus wie „intro“, „Spex“, „Neon“, „Zeit Campus“ und „brand:eins“.

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Der neue "Musikexpress"

Als Design-interessierter, aber weitgehend -unkundiger Leser würde ich sagen: Die neue Überschriften-Schriftart (die mich ein bisschen an die im „New Yorker“ erinnert) ist gar nicht schlecht, die neue Standard-Schriftart nett, aber verbraucht (s.o.). Die Idee, Überschriften über mehr als eine Heftseite zu ziehen („Selektor“), wirkt auf den ersten Blick originell, ist aber vermutlich auch schon zehn Jahre alt, und das, was da bei „Spielt die Grenzen fort“ passiert ist, sieht eher wie ein Unfall aus als wie eine Überschrift.

Gut gefällt mir die Kombination aus eng beschriebenen Spalten und den relativ großen Weißflächen (wobei Weißflächen vermutlich auch „sooo 2002“ sind) — nur in der „News“-Rubrik hätte mindestens ein Trenner-Symbol zwischen den einzelnen Meldungen Not getan.

Dafür, dass ich so selten Musikzeitschriften lese (und der US-„Rolling Stone“ auf dem Gebiet ein zeitloses Klassiker-Design vorgelegt hat), gefällt mir der neue „Musikexpress“ ganz gut. Warum es allerdings plötzlich ein Poster als Beilage braucht (so wie seit einem halben Jahr in der „Visions“), erschließt sich mir nicht so ganz. Mit Mando Diao und Peter Fox zeigt dieses auch noch zwei Acts, die man genauso gut in der „Bravo“ finden könnte.

16 Kommentare

  1. Johannes
    16. Februar 2009, 16:19

    Ist doch ganz nett. Ich bleib trotzdem bei der Intro.

    Und die neue Schriftart erinnert mich an die der deutschen Rolling Stone, soweit ich das durch die Bilder erkennen kann.

  2. Smilla
    16. Februar 2009, 17:09

    Vom Produktdesign nähert sich NEON immer mehr der Gala an, also bitte nicht in einem Atemzug mit brandeins nennen. Danke.

    Auffällig ist wieviel freie Fläche auf den Bildern des musikexpress‘ zu sehen ist – gibt’s denn über Musik nichts zu erzählen?

  3. Raventhird
    16. Februar 2009, 18:09

    Mag ja sein, dass der Musikexpress jetzt schön aussieht, inhaltlich seriöser oder ernstnehmbarer macht ihn das aber leider auch nicht. Gute deutsche Alternative-Musikzeitschriften? Hm. Fällt mir keine ein. Spex, wenn. Aber die ist für eine andere Zielgruppe.

  4. Lukas
    16. Februar 2009, 18:15

    @Smilla: Nachdem unsere Leser die „Neon“ zur Zeitschrift des Jahres ernannt haben, hab ich mir mal wieder eine gekauft, aber maximal zwei Seiten zu blättern geschafft, bevor ich davon genervt war.

    @Raventhird: Ich lese Musikzeitschriften eh nur wegen der Porträts und Geschichten, Rezensionen interessieren mich nicht wirklich. Und da finde ich die Texte im Musikexpress im Großen und Ganzen okay. Im Prinzip lohnt fast schon Josef Winklers „Hirnflimmern“ allein den Kauf.

  5. Nummer 9
    16. Februar 2009, 19:45

    Da ich grade am überlegen bin… welche dt. Musikzeitschriften lohnt es sich denn, zu abonieren? Rezensionen brauche ich nicht, da hat das Internet ja seine Stärken. Und nur halbseitige Berichte über die Bands, die in dem Monat ein Album veröffentlicht haben, sollte nicht den ganzen Rest ausmachen.

    Empfehlungen?

  6. hilti
    16. Februar 2009, 22:28

    Wie ich nämlich kürzlich am Bahnhof feststellen musste, ist das Blatt ganz neu gestaltet worden und sieht jetzt endlich auch so aus wie “intro”, “Spex”, “Neon”, “Zeit Campus” und “brand:eins”.

    Ohne den folgenden Text hätte ich das ja für Sarkasmus gehalten. Es muss doch nicht alles gleich aussehen. Vom Heftdesign erwarte ich die Kombination von gutem Aussehen, Unverwechselbarkeit und guter Lesbarkeit.

    Auf den Bildern fällt mir als Typographieinteressierter auf, dass die Ränder viel zu klein sind.

  7. Petra
    17. Februar 2009, 0:00

    Als ich letzten Donnerstag am Bahnhofskiosk war, hätte ich den ME fast nicht wiedergefunden…Irgendwie wusste ich, dass noch ein Eintrag über das neue Layout kommt. ;-)
    Mir gefällt’s, ich mag es schlicht und bin froh, dass die Schrift endlich ausgetauscht wurde, die alte war ja etwas…kurzsichtigfeindlich. Aber gerade die engen, gequetschten Spalten bremsen meinen Lesefluss, vielleicht ist es aber auch nur eine Frage der Eingewöhnung.
    Wenn die SPEX jetzt auch Posters beilegt, schreie ich. (Nicht vor Entzücken)

  8. Kathi
    18. Februar 2009, 10:25

    Ich habe ja leider viel zu spät (so mit 18) rausgefunden, dass der Musikexpress zur Springerpresse gehört. Seitdem boykottiere ich ihn. Ich wundere mich, dass Du überhaupt über den ME schreibst – aber vielleicht bin ich da einfach immer noch zu pubertär schwarz/weiß, alle Springer-Produkte als das Böse betrachte.

    War dieser alberne Punkt hinter dem Namen eigentlich schon immer da?

  9. Lukas
    18. Februar 2009, 11:08

    Ja, der „Musikexpress“ gehört (wie der deutsche „Rolling Stone“) zum Axel Springer Mediahouse München. Ich grübel da auch hin und wieder mal drüber nach und wäre mir auch nicht ganz sicher, ob ich für die schreiben wollen würde, wenn sie mich frägten.

    Aber da ich weiß, dass die Redakteure auch nicht unbedingt viel vom Berliner Mutterkonzern halten, und ich noch keine anderen brauchbaren Musikzeitschriften gefunden habe, halte ich fünf Euro alle paar Monate für eine vertretbare Investition.

    Der Punkt scheint übrigens neu zu sein.

  10. Der Holmel
    18. Februar 2009, 16:16

    Springers Bild-Zeitung hat seit Raabs Bundesvisionsongcontest (o.ä.) Peter Fox entdeckt. Oder hat Peter Fox‘ Management die Bildzeitung entdeckt? Auffallend viele Artikel über ihn im üblichen Bild-Stil á la ‚Bild lüftet das Geheimnis um…‘.

  11. Der Hoffi
    10. März 2009, 17:02

    Da kam wohl mal wieder jemand beim Schreiben seines Beitrages nicht um ein bisschen des Abkupfern herum! Aber warum auch darauf verzichten, wenn es der eigenen Reputation und dem Ego ganz sicher nicht schadet, bspw. den „New Yorker“ als Vergleichsobjekt heran zu ziehen. Naja, so lange der Betrug niemandem auffällt, ist alles in Butter – diesmal reicht allerdings eine Google-Suche nach den Begriffen „Musikexpress“ und „Schriftart“.

    Den „echten“ Artikel gibt es im Mediendienst „Meedia“ unter http://meedia.de/nc/details/ar.....16374.html

  12. Lukas
    10. März 2009, 17:44

    @Der Hoffi: Ihre Unterstellung ist vor allem deshalb interessant, da ich Meedia eigentlich nur lese, wenn man mich – wie Sie gerade – dazu zwingt.

  13. Stefan
    10. März 2009, 17:51

    @Der Hoffi: Sie sind da einer ganz heißen Sache auf der Spur. Der Meedia-Artikel ist offenbar vom 18.2., das heißt, Lukas hat ihn schon zwei Tage, bevor er erschienen ist, abgekupfert.

    Die Sau.

  14. Alberto Green
    10. März 2009, 18:10

    Ach, und selbst wenn der gute Lukas das alles wirklich abgekupfert hätte, wäre ich ihm dankbar, dass er wenigstens auf das Adjektiv „trendig“ verzichtet hat.

  15. |X|  Musikexpress
    25. August 2009, 18:49

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  16.       |>> Musikexpress
    2. Oktober 2009, 0:36

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