Internetmäander

Von Lukas Heinser, 14. Dezember 2013 23:00

Ich habe ein wichtiges Jubiläum verpasst: Irgendwann Ende November, Anfang Dezember muss es sich zum 15. Mal gejährt haben, dass der erste von mir geschriebene Text im World Wide Web veröffentlicht wurde.1 Es handelte sich um eine Kritik zum Film „Jackie Chan ist Nobody“, an den ich mich heute kein bisschen erinnern kann, und sie erschien auf „Schröders kleine Filmseiten“. Weil das Internet damals noch vergessen konnte, müsste ich die NSA um eine Sicherungskopie des Textes bitten, wenn ich ein entferntes Interesse daran hätte, meine Rezension noch einmal nachzulesen.

Das heißt auch: In ein paar Monaten werde ich mein halbes Leben ins Internet schreiben.

Ich glaube nicht, dass ich das Internet damals als Offenbarung, Chance oder Sensation begriffen habe. Mir war damals klar, dass die Zahl meiner Leser nicht signifikant steigen würde, verglichen mit den Texten, die ich in den sieben, acht Jahren zuvor in meine Schreibmaschine gehackt habe. Und meine Verwandten in den USA hätten meine Texte ja auch lesen können, wenn ich sie ihnen gefaxt hätte. Das Internet wurde erst richtig cool, als ich begriff, dass ich dort Fotos von meinen Lieblingsschauspielerinnen und obskure B-Seiten meiner Lieblingsbands herunterladen konnte. Ich fand den Eingangskanal immer beeindruckender als den Ausgangskanal.

Daran hat sich auch in den vielen Jahren, die ich auf verschiedensten Plattformen im Internet publiziert habe und in denen ich damit teilweise meinen Lebensunterhalt bestritten habe, nicht groß geändert. Natürlich weiß ich theoretisch, dass die mehr als 70.000 Zugriffe, die etwa unsere Oslog-Folge mit Lena Meyer-Landrut und Hape Kerkeling hatte, deutlich mehr sind als die maximal 50, 60 Zuschauer, die meine Freunde und ich im Jahr 1999 mit unseren selbst gedrehten Actionfilmen erreichen konnten. Und 2.000 Zuhörer hätte ich mit meinen Bands auch nie erreicht. Aber ich hab diese Sachen ehrlich gesagt immer in erster Linie für mich gemacht — ob sie hinterher auch Rezipienten finden, war mindestens zweitrangig.

Ich habe ins Internet geschrieben, bevor ich je das Wort „Blog“ gehört hatte. Meine Schulfreunde und ich hatten eine Seite, auf der wir uns über unsere Erlebnisse ausgetauscht haben, lange bevor wir wussten, was ein „Social Network“ ist, und bevor Facebook – oder auch nur MySpace2 – gegründet wurde. Für mich ist das Internet so selbstverständlich wie fließend Warmwasser und elektrischer Strom und ich habe nie verstanden, warum manche ein großes Gewese darum machen, das Internet zu kritisieren oder zu verteidigen. Man kann mit Wasser seine Hände waschen oder sein Kind in der Badewanne ertränken und man kann mit elektrischem Strom Kartoffelsuppe nach altem Familienrezept kochen oder „Taff“ auf ProSieben gucken — und so ist das Internet auch genau das, was man draus macht.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich nie so ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt habe, wie es auf Barcamps und Treffen wie der re:publica3 zelebriert wird. Ich habe das Internet immer für ein sehr praktisches Werkzeug gehalten und ich finde es schön, dass ich dort Dinge machen und konsumieren kann, die nie im Fernsehen oder Radio laufen und nie von einem Verlag gedruckt werden würden, aber ich halte auch mein Schweizer Taschenmesser,4 meinen Staubsauger und meinen Dosenöffner für sehr praktische Werkzeuge und würde dennoch nie zu einem Treffen von Taschenmesser-, Staubsauger- oder Dosenöffnerfans gehen.5

Ich will das hier jetzt gar nicht im Einzelnen aufdröseln, aber wenn ich sehe, was Geheimdienste, Regierungen und Anwaltskanzleien mit dem Internet veranstalten, macht mich das betroffen und wütend. Der Generalverdacht gegenüber der Bevölkerung, der sich in der Sammlung quasi aller Kommunikationsdaten manifestiert, ist unerträglich und auch irgendwie unlogisch: Schon seit Jahrzehnten werden Hämmer verkauft, mit denen man wahlweise Regale zusammenbauen oder jemanden erschlagen kann,6 von der vielseitigen Einsatzmöglichkeit von Messern und Autos ganz zu schweigen. Ich bin nicht der Meinung, dass man alles überwachen muss, weil Terroristen „Technik nutzen“, und ich hänge auf der staatstheoretischen Ebene der humanistischen Idee an, die Tim Berners-Lee kürzlich formuliert hat:

Any democratic country has to take the high road; it has to live by its principles. I’m very sympathetic to attempts to increase security against organised crime, but you have to distinguish yourself from the criminal.

Und weil Tim Berners-Lee der Mann ist, der das World Wide Web erfunden hat, nutze ich diesen Zirkelschluss, um zum Schluss zu kommen:

Ich mag das Internet, macht es nicht kaputt!

  1. Die lächerlichen „Homepages“, die meine Freunde und ich in den Monaten zuvor bei AOL bzw. Tripod (Kinder, fragt Eure Großeltern, was das war) hochgeladen hatten, zählen nicht als Text. []
  2. Kinder, bitte wieder die Großeltern fragen. []
  3. Allein die Schreibweise schon! []
  4. Seit Weihnachten 1994 in meinem Besitz. []
  5. Das mag freilich auch damit zusammenhängen, dass ich ein grundsätzliches Problem damit habe, Teil einer Gruppe zu sein. []
  6. In einigen Haushalten soll es zu Situationen gekommen sein, wo beides mehr oder weniger zeitgleich stattgefunden hat. []

4 Kommentare

  1. tux.
    15. Dezember 2013, 1:29

    ich halte auch mein Schweizer Taschenmesser, meinen Staubsauger und meinen Dosenöffner für sehr praktische Werkzeuge und würde dennoch nie zu einem Treffen von Taschenmesser-, Staubsauger- oder Dosenöffnerfans gehen.

    ^ Satz des Jahres!

  2. Eule
    16. Dezember 2013, 0:18

    Ein Treffen von Dosenöffnerfans fänd ich ja schon wieder kurios genug um neugierig zu werden…

  3. Wie berechenbar ist die Unberechenbarkeit? #Kontrollverlust #rp14 #Bloggercamp.tv | Ich sag mal
    16. Dezember 2013, 21:28

    […] Internetmäander. […]

  4. links vom 15.12.2013 | Meonik
    21. Dezember 2013, 19:04

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