Out Of Time

Von Lukas Heinser, 29. Oktober 2010 16:56

Ich war vorhin mit Tommy Finke beim Zollamt Bochum, um die gemeinsam bestellten Sondereditionen des neuen Ben-Folds-Albums abzuholen. Schon beim Betreten des Gebäudes merkten wir, dass etwas nicht stimmte: Die Zeit, die ja bekanntlich relativ ist, begann, sich gen Unendlichkeit zu dehnen. Alles. Wurde. Langsamer.

Ein Mann, der aufgrund seines Arbeitsplatzes wohl als Zollbeamter interpretiert werden darf, schlurfte zu uns heran und bewegte seinen Mund. Wer ganz aufmerksam war, konnte Laute erkennen, die das menschliche Gehirn, in derlei Aufgaben geschult, zu einzelnen Worten und ganzen Sätzen zusammensetzen konnte. Ich reichte ihm das Anschreiben, das mich darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass die von mir bestellten Tonträger in jenem kleinen Haus kurz vor dem Rand der Erdscheibe abzuholen seien, und der Mann verschwand in einem Raum, in dem vermutlich mehrere Tonnen Elfenbein, Kokain und Anthrax-Viren seit vielen, vielen Jahren ihrer Abholung harren.

Ich dreht mich zu Tommy – eine Bewegung, die für die Menschen in dieser Zeitblase wie der Flügelschlag eines Kolibris gewirkt haben muss – um „Hier sieht’s genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe“ zu sagen, doch da hatte Tommy schon „Hier sieht’s genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe“ gesagt. An der Pinnwand hingen fotokopierte Hinweise aus einer Zeit, als die Olympia ES 200 gerade frisch auf den Markt gekommen war, auf einem Schreibtisch stand ein Wimpel des FC Schalke 04, auf den Fensterbänken: Bürobegleitgrün.

Der Zollbeamte kehrte mit einem Paket zurück, das uns sagte, dass es eine gute Idee gewesen war, mit dem Bulli vorbeizukommen. Umständlich holte er ein Teppichmesser, mit dem ich das Paket öffnen durfte. „Teppichmesser“, dachte ich, „haben damit nicht die Attentäter des 11. Sept…“ Weiter kam ich nicht: In der unfassbar ruhigen Atmosphäre des Zollamts war mein Gehirn einfach eingeschlafen.

Eine Putzfrau wirbelte um uns herum in einem Tempo, in dem ich für meine eigene Wohnung zwar zwei Tage bräuchte, das in diesem Hause aber als hektisch empfunden werden musste. „Sie machen ja alles nass“, sagte der Zollbeamte, wobei sein monotoner Tonfall offen ließ, ob es sich dabei um einen Vorwurf oder nur um eine Feststellung handelte. Er bat uns in einen Nebenraum und riet uns, auf dem feuchten Untergrund vorsichtig zu gehen — nicht auszumalen, wenn sich einer von uns auf die Fresse gelegt hätte.

Während ich einige Zettel unterschreiben musste, durchbrach Tommy die Grabesstille mit einem Smalltalkversuch:

Finke: „Das ist aber ganz schön ruhig hier bei Ihnen …“
Zollbeamter: „Das täuscht.“
Finke: „Ah. Vor Weihnachten ist wahrscheinlich am meisten los, ne?“
Zollbeamter: „Seit eBay. Seitdem ist hier die Hölle los. Früher war’s ruhig.“

Tommy und ich sahen uns an und sogleich wieder weg. Jetzt bitte nicht losbrüllen vor Gelächter. Ruhig bleiben! Kein Problem an einem Ort, gegen den in einem Zen-Tempel ein Trubel wie in der Grand Central Station herrscht. Ich bezahlte die Mehrwertsteuer und bekam mein Wechselgeld wieder, kurz bevor es aufgrund der normalen Inflationsentwicklung völlig wertlos geworden war. Wir durften gehen.

„Dann wünsche ich Ihnen noch einen geruhsamen Arbeitstag“, sagte Tommy zu unserem Sachbearbeiter und rief zum Abschied ein aufmunterndes „Gehen Sie verantwortungsvoll mit unseren Steuergeldern um!“ in das fassungslose Großraumbüro. Ein Mann blickte kaum merklich von seinem Computerbildschirm auf und hob missbilligend die Augenbraue.

Dieser Text ist eine Ergänzung zu meiner “Ämter”-Trilogie (bestehend aus dem Singspiel “Kreiswehrersatzamt”, dem klassischen Drama “Finanzamt” und dem absurden Fragment “Arbeitsamt”).

19 Kommentare

  1. SvenR
    29. Oktober 2010, 18:05

    Ebay, der Untergang des Abendlandes.

  2. Something Fishy
    30. Oktober 2010, 7:11

    Sehr treffend. Beim Münchener Zoll geht’s genauso zu.

  3. Seb
    30. Oktober 2010, 8:47

    großartiger Text!

  4. ca-fi
    30. Oktober 2010, 12:03

    vielleicht ist die hölle auch einfach nicht mehr das, was sie mal war… ;-)

  5. Der Ruhrpilot | Ruhrbarone
    30. Oktober 2010, 12:14

    […] Zoll: Out Of Time…Coffee and TV […]

  6. Links anne Ruhr (30.10.2010) » Pottblog
    30. Oktober 2010, 15:52

    […] Out Of Time (Coffee And TV) – Zu Besuch beim Zollamt in Bochum. […]

  7. wmin
    30. Oktober 2010, 16:39

    Habe ich es in Frankfurt tatsächlich einmal besser als anderswo? Meine ca. 5 Euro Zoll/Umsatzsteuer/whatever für ein Päckchen aus den USA durfte ich im lokalen Postamt statt direkt beim Zoll bezahlen.

  8. Sebastian Schille
    30. Oktober 2010, 23:31

    Herrlich! Was hab ich gelacht! Als ich letztens die Lieferung vom freundlichen Chinesen im Zollamt abgeholt habe, hat’s 45 Minuten gebraucht – und hätte gern jemanden dabei gehabt mit dem ich meine Fassungslosigkeit hätte teilen können… Gruß, Basti

  9. darktiger.org
    31. Oktober 2010, 14:19

    Hütte voll…

    Als ich gerade die nette Geschichte von Lukas über sein Erlebnis beim Bochumer Zollamt und der täuschenden Ruhe dort lese fällt mir eine ein, die ich vor Jahren beim Essener Prüfungsamt erlebte. Das Prüfungsamt WiWi hat (hatte?…

  10. 1ng0
    31. Oktober 2010, 16:24

    „bürobegleitgrün“ ist ein wunderbares wort!

  11. Jessica
    1. November 2010, 21:36

    super gut geschrieben :) hab mich weggeschmissen vor lachen ^^

  12. ralf
    1. November 2010, 22:53

    Herrlich – vielen Dank!

  13. Frank
    2. November 2010, 12:18

    Schöner, witziger Text. Danke!

  14. Ben
    2. November 2010, 15:24

    Als häufiger Gast in den Hallen des Bochumer Zolls muss ich die Damen und Herren mal in Schutz nehmen: Solche Situationen habe ich nur bei 90% meiner Besuche dort erlebt. Ansonsten ist es da doch tatsächlich sehr voll. ;-)

    Aber mal im Ernst: Die Menschen dort sind nett und rechnen auch schon mal etwas zuvorkommender. Das einzige Problem ist, dass die unendlich langsam sind. Teilweise war ich da der einzige Kunde und hab dann trotzdem ne halbe Stunde in dem Büro verbracht. Man sollte da also nicht hinfahren, wenn man nur mal eben zwischen zwei Terminen was abholen will. Funzt nicht. ;-)

  15. andre
    2. November 2010, 17:11

    Vierter Teil einer Trilogie, das ist ja wie bei Philipp Ardagh hier :-) und genauso hübsch und witzig, was ein Riesenlob ist. OT: Die Überschrift im bildblog heute „Die zehn Stadien der Exlusivität“ ist ebenfalls ein echtes Meisterwerk, preiswürdig :-)

  16. Fabian
    2. November 2010, 17:44

    Der alltägliche Behördenterror, es wäre schade, wenn es ihn irgendwann nicht mehr geben würde, man könnte dann nicht mehr über ihn schreiben..

  17. Markus
    2. November 2010, 22:45

    Das mag in Bochum so sein, in Ludwigshafen habe ich das bei einem Paket aus den USA anders erlebt: schnell und kompetent.
    Aber ich glaube, das liegt einfach an Bochum (s. Website-Bewertung bei Design-Tagebuch) und deren Bewohner (von denen ich zwei kenne, aber das reicht allemal für ein Urteil). Bochum ist in jeder Beziehung maximal nur zweiklassig (das ist jetzt mein Vorurteil, das ich hiermit auslebe).

  18. Coffee And TV: » Und dann kam Polli
    12. November 2010, 19:56

    […] Vorprogramm bestritt ein aufstrebender Singer/Songwriter und Zollbeamten-Bespaßer aus Bochum, dann ging es richtig los: Polli und Taka eröffneten mit einem Cover von Coldplays […]

  19. Latita's Life » » something to read 10
    13. November 2010, 6:32

    […] Und mal wieder was zu lesen: Out of time So hektisch kann es schon mal auf einem Zollamt zugehen. Sehr gut geschrieben von Lukas Heinser. […]

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