14 Millionen Schläfer

Von Lukas Heinser, 14. September 2009 18:29

Gestern Abend hatten sie mich so weit, da war ich plötzlich einer der vielen Millionen Deutschen, die sich Günther Jauch als Bundeskanzler wünschten.

Zugegeben: Nach dem „TV-Duell“, dessen VHS-Aufzeichnungen seit heute früh in Apotheken als Mittel gegen Schlaflosigkeit zu haben sind (allerdings nur auf Rezept!), hätte ich auch Reinhold Beckmann noch als spritzig und sympathisch empfunden. Aber das hatte schon was, wie Jauch sich da in seiner ehemaligen Beinahe-Sendung – die jetzt „Anne Will“ heißt – im Sessel fläzte, gutgelaunt das eben Durchlittene in Worte fasste, die auch an jedem Stammtisch hätten fallen können, und dann als Zugabe noch das aussprach, was ich zuvor auch gedacht hatte: Schwarz-Rot macht jetzt noch zwei, drei Jahre weiter, dann kommt der große Knall und das große Experiment und dann ist Klaus Wowereit mit Hilfe der Linkspartei Kanzler.

Mitten in dieser Therapiesitzung der Selbsthilfegruppe „Große Koalition“ hatte sich eine Erinnerung in mein Bewusstsein geschlichen, die da zum wirklich falschen Zeitpunkt kam: Ich musste ein Jahr zurückdenken, an den Wahlkampf in den USA, an die Fernsehdebatten, die charismatischen Kandidaten auf beiden Seiten, an die „Schicksalswahl“ und den zum Heilsbringer deklarierten Barack Obama. Nach dem Beamtenmikado zur Primetime hätte auch Rudolf Scharping noch einen glaubwürdigen Heilsbringer abgegeben.

Anders als bei der Bundestagswahl vor sieben Jahren, wo „Stoiber verhindern“ noch eine Art von Systemkampf ausgestrahlt hatte, geht es dieses Jahr um nichts. Die Regierungskoalition ist unerheblich, das Volk wird aus unerfindlichen Gründen sowieso der Meinung sein, dass Angela Merkel eine gute „Arbeit“ mache. Das Signal des gestrigen „Duells“ (wer eine Aussage trifft, hat verloren) war ganz klar: Deutschland ist ein Land, das jeder führen kann, der sich irgendwann mal für die gehobene Beamtenlaufbahn qualifiziert hat. Man muss keine Ideen haben, für Deutsche ist es völlig ausreichend, wenn sie verwaltet werden.

Zu schade, dass Günther Jauch nicht antritt.

Alles Wichtige zum TV-Duell hat Peer im FAZ.net-Fernsehblog noch mal zusammengefasst.

16 Kommentare

  1. Dr. Borstel
    14. September 2009, 20:41

    Was heißt hier Günther Jauch? Es ist doch mittlerweile allgemein bekannt, dass 105% der Deutschen Horst Schlämmer zum Bundeskanzler wählen würden! Sag bloß, du gehörst nicht dazu?

  2. Bernhard
    14. September 2009, 21:43

    @Dr. Borstel: Wen man wählt und wen man sich wünscht – das sind zwei unterschiedliche Dinge! Jauch wünscht man sich, aber der ja tritt nicht an, weil er sich normalerweise lieber aus der Politik heraushält. Schlämmer würde man dann wählen, weil er verglichen mit den Alternativen immer noch das kleinere Übel darstellt. Schlämmer polarisiert zwar, aber wenn denn das halbe Deutschland den richtig gut findet und ihn der Rest tollerieren kann, weil er zumindest einen klaren Standpunkt bezieht und seine Meinung auch laut sagt, ohne sich um die Konsequenzen zu kümmern, dann ist das schon mal besser, als manch anderer echter Kanzlerkandidat, der in den vergangenen Jahren wählbar war.

  3. *indigoidian.de* » Blog Archive » zitiert #120
    14. September 2009, 22:49

    […] “Deutschland ist ein Land, das jeder führen kann, der sich irgendwann mal für die gehobene Beamtenlaufbahn qualifiziert hat. Man muss keine Ideen haben, für Deutsche ist es völlig ausreichend, wenn sie verwaltet werden.” (coffee & tv) […]

  4. Muriel
    15. September 2009, 3:20

    Der Vergleich mit dem US-Wahlkampf ist zwar tatsächlich eher deprimierend, aber ein Blick auf die Ergebnisse relativiert das dann wieder ein bisschen. Der Heilsbringer ist jetzt da, aber was das von vielen erwartete Heil angeht, muss man bisher wohl sagen: Er bringt’s nicht.
    Kann aber natürlich noch werden, er hat ja noch ein bisschen Zeit.

  5. Something Fishy
    15. September 2009, 7:48

    Im US-Wahlkampf ging es um Obamas Pastor und um die Frage, ob der Kandidat eine Stars-and-Stripes-Nadel am Jackett trug. Weiterhin ging es um die Lösung der weltweiten Energiekrise durch Ölsuche in Naturschutzgebieten („Drill Baby Drill“), es ging um Sarah Palins schwangere Tochter, um McCains Manieren (war es etwa respektlos, als er den Gegner „that one“ nannte?) und darum, ob Michelle Obama stolz auf „ihr Land“ sei, und wenn ja, seit wann. Zu schweigen von Obamas schlechtem Bowling-Score und seinem guten Abschneiden im Basketball.

    Charismatische Kandidaten, meinetwegen. Aber sollen wir uns wirklich einen Wahlkampf wünschen, der _noch_ alberner und substanzloser ist als bei uns?

  6. Hannah
    15. September 2009, 10:25

    lieber Obamas Ess- und Betgewohnheiten und die Hundefrage als gar keine Inhalte ;)

  7. Lukas
    15. September 2009, 12:53

    @Something Fishy: Klar, das ist die Kehrseite der Medaille. (Wobei ich einen Politiker, der solche Körbe macht, nahezu direkt als Führungspersönlichkeit haben wollen würde.) Die Plasberg-Frage nach irgendwelchen Schulnoten war aber auch schon so gaga, dass ich Merkels empörte Reaktion darauf fast nachvollziehen konnte (sie ließ sie nur unsouverän wirken).

    Etwas anderes hat Jörg Lau bei „Zeit Online“ in Worte gepackt:

    Wir haben keine korrupte, kaputte politische Kultur wie England. Wir haben keine zerstörte politische Kultur wie Amerika (wo Obama der blanke Hass entgegenschlägt). Wir haben keinen Berlusconi, keinen Wilders, keinen Blocher, keinen Le Pen, keinen Haider. Wir sind ein glückliches Land, was unser politisches Personal angeht.

    Man kann natürlich auch darüber diskutieren, ob das Unspektakuläre nicht eigentlich viel besser ist als das Spektakuläre (eine Frage, die sich auch in vielen Beziehungen stellt), aber statt Le Pen und Berlusconi würde ich sogar noch Seehofer akzeptieren.

    Nichtsdestotrotz sah man da am Sonntagabend aber natürlich keine konkurrierenden Systeme, sondern die Vertreter zweier Parteien, denen irgendwann zwischen 1998 und 2002 die Ideen ausgegangen sind.

  8. Markus
    15. September 2009, 15:41

    Ich dachte immer, Günther Jauch wäre ein erzkonservativer Hardliner, der Kinder isst, wenn sie sonntags nicht in die Kirche gehen. Oder habe ich das geträumt?

    Seit er sich jedenfalls im Frühjahr so großformatig und -spurig für dieses hanebüchene Pro-Reli-Volksbegehren in Berlin eingesetzt hat und man seine Horatio-Caine-Brille auf jeder begrünten Fahrbahntrennfläche sehen musste, traue ich dem nicht mehr über den Weg.

  9. Andreas
    15. September 2009, 16:42

    Jauch fiel nur deswegen positiv auf, weil der Rest des Kuriositätenkabinetts geradezu unterirdisch war: Ganz vorne Peymanns Berlusconi-Vision und bei Stoiber reicht schon die schlichte Präsenz.

    Ich merke, dass ich alt werde, wenn „Stoiber verhindern“ anno 2002 schon als Beispiel angeführt wird, denn mir sind noch die Anfeindungen wegen meines „Stoppt Strauss“-Aufklebers am Auto noch sehr präsent. Die damaligen Kandidaten vertraten nun wirklich sehr unterschiedliche Ziele und hatten beide nicht die Ausstrahlung von verbeamteten Sparkassenfachangestellten. Aber was nützt das Jammern: wir haben die Vertreter, die wir (mehrheitlich) gewählt haben.

  10. Bookmarks vom 15. September 2009 bis 16. September 2009 | Herr Pfleger
    16. September 2009, 8:01

    […] 14 Millionen Schläfer […]

  11. Sträuble
    20. September 2009, 15:37

    @Lukas:

    „Gestern Abend hatten sie mich so weit, da war ich plötzlich einer der vielen Millionen Deutschen, die sich Günther Jauch als Bundeskanzler wünschten.“

    So schlimm ist es schon? Das nennt man dann wohl Politikverdrossenheit.

    „Wobei ich einen Politiker, der solche Körbe macht, nahezu direkt als Führungspersönlichkeit haben wollen würde.“

    Haha, ich dachte schon, der Obama flechtet jetzt Körbe. Kam da bei der Formulierung des Satzes das pöse Englisch dazwischen? Solche Körbe werden hierzulande lediglich geworfen, dachte ich?

    @Markus:

    „Seit er sich jedenfalls im Frühjahr so großformatig und -spurig für dieses hanebüchene Pro-Reli-Volksbegehren in Berlin eingesetzt hat und man seine Horatio-Caine-Brille auf jeder begrünten Fahrbahntrennfläche sehen musste, traue ich dem nicht mehr über den Weg.“

    Erst seitdem? Lustig finde ich ja, was ich bei Wikipedia über den (vermutlich immer noch) Katholiken Jauch gelesen habe:

    „Jauch besuchte die Katholische Grundschule St. Ursula in Berlin-Zehlendorf.“

    St. Ursula!

  12. Lukas
    20. September 2009, 22:49

    Und dass er Katholik ist („vermutlich immer noch“!), ist irgendwie … schlimm, oder was?

  13. Sträuble
    21. September 2009, 6:22

    „Und dass er Katholik ist (”vermutlich immer noch”!), ist irgendwie … schlimm, oder was?“

    Da hast Du der Formulierung mehr entnommen als von mir beabsichtigt. Wikipedia lässt sich entnehmen, dass Jauch als Kind Katholik war. Ob er es heute noch ist, findet sich dort nicht. Dagegen spricht ein wenig, dass er mit seiner heutigen Ehefrau laut Wikipedia lange Jahre in „wilder Ehe“ lebte. Andererseits unterstützte Jauch die „Pro Reli“-Kampagne, was mir zu denken gibt. Bevor nun jedoch ein Anwalt meint, gegen eine falsche Tatsachenbehauptung vorgehen zu müssen, habe ich der Einfachheit halber die für Dich anstößige Formulierung verwendet. Das ist vielleicht übervorsichtig, gibt mir aber ein besseres Gefühl. Allerdings kann ich auch jetzt immer noch nicht die Deines Erachtens negative Konnotation meiner Formulierung wahrnehmen.

  14. Alberto Green
    21. September 2009, 11:24

    Günther Jauch lebte in Wilder Ehe und ist dafür nicht zu Boden geschleudert worden?! In was für einer kranken Welt lebe ich denn, bitte schön?

  15. Alberto Green
    21. September 2009, 11:27

    Ich lebe mit meiner Zukünftigen auch in wilder Ehe, habe gegen Pro-Reli gestimmt, finde die Pius-Brüder widerlich und schlafe sonntags gerne zu lange und bin trotzdem katholisch. So eine unreflektierte Kacke.

  16. Sträuble
    21. September 2009, 17:13

    @Alberto Green:

    Ich schreib’s noch mal anders, denn Du hast mich anscheinend missverstanden: Es ist mir egal, ob Günther Jauch, Du oder sonstwer Katholik ist und/oder z.B. in wilder Ehe lebt. Das allein sagt nicht viel aus und hatte eigentlich auch nichts mit meinem ursprünglichen Kommentar zu tun. Ich sehe es ein, da bin ich selbst schuld, dass ich durch meine Wortwahl da etwas – gegen meine Intention – betont habe. Mehr kann ich dazu auch nicht schreiben.

Diesen Beitrag kommentieren: