Christoph Daums Bedenken

Von Lukas Heinser, 23. Mai 2008 15:15

Am Mittwoch, 28. Mai 2008, wird das Deutsche Sportfernsehen (DSF) eine Dokumentation ausstrahlen, die sich mit dem immer noch größten Tabu im Fußball beschäftigt: der Homosexualität.

Wenn es stimmt, was die Deutsche Akademie für Fußballkultur vorab vermeldet, wird Christoph Daum, Trainer der Fahrstuhlmannschaft 1. FC Köln, in diesem Film folgende Worte sagen:

Da wird es sehr deutlich, wie sehr wir dort aufgefordert sind, gegen jegliche Bestrebungen, die da gleichgeschlechtlich ausgeprägt ist, vorzugehen. Gerade den uns anvertrauten Jugendlichen müssen wir mit einem so großen Verantwortungsbewusstsein entgegen treten, dass gerade die, die sich um diese Kinder kümmern, dass wir denen einen besonderen Schutz zukommen lassen. Und ich hätte da wirklich meine Bedenken, wenn dort von Theo Zwanziger irgendwelche Liberalisierungsgedanken einfließen sollten. Ich würde den Schutz der Kinder über jegliche Liberalisierung stellen.

Das klingt erst einmal ziemlich konfus, was sicher auch der freien Rede geschuldet ist. Aber es bedarf keiner besonders böswilligen Interpretation, um zu erahnen, dass da wohl mal jemand Homosexualität und Pädophilie durcheinander gebracht hat. Oder bringen wollte.

Nun halte ich normalerweise nicht viel davon, Menschen mögliche Verfehlungen aus ihrer eigenen Vergangenheit immer wieder vorzuhalten, aber an dieser Stelle sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sich da ein Mann um Jugendliche und „Verantwortungsbewusstsein“ sorgt, der vor acht Jahren nicht Fußballbundestrainer wurde, weil ihm schwerer Kokainkonsum nachgewiesen werden konnte. (Meinetwegen kann jeder mit seiner Gesundheit machen, was er will, aber hier geht es ja um die moralische Komponente der Geschichte.) Dass Daum ausgerechnet Trainer in der „schwulsten Stadt Deutschlands“ ist, ist da das Tüpfelchen auf dem i.

Ich bin gespannt, wie die Dokumentation letztlich aussehen wird, und ob Daums homophober Ausfall von der Öffentlichkeit überhaupt wahrgenommen wird. Der Profifußball wird immer wieder mit der katholischen Kirche in einem Atemzug genannt, wenn es um die letzten Bastionen offener Schwulenfeindlichkeit gilt. Das Fußballmagazin „Rund“ hat diesem Thema schon mehrere große Artikel gewidmet, die man hier und hier bei „Spiegel Online“ nachlesen kann.

DFB-Chef Theo Zwanziger will jetzt „ein Klima schaffen“ in dem auch offen homosexuelle Fußballer entspannt im Stadion auflaufen können. Das ist ihm hoch anzurechnen, aber es wird ein schwerer Weg in einem Umfeld, in dem Fans gegnerische Spieler oder den Schiedsrichter immer noch als „schwul“ bezeichnen und das durchaus als Beleidigung meinen. Wie bei seinem Engagement gegen Rassismus wird der DFB einen langen Atem brauchen und auch seine eigenen Entscheidungen anpassen. So wurde der Dortmunder Torwart Roman Weidenfeller im vergangenen Jahr für drei Spiele gesperrt und musste 10.000 Euro Strafe zahlen, weil er seinen Gegenspieler Gerald Asamoah beleidigt hatte: angeblich wurde Weidenfeller für die Worte „Du schwule Sau“ verurteilt – wenn er den dunkelhäutigen Asamoah (wie zunächst behauptet wurde) als „schwarzes Schwein“ beschimpft hätte, wäre die Strafe noch erheblich schwerer ausgefallen.

Zum aktuellen Fall Daum hat sich Moritz von hellojed. im offiziellen Webforum des 1. FC Köln umgesehen und präsentiert die schlimmsten Kommentare.

[via queer.de]

Nachtrag, 18:40 Uhr: Wie Moritz in einem weiteren Eintrag schreibt, hat sich Daum inzwischen gegenüber dem Kölner „Express“ erklärt – und dabei eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass er den Unterschied zwischen Homosexualität und Pädophilie wirklich nicht kennt:

Grundsätzlich bin ich ein toleranter und liberaler Mensch. Ich habe keinerlei Berührungsängste zu homosexuellen Menschen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es Einige, die gleichgeschlechtliche Beziehungen leben.
Kinderschutz geht mir aber über alles. Kinder müssen vor Gewalt und sexuellen Übergriffen, ganz gleich ob homo- oder heterosexuellen Menschen, geschützt werden. Deswegen arbeite ich auch aktiv bei der Organisation Power-Child.

Wer beim Wort „schwul“ gleich an eklige Männer denkt, die kleinen Jungs an die Sporthose wollen, sollte zumindest kurz überlegen, ob er dieses verquere Weltbild auch noch der Öffentlichkeit mitteilen muss.

Und während der „Express“ noch recht neutral „Wirbel um Daum-Aussage“ titelt, gehen bild.de („Daum beleidigt Schwule“) und stern.de („Daum macht gegen Schwule mobil“) gleich in die Vollen. Das muss ja auch nicht sein …

14 Kommentare

  1. zebramädchen
    23. Mai 2008, 15:28

    Hammer. Jetzt muss ich mich erstmal wieder beruhigen.

  2. diaet
    23. Mai 2008, 15:43

    Dass Daum ausgerechnet bei einem Verein Trainer ist, dessen vor kurzem gegründeter schwuler Fanclub von allen anderen Seiten des Vereins (und von Zwanziger) begrüßt wurde und wird, ist auch nochmal ein Tüpfelchen…

  3. hellojed.
    23. Mai 2008, 16:29

    Von der Freiheit der Meinungsäußerung (2)…

    Nachdem Lukas alles nochmal schön zusammengefasst hat und der entsprechende Thread im FC-Brett zum jetztigen Zeitpunkt schon 14 Seiten hat, hat sich der Express dem Thema angenommen und eine Reaktion von Christoph Daum bekommen:
    Grundsätzlich bin ich…

  4. Pottblog
    23. Mai 2008, 20:04

    Christoph Daum hält seine Zunge nicht in Zaum…

    Bei Coffee & TV bin ich darauf aufmerksam geworden, dass das DSF (”liebevoll” auch oft als BÄH bezeichnet…) am 28. Mai um 18.45 Uhr eine Fernsehdokumentation zum Thema Fußball und Homosexualität ausstrahlt.
    Laut ei…

  5. Jan
    24. Mai 2008, 1:43

    Mein erster Impuls ist ja häufig „Im Zweifel gegen die Boulevardpresse“ oder „Die haben den doch hoffentlich nur unglücklich zitiert“. Aber leider steht die exakte Erläuterung Daums aus dem „Express“ so auch auf der Website des 1. FC Köln.
    Der Mann scheint da wirklich einiges durcheinanderzukriegen und es auch auf Nachfrage nicht zu raffen, was er da von sich gibt und in einen Topf wirft (Herman reloaded, sozusagen).

    Eins hat er geschafft: jetzt bin ich wirklich auf die Ausstrahlung der Doku gespannt und wie man seine Passagen darin wohl verstehen wird.

  6. Jens
    24. Mai 2008, 10:53

    jetzt bin ich wirklich auf die Ausstrahlung der Doku gespannt

    Ob das das Ziel war? ;)

  7. Jan
    24. Mai 2008, 11:16

    Ob das das Ziel war? ;)

    Hehe, klar; der Online-Redakteur der Akademie hat einen guten Riecher, dass O-Ton von Daum immer dem Zweck der öffentlichen Aufmerksamkeit dienen kann. :)

  8. SvenR
    24. Mai 2008, 20:19

    Spätfolgen des Kokainkonsumms?

  9. Finn
    25. Mai 2008, 13:07

    Es stellt sich die Frage, wer hier was nicht erkennt. Daum wollte lediglich ausdrücken, dass er _grundsätzlich_ Kinderschutz über irgendwelche Liberalisierungsgedanken stellen möchte. Dass das beides nicht direkt was miteinander zu tun hat wird ihm schon bewusst sein.

  10. Lukas
    25. Mai 2008, 13:14

    Daum wollte lediglich ausdrücken, dass er _grundsätzlich_ Kinderschutz über irgendwelche Liberalisierungsgedanken stellen möchte.

    Und was genau hat Kinderschutz damit zu tun, ob sich Profifußballer zu ihrer Homosexualität bekennen?

    Dass das beides nicht direkt was miteinander zu tun hat wird ihm schon bewusst sein.

    Und warum konstruiert er dann, als er darauf angesprochen wird, abermals und unnötigerweise einen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie? (s. Nachtrag)

  11. Jens Weissenberg
    25. Mai 2008, 21:25

    Ein Gutes hat ja diese ganze Sache…Homophobie im Fußball rückt stärker in die (mediale) Öffentlichkeit…und wird kritisch thematisiert…

  12. OliverDing
    25. Mai 2008, 21:55

    http://www.youtube.com/watch?v=O8xo458LKuU

  13. Lukas
    3. August 2008, 22:03

    Der „Kölner Stadtanzeiger“ berichtet heute von einem „Versöhnungstreffen“ zwischen Daum und dem Fanclub „Andersrum rut-wiess“.

  14. amaranto» Blogarchiv » Homosexualität im Fußball – Tabu oder Alltag?
    4. Dezember 2010, 22:45

    […] berühmtesten wurde Christoph Daum, der vor Jahren verlangte, daß Kinder und Jugendliche vor […]

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