Klickbefehl (17)

Von Lukas Heinser, 13. März 2009 12:32

Der Amoklauf von Erfurt fand am 26. April 2002 statt, unserem allerletzten Schultag.1 Ich habe daher nie erfahren, wie Schulen auf solche Vorfälle reagieren. Während einer unserer Abi-Klausuren wurde zwar 200 Meter weiter eine Weltkriegsbombe entschärft, aber ansonsten waren wir nur Normalität gewöhnt.

Ich bin mir sicher, dass meine Schulzeit anders ausgesehen hätte, wenn das alles nicht nach uns passiert wäre. Wir waren die Nerds, wir haben „Half Life“ gespielt, Metal oder Punkrock gehört (auch Pop, aber wen hätte das interessiert) und gerade ich hatte den Ruf, ein bisschen wahnsinnig zu sein.2 Wir waren also komisch — wie alle Teenager. Und wir wären potentiell verdächtig gewesen.

Die Muschelschubserin hat einen sehr lesenswerten Text darüber geschrieben, wie das so war, als Teenager in einer Kleinstadt aufzuwachsen.

Schon damals – in Zeiten ohne Internet, Handys und Ballerspielen – hat niemand gemerkt, was wir wirklich tun, was uns wirklich bedrückt, wie ausgeschlossen wir uns gefühlt haben, wie sehr uns die Gesellschaft ins Gesicht gespuckt hat, dass sie mit uns nicht viel anfangen kann. Wir alle hatten damals einen starken Trieb, der sich manchmal in Aggressivität geäußert hat. Und obwohl wir uns ausgeschlossen fühlten und es gewissermaßen auch waren, wurden die meisten von uns in letzter Konsequenz immer aufgefangen, unterstützt, behütet. Genau deshalb waren wir trotz allem durchschnittliche Jugendliche, nicht auffälliger als andere. Und genau deshalb sind wir heute vermutlich alle ganz normale Menschen.

Einiges davon kenne ich aus eigener Erfahrung, anderes kann ich zumindest gut nachvollziehen. Und ich glaube, das kann jeder, der mal jung und nicht Mitglied der Jungen Union war.

Auch Johnny Haeusler hat sich bei Spreeblick Gedanken darüber gemacht, wie das eigentlich so ist, als Jugendlicher in Deutschland. Wer sich für einen interessiert und wie die Medien reagieren, wenn dann mal wieder was passiert ist:

Wie laut muss man als Jugendlicher eigentlich sein, um gehört zu werden?
Noch lauter als eine Beretta?

Und weil’s grad zum Thema Kinder passt, will ich Ihnen auch noch einen Eintrag aus dem F.A.Z.-Fernsehblog ans Herz legen.

Darin geht es unter anderem um eine Mutter, die das Folgende in eine Fernsehkamera sagte:

Ich versteh die Welt nicht mehr. Meine Tochter war in der zehnten Klasse, die hat das alles live miterlebt. Die sitzt jetzt zuhause, zittert und weint. Sie sind aus dem Fenster gesprungen, sie und ihre Freundin.

Der Frage, warum sie es in diesem Moment für klüger hielt, die Weltöffentlichkeit darüber zu informieren, statt bei ihrer Tochter zu sein, möchte ich mich gerne anschließen.

Auf eine Frage mehr oder weniger kommt’s ja auch nicht mehr an.

  1. Am anderen Dinslakener Gymnasium waren die Abiturienten an diesem Morgen – wenn ich das richtig im Kopf habe – mit Wasserpistolen durch die Klassenräume gezogen, um ihren letzten Schultag zu feiern. []
  2. Der Ruf war nicht ganz unbegründet. []

13 Kommentare

  1. Coffee And TV: » Homegrown Terror
    13. März 2009, 15:43

    […] Vorhin hatte ich noch zwei Absätze über meine Schule und die Folge von Amokläufen geschrieben. […]

  2. Julia
    13. März 2009, 15:57

    Das mit der Mutter der Augenzeugin hab ich mir auch gedacht, als ichs gesehen hab.

    Man hofft halt immer, dass in Zimmern von Amokläufern weder Ballerspiele, noch Metal-Musik, noch sonstige Dinge gefunden werden, die die Verantwortlichen davon abhalten nach den wahren Ursachen zu suchen.

  3. The Mars Volta
    13. März 2009, 19:54

    Kann es sein, dass jeder von uns ein potenzieller Amok-Läufer ist? Wenn man wahnsinnig ist oder „zurückhaltend“ ist das schon „alarmierend.“ Und doch sind Millionen von diesen Menschen im normalens Erwachsenenleben angekommen, ohne irgendwie Menschenleben auf dem Konto zu haben. Die Amok Läufer sind einfach weder wahnsinnig, noch zurückhaltend, sie sind einfach nur arm, für die eigene Satisfaktion Menschen zu töten, und sich dann selber noch jeder Konsequenz und Qual entziehen, indem man sich selbst richtet.

  4. 1UnitedParty
    13. März 2009, 21:12

    „Die Amok Läufer sind […] einfach nur arm, für die eigene Satisfaktion Menschen zu töten, und sich dann selber noch jeder Konsequenz und Qual entziehen, indem man sich selbst richtet.“

    Verdammt hartes Urteil für jemanden, der sich genau so wenig ein Psyschogramm von einem Amokläufer eingeholt hat (einholen konnte), wie alle anderen.

  5. The Mars Volta
    13. März 2009, 21:55

    „Verdammt hartes Urteil für jemanden, der sich genau so wenig ein Psyschogramm von einem Amokläufer eingeholt hat (einholen konnte), wie alle anderen.“

    Es sollte kein Urteil von Tim K. sein oder sonst welchen bereits vergangenen Straftätern, denn dies ist nicht möglich. Es geht mehr um den Amokläufer, der von seinen Taten lebt. Und es stimmt wohl, dass ich keinerlei Kompetenz besitze einen Menschen psychologisch zu beurteilen. Aber was bringt das? Am Ende sind 16 Menschen tot, aber am meisten leiden die leute mit denen sie verbunden waren, Eltern, Freunde. Sie leiden obwohl sie Tim K. wohl nicht mal kannten, und er hat ihr Leben zerstört. Und dazu braucht man kein Psychodiagramm, sondern nur ein bisschen Empathie, um so eine Tat zu verurteilen.

  6. Raventhird
    13. März 2009, 22:58

    Wer komisch ist, ist verdächtig. Wer zu normal ist, ist verdächtig. Wer Musik abseits des Mainstream hört: Sowieso. Und Blogger: Die kompletten Freaks, alle potentielle Amokmörder.

  7. Hannnns
    14. März 2009, 0:15

    @ Mars Volta
    Und woher nehmen Sie die Gewissheit, Amokläufer würden „Satisfaktion“ darin finden, Leute zu töten?

    @ Lukas
    Ich frage mich wirklich, warum Sie Fußnote 1 eingefügt haben. Weil es pietätlos ist, an seinem letzten Schultag Mitschüler mit Wasser zu bespritzen?

  8. Lukas
    14. März 2009, 0:31

    @Hannnns: Weil es sich im Nachhinein vermutlich ganz schön … merkwürdig anfühlt, zu wissen, dass zu der Zeit, in der man selbst mit Wasserpistolen durch die Klassenräume rannte, woanders jemand das selbe mit scharfen Waffen machte?

  9. jakob
    14. März 2009, 2:56

    >>Ich habe daher nie erfahren, wie Schulen auf solche Vorfälle reagieren.

    Ich las vor einigen Tagen in der Zeitung, dass nach Erfurt bundesweite Amokübungen an Schulen eingeführt wurden. Dem kann ich nur widersprechen; außer einer Feuerwehrübung im Nieselregen alle zwei Jahre gab und gibt es keinerlei Informationen zum Verhalten im Amokfall.

  10. The Mars Volta
    14. März 2009, 9:47

    „@ Mars Volta
    Und woher nehmen Sie die Gewissheit, Amokläufer würden “Satisfaktion” darin finden, Leute zu töten?“

    Naja, wenn jemand „gepflegt grillen“ geht, und aus Wut und Verzweiflung Menschen tötet, dann handelt es sich um eine „Beseitigung“ der Probleme (zumindest teilweise), was der eigenen Satisfaktion dient.

  11. Lukas
    14. März 2009, 11:39

    Oh je. Ich hatte gehofft, es habe sich inzwischen wenigstens im Internet herumgesprochen, dass das mit dem „gepflegt grillen gehen“ eine Falschmeldung war …

  12. juliaL49
    14. März 2009, 11:44

    So ein Zufall, der Amoklauf in Columbine fand an meinem letzten Schultag statt (20.04.99). Ich kann mich erinnern, dass wir im Englisch-LK über dieses „amerikansiche Phänomen“ diskutierten und niemals geglaubt hätten, dass so etwas in Deutschland passieren würde. Wie viele Amokläufe gab es hierzulange in den letzten Jahren? Ich vermute mal, dass es nicht an den Killerspielen liegt, sondern eher an der medialen Aufmerksamkeit. In den USA gibt es sogar den Ausdruck „to go Klebold“ (nach einem der Columbine-Jungs).
    Wenn weitere Zutaten stimmen (Aussenseitertum, Zugriff auf Waffen, Mobbing, wasauchimmer), dann könnte die mediale Unsterblichkeit ein zusätzlicher Anreiz sein. Könnte.

  13. The Mars Volta
    14. März 2009, 11:44

    Ups, sorry, das hatte ich total vergessen x) Naja, aber dann halt seine Kommentare, als er in die Klassen stürmte.