Winning In The Name Of

Von Lukas Heinser, 13. Januar 2010 13:51

Es ging im Dezember durch alle Medien: Rage Against The Machine waren „Christmas No. 1“ in den britischen Charts. Die wichtigste Chartplatzierung des Jahres war in den letzten Jahren sonst geradezu traditionell an die Gewinner der Castingshow „X Factor“ gegangen, aber 2009 war es die 17 Jahre alte Schmuseballade „Killing In The Name Of“ der Alternative-Politrocker aus L.A. — einer „Guerilla-Aktion“ bei Facebook sei Dank.

Letztlich machte es aber keinen Unterschied, ob Castingstar Joe McElderly oder RATM auf Platz 1 gingen: Beide Künstler stehen bei Sony unter Vertrag. Im Gegenteil dürfte der heraufbeschworene Kulturkampf der Major-Plattenfirma überdurchschnittlich hohe Verkaufszahlen beschert haben, weil Unterstützer beider Seiten intensiv gekauft bzw. heruntergeladen haben, um ihren Favoriten vorne zu sehen.

Das Online-Musikmagazin Crud hat bereits im Dezember aufgeschrieben, dass es ein paar auffällige Verbindungen zwischen Jon Morter, dem Gründer der Facebook-Gruppe „RAGE AGAINST THE MACHINE FOR CHRISTMAS NO.1“, und Sony zu geben scheint — und erinnerte gleichzeitig daran, dass es auch im Weihnachtsgeschäft 2008 eine „Graswurzelbewegung“ um die Weihnachts-Nummer-1 gab: Damals gab es den Versuch (ebenfalls u.a. mit Hilfe einer Facebook-Gruppe), Jeff Buckleys Version von Leonard Cohens „Hallelujah“ auf Platz 1 zu kaufen, damit nicht die Interpretation des selben Songs von „X Factor“-Siegerin Alexandra Burke gewinnt. 2008 ging das noch schief, Burke stand mit ihrem Song an Weihnachten ganz oben, der 1997 verstorbene Buckley nur auf Platz 2. Beide Songs erschienen auf Labels (Buckley: Columbia, Burke: Epic), die letztlich zu Sony gehören — und wenn Leonard Cohen selbst Nr. 1 geworden wäre, hätte es wiederum Columbia getroffen.

Im Zuge der Regierungskrise in Nordirland, wo Iris Robinson, die Frau des Regierungschefs, eine Affäre mit einem deutlich jüngeren Mann hatte und auch Geldzahlungen eine Rolle spielen, hatten die Medien schnell die passende musikalische Untermalung gefunden: „Mrs. Robinson“ von Simon & Garfunkel, der Titelsong zum Film „The Graduate“, in dem eine ältere Mrs. Robinson eine Affäre mit einem deutlich jüngeren Mann hat. Prompt soll auch der Song mal wieder auf Platz 1 gekauft werden. Der Soundtrack war 1968 bei Columbia erschienen, das seit 1988 zu Sony gehört.

Nun sollte man diese Indizien nicht überbewerten: Ein Riesenkonzern wie Sony hat immer viele Eisen im Feuer — und wenn ich Ihnen hier rate, Kilians- oder Tocotronic-CDs zu kaufen, landet Ihr Geld letztlich beim selben Major (Universal), wie wenn Sie – was Gott verhüten möge – CDs von Aura Dione oder Brunner & Brunner erwürben. RATM-Gitarrist Tom Morello, ein Mann mit einigermaßen gesunden Grundsätzen gegen Globalisierung und Kapitalismus, hat dann auch alle Verschwörungstheorien brüsk zurückgewiesen und vermutlich ließe sich für jeden anderen Major eine ähnliche Sammlung Liste anlegen.

Man sollte sich nur im Klaren darüber sein, dass dieses ganze Web-2.0-ige „Guerilla“-Ding dann letzten Endes doch wieder Geld in die Kassen der nicht mehr ganz so großen big player spült. Die berichterstattenden Medien scheinen das ein bisschen zu übersehen.

Mit Dank auch an Martin L.

9 Kommentare

  1. uk
    13. Januar 2010, 14:20

    „Letztlich machte es aber keinen Unterschied, ob Castingstar Joe McElderly oder RATM auf Platz 1 gingen: Beide Künstler stehen bei Sony unter Vertrag.“
    Naja auf RTL laufen auch Dr. House und Nachmittags Trash ala „Verdachtfälle“ und ich hoffe doch sehr es macht einen Unterschied, dass ich letzteres nicht länger als 5 Minuten sehen kann.

  2. Jan
    13. Januar 2010, 15:46

    Dass man irgendwie immer was von Majors kauft, solang man nicht handgeschöpfte, selbstverpackte Vinyl-Ausgaben von glücklichen, freilaufenden Musikern erwirbt, sollte doch eigentlich klar sein. :o)

    Denn bei der Aktion ging es ja nicht darum, Den Majors[tm] in den Hintern zu treten, sondern: „The point is to have something else at the top as opposed to the same TV show scooping it again. Rage was a perfect choice, hence it went to No.1…we couldn’t give a toss what label it’s on.“ (Zitat von der Facebook-Seite)
    Und das haben sie geschafft, und genau das machte. zumindest für mich, den Spaß dabei aus.

  3. links for 2010-01-13 - Niveau ist keine Creme
    13. Januar 2010, 21:03

    […] Coffee And TV: » Winning In The Name Of Dafür liebe ich Blogs: Lukas deckt aufschlussreiche Labelzugehörigkeiten auf, die jeder kennen sollte, der über den Erfolg der Web2.0 Promo-Maschinerie jubelt, die kurz vor Weihnachten Rage Against The Machine an die Spitze der englischen Charts gekauft hat… (tags: Musik Musikindustrie Blogs Charts Sony) […]

  4. Zirkuskind
    13. Januar 2010, 21:36

    Und ich hatte mich schon gewundert, warum „Killing in the Name of..“ so urplötzlich mal wieder im Radio zu hören ist…im „ganz normalen“ Tagesprogramm – und das auch noch vor Weihnachten.. ;)

  5. ph
    14. Januar 2010, 0:24

    Die Medienkritik aber bitte nur auf Deutschland beziehen. Hier hat die BBC und der Guardian nämlich recht zeitig auf den (angeblichen) Widerspruch hingewiesen: http://news.bbc.co.uk/newsbeat.....003411.stm http://www.guardian.co.uk/musi.....istmas-no1

  6. Armin
    16. Januar 2010, 12:15

    In Ergaenzung zu ph, ich kann das Video im Moment nicht finden, aber ich bin mir ziemlich sicher dass Jon Morter in einem Interview mit der BBC (in den Hauptabendnachrichten) recht direkt auf die „Sony-Frage“ angesprochen wurde.

  7. kreetrapper
    17. Januar 2010, 19:27

    erwürben

    Danke dafür.

  8. Christian
    18. Januar 2010, 11:11

    Ich fand den unkritischen Umgang mit der Geschichte auch etwas zweifelhaft:

    http://blogs.taz.de/popblog/20.....land_sind/

  9. Frederik
    26. Januar 2010, 0:05

    Ehm, Sony wird an dem Rage Against The Machine-Ding nicht viel verdient haben – soweit ich weiß, sollte das Geld gespendet werden.