Listenpanik 02/08

Von Lukas Heinser, 7. März 2008 13:09

Bei der letzten Listenpanik hatte ich mich beklagt, dass im Januar so wenige Platten erschienen seien. Nun, das war im Februar schon deutlich anders: Obwohl es bekanntlich der kürzeste Monat ist, war die Auswahl an guten bis sensationellen Alben plötzlich riesengroß. Ich habe kurz darüber nachgedacht, die Top-Five-Regelung über den Haufen zu werfen und einfach alle guten Platten aufzuschreiben, aber Top Five ist Top Five. Für die Jahresendliste ist es eh unerheblich, ob ein Album in den Monatslisten aufgetaucht ist.

Ebenfalls in der letzten Listenpanik hatte ich verkündet, „wenn nichts mehr dazwischen kommt“ werde „Lucky“ von Nada Surf im Februar die Bestenliste der Alben anführen. Wie Sie in zwei Zeilen erfahren werden, ist etwas bzw. jemand dazwischengekommen:

Alben
1. Goldfrapp – Seventh Tree
Jawoll, sie haben es sich verdient: Goldfrapp, das Duo aus Alison Goldfrapp und Will Gregory, machen auf ihrem vierten Album Musik, die so sehr auf den Punkt ist, dass man sie einfach lieben muss. Perfekt ausgependelt zwischen Folk und Elektronik, zwischen Kathleen Edwards und Imogen Heap. Erinnern Sie sich an die unendliche Leichtigkeit, die Ihnen entgegen strömte, als Sie zum ersten Mal „Moon Safari“ von Air gehört haben? Hier ist sie wieder, zehn Jahre später.

2. Nada Surf – Lucky
Viel falsch gemacht haben Nada Surf in ihrer bisherigen Karriere nicht, auf ihrem fünften Album machen sie fast alles richtig. Nach „See These Bones“ und „Whose Authority“ weiß man gar nicht mehr, wohin mit der eigenen Euphorie, und das sind erst die ersten beiden Stücke auf der Platte. „Lucky“ ist zeitloser Indie Rock, der in erster Linie happy macht.

3. Joe Jackson – Rain
Ist doch irgendwie klar, dass ich Joe Jackson großartig finden muss: Immerhin spielt er Klavier und hat einen britischen Akzent. Nicht klar? Okay: Er hat ziemlich offensichtlich Ben Folds beeinflusst, so tolle Musik zu machen – und das war selten so offensichtlich wie auf „Rain“, wo Jackson so sehr nach Folds klingt (also irgendwie andersrum, aber Sie verstehen) wie lange nicht mehr. Sehr eleganter Pianopop, der mal zum Pianorock wird, mal zum Jazz, und im tieftraurigen „Solo (So Low)“ seinen … äh: Höhepunkt findet. Oder doch in der Destiny’s-Child-Anleihe in „Good Bad Boy“?

4. Niels Frevert – Du kannst mich an der Ecke rauslassen
Für seine alte Band Nationalgalerie bin ich zu jung und auch sonst muss ich zugeben, bis heute wenig von Niels Frevert gehört zu haben. Aber sein drittes Soloalbum „Du kannst mich an der Ecke rauslassen“ gefällt mir, unter anderem weil es auf erstaunliche Weise „undeutsch“ klingt. Die Arrangements erinnern an Damien Rice und José Gonzales und die Stimmung ist ein bisschen so wie auf Tom Liwas Meisterwerk „St. Amour“. Den dezent swingenden Titelsong sollte man testweise mal Roger-Cicero-Faninnen vorspielen, zu Therapiezwecken.

5. Tegan And Sara – The Con
„Kanada“, „Zwillinge“, „Indie Pop“ – „Bingo!“
Nur ein gutes halbes Jahr nach seinem Release ist das fünfte Album der Schwestern jetzt auch in Deutschland erschienen. Musik und Texte sind eine wunderbare Mischung aus niedlich und gemein und man hofft, dass dieser kanadische Indie Pop (von Zwillingen!) endlich mal die Charts und Radiostationen erobert.

Songs
1. Goldfrapp – A&E
Ich liebe es, wenn man beim allerersten Hören eines Songs, noch bevor dieser zu Ende ist, denkt: „Was für ein tolles, tolles Lied! Ich möchte es mir ins Herz tätowieren lassen!“ So war es bei „A&E“, von dem ich beim allerersten Hören gar nicht wusste, dass es auch die erste Single aus „Seventh Tree“ ist. Natürlich völlig zu Recht.

2. R.E.M. – Supernatural Superserious
Klar: Außer „Shiny Happy People“ haben R.E.M. noch nie irgendwas falsch gemacht. Gerade die Vorab-Singles waren ja auch bei den letzten beiden Alben („Imitation Of Life“, „Leaving New York“) immer Übersongs, aber so ein ganz kleines bisschen erstaunt ist man dann vielleicht doch, dass R.E.M. wieder richtig rocken (obwohl sie das ja mit den neuen Songs auf ihrem Best Of von 2003 auch getan hatten) und „Supernatural Superserious“ zwei Durchgänge länger braucht, bis man sich in den Song verliebt hat. Aber dann ist alles ganz wunderbar und irgendwann versteht man auch nicht mehr „Gisela“, sondern „It’s a lie“.

3. Danko Jones – Take Me Home
Der unwahrscheinlichste Song des Monats auf einem ziemlich unwahrscheinlichen Danko-Jones-Album: Die Kanadier spielen ein Beinahe-Cover von John Denvers „Country Roads“, original mit Akustikgitarre, Mitklatschrhythmus und Chören im Refrain. Das geht entweder gar nicht oder ist das heimliche Highlight der Platte. Ich entscheide mich für letzteres, nicht zuletzt wegen der Textzeile „Take me home to where my records are“. Demnächst dann vermutlich auf WDR 2.

4. Panic At The Disco – Nine In The Afternoon
Na, das macht doch schon mal Laune auf das Zweitwerk der Band, die auf Ihrem Debüt noch Panic! At The Disco hieß. Ein bisschen gradliniger als die meisten Songs auf „A Fever You Can’t Sweat Out“ ist „Nine In The Afternoon“ ja schon geworden, aber das soll uns nicht stören, denn es ist einfach ein feiner Song.

5. OneRepublic – Stop And Stare
Schon klar: „Apologize“ ging sehr schnell gar nicht mehr. Dieser Kastratengesang, der omnipräsente Timbaland und dann auch noch Til Schweiger im (deutschen) Video – das konnte nicht mal mehr Nora Tschirner (ebenfalls im deutschen Video) ausgleichen. „Stop And Stare“ zwingt zur näheren Beschäftigung mit OneRepublic, denn diese Sorte College Rock (oder wie auch immer man diesen Sound in den Nuller Jahren nennt) mag ich sehr gerne. Sowohl The Fray als auch Orson lassen grüßen.

EP
Smashing Pumpkins – American Gothic
Wer mit „Zeitgeist“, dem Comeback-Album der Smashing Pumpkins, nicht klar kam, weil es „irgendwie nichts Neues“ zu bieten hatte, der wird auch mit der EP „American Gothic“ seine Probleme haben, denn auch die könnte schon zehn Jahre alt sein. Sehr genau sogar, denn der Verzicht auf elektrische Gitarren sorgt für vier derart melancholische Songs, wie sie Billy Corgan seit „Adore“ nicht mehr geglückt sind. Natürlich braucht man streng genommen gar keine Nachfolger von „To Sheila“, „Perfect“ oder „Tear“, aber sobald Billy Corgan bei „The Rose March“ anfängt, mit sich selbst im Duett zu singen, setzt wieder diese Gänsehaut ein, für die man die Pumpkins immer geliebt hat. Und wer nicht will, der hat schon.

Ebenfalls gehört und für gut befunden: Danko Jones – Never Too Loud, Home Of The Lame – Sing What You Know, k.d. lang – Watershed, Vampire Weekend – Vampire Weekend, Chris Walla – Field Manual

4 Kommentare

  1. Stitch
    7. März 2008, 13:15

    Nichts gegen Joe Jackson und schon gar nichts gegen „Rain“, aber ist Folds nicht mindestens genauso, wenn nicht noch mehr, von Billy Joel beeinflusst?

  2. Lukas
    7. März 2008, 13:25

    Von Folds ist das folgende Zitat überliefert:

    „The only time that that has any bearing on what I do… is when I write something on the piano and I go, Awwww shit, that sounds like a Billy Joel song. And I will change every note to keep it from sounding like a fucking Billy Joel song. And that’s when I start to thank god that Robert’s here to put the fuzz bass on, or we find some other way to fuck it up somehow…“

  3. PhilParma
    7. März 2008, 16:42

    Sehe da kein „Delbo – Grande Finesse“. *skeptisch*

  4. Coffee And TV
    13. März 2008, 14:07

    It’s not California here…

    Ich kam in letzter Zeit eher selten zum Hören neuer Tonträger, weshalb auch die letzte Listenpanik so lange gebraucht hat. Schuld daran ist ein etwas älteres Album, das ich beinahe täglich höre, hören muss: “Funnel Cloud” von Hem.
    Hem…