Listenpanik 07/08

Von Lukas Heinser, 5. August 2008 17:16

Die Ankündigungen, was für Alben in diesem Jahr noch so alles erscheinen sollen, machen mir ein bisschen Angst. Im August geht’s los und es wird erst zur großen Best-Of-Live-und-Raritäten-Welle im Dezember nachlassen. Davor lag aber noch der Juli, der jetzt nicht soooo viel Alben und Songs angespült hat, dafür aber einige richtig gute. Und für zwei gewohnt subjektive und unvollständige Top-Five-Listen reicht das allemal:

Alben
1. She & Him – Volume One
Die üblichen Klischeesätze über singende Schauspielerinnen (inkl. Verweis auf „Bandits“) können Sie sich ja selbst ausdenken: „She“ ist Zooey Deschanel, die Sie aus „Almost Famous“, „Per Anhalter durch die Galaxis“ oder der dritten Staffel von „Weeds“ kennen, „Him“ ist M. Ward, einer der ganz Großen im US-Indie-Folk. Fräulein Deschanel singt aber nicht nur gut, sie spielt auch einige Instrumente und hat fast alle Songs selbst geschrieben. Herausgekommen ist ein charmantes Album zwischen Folk und Sixties Pop, für dessen perfekte Rezeption sich irgendwie Cabriofahrten durch weite Landschaften anbieten.

2. The Hold Steady – Stay Positive
Ich muss ja zugeben, dass ich bis zu diesem Jahr noch nie von The Hold Steady gehört hatte. Aber irgendwie tauchten sie dann in allen von mir konsumierten Musikmedien auf und die CD stand an prominenten Stellen im Laden. Die Band kommt aus Brooklyn, NY und sieht sich mit ihrer Rockmusik in der Tradition von Hüsker Dü und Bruce Springsteen. Außerdem klingt’s für meine Ohren noch nach The Clash, R.E.M. und Ben Folds Five und da sehen Sie sehr schnell, warum mir das Album gefällt. Eigentlich handelt es sich um 14 Popsongs, die aber unter einer leichten Schmutzschicht aus überdrehten Gitarren versteckt sind – bis auf die Stellen, wo sich die Schmutzschicht löst und darunter zum Beispiel ein Harpsichord (oder ein ähnlich barockes Instrument) zum Vorschein kommt. Stellen Sie sich die Counting Crows zu „August And Everything After“-Zeiten und Weezer zu „Pinkerton“-Zeiten gemeinsam auf einem Album vor und Sie sind nah dran. Ach, hören Sie es sich einfach an!

3. Black Kids – Partie Traumatic
Und schon wieder so eine Indieband. Was die Black Kids von den meisten anderen Bands, die in dieser Serie schon zu Gast waren und längst wieder vergessen sind, unterscheidet ist die Tatsache, dass sie aus Florida kommen. Ihr Debütalbum haben sie aber unter der Regie von Bernard Butler in Großbritannien aufgenommen, weswegen sie auch eher britisch klingen (vermutlich taten sie das auch vorher schon, aber so kommt eins zum anderen). „Partie Traumatic“ hat einen Überhit („I’m Not Going To Teach Your Boyfriend How To Dance“, s.u.) auf der Habenseite und verfügt über neun weitere charmante Indiepopschlager. In einem halben Jahr vergessen, aber heute genau das richtige.

4. Dirty Pretty Things – Romance At Short Notice
Carl Barât ist der Paul McCartney der Libertines: der nette, weniger verrückte, der ohne die komische Frau. Eben nicht Pete Doherty. Und so, wie ich vieles von McCartney besser fand als die Lennon-Sachen, mag ich auch die Dirty Pretty Things mehr als die Babyshambles. Auf ihrem zweiten Album klingen sie nach Madness, The Clash und dann mal wie The Kooks in spannend. Oder: etwas spannender.

5. Beck – Modern Guilt
Seien wir ähnlich: Beck lebt (ein bisschen wie Oasis) von dem Ruf, einige der besten Alben der Neunziger aufgenommen zu haben. Nach dem phantastischen „Sea Change“ vor sechs Jahren kamen zwar zwei Studioalben und ein Remixalbum, aber die klangen irgendwie so, wie Beck halt klingt. Was bei Oasis nicht weiter ins Gewicht fällt, ist bei einem wie Beck schon fataler – immerhin war sein Sound mal innovativ und neu. Vor diesem Hintergrund sind dann auch die Songs, die man vor zehn Jahren vermutlich urst cool gefunden hätte, heute eher noch okay. Aber weil ich im Juli nicht so viele neue Alben gehört habe, soll’s mal gerade noch für die Liste reichen.

Songs
1. Black Kids – I’m Not Going To Teach Your Boyfriend How To Dance
Offenbar soll es jetzt jedes Jahr den großen The-Cure-Gedächtnishit geben. Was letztes Jahr den Shout Out Louds gelang, ist dieses Jahr den Black Kids vorbehalten. Was für eine riesige Indie-Hymne, die jede Tanzfläche zum Bersten bringen dürfte!

2. She & Him – This Is Not A Test
Wären die Beach Boys die Beach Girls gewesen, hätten sie so geklungen: „Baaaaaaaa“, gepflegtes Geschunkel und ein Hauch von Melancholie hinter dem sommerlichen Frohmut. Der vermutlich beste Song auf einem tollen Album (s.o.)

3. Get Cape. Wear Cape. Fly – Waiting For The Monster To Drown
Bei Get Cape. Wear Cape. Fly steht für mich das Album irgendwie immer über den Songs. Vom Debüt könnte ich kaum ein einzelnes Lied benennen, das Gesamtkunstwerk Album überstrahlt alles. Aber beim Wiederhören des zweiten Albums (s. Listenpanik 03/08) musste ich feststellen, dass „Waiting For The Monster To Drown“ ein Hammersong ist. Bigbeat, Streicher und „Baba“-Chöre, so schreibt man Hits. Also einfach: noch mal reinhören, Wahnsinnssong!

4. Weezer – Heart Songs
Angeregt durch diesen Kommentar habe ich mich dann doch noch mal näher mit der roten Weezer-Platte beschäftigt und siehe da: „Heart Songs“. Nicht unbedingt ein eingängiger Rocksong, aber ein unglaublich anrührender. Rivers Cuomo arbeitet sämtliche Einflüsse von Cat Stevens über Bruce Springsteen bis zur Erweckung durch Nirvana und den Start der eigenen Karriere ab und jeder Mensch, dessen Adoleszenz durch Rockmusik geprägt war (also ungefähr jeder Mensch), weiß, wovon der Mann singt.

5. Fotos – Explodieren
Von Fotos kriege ich irgendwie immer nur die Singles mit. Vor zwei Jahren zum Beispiel das gigantische „Giganten“, dieses Jahr eben „Explodieren“. Ein bisschen PeterLicht, ein bisschen Sterne, ein bisschen Superpunk. Ein sympathischer kleiner Rocksong, in jedem Fall besser als Madsen (was allerdings auch ein ziemlicher Gemeinplatz ist).

[Listenpanik – Die Serie]

26 Kommentare

  1. Johannes
    5. August 2008, 18:05

    Ich habe wie du auch ein Problem mit den neuen Beck-Alben. Das Beste an „The Information“ beispielsweise war das extrem coole Cover mit den beigelegten Aufklebern. Sehr geil! Aber selbige CD war ebenso wie Guero und jetzt Modern Guilt eben nur „gut“, verglichen mit Odelay und Sea Changes eben einfach nicht mehr so frisch.

    Böse Zungen behaupten ja, dass das mit seiner Mitgliedschaft bei Scientology zusammenhängt, aber da sage ich lieber nichts zu und höre weiter ein bisschen Odelay – tolle Scheibe! Kauft sie euch! Sie klingt deutlich moderner als Modern Guilt.

  2. Daniel
    5. August 2008, 19:47

    Also für Deine Verhältnisse ist das ja eine beängstigend gute Liste, Lukas! ;)

  3. Lukas
    5. August 2008, 20:07

    Warum das denn? Ist doch der selbe Spiegel-Online-Mainstream-Scheiß wie immer.

  4. Stitch
    5. August 2008, 20:22

    Na, da ist es ja, das Album des Jahres. Dass du „bis zu diesem Jahr noch nie von The Hold Steady gehört“ hattest, sei dir verziehen, wenn du nun auch noch in (mindestens) ihre letzten beide Grosswerke reinhörst. Und dich vielleicht noch ein bißchen mehr mit Craig Finns Texten befasst. Na, ist das ein Angebot?

  5. SvenR
    5. August 2008, 20:24

    @ Lukas: „urst cool“ versteh‘ ich nicht, liegt’s am Alter?

    [@ Alberto Green: Macht Sinn, oder?]

  6. Johannes
    5. August 2008, 20:36

    Ach, Herr Blogbetreiber, sind Sie eigentlich bei http://www.lastfm.de ?

  7. Daniel
    5. August 2008, 20:37

    Lukas, ich freu mich doch nur, weil ich She & Him, Hold Steady und die neue Beck auch toll finde.

  8. Johannes
    6. August 2008, 11:00

    Wo sind denn die anderen Kommentare geblieben?

  9. Lukas
    6. August 2008, 11:43

    @Johannes #8: s. hier. Aber jetzt sind sie ja wieder da.

    @Johannes #6: Ja.

  10. Johannes
    6. August 2008, 11:51

    Wegen Kommentaren:
    Ja, danke, hab ich gelesen. Aber mein Beck-Kommentar ist immer noch weg – egal, nicht so tragisch. :-)

    Wegen LastFm:
    Oh, dufte. Hab dir mal ’ne Freundschaftsanfrage geschickt.

  11. Ommelbommel
    8. August 2008, 0:47

    Paul McCartney ist der von den Beatles ohne die komische Frau?

  12. Alberto Green
    8. August 2008, 12:59

    Falsch der ohne die tote, komische und die humpelnde, komische Frau.

    @SvenR: Nee, am Wessitum.

  13. SvenR
    8. August 2008, 13:33

    @ Alberto Green #12:

    Ach, Dinslaken war früher auch im Osten. Now I see. „Freundschaft!“

  14. Alberto Green
    8. August 2008, 13:56

    Nein, aber die Jugend von heute saugt doch solche Wendungen wie einen trockenen Schwamm auf.

  15. Alberto Green
    8. August 2008, 16:03

    „ein trockener“ natürlich. Subjekt nicht Objekt.

  16. SvenR
    9. August 2008, 8:39

    Schade, ich hatte hatte mir gerade vorgestellt, wie Du so da sitzt und einen trockenen Schwamm aufsaugst. Schwuppdiwupp, Kartoffelsupp‘ – weg is‘ er! Deshalb bist Du acu so groß und so dünn. Geworden. Bestimmt!

    *g*

    Meine Frau meint ja, dass es ein Tippfehler sein könnte und „erst cool“ heißen müsste.

  17. Alberto Green
    9. August 2008, 9:58

    Mußte auch ein wenig kichern, aber ich bin leider nicht mehr die Jugend von heute und hasse Kartoffelsuppe.

  18. Lukas
    9. August 2008, 13:38

    @SvenR: Vielleicht hilft Ihnen das ja weiter.

    @Ommelbommel: Verglichen mit Yoko Ono sind Linda McCartney und Heather Mills doch eher unkomisch.

  19. SvenR
    9. August 2008, 18:15

    @ Lukas:

    Was ich auf meine alten Tage von Ihnen alles noch noch lernen kann, Herr Heinser, man, man, man.

    @ Alberto Green:

    Du bist doch vieeeel jünger als ich, und mir kommt es so vor, als ob ich quasi gestern noch zur Jugend gehörte. Wenn Du mal im Landkreis Offenbach bist lade ich Dich zu einr selbstgemachten Kartoffelsuppe mit Zwiebeln, Speck und heißer Fleischwurst ein. Fast so lecker wie Metigel.

  20. Alberto Green
    9. August 2008, 20:35

    Ich bin die Jugend von gestern abend. Stimmt. Auf das Angebot komme ich gerne zurück. Schuld ist ja nur die pürierte Kotze Kartoffelsuppe meiner Oma. Boah, mir wird gerade wirklich schlecht…

  21. Lukas
    9. August 2008, 20:52

    Vielleicht solltet Ihr Beiden mal E-Mail-Adressen austauschen. Es geht doch nicht an, dass Ihr hier die nach unten offenen Kommentarspalten füllt, wenn ich gerade mal außer Haus bin.

  22. Alberto Green
    9. August 2008, 21:21

    Tja-ha, da kannst du dich bei host-europe bedanken! Ich hör erst auf, wenn hier alles voll ist. (oder jetzt, ist ja schon gut…)
    Ich erteile Dir hiermit die Genehmigung meine Emailadresse an SvenR weiter zugeben.

  23. Thomas
    11. August 2008, 9:38

    Cool, I’m not going to teach your boyfriend how to dance gefällt. werd mir mal das album anhören!

  24. Oliver Ding
    10. November 2008, 22:13

    Unter http://prettymuchamazing.com/m.....s-kickmix/ gibt’s übrigens einen schicken Remix von „Not gonna teach him“.

  25. Coffee And TV: » Listenpanik 05/09
    7. Juni 2009, 21:30

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  26. Coffee And TV: » Gesammelte Platten April 2010
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