„Robbie Williams ist bei Take That ausgestiegen. Der Grund: Er möchte endlich mal gute Musik machen.“ Diesen Witz riss ich im Alter von elf Jahren in der damals von mir moderierten Late Night Show (Publikum: meine beiden jüngeren Geschwister) und auch wenn der dort enthaltene Boyband-Burn der vorpubertären Genervtheit über Klassenkameradinnen, die das alles ganz toll fanden, geschuldet war (und ich Take That heimlich auch immer schon ganz gut fand — wenn auch nicht so gut wie East 17), möchte ich mir mehr als 30 Jahre später einfach mal attestieren: Ja.
Ich habe vor ungefähr zwei Jahren schon mal über Robbies Frühwerk und dessen Bedeutung für meine eigene Musikbiographie geschrieben. Jetzt hat er die Heilige Dreifaltigkeit des alternden Popstars (Greatest-Hits-Album mit Orchesterbegleitung, Netflix-Doku, Biopic mit Affe) hinter sich und kann nach vorne gucken. Zumindest theoretisch, denn das Cover seines 13. Studioalbums ziert ein Foto von Robbies legendärem Glastonbury-Wochenende 1995, als er 21-jährig mit den Gallagher Brothers seinen Abschied von Take That recht zünftig beging — hier allerdings schon museumsreif ausgestellt und von jungen Bilderstürmern mit Farbe beschmiert.

Dazu der Titel: „Britpop“. Jene Party, zu der Robbie mit seinen ersten beiden Alben „Life Thru A Lens“ (1997) und „I’ve Been Expecting You“ (1998) reichlich spät stieß, zu der er mit Songs wie „Old Before I Die“, „Strong“, „No Regrets“, „Lazy Days“ oder „It’s Only Us“ aber durchaus noch Signifikantes beizusteuern hatte. Er habe das Album erschaffen, das er nach seinem Ausstieg bei Take That habe schreiben und veröffentlichen wollen, erklärte er dann auch beflissen bei der Ankündigung im vergangenen Mai — und die Britpop-Robbie-Fans von damals dachten: „Been There Then“.
Das Album sollte zunächst im letzten Herbst erscheinen, wurde dann wegen Taylor Swifts „The Life Of A Showgirl“ auf den Februar verschoben, und schließlich ohne weitere Vorwarnung doch vergangenen Freitag gedroppt. Offenbar arbeiten Megastars inzwischen genauso erratisch wie Behörden, große Fußballvereine oder der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Vielleicht lag es daran, dass Harry Styles, der Harry Kane zu Robbies David Beckham, letzte Woche ein neues Album für den 6. März angekündigt hat und der Altmeister dem (auch nicht mehr ganz so) Jungstar aus dem Weg gehen wollte.
Tatsächlich versprühen die ersten Songs des Albums – die erste Single „Rocket“ mit Tony Iommi von Black Sabbath an der Gitarre, „Spies“, „Pretty Face“ – eine ähnlich jugendliche Luftgitarren-Energie wie das Williams’sche Frühwerk. Sie bringen aber auch überraschende Erinnerungen an „Escapology“ mit, das etwas zweischneidige, angeblich so „amerikanische“ Album von 2002, das den Abschied von Robbies langjährigem Songwriting-Partner Guy Chambers (und damit nach Ansicht vieler: den Anfang vom Ende) markierte und die letzten wirklich großen Songs („Feel“, „Come Undone“) enthielt.
„Pretty Face“ zitiert direkt Nirvana („Hello, hello, hello, how low“), „Cocky“ (geschrieben mit Gaz Coombes von Supergrass) erinnert ans eigene „Man Machine“, „Bite Your Tongue“ direkt noch mal an „Rocket“. Stöcke und Steine, die Knochen brechen und „Human“ eröffnen, hatten wir schon 2001 in „Toxic“, aber das geht ja alles eh auf einen alten Kinderreim zurück und überhaupt: Warum denn nicht nach 30 Jahren Solo-Karriere jetzt auch mal fleißig Selbstzitat? „Britpop“ ist ja eh selbstbewusst meta — bis hin zur Idee, als Titel eine Genrebezeichnung zu nehmen, die zumindest damals von allen gehasst wurde, die damit bedacht wurden. Wir Alt-Fans aber nehmen dankbar alles, nur nicht noch mal sowas wie „Rudebox“ oder das zweite Swing-Album!
Inhaltlich wirkt es ein wenig, als sei er bei „Love My Life” aus dem Jahr 2016 hängengeblieben: Wir waren mal jung und haben da viel (*zwinkerzwinker*) erlebt; jetzt gerade ist Familie das Wichtigste; wer weiß, wie viel Zeit uns bleibt. Das alles ist ja nun wirklich das exakte Gegenteil von Rock ’n‘ Roll, aber eben auch Lebenswirklichkeit seiner Xennial fan base und von daher: Bitte! „Youth is wasted on the young“, hatte Robbie ja schon 2001 in „Eternity“ geklagt und dabei George Bernard Shaw (mutmaßlich) nicht zitiert.
Ob es jetzt wirklich noch ein Song mit „my life“ im Titel sein musste (hier: „All My Life“), sei mal dahingestellt, aber der Refrain ist schon wieder so hymnisch, dass man – das alkoholfreie Getränk noch in der Hand – schon wieder die Tanzfläche stürmen und sich bromantisch in den Armen liegen muss! Außerdem beschert uns Robbie mal wieder – die Liste ist ja inzwischen lang – eine großartige Selbstcharakterisierung: „The only thing I’d miss is misbehaviour / I’ve made friends with knowing that I’m strange / Masochistic, but I’m always entertaining / And I know l’Il die, but l’Il never leave the stage“. Klar, dass man so einen Song dann nicht etwa mit einem Knall beendet, sondern 80er-Jahre-mäßig ausfaden lässt.
„Bite Your Tongue“ gibt sich so etwas ähnliches wie politisch: „Wham bam, ain’t it a scam / Afghanistan and Vietnam“. Wenn Robbie dann auch noch eine 80er-Jahre-Band mit dem Todesschützen von Robert F. Kennedy gleichsetzt („Duran Duran is a Sirhan Sirhan“), steht fest: „politisch“ in dem Sinne wie „Palim, Palim“ — aber auch dort hat ja inzwischen eine Umdeutung stattgefunden.
Mit „Morrissey“ (geschrieben mit Gary Barlow!) liefert Robbie einen weiteren Beitrag zum Subgenre „Lieder über den The-Smiths-Sänger“, mit dem man inzwischen ganze Compilation-Alben füllen könnte, was natürlich deutlich erfreulicher ist, als dem komplett durchgedrehten Rassisten, Tierrechtshyperaktivisten und Gelegenheits-Musiker selbst weiter zuzuhören. 1
„It’s OK Until The Drugs Stop Working“ grüßt im Titel The Verve (Robbie muss nach den Aufnahmesessions Muskelkater vom Zwinkern und Zunicken gehabt haben), erinnert musikalisch aber überraschend an den inzwischen auch schon 20 Jahre alten Indiepop-Kracher „We’re From Barcelona“ — falls sich da außer mir noch irgendjemand dran erinnern kann.
Klingt der Refrain von „Spies“, als wäre er in den „Champagne Supernova“-Kelch gefallen? Ja, klar. Andererseits: Warum denn auch nicht? Da könnte man ja gleich die vermeintlich mangelnde Originalität der Gallaghers kritisieren! Das Album wurde geschrieben und aufgenommen, bevor Oasis wieder die Band der Stunde waren (und Richard Ashcroft und Cast zur Party mitbrachten), jetzt passt plötzlich alles zusammen bei diesem großen Weltklassentreffen.
Dabei gilt überraschenderweise das, was The Hold Steady in „Stay Positive“ über eine ganz andere Musikszene schrieben: „There’s gonna come a time when the true scene leaders / Forget where they differ and get big picture / ‚cause the kids at the shows, they’ll have kids of their own / The sing along songs will be our scriptures“. Wenn „Britpop“ wirklich die angesprochene Selbstverwirklichung ist und dabei noch so soliden Fan-Service leistet, haben wir doch alle was davon!
Natürlich gibt es das Album auch in einer „Deluxe Edition“, die die Dramaturgie des eigentlichen Albums (das mit einer Schlaflied-Reprise von „Pocket“ endet), ad absurdum führt. Das allerdings – Robbie bleibt Robbie – gleich sehr gründlich, denn der finale Song „Desire“, der die Sonderausgabe nach über einer Stunde beschließt, ist eine „Official FIFA Anthem“, gesungen mit Laura Pausini, und mindestens so schrecklich, wie man es angesichts des Fußballweltverbandes erwarten würde. Wenn rauskäme, dass der ganze Song von einer KI mit dem Auftrag erstellt wurde, eine schreiend klischierte Pathosquatschschleuder im Stile von Imagine Dragons zu produzieren, wäre man nicht im Mindesten überrascht — es wäre vielmehr die konsequente Fortsetzung von Robbies Auftritt bei der Eröffnung der Fußball-WM 2018 in Moskau, bei der er der versammelten Weltöffentlichkeit den Mittelfinger entgegenstreckte. Wenn die FIFA so verantwortungslos mit Geld umgeht, ist es kein Wunder, dass sie die Scheichmilliarden und das „dynamic pricing“ braucht.
Wenn man die zusätzlichen Tracks allerdings als Rechtsnachfolger der B‑Seiten sieht – jenem ausgestorbenen Medium, in dem Robbie damals ähnlich produktiv war wie all die großen Britpop-Bands -, dann ergibt es wieder Sinn. Irgendwie. „Selfish Disco“ ist ein Ausflug in ein anderes Genre; „G.E.M.B.“ (das steht für „Green Eyed Mental Boy“) ein weiteres Gitarrenbrett in der Tradition von „The World’s Most Handsome Man“ (auch textlich); und „Comment Section“ macht sich über Social-Media-Nutzer*innen lustig (inkl. gut gelaunter Einladung zum Shitstorm: „I’m a fan of K‑Pop and One Direction“). Das haben von Taylor Swift über die Pet Shop Boys bis hin zu Marcus Wiebusch zwar wirklich schon alle durchexerziert, aber Popkultur ist ja immer Spiegel ihrer Zeit — und Social Media ist eben die Umweltverschmutzung der Gegenwart. 2
„Britpop“ ist das musikalische Äquivalent dazu, wenn sich Männer über 40 – manche mit Bierbauch, manche frisch getrennt, manche gerade werdende Väter – zum gemeinsamen Fußballspielen treffen: Es sieht nicht mehr so athletisch aus wie früher; bei manchen Ausrufen hofft man, dass die eigene peer group gerade nicht zuhört; das konsumierte Bier wird man morgen noch merken — aber in einer Welt, in der man lieber gar keine Nachrichten mehr konsumiert, gibt dieses Ritual ein Gefühl von Stabilität. Robbie Williams hält auch mit 51 das Versprechen, das er uns im ersten Song seines Solo-Debüts gegeben hat: „And we will have / A jolly good time“.
Robbie Williams – Britpop
(Sony Music, 16. Januar 2026)
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- Aktuellstes Beispiel: „Dear Stephen“ von den Manic Street Preachers, Zeitgenossen der großen Britpop-Phase und im Jahr 2000 von Robbie schon in „By All Means Necessary“ namentlich erwähnt, aus dem vergangenen Jahr.[↩]
- Neben Umweltverschmutzung.[↩]
