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Ich schaue mir gern erste Teile an

Von Stephan Flory, 6. Juni 2007 12:41

Es ist wie jedes Jahr, aber es scheint jedes Jahr noch ein kleines Stück schlimmer zu werden. Im Sommer gehören die Kinos den Fortsetzungen. Dieses Jahr sind es vor allem die dritten Teile, die die Leinwände für originäre Stoffe nahezu komplett blockieren. „Spider-Man 3“, „Fluch der Karibik 3“, ab übermorgen noch „Ocean’s 13“, und am 21.6. folgt dann auch noch „Shrek der Dritte“ – über etwas anderes wird in den Massenmedien nicht mehr berichtet.

Trotz der Dauerpropaganda für die 300-Millionen-Dollar-Filme (mit dem noch einmal so großen Werbeetat) sendet das Publikum noch schwache Hilferufe nach neuen Stoffen. In den USA machte sich das letztes Wochenende damit bemerkbar, daß „Pirates of the Caribbean 3“ in seiner zweiten Spielwoche deutlich über 60% seines Umsatzes einbüßte und in Sachen Kopienschnitt (Umsatz pro an die Kinos ausgelieferter Kopie des Films) sogar von der Komödie „Knocked up“ (Teil 1 wohlgemerkt) überholt wurde. Bei uns in Deutschland halten sich unterdessen kleinere, originelle Filme wie „2 Tage Paris“ oder „Fracture“ erstaunlich gut und büßen kaum Zuschauer ein, während sich die Zuschauerzahlen der Piraten oder gewisser Spinnenmänner jede Woche nahezu halbieren. Wen wundert das, folgen doch sämtliche dritte Teile auf schwache Fortsetzungen, die allenfalls wirtschaftlich mit ihrem Vorgänger mitzuhalten vermochten, keinesfalls jedoch qualitativ. „Spider-Man 2“ und „Fluch der Karibik 2“ fügten dem Konzept ihrer Vorgänger nichts Neues hinzu, „Ocean’s 12“ hatte nichts vom Elan des ersten Teils und „Shrek 2“ ging der intelligente, bissige Witz des Originals völlig ab.

Wer sich allerdings nicht gezielt informiert, der erfährt im Prinzip nichts von den Alternativen. Höchstens durch Mundpropaganda spricht sich so mancher qualitativ hochwertige Film doch mal noch herum und findet so auch nicht nur in der ersten Woche seine Zuschauer. Schaut Euch also das Kinoprogramm genau an, bevor Ihr einfach nur dem Hype folgt. Es gibt trotz des Verdrängungswettbewerbs doch immer noch den ein oder anderen Film zu entdecken, der Euch mit einer frischen Idee unterhält und nicht mit einer doppelt aufgewärmten.

Zockende Globalisierungsgegner

Von Stephan Flory, 24. März 2007 12:21

Politische Videospiele produzieren die Guerilla-Flash-Programmierer von Molleindustria aus Italien. Politische Videospiele gegen die Unterhaltungsdiktatur. Und dabei ist ihnen ein ganz besonders witziges Exemplar geglückt, das nicht nur als globalisierungskritisches Pamphlet, sondern auch als clevere Wirtschaftssimulation funktioniert. Das „McDonald’s Game“ versetzt den Spieler in die Position eines Managers der Fast-Food-Kette, der vom Anbau von (genmanipuliertem) Getreide zur Fütterung der (mit Wachstumshormonen behandelten) Rinder bis hin zum Einstellen, Maßregeln und Feuern der Filialmitarbeiter die gesamte Burger-Wertschöpfungskette kontrolliert. Dabei gilt es sich mit Interessengruppen herumzuschlagen und Werbekampagnen zu lancieren und vor allem immer genug Buletten auf Lager zu haben.

 Während die anderen Veröffentlichungen der Italiener nur kurz ihren Standpunkt klarmachen und nach fünf Minuten ihren spielerischen Reiz verlieren (zum Beispiel der Orgasmus-Simulator oder Tamatipico, der flexible Arbeiter), macht das Mc-Donald’s-Game geradezu süchtig. Man entwickelt ungeahnten Ehrgeiz und greift daher auch mal zu den unethischeren Methoden, die das Gameplay bietet. Ein wenig Industrieabfall im Rinderfutter oder das Bestechen von Ernährungswissenschaftlern gehört da noch zu den harmloseren Verbrechen. Dazu kommt die witzige Flash-Grafik mit den auf die Bulette spuckenden Burgerbratern und der komplett durchgeknallten Marketing-Abteilung.  Das Spiel kann man direkt online spielen oder auch herunterladen (beides kostenlos) unter www.molleindustria.it. Natürlich kann man dort auch einen kurzen Blick auf die anderen Games werfen, die sich mit Orgasmus-Fakes und Homosexualität, meistens aber doch mit den Auswirkungen der Globalisierung auf die Arbeiterschaft auswirken. In der Community werden Strategien diskutiert und für die Einrichtung einer Speicherfunktion beim Burger-Game plädiert. Da kann man nur zustimmen. Denn die Italiener haben in meinen Augen mit ihrem kleinen Flash-Experiment die wahrscheinlich beste Wirtschaftssimulation seit Mad TV geschaffen: Überschaubare Komplexität, witziges Gameplay und das ganze mit Attitüde!

Wer die Oscars eigentlich hätte bekommen müssen…

Von Stephan Flory, 27. Februar 2007 16:22

Vorbei ist sie wieder, die mitunter längste Nacht des Jahres, aber bestimmt die längste Sonntagnacht des Jahres: Bis 6.15 Uhr MEZ wurden 2007 wieder einmal 24 kleine goldene Statuetten verliehen. Doch nicht alle erreichten den korrekten Adressaten. Auch Tausende Academy-Mitglieder (darunter, wie ich mit Schrecken feststellen mußte, auch Franka Potente) können durchaus mal irren. Und das prangere ich an. In all meiner Weisheit weiß nämlich nur ich persönlich, wer von den Nominierten tatsächlich hätte gewinnen müssen.

Fangen wir doch mal mit dem heutigen BILD-Titel an: Der Kategorie „bester nicht-englischsprachiger Film“. Natürlich ist „Das Leben der anderen“ kein schlechter Film, und selbstverständlich war die Entscheidung nicht so schlimm für mich persönlich, da ja immerhin der Patriot in mir Grund zum Jubeln hatte. Aber ich denke, jeder, der den Film „Nach der Hochzeit“ von Susanne Bier aus Dänemark gesehen hat, kann die Entscheidung nicht nachvollziehen. Klar, hätte der deutsche Beitrag nicht gewonnen, wären es die Mexikaner gewesen. Aber die besten Filme machen letzendlich ja doch die Dänen, auch wenn das keiner so recht wahrhaben will.

Alle Oscars, die das absolut unauthentische, lächerlich schlecht inszenierte und gespielte Musical „Dreamgirls“ bekommen hat, gehören sofort wieder eingezogen. Abigail Breslin hätte gewinnen müssen, oder eine der Darstellerinnen aus „Babel“, oder von mir aus Cate Blanchett – ganz egal! Die waren alle gut, aber Jennifer Hudson? Und der Sound von „Flags of our fathers“ war auch besser. Genugtuung brachte da nur, daß keiner der drei nominierten Songs aus „Dreamgirls“ eine Chance gegen Melissa Etheridge hatte und die Auszeichnungen für Ausstattung und Kostüme an Außenseiter gingen („Pans Labyrinth“ bzw. „Marie Antoinette“).

Martin Scorsese hat seinen überfälligen Oscar bekommen, nachdem er nach unzähligen Halb- bis Totalausfällen wenigstens mal wieder einen einigermaßen spannenden Film hinbekommen hat, auch wenn es nur ein Remake eines genialen Thrillers aus Hongkong namens „Infernal Affairs“ ist. Eigentlich hätte Scorsese auch weiterhin mit dem Hitchcock/Kubrick-Status leben können und man hätte mal wieder Clint Eastwood auszeichnen können oder noch besser Alejandro González Iñárritu.

Das beste adaptierte Drehbuch hat übrigens „Children of Men“. William Monahan hatte ja schon eine quasi fix und fertige Vorlage aus Hongkong. Was ist daran oscarwürdig, noch eine nette Rolle für Jack Nicholson mit reinzuschreiben? Und hat dieser nicht ohnehin am Set nochmal alle seine Zeilen komplett umgeschmissen? Dann gebt wenigstens ihm den Oscar!

So, aller Oscarfrust weicht so langsam von mir. Es war mal wieder eine schöne Show. Ellen DeGeneres war deutlich witziger als ich erwartet hätte, die Rückblicke waren nett und Maggie Gyllenhaal sah unglaublich süß aus (wie immer eigentlich, wollte es trotzdem nochmal erwähnen).

Also dann, bis nächsten Februar. Die Espresso-Maschine steht bereit.

David Lynch auf Pilzen

Von Stephan Flory, 16. Februar 2007 14:08

Ein ganzer Rattenschwanz an fun facts über „Inland Empire“, das neue Werk von unser aller Kultverwirrer David Lynch, geistert durch das Internet. Dass es kein Drehbuch gab, sondern Lynch einfach vor jedem Dreh die Szene schnell mal so schrieb. Dass dies Lynchs letzter Film sein wird. Dass die Sagen von Persephone, Alice im Wunderland, „Der Zauberer von Oz“ und „Shining“ die „Handlung“ inspirierten.

Eine weniger lustige Tatsache ist die mit drei Stunden epische Laufzeit, und dass Lynch das DV-Format für sich entdeckt hat. Mit einer Sony-Kamera aus dem Elektroladen um die Ecke kann Lynch natürlich noch öfter überlebensgroße, von Wahnsinn verzerrte Gesichter auf die Leinwand bringen; und jede Menge Reisen unternehmen, meist durch die Psyche seiner Hauptfigur (Laura Dern: Respekt mein Lieber!), dann aber auch gerne mal nach Polen, wo ebenfalls ein Teil des Films spielt.

Konnte man bei „Mulholland Drive“ oder „Lost Highway“ mit einiger Mühe noch einen Zusammenhang bzw. gar eine Erklärung für das Gesehene finden, so entzieht sich „Inland Empire“ jeglicher Logik. Man sieht sich einfach nur mit geballter Lynch-Power konfrontiert: Skurril, wild und mitunter ziemlich gruselig; absolut unerträglich für den Nicht-Eingeweihten und auch für den erklärten Fan nicht ganz leicht durchzustehen. Was ein Trip! Ich will auch was von dem Zeug das Lynch während der Dreharbeiten intus hatte. (Oder lieber nicht…)

P.S.: William H. Macys Cameo rockt! ;-) Achja, und falls Ihr Euch traut, der Film läuft ab 26. April in deutschen Kinos.

Der diskrete Charme der Bourgeoisie

Von Stephan Flory, 12. Februar 2007 10:02

Noch auf dem Paris-Trip (mitsamt entsprechender Tastatur – diese paar Sätze zu tippen wird wieder Stunden dauern), geht mir doch schon wieder das kulturelle Leben in Deutschland durch den Kopf. Zum Beispiel die Veröffentlichung der ersten deutschen Ausgabe von „Vanity Fair“, mit der ich mich die erste Hälfte meiner Herfahrt über im Zug beschäftigte. Einen Euro kostet das dicke Heft nur. Bis man beim Inhaltsverzeichnis angelangt ist, weiß man jedoch schon, dass dieser Preis völlig gerechtfertigt ist. Bis zum ersten Wort der Redaktion kämpft man sich durch vierzehn Seiten Werbung, bis zum Inhalt sind es noch einmal vier. Jede Woche soll das Teil erscheinen – wer hat eigentlich jede Woche Zeit, so einen Schinken zu lesen? Und vor allem: Wann soll man dann noch bei all den Designer-Shops auf der Champs Elysée vorbeischauen um die beworbenen Luxusgüter auch zu erwerben? Oder gehen die Bourgeoisie etwa zum zeitsparenden Online-Shopping über?

Im Editorial zeigt sich „Vanity Fair“ dann auch direkt stolz darauf, sich im Jahr 2002 trotz aller Kritik „patriotisch“ zur Regierung Bush bekannt zu haben. Wie recht sie doch hatten und wie unrecht der Rest der Welt! Die Regierung Bush leistet ja nach wie vor hervorragende Arbeit und ich finde, wir sollten uns alle einmal wieder patriotisch zu ihr bekennen. Einfach incredible, dieses Gespür für Trends! Und dieser schonungslose Enthüllungsjournalismus erst! Auf Seite 42 bleibt kurz mein Herz stehen, als ich erfahren muss, dass 70% aller Jugendlichen gefälschte Software besitzen. Gefälschte Software! Heißt das etwa, dass das Windows XP auf meinem PC aller Wahrscheinlichkeit nach nicht echt ist? Haben eifrige Chinesen ohne jeden Respekt für Urheberrecht etwa ein Fake-Windows nachprogrammiert und in Umlauf gebracht? In der Tat ein Skandal, vor dem das Familienministerium warnen sollte – es geht schließlich um unsere Jugend.

Ansonsten blieb mir nur noch ein prätentiöses Robert-De-Niro-Interview in Erinnerung, offensichtlich aus der US-Ausgabe übernommen. An den dortigen Stil, Artikel zu verfassen, wird man sich wohl gewöhnen müssen, so als Abonnent oder so. Ich überlege noch, einer zu werden, immerhin gefielen mir während der Zugfahrt die Sudokus in drei Schwierigkeitsgraden sowie das angenehm knifflige Rätsel doch ziemlich gut.

A la folie… pas du tout

Von Stephan Flory, 11. Februar 2007 20:30

Ja genau, Paris fehlte noch in meiner Sammlung besichtigter Metropolen. Alors, hier sitze ich nun und versuche, auf einem französischen Tastaturlayout meinen ersten Beitrag für dieses Blog mit der wundervollen Adresse zu verfassen. Das wird in etwa viermal länger dauern als normalerweise, weil die Franzosen einen Knall haben. Wer das nicht glaubt, der schaue sich bitte einmal das französische Tastaturlayout an. Ich fühle mich wieder als Fünfjähriger, an der Schreibmaschine meines Vaters sitzend und einen Buchstaben nach dem anderen suchend.

Paris ist die Stadt der Liebe, der Bohème, der kleinen Cafés und der grossen Kirchen (excusez-moi, scharfes S ist hier nicht am Start und den ASCII-Code weiss (pardon!) ich gerade nicht auswendig). Dennoch vermisse ich hier Romantik,Wild-Schillerndes und guten Kaffee (und nein, bei Starbucks werde ich es nicht versuchen!). Paris ist nett, zweifelsohne, das kulturelle Angebot (so viele Kinos!) ist unglaublich, die Seine ein hübsches Bächlein (pardon encore, ich komme vom Rhein und bin andere Wassermassen gewohnt) und das U-Bahn-Chaos einer Metropole angemessen. Aber das kann ich auch in Berlin haben, und da gibt es wenigstens normale Tastaturen!

Auf dem Eiffelturm war es zugegebenermassen (ich leide mit Euch) recht nett, und im Juni geben Daft Punk eines ihrer seltenen Konzerte – da lohnt es sich dann mal wieder, nach Paris zu fahren. Bis dahin bleib ich in Mannheim (sic!).