Boulevard Of Breaking News

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 23. Februar 2012 14:37

Ich brauche irgendein Browser-Plugin, das verhindert, dass ich weiterhin Meldungen aus dem “Panorama”-Ressort von “Spiegel Online” lese. Mit Selbstbeherrschung ist es da leider nicht getan: Erst klicke ich doch wieder auf die Links mit den schwachsinnigen Überschriften und dann kriege ich wieder einen Wutanfall über den Mist, den die Seite da produziert.

Es ist ja noch nicht mal so, dass ich Boulevardjournalismus ganz grundsätzlich verdammen würde. Das “Bild”-Porträt über den Fahrer, in dessen Taxi Joachim Gauck zum Bundespräsidenten-Kandidaten wurde, ist etwa ein gutes Beispiel für gelungenen Boulevard: Ein eigentlich unspektakulärer Nebenschauplatz wird mit den Mitteln des großen Geschichtenerzählens ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, eine Fußnote so weit aufgeblasen, dass es gerade noch nicht übertrieben wirkt, und “Bild” hat dabei – soweit ersichtlich – keine Persönlichkeitsrechte verletzt. Das macht Freude und tut niemandem weh, das können sie bei “Bild” also auch, wenn sie nur wollen.

Bei “Spiegel Online” wollen sie auch ganz dringend Boulevard machen, aber sie können es nicht: Egal, ob die Leute dort nun über Prominente schreiben, die sie der eigenen Zielgruppe erst noch vorstellen müssen; ob sie Quatsch-Überschriften verwenden oder eine Mischung aus allem produzieren — die Artikel sind derart lieb-, sinn- und pointenlos zusammengestoppelt, dass ein einzelner Affe mit Google Translate eine lesenswertere Meldung vollbringen würde.

Vorgestern erwischte es Russell Brand, der der Zielgruppe in Dachzeile und Vorspann auch erst mal vorgestellt werden musst:

Komiker Russell Brand: Schwärmen für die Meinungsfreiheit. Russell Brand mit seinem losen Mundwerk muss es ja wissen: Meinungsfreiheit ist wichtig. Wie wichtig, verdeutlichte Katy Perrys Ex jetzt mit einem verworrenen Gedankenspiel - und einem anzüglichen Verweis auf ein Mitglied des britischen Königshauses.

“Verworrenes Gedankenspiel” klingt nach Irgendwas mit Hitler, war es dann aber doch nicht:

“Gut, dass es Redefreiheit gibt. Das bedeutet, ich kann sagen, dass ich Prinz Charles sexuell attraktiv finde”, sagte Brand, wie die Zeitungen “Daily Mirror” und “Sun” übereinstimmend berichten. Zudem könne er dank der Redefreiheit sagen, die US-Präsidentschaftswahlen seien ein bedeutungsloses Spektakel, das von den Machenschaften derjenigen ablenken solle, die den Planeten kontrollieren. “Niemand kann etwas dagegen tun. Danke, Amnesty.”

Wenn “Daily Mirror” und “Sun” etwas übereinstimmend berichten, muss es natürlich auch auf “Spiegel Online” stehen. Aber gut: Da hatte Russell Brand also das gemacht, was deutsche Comedians eher selten machen — einen Witz. Witze nachzuerzählen ist schon knifflig genug, Witze zu erklären hingegen sollte sich eigentlich von selbst verbieten.

Aber wir haben ja Rede- und Pressefreiheit, also erklärte “Spiegel Online”:

Es wäre nun sicherlich falsch, Brand echte Gelüste nach dem Prinzen zu unterstellen. Schließlich wird dem 36-Jährigen nach seiner Trennung von Katy Perry eine Liaison mit der mexikanischen Malerin Oriela Medellin Amieiro nachgesagt.

Traurig, ginge aber mit viel gutem Willen noch als Schlusspointe durch. Aber leider stand ja bei “Daily Mail” und “Sun” noch mehr im Artikel. Und das musste auch noch mit, zur Not eben als letzter Absatz:

Hintergrund von Brands Aussage: Er wird beim The Secret Policeman’s Ball am 4. März in New York auftreten, einer traditionsreichen Benefiz-Gala zugunsten von Amnesty International. Laut “Sun” wird die Veranstaltung zu ihrem 50-jährigen Bestehen erstmals außerhalb Großbritanniens stattfinden.

Die gute Nachricht: Den vierten Absatz erreichen die wenigsten Leser wach oder lebendig.

Heute nun liefert der selbe Autor diese Sensationsmeldung ab:

Helena Bonham Carter: Handy mit Hasenohren. Helena Bonham Carters Leistungen sind preisverdächtig. Das fand offenbar auch Queen Elizabeth II. und zeichnete die Schauspielerin nun mit einem Orden aus. Die Verleihung hätte eine höchst würdevolle Angelegenheit werden können - wäre da nicht ein pinkfarbenes Handy gewesen.

Um die … äh: Pointe gleich vorwegzunehmen: Bei dem pinkfarbenen Handy handelte es sich “offenbar” nicht um das von Frau Bonham Carter.

Nach der Verleihung posierte die Schauspielerin der Zeitung zufolge für Fotografen. Die entdeckten in Bonham Carters Hand ein pinkfarbenes Mobiltelefon mit Hasenohren, das offenbar eher Nell als Bonham Carter selbst gehörte. Ob das Handy während der Zeremonie losgegangen sei, wollten die Fotografen wissen. “Nein”, witzelte die Schauspielerin, “aber die Vierjährige.”

Das Telefon war zwar selbst der “Daily Mail” nur eine Erwähnung am Rande wert gewesen, aber für “Spiegel Online” kann man natürlich schon mal den Aufhänger des Artikels daraus machen — gerade, wenn man eine achtteilige Bildergalerie dazu packen kann.

Nur ein Foto von dem verdammten pinken Handy, das gibt es natürlich nicht.

14 Kommentare

  1. Alberto Green
    23. Februar 2012, 14:54

    AUFHÖREN! Ich kann nicht mehr! OH GOTT!

    Ich bin aber beruhigt, dass ich meine Spiegelonline-Lektüre offensichtlich unter Kontrolle habe, denn diesen Kack habe ich nicht gelesen.

  2. cf
    23. Februar 2012, 17:45

    wenn es dir wirklich ernst ist mit dem ausblenden des panorama-ressorts: solche plugins gibt es tatsächlich. jedenfalls solche, die sich dafür instrumentalisieren lassen:

    zum einen könntest du deinen adblocker (so du einen verwendest) entsprechend konfigurieren — für adblock plus sollte es etwa die folgende regel (zum “verstecken von elementen”) tun:
    spiegel.de#div(class*=panorama)

    alternativ könnte man etwas equivalentes auch in ein einfaches user-stylesheet (z.b. mittels stylish, gibt es als addon für firefox und chrome) packen.

    ;-)

  3. Sarah
    24. Februar 2012, 9:34

    Sehr amüsant! Es gab da auch mal eine Untersuchung, die die Boulevardisierungstendenzen beim Spiegel zeigt, die auch lesenswert ist:

    http://www.security-informatics.de/blog/?p=372
    http://www.security-informatics.de/blog/?p=425

  4. Sigrid
    24. Februar 2012, 9:43

    Dabei schreibt das Panorama meist ohnehin nur noch Bild-Artikel ab. Und kriegt manchmal halbe Tage lang nicht einmal das hin.

    Was ihre Teaser angeht, so liegen sie mit nichterfüllten Andeutungen bereits gleichauf mit all den Goldenen (“Prinzessin Victoria: Das Drama um die zwei Köpfe ihres Babys!”) Blättern.

  5. dp
    24. Februar 2012, 10:50

    ist die leiterin von dem pano resort nicht die selbe die bei BILD leipzig rausgeflogen war weil die selbst für BILD zu schlecht war?

  6. Meganne
    24. Februar 2012, 11:04

    Wobei bei dem BILD-Porträt die Diskrepanz zwischen den “Zitaten” im Text und dem, was der Taxifahrer in dem Video im gleichen Artikel selbst über sein Gespräch mit Gauck sagt, schon sehr amüsant ist.

    >>„Ich führe Sie“, sagt Gauck, als das Taxi losfährt.<<

    Wenn der das gesagt hat, bin ich Uncle Cracker.

  7. nömix
    24. Februar 2012, 13:15

    Ist doch praktisch: wer SPON-Panorama zu lesen kriegt, braucht DAS GOLDENE BLATT nimmer zu abonnieren.

  8. rog
    24. Februar 2012, 14:03

    @5, dp: Wenn Sie schreiben, eine Dame sei “selbst für BILD zu schlecht gewesen”, unterliegen Sie in meinen Augen einem kleinen Irrtum. Man mag von BILD halten, was man will – aber die meisten Journalisten in Deutschland wären dem Druck und den handwerklichen Anforderungen bei dieser Zeitung wohl nicht gewachsen.
    Boulevard schüttelt man eben nicht mal nebenher aus dem Ärmel. Ist zumindest meine Erfahrung.

  9. dp
    24. Februar 2012, 14:30

    @8 rog, so weit ich weiß hatte sie mehrere artikel/beiträge geschrieben die sagen wir es vorsichtig unrichtig waren. ich glaube bildblog hatte das recht gut dokumentiert

  10. rog
    24. Februar 2012, 14:34

    @dp: Danke für den Hinweis. Das war mir bislang unbekannt.

  11. rog
    24. Februar 2012, 14:44

    @dp: Nachdem ich jetzt ein wenig nachgeforscht habe, möchte ich nur zu bedenken geben, dass Sie vielleicht einem Irrtum aufsitzen: Die Panorama-Chefin von Spiegel Online ist bereits mit 25 Jahren zum Spiegel gestoßen. Dass sie vorher bei BILD rausgeflogen sein soll, halte ich deshalb für eine Mär, zumal sie zu dieser Zeit studiert hatte. Auch beim Bildblog ließ sich kein Eintrag finden, in dem ihr Name vorkommt.

  12. Lukas Heinser
    24. Februar 2012, 14:48

    Bis zum letzten Jahr war Patricia Dreyer “Panorama”-Chefin von “Spiegel Online”. Sie war vorher in der Tat bei “Bild”, aber es spricht wenig dafür, dass sie dort “rausgeflogen” wäre.

  13. dp
    24. Februar 2012, 15:11

    @Lukas ja die meinte ich, es war mir nicht bekannt das sei die position nicht mehr inne hat. Ob sie gegangen ist oder wurde kann ich auch nicht mit sicherheit sagen des wegen das ? hinter meinem ersten post

  14. Zukunftsvision Qualitätsboulevard? Eine Qualitätsdebatte des Online-Journalismus am Beispiel des SPON | Köpfe des digitalen Wandels im Journalismus
    29. März 2013, 11:44

    […] Kritik an SPON beläuft sich jedoch maßgeblich auf das Ressort Panorama, welches in den letzten Jahren […]

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