Jugend schreibt

Von Lukas Heinser, 7. Februar 2011 13:38

Vor einigen Jahren wollte ich schon einmal über die Arbeitsbedingungen von Schüler- und Jugendreportern bei Lokalzeitungen schreiben. Auslöser war damals ein … nun ja: unfassbar schlechter Artikel, den ich über die „Einslive Krone“ gelesen hatte. Ich hätte darüber geschrieben, dass die hoffnungsvollen Jüngst-Journalisten als besonders preiswerte Arbeitssklaven missbraucht werden, dass ihre Artikel unredigiert (oder ohne weitere Erklärungen redigiert) veröffentlicht werden und sie so aus ihren möglichen Fehlern nie würden lernen können. Dann stellte ich fest, dass der unfassbar schlechte Artikel von einer „WAZ“-Redakteurin geschrieben worden war, und vergaß das Thema erst mal.

Dann sind wir beim BILDblog auf den Fall einer Jugendreporterin beim Kölner „Express“ gestoßen, die es geschafft hatte, Online- und Print-Redaktion Artikel unterzujubeln, die aus Pressemitteilungen und Agenturmeldungen abgeschrieben waren. Die Fahrgestellnummer Handlungsorte hatte die Autorin ins Einzugsgebiet der Zeitung verlegt.

Ein solches Verhalten ist zweifellos völlig unjournalistisch. Aber so ein Text muss ja theoretisch auch erst mal an einer Redaktion vorbei, bevor er veröffentlicht wird. Dass „fact checking“ in den meisten deutschen Redaktionen ein Fremdwort ist, ist klar (es ist ja auch eins), aber nach gewissen Erfahrungen der letzten Jahre sollte man als Endredakteur doch zumindest einmal kurz den Namen von angeblichen Zitatgebern googeln. Bei der „Express“-Reporterin hätte in zwei der drei Fälle das erste Suchergebnis die tatsächliche Wirkungsstätte der entsprechenden Personen verraten und damit weitere Fragen aufwerfen müssen.

Der erste Zeitungsartikel, in dem mein Name in der Autorenzeile stand, erschien im Mai 1997 in der Dinslakener Lokalausgabe der „Neuen Rhein Zeitung“ (die damals glaube ich noch „Neue Ruhr Zeitung“ hieß). Im Zuge eines „Zeitung in der Schule“-Projekts hatten wir mit der ganzen Klasse den Hundeübungsplatz der Polizei in Wesel besucht und Reportagen darüber geschrieben. Aus drei dieser Reportagen verschnitten die Redakteure dann einen neuen Artikel, den sie druckten. Was ausgerechnet an unseren Texten so gut gewesen sein soll, haben wir nie erfahren.

Fünfeinhalb Jahre später fing ich als freier Reporter für die Dinslakener Lokalausgabe der „Rheinischen Post“ an. Vor meinem ersten Termin gab man mir eine Mappe mit, in der alles stand, was man als junger Journalist zu beachten hatte. Ich weiß nicht mehr, was drin stand, aber „nicht abschreiben!“ stand womöglich irgendwo dabei. Der Rest war learning by doing — oder genauer: learning by reading what has become of your own texts.

Mein erster Text wurde komplett im Wortlaut veröffentlicht, was sicher nicht an dessen Qualität lag. In anderen Texten korrigierte die Redaktion die ungewöhnlichen Namen der Protagonisten zur gängigen und damit falschen Schreibweise oder sorgten dafür, dass sich die Jugendlichen bei einem Rockfestival die „Dröhnung am Freitagabend schmecken“ ließen. Bei der Zeitungslektüre meiner Reportage über einen Schwimmmeister im städtischen Freibad erfuhr ich, dass die Blondinen bei „Baywatch“ nicht „drall“, sondern „hübsch“ sind. Für Überschriften galt damals, was auch heute noch für jede Lokalredaktion gilt: Hauptsache, sie sind nichtssagend und auf keinen Fall grammatisch korrekt oder gar knackig.

Rückmeldungen gab es kaum, aber das mag auch daran liegen, dass ich als Kulturreporter die Artikel meist noch am Abend in die Redaktion mailte und nur selten mit den Kollegen vor den völlig veralteten Redaktionscomputern saß. Aber auch wenn ich da war, gab es nicht viele Gespräche über meine Texte.

Das alles hilft den jungen Reportern (und den Zeitungen) nicht weiter. Natürlich ist es toll, schon in jungen Jahren große Artikel für die Zeitung schreiben zu dürfen, aber zu optimieren gibt es eigentlich immer was. Zwar muss man annehmen, dass den allermeisten Lesern die Qualität von Zeitungstexten eher egal ist, aber wer für 12 bis 20 Cent pro Zeile vorher noch stundenlang in Schalterhallen Kunstwerke aus Simbabwischen Serpentinstein begucken oder sich auf einem kalten Supermarktparkplatz mit Renault-Bastlern über Tuning unterhalten musste, der hat als Dreingabe wenigstens ein bisschen konstruktive Kritik verdient.

Angesichts der chronischen Unterbesetzung vieler Lokalredaktion mag es fast wie ein Wunschtraum klingen, aber irgendjemand sollte eigentlich noch mal vor Veröffentlichung über jeden Text drübergucken — besonders über die von Berufsanfängern, die noch nicht mal theoretisch mit journalistischer Ethik in Kontakt gekommen sind.

Die Geschichte mit den umgesiedelten Agenturmeldungen ist da noch vergleichsweise ungefährlich. Da gab es etwa den Fall einer Jugendreporterin, die ein Interview gemacht hatte mit einem Mädchen, das in einer sozialen Einrichtung lebt. Dabei ging es auch um die Vorgeschichte, warum sie aus ihrem kleinen Heimatdorf in diese Einrichtung in der nächsten größeren Stadt gekommen war. Der Artikel erschien schließlich mit voller Namensnennung des Mädchens, das anschließend tagelang in der Angst lebte, einer ihrer Verwandten könnte diese Geschichte lesen. Zum Glück schien sich niemand aus ihrer Familie weiter für den Jugendreporterteil zu interessieren.

Ich halte es nach wie vor für eine gute Idee, als Journalist die sprichwörtliche Lokal-Schule von Kaninchenzüchterverein und Seidenmalereiausstellung durchlaufen zu haben. Damit kann man auch gar nicht früh genug anfangen (unvergessen die Germanistik-Studenten im ersten Semester, die gerne „was mit Medien“ machen wollten, aber noch nie irgendeinen Text geschrieben hatten). Aber diese hoffnungsvollen jungen Leute, sollen irgendwann, wenn sich die ganzen frühvergreisten Schreibbeamten aus den Redaktion zurückgezogen haben werden, ja auch mal an vorderster Front stehen. Und da kann es nicht schaden, sich von Anfang an um sie zu kümmern.

10 Kommentare

  1. Links anne Ruhr (08.02.2011) » Pottblog
    8. Februar 2011, 6:10

    […] Jugend schreibt (Coffee And TV) – Über junge Journalisten und dass Redaktionen sich auch mal darum kümmern sollten… […]

  2. Dr. No
    8. Februar 2011, 10:09

    „…Berufsanfängern, die noch nicht mal theoretisch mit journalistischer Ethik in Kontakt gekommen sind“ Das mag sein – meiner Erfahrung nach haben Berufsanfämger aber trotzdem fast immer mehr Sinn für jorunalistische Ethik als die alteingesessenen Redakteure.

    Mag aber auch eine Spezialität der Zeitung sein, für die ich gearbeitet habe.

  3. Dr. No
    8. Februar 2011, 10:11

    (und ich habe normalerweise mehr Sinn für das Vermeiden von Tippfehlern, aber habe schlecht geschlafen)

  4. Wolfgang Messer
    8. Februar 2011, 12:04

    Chronische Unterbesetzung von Lokalredaktionen mit den entsprechenden Folgen gab’s auch früher schon. Ich hatte 1979 als Gymnasiast einen Leserbrief an die beiden örtlichen Zeitungen zum Thema „Unterrichtsausfälle“ geschrieben. Eine Zeitung druckte ihn fast unredigiert als redaktionellen Artikel ab (und kassierte prompt eine Gegendarstellung des Gymnasiums), die andere nahm ihn immerhin zum Anlass für eigene Recherchen und verarbeitete ihn in einem Artikel.

    Ebenfalls Ende der 1970er wurden die Pressemitteilungen, die ich für meinen damaligen Billardverein vom Stapel ließ, sowie einige Konzertberichte weitgehend unbearbeitet gedruckt – obwohl sie meist höchst tendenziös und ziemlich laienhaft formuliert waren. Ich wurde dann aber dennoch Volontär bei einer dieser Zeitungen.

    Damals wie heute gibt es einige lokale Tageszeitungen (ich nenne keine Namen), die besser nicht für ein Projekt „Zeitung in der Schule“ verwendet werden sollten, weil Grammatik, Rechtschreibung und Zeichensetzung das Gegenteil von vorbildhaft sind.

    Schimpfe noch mal einer über die unbeweglichen Beamtenköpfe bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – diverse (Chef-)Redakteure bei privaten Verlagen sind noch weitaus verknöcherter, sturer und saturierter. Interesse an ordentlicher Nachwuchsausbildung? Ach, woher denn – die sitzen ihre Zeit bis zur Rente ab und was danach kommt, juckt nicht.

    Immerhin gibt’s aber auch in jedem Verlag den einen oder anderen „Leuchtturm“, in dessen Hirn noch Leben tobt und in dessen Herz noch Feuer brennt. Liebe Volontäre und junge Freie: Sucht diese seltenen Exemplare und seid offen für deren Hilfe und Kritik, auch wenn sie manchmal schmerzen kann.

  5. Jugend schreibt
    8. Februar 2011, 12:32

    […] And TV: “Nachwuchskräfte im Journalismus brauchen konstruktive Kritik, um besser zu werden: “An… (via […]

  6. Zahnwart
    8. Februar 2011, 14:20

    Als ich Ende der Neunziger mein erstes Praktikum in einer lokalen Kulturredaktion machte, wollte ich von dem für mich abgestellten Redakteur wissen, was an meinen Texten denn gut sein und was ich verbessern könnte. Seine Antwort: „Ich gehe nochmal drüber; was ich übrig lasse, wird wohl ganz in Ordnung gewesen sein, was ich verändere, war wohl nicht so gut.“ Meine Erfahrungen während dieses Praktikums gingen gegen Null.

    Oder, doch, eine wichtige Erfahrung habe ich gemacht: Ich habe gelernt, dass ich meinen Praktikanten heute immer ein umfangreiches Feedback geben muss. Dass Redakteursarbeit nicht bedeutet „Da gibt es gute Passagen, die lasse ich drin, und da gibt es schlechte Passagen, die streiche ich raus“, sondern dass ein Text meist nicht klar entscheidbar „gut“ oder „schlecht“ ist. Dass es im Deadline-Stress manchmal schwierig ist, eine Textdiskussion so intensiv zu gestalten, wie es nötig wäre. Und dass man es trotzdem immer wieder versuchen sollte.

  7. Martin Kaysh
    8. Februar 2011, 17:49

    Die harte Schule des Lokaljournalismus. da stimme ich Dir voll zu. Lustig, dass Deine Erfahrungen sich fast völlig mit meinen 20 Jahre älteren decken. Selbst die Bezahlung scheint unverändert. Ich ahbe bei einem großen politischen Fernsehmagazin die Erfahrung geamcht, dass einigen der Junjournalisten dort die erfahrung der Lokalredaktion fehlte. Die mussten lange über Zusammenhänge grübeln, die mir auf Anhieb klar waren. Galt dann teilweise als Klugscheißer, egal.
    Naja, und was die Termine im Lokalen angeht: Habe so geile Stories auch bei Geflügelzüchtern erlebt und auch schreiben können. Es war halt immer nur unbezahlte Mehrarbeit. Du kannst zum Termin gehen, Dir die Jubilarliste in die Hand drücken lassen und wieder abdampfen. Oder Du guckst bei der Marinekameradschaft mal ein bisschen genauer hin, entdeckst einige rechtsradikale Schriften auf dem Infotisch, hast eine Geschichte, drei leserbriefe und eine Abbestellung. Ich durfte allerdings Mitte der 80-er auch noch ungestraft Anzeigenboykotte herbeischreiben, auch wenn es unterm Strich um mehr als 10 000 Mark ging. Das dürfte heute nicht mehr so leicht sein.

  8. Daniel
    8. Februar 2011, 21:37

    Mitte der 90er hab auch ich mein erstes Praktikum bei einer Tageszeitung gemacht. Anfangs wurde ich ziemlich links liegen gelassen, wahrscheinlich dachten sich die Redakteure „Praktikanten kommen und gehen“. Bei meiner anschließenden freien Mitarbeit hatte ich dann allerdings Glück: Es gab ein paar Redakteure, die mir unter die Arme gegriffen und ein paar Tricks verraten haben. Allerdings war ich da auch oft in der Redaktion vor Ort – bei anderen Redaktionen, die ich nur einmal im Jahr von innen gesehen hab, sah das auch wieder anders aus.

  9. Marc
    9. Februar 2011, 21:21

    Lukas, ich mag deinen Eintrag und doch ist mir deine Kritik zu handzahm; sowohl was die Stammredakteure einer Zeitung als auch die Jungreporter angeht.
    Leider haben die Redakteure einer Zeitung häufig kaum noch Ressourcen, die Texte der Praktikanten wirklich zu analysieren und sie gemeinsam mit dem Schreiber zu besprechen. Wirklich verübeln kann man es ihnen auch nicht, schließlich sind Praktikanten in Zeitungen ein Massengut – durchlauferhitzermäßig, viele sieht man nie wieder, warum sich großartig für sie einsetzten und sich Streß machen?

    Umgekehrt weiß jeder Mensch nach zehn bis dreizehn Jahren Schule, dass abschreiben „nicht okay“ ist. Dafür braucht es keine Belehrungen von festangestellten Redakteuren, so etwas ist auch kein Versehen: Es ist schlicht Betrug, und dass wusste die EXPRESS-Jugeandreoporterin wohl ziemlich genau, als sie die Texte eingereicht hat. Insofern ist eine „ethische Journalisten-Lehrstunde“ wohl auch fehl am Platz.

  10. Huge
    10. Februar 2011, 1:14

    Stimmt, wirklich intensives Feedback habe ich während meiner freien Mitarbeit bei der Lokalzeitung (2005-2008) auch nicht bekommen. Es guckte zwar meistens ein Redakteur drüber, aber das ging nach dem Motto: „Ist okay und jetzt ab nach Hause“. War halt kurz vor Redaktionsschluss.

    Harte Schule würde ich es trotzdem nicht nennen – die Arbeit hat Spaß gemacht, war recht gut bezahlt und hat sogar auf meine Lehrer Eindruck gemacht ;)