Wenn wir wirklich Freunde wären

Von Lukas Heinser, 21. November 2017 12:37

Damit war nicht zu rechnen gewesen: Heute ist der 20. Jahrestag der legendären Tic-Tac-Toe-Pressekonferenz und weder „Spiegel Online“ (wahlweise bei „Eines Tages“ oder „Bento“) noch Bild.de oder „Buzzfeed“ berichten darüber. Einzig die „Goslarsche Zeitung“ erinnert in ihrem „Kalenderblatt“ an den denkwürdigen Versuch, eine zerstrittene Girlband auf offener Bühne vor der versammelten WeltPresse zu versöhnen — ein Versuch, der grandios scheiterte, weil sich die drei Mitglieder am Ende beschimpften und teilweise weinend das Podium verließen.

[Anschwellende Musik, Guido-Knopp-Bedeutungsbrummen]

Eine Pressekonferenz, die sich aber so ins kollektive Gedächtnis der Deutschen eingebrannt hat, dass sie auch 20 Jahre später noch als Referenz taugt — sogar, wenn es um eine gescheiterte Regierungsbildung geht.

[flottes 90er-Musikbett]

An dieser Stelle ein kurzes „Hallo!“ an unsere fünf Leser unter 25: Tic Tac Toe waren eine dreiköpfige Girlgroup aus dem östlichen Ruhrgebiet, die mit Songs wie „Ich find‘ Dich scheiße“, „Verpiss Dich“ oder „Warum?“ nicht nur beachtliche Erfolge feierte, sondern auch die Grenzen dessen, was man im Radio und Fernsehen „sagen durfte“, ausloteten und verschoben. Bei ihrem Kometenhaften Aufstieg [hier Schnittbilder Viva-Comet-Verleihung einfügen] wurde das Trio allerdings immer wieder von der Boulevardpresse und entsprechenden „Skandalen“ begleitet.

In der Wikipedia heißt es dazu:

Zunächst kam heraus, dass die Altersangaben der drei Sängerinnen von Tic Tac Toe von der Plattenfirma den Sängerinnen ein jüngeres Alter bescheinigten; beispielsweise war Lee bereits 22 Jahre alt, obwohl sie – laut Plattenfirma – 18 Jahre alt gewesen sein soll. Medial großes Aufsehen erlangte die Band, als Lees damaliger Ehemann nach Beziehungsproblemen Suizid beging. Eine Woche später wurde bekannt, dass Lee kurzzeitig als Prostituierte gearbeitet hatte, um mit dem Geld Drogen zu finanzieren.

Und dann, am 21. November 1997 lud die Plattenfirma der Band, Ariola, in München zu einer Pressekonferenz, von der sie sich nach internen Querelen Signalwirkung erhofft hatte: Einigkeit, nach vorne schauen, der Aufbruch zu weiteren Erfolgen.

[Das Bild friert ein, wird schwarz/weiß, heranzoomen]

Doch dann kam alles ganz anders.

Die Pressekonferenz ist legendär, aber bei YouTube oder anderswo nicht aufzufinden (dort stößt man aber auf kaum weniger bizarre Medienberichte zur Band). Auch spätere O-Töne von Thomas M. Stein, als Chef der Ariola gleichsam Gastgeber der verunfallten PR-Aktion und einer breiten Öffentlichkeit später bekannt geworden als Juror der ersten beiden Staffeln von „Deutschland sucht den Superstar“, in denen er sich über den Hergang der Ereignisse äußert, haben es nicht ins kollektive popkulturelle Archiv geschafft. Die in der Wikipedia aufgestellte Behauptung, „Diese Aktion wurde am Abend in der Tagesschau thematisiert“, lässt sich zumindest für die 20-Uhr-Ausgabe nicht belegen.

Immerhin gibt es aber ein Transkript, das sich auf die in diesem Fall denkbar seriöseste Quelle stützt, die „Bravo“

Aber auch wenn sich heute kein großer Jubiläumsbericht auftreiben lässt, wird die Pressekonferenz mit ihren zu geflügelten Worten geronnenen Zitaten („Wenn wir wirklich Freunde wären, dann würdest du so’n Scheiß überhaupt nicht machen!“, „Boah, ihr könnt echt gut lügen!“, „Jetzt kommen wieder die Tränen auf Knopfdruck.“) noch regelmäßig hervorgekramt: Wenn die AfD eine Pressekonferenz abhält, wenn sich der Schlagersänger Roberto Blanco und seine Tochter Patricia auf der Frankfurter Buchmesse streiten (eine Meldung, die man sich jetzt auch eher nicht hätte ausdenken können oder wollen), wann auch immer sich ein „Was machen eigentlich …?“ anbietet (außer natürlich heute).

Als Fachmagazin für Listen, bevor jeder Depp Listen veröffentlicht hat wollen wir es uns bei Coffee And TV aber natürlich nicht nehmen lassen, die Tic-Tac-Toe-Pressekonferenz in den Gesamtkontext des Konzepts „Pressekonferenz“ in Deutschland einzuordnen.

Also, bitte: Die sieben legendärsten deutschen Pressekonferenzen!

7. Gertjan Verbeek, 21.09.2015

6. Karl-Theodor zu Guttenberg, 18.02.2011

5. Christoph Daum, 09.10.2000/12.01.2001

4. Tic Tac Toe, 21.11.1997

3. Uwe Barschel, 18.09.1987

2. Giovanni Trappatoni, 10.03.1998

1. Günter Schabowski, 09.11.1989

4 Kommentare

  1. sven
    21. November 2017, 14:40

    Vielen Dank für die angemessene Würdigung dieses Datums inklusive Einordnung im Kontext „Pressekonferenz“.

  2. Peterchen
    22. November 2017, 0:47

    Boah, ihr könnt echt gut lügen! Natürlich ist die Pressekonferenz bei Youtube: https://youtu.be/UO6zG99zKvo?t=23s

  3. Lukas Heinser
    22. November 2017, 17:41

    @Peterchen: Oh! Danke! (Nur Ausschnittsweise, aber die wichtigsten Momente sind natürlich mit dabei.)

  4. Samuel
    26. November 2017, 8:46

    Ich habe ja diese „Pressekonferenz“ schon damals als inszeniert und künstlich empfunden.
    Geht es tatsächlich nur mir so?

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