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Kultur

In memoriam Alfred Grimm

Alfred Grimm war einer der bedeu­tends­ten Künst­ler, die Dins­la­ken je her­vor­ge­bracht hat,1 er hat als Kunst­leh­rer am Theo­dor-Heuss-Gym­na­si­um zwei Gene­ra­tio­nen Hein­ser unter­rich­tet und er war – um mal die­se wun­der­vol­le For­mu­lie­rung zu ver­wen­den – ein Freund der Fami­lie.

In die­ser Funk­ti­on bin ich mit sei­ner Kunst auf­ge­wach­sen. Mit Tor­ten­stü­cken, die Deutsch­land reprä­sen­tie­ren soll­ten; mit Schach­bret­tern, auf denen sich Abgrün­de auf­ta­ten, und Röh­ren­fern­se­hern, in denen sich gan­ze Wel­ten ent­span­nen. Alles nicht „schön“ im kon­ven­tio­nel­len (also: lang­wei­li­gen) Sin­ne, alles weit ent­fernt von der Hei­me­lig­keit malen­der Arzt­gat­tin­nen, die die Dins­la­ke­ner Kul­tur­sze­ne in den 1990er Jah­ren domi­nier­te. Aber als Kind nimmt man ja erstaun­lich vie­les als gege­ben hin, und inter­es­sant waren sei­ne Objek­te, die in regel­mä­ßi­gen Abstän­den in der Stadt aus­ge­stellt wur­den und in eben­so regel­mä­ßi­gen Abstän­den für Empö­rung sorg­te, über die die Lokal­pres­se dann groß berich­ten konn­te, aus­ufern­de Leser­brief-Aus­ein­an­der­set­zun­gen inklu­si­ve, alle­mal.

Alfred Grimm (als Leh­rer hat­te ich ihn stets gesiezt; bei unse­rem letz­ten direk­ten Kon­takt vor nun­mehr auch erschre­cken­den elf Jah­ren hat­ten wir uns bei der Anre­de in ein aus­weg­lo­ses Ham­bur­ger-Sie-Sze­na­rio manö­vriert) war in Dins­la­ken gebo­ren und auf­ge­wach­sen, hat­te an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf stu­diert, was den besag­ten Dins­la­ke­ner Lokaljournalist*innen zeit­le­bens und dar­über hin­aus das Syn­onym „Beuys-Schü­ler“ für ihre Tex­te schenk­te, und war dann als Leh­rer für Kunst und (wenn ich mich rich­tig erin­ne­re) Bio­lo­gie an sein altes Gym­na­si­um zurück­ge­kehrt. Gleich­zei­tig hat er sein Leben lang als Künst­ler gear­bei­tet, Aus­stel­lun­gen gemacht und Mahn­ma­le im öffent­li­chen Raum geschaf­fen.

Mahnmal zum Gedenken an die Dinslakener Juden und deren Vertreibung (Künstler: Alfred Grimm)

Sein Mahn­mal zum Geden­ken an die Dins­la­ke­ner Juden und deren Ver­trei­bung wur­de 1993 ein­ge­weiht. Ich erin­ne­re mich noch an eine Prä­sen­ta­ti­on in sei­nem Ate­lier: Es war ihm ein beson­de­res Anlie­gen gewe­sen, das Grau­en des Natio­nal­so­zia­lis­mus ganz kon­kret begreif­bar zu machen; des­we­gen fin­den sich auf dem Lei­ter­wa­gen, mit dem die jüdi­schen Wai­sen­kin­der bei den Novem­ber­po­gro­men 1938 aus der Stadt gebracht wur­den, auch Kis­ten mit Schu­hen, Kno­chen und Gebis­sen, die an die Opfer in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern erin­nern soll­ten. Die Täter hin­ge­gen wer­den durch das Nega­tiv der Sil­hou­et­te eines uni­for­mier­ten Man­nes sym­bo­li­siert: ein Rah­men, in den man sich hin­ein­stel­len und so buch­stäb­lich in die Per­spek­ti­ve der Täter ver­set­zen kann. Das hat­te schon damals ordent­lich Wums.

Als die Stadt Dins­la­ken noch Geld hat­te und sich eine „Skulp­tu­ren­mei­le“ gönn­te, schuf Alfred Grimm die „Bau­stel­le“, eine Instal­la­ti­on, die auf den ers­ten Blick wie eine bana­le, ver­las­se­ne Stra­ßen­bau­stel­le aus­sah. Auf den zwei­ten lag dar­in ein toter Sol­dat, Gas­mas­ke und Stahl­helm noch auf dem Schä­del. Wie­der ver­such­ten sich Klein­bür­ger in Leser­brie­fen an der seman­ti­schen Ver­mes­sung des Kon­zepts „Kunst“ und ver­wech­sel­ten dabei per­sön­li­chen Geschmack mit Bedeu­tung. Wenn ich mich rich­tig erin­ne­re, wur­de das Werk ursprüng­lich vor der Haus­tür des städ­ti­schen Bau­de­zer­nen­ten auf­ge­baut, der die­sen Gruß auch wenig zu schät­zen wuss­te.

Was man in Zei­ten per­ma­nen­ter Maxi­mal­em­pö­rung im Inter­net ger­ne mal aus den Augen ver­liert: Pro­vo­ka­ti­on ergibt ja nur dann wirk­lich Sinn, wenn sie meh­re­re unter­schied­li­che (idea­ler­wei­se: ansons­ten ver­fein­de­te Lager) auf die Pal­me und so zusam­men­bringt: kon­ser­va­ti­ve Katho­li­ken und Second-Wave-Femi­nis­tin­nen, zum Bei­spiel.

Sein „Mut­ter-Erde-Stuhl“, ein Arran­ge­ment von klei­nen Fabrik­schlo­ten und ande­ren Sym­bo­len der Umwelt­zer­stö­rung im sehr vage ange­deu­te­ten Schoß eines abs­trak­ten weib­li­chen Unter­kör­pers auf einem sehr ech­ten Gynä­ko­lo­gi­schen Stuhl, hat über Jahr­zehn­te immer wie­der zu reflex­haf­ter Empö­rung geführt. Dabei tref­fen Alar­mie­rung und Kunst dort so viel ein­leuch­ten­der auf­ein­an­der als wenn man Kar­tof­fel­brei auf gerahm­te Bil­der wirft.

In sei­ner Kru­zi­fix-Rei­he nahm er den zum Möbel geron­ne­nen Leich­nam Chris­ti und tat ihm mit ver­schie­de­nen Mit­teln (Axt, Strom­ka­bel, Dro­gen) erneut Gewalt an. Hel­le Auf­re­gung unter den loka­len Kon­ser­va­ti­ven (was in einer Klein­stadt ja am Ende fast alle sind)! Ein zu Tode gefol­ter­ter Mann mag völ­lig okay sein (bzw. in Bay­ern drin­gend erwünscht), aber doch bit­te nicht so, dass man sein Leid auch noch erkennt!2

Legen­där (womög­lich im wört­li­chen Sin­ne) die Geschich­te, wie er, der auf einem Bau­ern­hof leb­te und arbei­te­te, eines Mor­gens ein tot gebo­re­nes Lamm mit zur Schu­le gebracht haben soll, es aufs Leh­rer­pult leg­te und die Schüler*innen auf­for­der­te, es zu zeich­nen. Ich habe nie jeman­den getrof­fen, der per­sön­lich dabei gewe­sen wäre, wes­halb ich für die Wahr­haf­tig­keit der Anek­do­te nicht bür­gen kann, aber es macht Freu­de, mal kurz den Gedan­ken durch­zu­spie­len, was heu­te in Eltern-Whats­App-Grup­pen, auf Social Media und anschlie­ßend in der bun­des­wei­ten Bou­le­vard­pres­se los wäre. (Kann aber natür­lich auch sein, dass die Kin­der ein, zwei Tik­tok-Chal­lenges mit dem Kada­ver durch­füh­ren wür­den und ansons­ten wenig beein­druckt wären — man kann ja heut­zu­ta­ge gar nichts mehr ein­schät­zen oder auch nur unge­fähr mit einem frü­he­ren Jahr­zehnt gleich­set­zen.)

Theodor-Heuss-Gymnasium Dinslaken

Unter den Schüler*innen, die in Kunst-Leis­tungs­kur­sen von Alfred Grimm ihr Abitur abge­legt haben, sind auch mein Onkel Tho­mas, der spä­ter als Foto­graf in San Fran­cis­co Kar­rie­re mach­te, und Andre­as Deja, lang­jäh­ri­ger Chef­zeich­ner bei Dis­ney, der dort qua­si im Allein­gang das Sub­gen­re von gay Dis­ney (Scar, Jafar, Gas­ton) begrün­de­te,3 wor­über ich auch schon seit Jah­ren schrei­ben woll­te. Zu vie­len ehe­ma­li­gen Schüler*innen hielt er über Jahr­zehn­te Kon­takt, för­der­te sie wei­ter und ver­folg­te ihre Ent­wick­lung mit Wohl­wol­len, womög­lich auch – zu Recht – mit etwas Stolz. Es wird Hun­der­te Men­schen geben, die auf die eine oder ande­re Art von ihm und sei­nem Wesen geprägt wur­den und heu­te in der – Ach­tung, Die­ter-Gor­ny-Wort! – Krea­tiv­wirt­schaft ihr Geld ver­die­nen, vor allem aber eben wei­ter krea­tiv tätig sind. Mein Vater, mei­ne Geschwis­ter und ich gehö­ren dazu.

„Immer wie­der gut, dass das Leh­rer­be­am­ten­tum sehr vie­le Künst­ler zumin­dest öko­no­misch geret­tet hat und das Poten­ti­al wei­ter­trans­por­tiert hat“, wie mein guter Freund und Kol­le­ge Tom The­len sehr gut erkannt hat.

Ich hat­te mei­ne Spiel­wie­se, wenig über­ra­schend, immer eher in den sprach­li­chen Fächern und mei­ne Spar­rings­part­ner in den dor­ti­gen Lehrer*innen gese­hen, aber die weni­gen Jah­re, die ich in der Unter- und Mit­tel­stu­fe bei Alfred Grimm Kunst­un­ter­richt hat­te, haben deut­li­che Spu­ren hin­ter­las­sen. Er woll­te, dass die Kin­der nicht nur „schö­ne“ Bil­der malen, son­dern auch dar­über nach­dach­ten, was sie da tun und war­um. 

Wobei sein Wir­ken weit über die Pro­duk­ti­on von Bil­dern und eine gro­be Ein­füh­rung in Kunst­ge­schich­te und ‑theo­rie hin­aus­reich­te: Ein­mal bot er uns an, ein paar Minu­ten frü­her in die Pau­se zu gehen, wenn wir die Natio­nal­hym­ne sin­gen wür­den. Über­rum­pelt, aber auch auto­ri­täts­er­ge­ben, stimm­ten wir die drit­te Stro­phe des Deutsch­land­lieds an und durf­ten den Klas­sen­raum ver­las­sen — eine ver­schro­be­ne (und damit zu sei­nem Ruf pas­sen­de) Bege­ben­heit, von der ich auch Jahr­zehn­te spä­ter nicht sicher bin, ob sie von ihm als kind­li­cher Spaß gedacht war, als prak­ti­scher All­ge­mein­wis­sens­test für jun­ge Bundesbürger*innen oder als Cha­rak­t­er­prü­fung im Bezug auf Obrig­kei­ten. Selbst die­je­ni­gen, die nach dem Abitur gar kei­ne künst­le­ri­schen Arbei­ten mehr durch­ge­führt haben, wer­den sich immer an ihn und sei­nen mit­un­ter unkon­ven­tio­nel­len Unter­richt erin­nern.

Alfred Grimm konn­te aber auch Geschich­ten erzäh­len: Wie sie als Kin­der im Nach­kriegs­deutsch­land auf einem Acker MG-Muni­ti­on gefun­den4 und die­se im Klas­sen­raum exakt jenes Gym­na­si­ums, in dem er uns jetzt auch unter­rich­te­te, hin­ter einer Tafel depo­niert hät­ten, fern­ge­zün­det mit einer Lun­te, die sie aus Milch­fla­schen­eti­ket­ten zusam­men­ge­dreht hat­ten. Der Leh­rer habe sich gehö­rig erschreckt, habe empört den Schul­lei­ter geholt und Leug­nen sei sinn­los gewe­sen, weil ja wei­te Tei­le der Wand erheb­li­che, nicht schnell zu besei­ti­gen­de Explo­si­ons­spu­ren auf­ge­wie­sen hät­ten. 

Erst einen Tag vor sei­ner Todes­nach­richt habe ich noch an ihn den­ken müs­sen, als ich mich kurz über einen aggres­si­ven Ver­kehrs­teil­neh­mer in einem knall­bun­ten Opel geär­gert hat­te und mir zum wie­der­hol­ten Mal ein­fiel, wie er sich im Unter­richt mal über einen Mann echauf­fiert hat­te, der mit Akten­ta­sche unter dem Arm und „wip­pen­dem Gang“ die Stra­ße ent­lang gegan­gen sei. Er hat­te sei­ne kur­ze Erre­gung mit dem zeit­los-schö­nen Aus­ruf beschlos­sen: „Kei­ne Haa­re am Sack, aber wip­pen!“ (Über­trie­ben auf­merk­sa­me Zuschauer*innen des Baku­b­logs wer­den die For­mu­lie­rung wie­der­erken­nen. So kön­nen einen Men­schen prä­gen.)

Über Vater und Onkel blie­ben wir in den ers­ten Jah­ren nach mei­nem Abitur in losem Kon­takt, ein­mal – es wird auch schon 20 Jah­re her sein – tra­fen wir uns zufäl­lig in der Stadt und kehr­ten in das Café Mey­er in der Fuß­gän­ger­zo­ne ein, das damals noch exis­tier­te und regel­mä­ßig und ger­ne von ihm fre­quen­tiert wur­de. Jah­re spä­ter kon­tak­tier­te er mich noch ein­mal mit der Bit­te um publi­zis­ti­sche Unter­stüt­zung; ein Vor­ha­ben, das damals irgend­wie im San­de ver­lau­fen ist.

Aus Anlass von Alfred Grimms 80. Geburts­tag ver­an­stal­te­te das städ­ti­sche Muse­um vor zwei­ein­halb Jah­ren eine umfang­rei­che Retro­spek­ti­ve, mit der er es auch in die Regio­nal­aus­ga­be des Kul­tur­kampf­fach­blat­tes „Bild“ schaff­te (gut: es waren ja neben vie­lem Ande­ren auch nack­te Frau­en zu sehen). Ich bekam irgend­wie zu spät davon mit und habe es nicht dort­hin geschafft.

Nun ist Alfred Grimm im Alter von 82 Jah­ren über­ra­schend ver­stor­ben. Am kom­men­den Sonn­tag soll­ten Arbei­ten von ihm Teil einer Aus­stel­lung des Kul­tur­krei­ses Dins­la­ken wer­den, den er mit­be­grün­det hat­te.

Mein Mit­ge­fühl gilt sei­nen Hin­ter­blie­be­nen.

  1. Der Micha­el-Wend­ler-Witz schreibt sich an die­ser Stel­le selbst: []
  2. Wäh­rend ich die­sen Satz schrei­be, fra­ge ich mich, wie ein Kru­zi­fix eigent­lich auf Men­schen wir­ken muss, die nicht mit dem toten Erlö­ser an der Wand auf­ge­wach­sen sind. Wer kommt auf sol­che Ideen?! []
  3. Ja, ja: Es hat­te vor­her auch schon Shir Khan gege­ben. []
  4. Allein auf den Gedan­ken, dass sowas da – natür­lich! – ein­fach rum­lag, hat­te uns noch kein Geschichts­buch gebracht! []