Die Quotenfrau

Von Oliver Ding, 12. Dezember 2007 23:39

Mir ist entgegen aller statistischen Wahrscheinlichkeit niemand bekannt, von dem ich weiß, daß er (oder sie) eine Andrea-Berg-CD besitzt. Dabei scheint diese pseudoverruchte Schlagerverbreitungsunwesentlichkeit doch mit elf Mal Gold und fünf Mal Platin in jedem zweiten deutschen CD-Schrank zu stehen – und damit die deutsche Plattenindustrie im Alleingang zu retten. Dann meldet der Musikmarkt auch noch, daß diese Frau einen ganz neuen Chartsrekord aufgestellt hat:

Etwas mehr als sechs Jahre nach der Veröffentlichung bricht Schlagerstar Andrea Berg mit ihrem Album „Best Of“ einen historischen Rekord und setzt sich mit 313 Wochen Verweildauer in den deutschen Album-Charts an die Spitze der langlebigsten Alben der Chartgeschichte.

Respekt. Denn damit hat ausgerechnet Frau Berg geschafft, was die Forderungen der unsäglichen Deutschquotenanhänger endgültig fürs Klo qualifiziert: Deutsche Musik findet auch ohne Quoten statt. Dumm nur, daß damit die eigentlich sehr vorzeigbare Langlebigkeitsbilanz der deutschen Chartsgeschichte eher beschmutzt als verschönert wird:

Sie verweist damit den bisherigen Spitzenreiter, Pink Floyds „Wish You Were Here“ (312 Wochen), auf Platz zwei. Es folgen die Beatles mit den beiden Alben „1962-1966“ (297 Wochen) und „1967-1970“ (285 Wochen) sowie das „Greatest Hits“-Album von Simon & Garfunkel (242 Wochen), die allesamt in den Siebziger Jahren in die Charts einstiegen.

Früher war alles besser. Oder so.

4 Kommentare

  1. Sebastian
    13. Dezember 2007, 10:30

    In meiner Familie ist Andrea Berg sehr verbreitet. Das klingt jetzt wie eine Krankheit, aber… nein, kein aber.

  2. Fragezeichner
    13. Dezember 2007, 11:17

    Die Hörer der guten Frau gehören wohl zu der raren Spezies derer, die noch CDs kaufen. Ausserdem profitiert sie davon, dass man heute schon mit ein paar hundert verkauften CDs pro Woche in die Charts kommt. Insofern ist dieser Rekord nicht mehr als ein Symptom für den Niedergang der Musikindustrie…

  3. oj
    13. Dezember 2007, 12:59

    Ist es gehässig, wenn ich erwähne, dass ich erst „an die Spitze der langWEILIGsten Alben der Chartgeschichte“ gelesen habe?

  4. vib
    13. Dezember 2007, 17:43

    Erschreckend daran find ich vor allem, dass bei der obigen Liste bis auf „Wish you were here“ (ich dachte eigentlich „Dark side of the moon“ hätte die längste Verweildauer?) nur Best-of-„Alben“ auftauchen. Dass zeigt die Bequemlichkeit des Massengeschmacks… Ansonsten fällt mir zu Andrea Berg nur das hier ein:

    http://www.youtube.com/watch?v=8ECju4uhZ88

  5. Dr. Dean
    15. Dezember 2007, 13:44

    Man könnte natürlich sagen, dass Frau A. Berg außer der Konkurrenz läuft. Deshalb, weil die innige Pflege seitens von öffentlich-rechtlichen „Musikmagazinen“ ihr sowohl die segmentbezogene Schlagerbekanntheit eingebracht hat als auch der Schlager- und Volksmusikszene als solcher, welche ohne die massive öffentlich-rechtliche Hilfe deutlich kleiner ausfallen würde.

    Ich bin nicht unbedingt gegen eine – moderate – Quote. Mein Idealmodell wäre es, wenn die überwiegende Anzahl privater Radiofrequenzen künftig versteigert würde, offene Bürgerfenster hätte und an moderate Quoten gebunden sein würde.

    Man könnte bei 10 zu versteigernden Frequenzen z.B. 3 Frequenzen zur Auflage machen, mind. 30 % der Musik aus deutscher Herkunft zu bestreiten, usw. usf.

    (Das war aus der Rubrik: Wenn ich König von Deutschland wäre – ein kleiner Anfall von Größenwahn von mir)