Wieder die Political Correctness!

Von Lukas Heinser, 4. Dezember 2016 16:05

Seit Donald Trump aufgrund eines sehr komplizierten Wahlsystems als nach Wählerstimmen klar unterlegener Kandidat zum US-Präsidenten gewählt wurde, tobt die große feuilletonistische Debatte darüber, wie das passieren konnte, was sich ändern muss und warum Menschen eigentlich jemanden wählen, der permanent lügt, seine Meinung ändert und sexistische und rassistische Sprüche in Mengen unters Volk haut, die bei Sonderangeboten im Supermarkt nicht mehr unter den Begriff „haushaltsüblich“ fallen würden.

Das Schöne an dieser weltweiten Debatte ist, dass sich die Diskutanten über die Frage, ob und wie man jetzt mit diesen Menschen sprechen müsste, derart gegenseitig selbst zerfleischen, dass sie sicher sein können, auf absehbare Zeit nicht mit diesen Menschen sprechen zu müssen. Willkommen im größten SoWi-LK der Welt!

Immer wieder hört man, die „Political Correctness“ sei schuld. Wenn weiße Männer in den besten Jahren, die einen Arbeitsplatz und eine gesunde Familie haben, nicht mehr „Neger“ sagen und fremden Frauen an den Hintern fassen dürfen, wählen sie die AfD. (Weiße Männer in den besten Jahren, die Kolumnen gegen „Politcal Correctness“ schreiben, würden in ihrer bekannt jovialen Art vermutlich hinzufügen wollen, dass Männer in den besten Jahren auch AfD wählen, weil „ihre Alte sie nicht mehr ranlässt“, hätten dann aber wahrscheinlich doch zu viel Angst vor den Reaktionen zuhause.)

Die Kolumne von Mely Kiyak bei „Zeit Online“ ist der 792. Text, den ich seit dem 9. November zu diesem Thema gelesen habe, aber da steht noch einmal viel Kluges drin. Zum Beispiel:

Wenn Politiker in Zeiten von brennenden Asylheimen und Angriffen auf Minderheiten fordern, es müsse erlaubt sein, offen Probleme der Integration zu benennen, dann wird es düster und unverschämt: Wir haben in Deutschland viele Probleme, aber sicher keines damit, dass man sich nicht jederzeit rassistisch, widerwärtig und primitiv im öffentlichen Raum äußern dürfe. Die öffentlichen Talkshows wären ohne die permanente Infragestellung von Minderheiten und ihrer angeblichen Integrationsfähigkeit aufgeschmissen.

Immer wieder hört man ja seit Jahrzehnten den Satz „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ und jedes Mal möchte man antworten: „Man darf es sogar sagen. Das ist ja das Tolle an der Meinungsfreiheit! Du darfst es sagen, Deine Freunde können Dich dafür feiern, aber sei darauf vorbereitet, dass es vielleicht nicht jeder gut findet und einige lieber nichts mit Dir zu tun haben wollen!“ Diese Menschen wollen ja aber gar keine Meinungsfreiheit — jedenfalls nicht für die, die anderer Meinung sind als sie.

In der aktuellen „Zeit“ gibt es einen Text über den aktuellen Zustand des Feminismus von Elisabeth Raether, der, so Raether, immer stiller wird:

Statt sich mit all seinem Gewicht am Kampf der freien Gesellschaften gegen die rasend schnell wachsenden autoritären Bewegungen zu beteiligen, liefert er sich amüsante Wortgefechte mit Kolumnisten wie Jan Fleischhauer und Harald Martenstein – Männern, von denen doch eine eher überschaubare Gefahr ausgeht.

Ja, könnte man so sehen.

Das sind jetzt nur zufälligerweise genau solche weißen Männer in den besten Jahren, die Kolumnen gegen „Politcal Correctness“ schreiben, und damit jenen weißen Männer in den besten Jahren, die einen Arbeitsplatz und eine gesunde Familie haben, aber nicht mehr „Neger“ sagen und fremden Frauen an den Hintern fassen dürfen, aus dem Herzen sprechen. Auch wenn man dort beim Sprechen vermutlich seinen eigenen Atem sieht.

Es folgen einige Absätze, in denen auch ein richtige Gedanken stecken, und dann das hier:

Das Jahr 2013 haben Feministinnen damit verbracht, dem FDP-Politiker Rainer Brüderle auf kleinlichste Weise ein misslungenes Kompliment vorzuhalten. Herbst 2016: Ein Mann wird ins Weiße Haus gewählt, für den sexuelle Gewalt eine ausgefallene Flirttechnik ist.

Doch jetzt ist die Sprache der Moral aufgebraucht. Der Vorwurf des Sexismus wurde so oft gemacht, dass es inzwischen ein Leichtes ist, ihn zu relativieren. Löst man so oft Fehlalarm aus, wird einem nicht mehr geglaubt, wenn das Haus wirklich brennt. Nicht nur das Wort Feminismus hat seinen Schrecken verloren – dem Begriff Sexismus ist seine moralische Kraft abhandengekommen und damit die Schutzfunktion, die er mal hatte.

Ja, könnte man so sehen.

Man könnte sich aber auch kurz an die seligen Zeiten des Jahres 2013 erinnern, als wir glaubten, ernsthaft Grund zu der Annahme zu haben, Rainer Brüderle sei ein Sexismus-Dinosaurier: Ein leicht schmieriger, leicht unbeholfener Onkel-Typ, dem man kurz das 21. Jahrhundert erklären müsste, dessen Art aber ohnehin bald weg ist. Vielleicht brannte nicht das Haus, aber wenn man bei einem Schwelbrand die Feuerwehr ruft, ist das kein Fehlalarm. Man kann ja nicht ahnen, dass drei Jahre später eine Feuerwalze apokalyptischen Ausmaßes auf das Haus zuhalten wird.

(Gleiches gilt übrigens auch für Rassismus: Nur weil es Donald Trump gibt, wird das „Jim Knopf“-Blackfacing bei „Wetten dass..?“ im selben Jahr 2013 ja nicht weniger schlimm.)

Da kommen wir aber auch wieder zu einem Differenzierungsproblem, über das seit Jahren diskutiert wird: Ist jeder, der etwas sexistisches sagt, ein Sexist? Jeder, der etwas rassistisches sagt, ein Rassist? Je nach Tagesform und konkretem Fall habe ich da sehr unterschiedliche Meinungen.

Über etwas anderes kann es aber kaum unterschiedliche Meinungen geben: Wenn eine Frau nicht auf eine bestimmte Art angesprochen, angeguckt oder gar angefasst werden will, sollte man als Mann – je nach eigener Disposition – wahlweise vor Scham im Boden versinken oder wenigstens die Klappe halten. Analog bei rassistischen Vorkommnissen. „Ich finde das aber witzig“, ist ein Ausdruck von Meinungspluralität, aber kein Argument.

„Political Correctness“ ist letztlich auch nur ein anderes Wort für „Anstand“ oder „Höflichkeit“, was mich zum dritten Text bringt, den ich heute zu diesem Themenkomplex gelesen habe: einer Kolumne von Jagoda Marinic bei süddeutsche.de.

Ihr Thema ist die Höflichkeit:

Mag sein, dass Höflichkeit ein gestriger Wert ist, aber es ist einer, auf den wir schon viel zu lange verzichten, ohne uns gegen sein Verschwinden zur Wehr zu setzen. Stattdessen bahnen sich Menschen den Weg in die Öffentlichkeit, die Unverschämtheit für eine rhetorische Leistung halten. Unverschämtheit ist jedoch nichts weiter als ein aus den Fesseln geratenes Ego.

Diese Entfesselung des unverschämten Egos hat nicht in der Sphäre der Politik begonnen, sondern in der Fernsehwelt, genannt Unterhaltung. Die TV-Macher wollten raus aus den langweiligen Familiensendungen wie „Wetten, dass ..?“ und erfanden stattdessen die Talentsuche, in der Spott über mangelndes Talent für mehr Quote sorgt als die Freude an Talent.

Dieter Bohlen ist das deutsche Aushängeschild dieses Gehabes. Der Erfolg gibt ihm recht, heißt es, wenn man das verbale Austeilen der Jury kritisiert. Eine weitere Variante dieses Spottens sind Fernseh-Teams, die sich über die Unwissenheit von Passanten in Einkaufspassagen belustigen.

Ich vertrete schon länger die Theorie, dass Simon Cowell, Juror und Produzent bei „American Idol“, „X Factor“ und „Britain’s Got Talent“, und sein deutsches Pendant Dieter Bohlen einen Stein ins Rollen gebracht haben, der am Ende Donald Trump mit einem Erdrutsch (hier stimmt die Formulierung ausnahmsweise mal, wenn man darunter eine Bewegung großer Gesteinsmassen in Folge von Niederschlägen versteht, die mit sehr viel Schmutz und Dreck einhergeht) ins Weiße Haus gebracht hat: Da saßen im Fernsehen (und Trumps Popularität begann ja erst so richtig mit „The Apprentice“) diese weißen Männer in den besten Jahren, die Dinge sagten, die andere weiße Männer in den besten Jahren sich nicht („mehr“) zu sagen trauten. Roger Willemsen, Dieter Bohlen — so hat jeder seine Role Models.

Dass ausgerechnet Multimillionäre, die in der aller-allerkünstlichsten Atmosphäre einer „Reality“-Fernsehsendung hoffnungsvolle, normale Menschen runterputzen, als authentisch, volksnah und vertrauenswürdig gelten, sagt entweder viel über die Sozial- und Medienkompetenz der Zuschauer aus oder über die Außenwirkung hart arbeitender Fachleute in der Politik. Vielleicht auch über beides, aber darüber schreibe ich dann beim nächsten Mal.

22 Kommentare

  1. SvenR
    4. Dezember 2016, 17:02

    Du hast wie so oft mit fast allem Recht. Ich widerspreche nur bei einem Punkt. Das mit dem Angucken von Frauen war wirklich schon immer wenig hilfreich. Das ist genauso, wie das »Was guckst Du?« desjenigen, der dich deswegen verprügeln will.

  2. Butwürger
    5. Dezember 2016, 9:23

    Ich finde es äußerst lachhaft hier ganz offen zu behaupten dass Rassismus und Sexismus exklusiv von weißen gut situierten Männern praktiziert wird (Was wiederum rassistisch ist) anstatt beides generell zu verurteilen egal aus welcher Richtung oder von wem es kommt. Deswegen ist diese „political correctness“ für viele schlicht unglaubwürdig, denn sie scheint nicht für jeden zu gelten, man arbeitet mit so offensichtlichen Doppelstandards und wundert sich dann wenn man an Kredibilität verliert.

    Deshalb ist auch die Metapher mit dem Feuer nicht ganz unpassend denn oft genug wird auch „Rassismus“ und „Sexismus“ geschrien nur um andersdenkende zum schweigen zu bringen und diese aus der Debatte gänzlich auszuschließen und nicht weil es tatsächlich der Fall ist. Wobei ich den Fall des Herrn Brüderle nicht als eine solche Situation beschreiben würde.

    Rassismus und Sexismus sind reale Probleme die schwere und fatale Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben, es ist von äußerster Notwendigkeit diese an den Pranger zu stellen und mit Vernunft und Aktivismus kalt zu stellen aber hysterisch mit dem Finger auf alles und jeden zu zeigen der einem nicht passt und diesem ein Label zu verpassen verwässert diese guten Absichten nur und hilft Kräften wie der AFD durchaus denn diese können sich dann als Sprachrohr derer präsentieren die sich und ihre Probleme nicht mehr ernst genommen fühlen.

    „Political Correctness“ ist für mich nicht unbedingt problematisch aber dessen Anwendung hat wie die von Ihnen angeführte „Höflichkeit“ dann auch als Standard für alle zu gelten und nicht nur für Kreise die Sie als privilegiert bezeichnen denn nur so kann man auch wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen.

  3. Lukas Heinser
    5. Dezember 2016, 10:24

    Wo genau behaupte ich, „dass Rassismus und Sexismus exklusiv von weißen gut situierten Männern praktiziert wird“? Das wäre nämlich überhaupt nicht meine Absicht und meine Meinung und ich müsste die entsprechende Textstelle schnell ändern!

  4. llamaz
    5. Dezember 2016, 10:28

    Auf der einen Seite gibt es Leute die meinen sie könnten sich selbst moralisch überhöhen indem sie mit dem Finger auf andere zeigen. „Der hat „Mohrenkopf“ gesagt: Rassist!“ Kein Ansehen der Person oder der Umstände. Ein falsches Wort reicht für Anklage, Verurteilung und Vollstreckung. Ist ja auch viel einfacher sich auf solch einfache Weise als Kämpfer in vorderster Front gegen Diskriminierung und Rassismus zu generieren. Auf der anderen Seite gibt es Rassisten die das ausnutzen um sich als Opfer der Political Correctness zu stilisieren.

  5. Lukas Heinser
    5. Dezember 2016, 10:45

    @Ilamaz: Natürlich wurde und wird an vielen Stellen „Du Nazi!“ geschrien, wo es drei, vier Nummern kleiner auch getan hätte. Das finde ich in der Tat kontraproduktiv und habe es in diesem Artikel auch schon mal anklingen lassen.

    Trotzdem finde ich aber Brüderle ein schlechtes Beispiel für diesen Alarmismus-Vorwurf, weil man dem Mann ja durchaus mal sagen konnte, dass sein Verhalten nicht in Ordnung ist. Dass daraus so ein medialer Overkill entstanden ist, war ein Problem der Medien, dass man aber schlecht dem Feminismus anlasten kann. Vielleicht hätte ich das in meinem Text deutlicher herausarbeiten sollen.

  6. The Godless Monk
    5. Dezember 2016, 10:51

    „Wenn weiße Männer in den besten Jahren, die einen Arbeitsplatz und eine gesunde Familie haben, nicht mehr „Neger“ sagen und fremden Frauen an den Hintern fassen dürfen, wählen sie die AfD“

    Ich glaube, hier ist eines der großen Misverständnisse zwischen links und rechts.

    Natürlich werden sich in jeder Gruppe auch die Extremen finden lassen, die endlich mal wieder dem Ni**er die Meinung geigen wollen.

    Den meisten, die aber gegen PC ankämpfen, geht es darum, dass Dreadlocks für Weiße tabu sein sollten, wegen „cultural apprpriation“:

    http://everydayfeminism.com/20.....airstyles/

    Oder dass Indianerkostüme und Sombreros an Halloween unangebracht seien – natürlich ebenfalls wieder nur für Weiße. Das Menschen jeder Hautfarbe am Saint Patricks Day in grün rumlaufen, interessiert nämlich niemanden.

    http://www.telegraph.co.uk/new.....rsity.html

    Oder die üblen Sachen, die so böse sind, dass sie einen „man“-Prefix brauchen, wie zum Beispiel mansplaining oder manspreading. In Schweden wurde von der Gewerkschaft sogar eine Hotline(!) eingerichtet, bei der sich Frauen über Mansplainer ausweinen können:

    http://www.nytimes.com/2016/11......html?_r=0

    http://bust.com/feminism/14147.....proof.html

    Und dann werden u.a. Pulitzer-nominierte Bücher aus Schulen verbannt, weil sie Wörter verwenden, die heute als rassistisch gelten, zur Zeit des Autors aber einfach die stehenden Begriffe waren.

    http://www.delmarvanow.com/sto...../94738318/

  7. Butwürger
    5. Dezember 2016, 11:01

    „…Wenn weiße Männer in den besten Jahren, die einen Arbeitsplatz und eine gesunde Familie haben…“

    und

    „…genau solche weißen Männer in den besten Jahren, die Kolumnen gegen „Politcal Correctness“ schreiben“

    Ich finde hier wird stark impliziert dass krustige böse alte weiße Männer „political correctness“ nur kritisieren damit sie weiter in bester Mr. Burns-Manier ihren Sexismus und Rassismus ausleben dürfen. Hier wird Kritik der „political correctness“ auf eine Gruppe von Personen aus nur einem Motiv beschränkt anstatt die Vielfalt der Argumente zu beachten die von den verschiedensten Seiten des Spektrums kommen.

    Gibt es diese Personenkreise die aus diesen genannten Gründen Kritik üben ? Mit ziemlicher Sicherheit aber ich denke dass man der Sache keinen gefallen tut wenn man sich einen James Bond Bösewicht und somit ein leichtes Ziel zusammenbastelt anstatt auch mal Kritik als Möglichkeit des Wachstums wahrzunehmen.

    Meinungspluralität ist nun einmal etwas mit dem man klar kommen muss egal wie abgrundtief man sich von manchen Meinung abgestoßen fühlt denn etwas schlicht mit dem „Also sowas sagt man aber nicht“ zum schweigen zu bringen funktioniert schlicht nicht mehr. Wenn wir nur einmal über den großen Teich nach Amerika schauen zeichnet sich an vielen Universitäten ein furchterregendes Bild ab, dort haben nämlich konservative Meinungen und Sichtweisen reale Konsequenzen für Studenten und dort werden oft genug Vorträge von konservativen Sprechern entweder durch die Administration oder durch Bombendrohungen verhindert und all das im Namen der „political correctness“ und der „safe spaces“.

    Rassismus und Sexismus müssen konfrontiert werden, totargumentiert werden und jedes dämliche „Argument“ in seine schwachsinnigen Einzelteile zerlegt werden so schafft man es aus der Welt und nicht durch das kreieren einer Blase in der nichts böses passiert und alle bösen Leute in die Ecke gestellt werden wo sie sich dann schön sammeln und als Opfer präsentieren können.

    Das ist zumindest meine Ansicht der Dinge. Ich empfinde es als Zeichen der intellektuellen Kapitulation wenn in sehr groben Zügen bestimmt wird wer sich äußern darf und wer nicht anstatt zu analysieren und zu differenzieren um nicht möglicherweise unnötig Leute zum Paria zu machen die keine bösen Absichten hatten und diese dann in die Arme der radikaleren Bewegungen zu treiben.

  8. Lukas Heinser
    5. Dezember 2016, 11:16

    @Butwürger: Ich fürchte, ich muss hier kurz Teile meines eigenen Textes erklären, weil ich sie nicht gut genug herausgearbeitet habe:

    Immer wieder hört man, die „Political Correctness“ sei schuld. Wenn weiße Männer in den besten Jahren, die einen Arbeitsplatz und eine gesunde Familie haben, nicht mehr „Neger“ sagen und fremden Frauen an den Hintern fassen dürfen, wählen sie die AfD.

    Zwischen den ersten und den zweiten Satz hätte mindestens ein Doppelpunkt gehört, denn der Satz mit den weißen Männern sollte eine übertriebene Ausführung der Faustformel „Political Correctness führt zu einem Wiedererstarken überholt geglaubter Meinungen“ sein.

    Was Sie (und auch The Godless Monk) an Beispielen bringen, ist sicherlich an einigen Stellen wirklich nur noch schwer vermittelbar, an anderen geradezu besorgniserregend.

    Mir ging es hauptsächlich um „Politcal Correctness“ als Feindbild und dieses Martenstein’sche Bedürfnis, unbedingt Dinge sagen und fordern zu wollen, die andere Leute verletzten — und zwar nur um des Sagens und Forderns Willen.

    Ich habe gerade auf Facebook einen Link zu einem Guardian-Text entdeckt, den ich noch nicht gelesen habe, der aber dem Vorspann nach genau diese Konstruktion des Feindbildes „PC“ aufgreift.

    Meinungspluralität ist nun einmal etwas mit dem man klar kommen muss egal wie abgrundtief man sich von manchen Meinung abgestoßen fühlt

    Joa. Ich denke, da gibt es schon Grenzen. Interessanterweise sind es aber ja oft genau die Gegner oder Kritiker der Political Correctness, die diese Meinungspluralität nicht ertragen und die der Meinung sind, sie hätten ein Grundrecht, Dinge zu sagen und zu tun, die sie immer schon gesagt oder getan haben.

    Ich sehe aber ein, dass wir vielleicht unterscheiden müssten zwischen der Politcal Correctness, die sich schlicht mit „Anstand“ und „Höflichkeit“ übersetzen ließe, und jener, die in den akademischen Bereich des Spektrums abdriftet.

    Wobei: @The Godless Monk: Wenn sich Weiße als Klischeeversionen von Schwarzen, Asiaten oder Latinos verkleiden und sich Schwarze, Asiaten oder Latinos davon verletzt fühlen, dann ist das meines Erachtens Rassismus.

  9. idioteque
    5. Dezember 2016, 12:10

    Es spielt auch eine Rolle, in welchem Kontext so etwas passiert. Ich kenne mich mit dem St. Patrick’s Day ehrlich gesagt nicht genug aus. Gibt es Iren (oder Irischstämmige), die sich davon beleidigt fühlen, wenn ein Nicht-Ire an dem Tag grün trägt? Außerdem leiden Iren schon länger nicht mehr (zumindest meines Wissens) unter anti-irischen Ressentiments, die sie in ihrem Leben wirklich beeinträchtigen.
    Wenn hingegen jemand Weißes aus Spaß ein Indianerkostüm trägt, also jemand aus der Bevölkerungsgruppe, die die Indianer nahezu ausgerottet hat und die verbliebenen Natives in Reservate gesteckt hat, wo diese immer noch unter den Folgen dieser Verbrechen und auch heutzutage noch Diskriminierung leiden, dann ist das natürlich beleidigend, gerade auch weil dieses Verkleiden als Indianer aus einer rassistischen Tradition von Weißen stammt. Ähnlich lässt sich das auch auf andere Minderheiten übertragen.
    Dass bei manchen Punkten in der PC das Ziel hinausgeschossen wird (z.B. Entfernen von Büchern aus der Pflichtlektüre für Erwachsene, die historisch benutzte diskriminierende Begriffe sicher einordnen können), kommt vor. Allerdings ist das Leid, dass durch übertriebene Political Correctness entsteht, ziemlich sicher kleiner, als das, das durch Ignorieren derselben entsteht. Ob ein Student ein bestimmtes Buch nicht mehr liest, oder ob man eine komplette Minderheit marginalisiert, ist qualitativ doch ein deutlicher Unterschied.

  10. The Godless Monk
    5. Dezember 2016, 13:35

    @idioteque

    Das Hauptproblem mit dieser Art des PC ist, dass der Prozess schleichend ist aber zielsicher zum 1984schen „Gedankenverbrechen“ führt.

    Literatur wird umgeschrieben (Negerkönig -> Südseekönig) oder gleich ganz verboten, weil sie nicht zum derzeitig zulässigen Gesellschaftsbild passen.

    Was aber, wenn solche Praktiken und Gesetze in die falschen Hände fallen? Dann ist es bereits etabliert, dass man Literatur verbieten darf und dann kann natürlich auch jede beliebige Literatur verboten werden.

    Wenn die Leute Angst um ihren Job haben müssen, weil sie nen schlechten Witz erzählt haben (Sir Richard Hunt), dann werden die Leute sich ins Private zurückziehen und lieber die Klappe halten. Dann haben wir wieder DDR-Verhältnisse, wo die Tochter nicht fürs Gymnasium zugelassen wird, weil der Vater sich im Betrieb gegen den Arbeiter- und Bauernstaat ausgesprochen hat.

    DAS ist das Gefährliche an diesen ganzen „das darf man nicht sagen“ Befürwortern.

  11. The Godless Monk
    5. Dezember 2016, 13:46

    Nehmen wir doch mal Trump und Hamilton.

    An den US-Universitäten gibt es jetzt seit einigen Jahren diese sogenannten „safe spaces“. Da sitzen dann erwachsene (20jährige) Studenten in Räumen und malen mit Kreide Blümchenbilder und kraulen irgendwelche Beruhigungstiere, weil sie durch durch irgendeine Banalität „traumatisiert“ wurden.

    In diesen Safe Spaces darf jede noch so abstruse Idee unwidersprochen geäußert werden, denn Widerspruch verstößt gegen die Regeln des Safe Space, der ja dann nicht mehr „safe“ wäre.

    Und was ist jetzt passiert? Als die Darsteller des Broadway-Stücks Hamilton sich gegenüber dem Vizepräsidenten in spe Mike Pence besorgt über ihre Zukunft geäußert haben, haut The Donald einen Tweet raus, in dem er sagt, dass diese Schauspieler sich fehlverhalten hätten, denn schließlich müsse das Theater ein Safe Space sein.

    Trump hat also die Waffe genommen, die von den Linken an den US-Unis geschmiedet wurde („wenn wir unsere politische Meinung sagen, darf uns niemand widersprechen“) und hat sie gegen jene eingesetzt, die sie erfunden haben.

    https://twitter.com/realdonaldtrump/status/799974635274194947

  12. Butwürger
    5. Dezember 2016, 13:58

    Ich denke dass in vieler Hinsicht Kontext und Intention gerne auch mal ignoriert werden. Kann ich nachvollziehen wenn sich ein Amerikanischer Ureinwohner durch ein Karnevalskostüm beleidigt fühlt ? Absolut, aber dann direkt denjenigen im Kostüm als Rassisten und großen Unterdrücker darzustellen ist meines Empfindens nach schon überzogen und dann auch noch diesen Schwachsinn der „Cultural Appropriation“ als legitime Problematik darzustellen ist ebenfalls weit über das Ziel hinaus vor allem wenn nicht einmal die Chance gegeben wird sich zu erklären oder einfach nur zu äußern – Stempel drauf und ab ins soziale Exil das ist am einfachsten und schon sind alle Probleme gelöst oder ?

    Ich gebe zu das „political correctness“ als Schlagwort ausgeschlachtet wird um gegen die oft genug extrem weit ausschweifenden SJW-Bewegungen zu wettern ohne dabei auch die positiven Seiten und Argumente anzuerkennen. Und ich gebe auch gerne zu dass beide Seiten der Debatte sich oft genug die Glaubwürdigkeit absprechen ohne richtig hinzuhören, weswegen ich aber auch für die gänzliche Abschaffung institutioneller Meinungsabkapselung an z.B. Universitäten und Schulen bin und dort die offene Diskussionsbereitschaft im zivilisierten Rahmen fördern würde anstatt diese mit „safe spaces“ und Vortrags- und Versammlungsverboten zu erschlagen.

    Das im Internet so ziemlich die krassesten und menschenverachtendste Scheiße zu lesen und hören ist weiß wohl jeder und hat auch jeder schon mitbekommen. Man sieht’s mindestens ein paar mal am Tag auf Facebook und hier einen offenen und geregelten Dialog zu führen ist schon schwieriger denn es ist ja sehr einfach sich nur in Sphären zu bewegen in denen der größte Quatsch gelabert wird ob nun in SJW-Blogs auf Tumblr oder bei Infowars und Breitbart. Hier kann man schlecht etwas tun ohne gleich alle Fluttore zu öffnen oder schlichtweg zu zensieren was ja auch keiner wirklich möchte, denn selbst wenn das ausradiert wird was mir nicht passt gibt es keine Garantie das nicht irgendwann meine Ansichten nicht mehr mit den AGBs vereinbar sind.

    Es ist keine einfach Thematik und die Menschheit hat schon lange damit zu kämpfen aber nur durch die adäquate Behandlung der Materie kann man sich als Gesellschaft weiterentwickeln.

  13. Lukas Heinser
    5. Dezember 2016, 14:31

    @The Godless Monk: Ich bin mir ehrlich gesagt sehr unsicher, ob Trump mit dem Begriff „safe space“ das gleiche meint wie Sie, wenn Sie von Leuten schreiben, die „durch durch irgendeine Banalität ‚traumatisiert‘ wurden“ (übrigens eine saloppe, unsensible Formulierung, wie ich finde).

    Ich vermute eher, er meinte einen Ort, wo die Realität mal draußen bleibt und man sich entspannt den schönen Dingen des Lebens hingeben kann. (Wozu er übrigens mal den Wikipedia-Eintrag seines Amtsvorvorvor…gängers Abraham Lincoln lesen sollte.)

  14. Lars
    5. Dezember 2016, 16:34

    Mein Problem mit PC sind die anscheinend festgelegten Dinge, die nicht gesagt und getan werden können, weil sie rassistisch, sexistisch etc. seien. Nur: Wer legte sie fest? Es gibt keine Ebene, auf der ich sie hinterfragen kann und vieles erscheint mir doch sehr fraglich, viele Begründungen sind unwissenschaftlich, manche geradezu hanebüchen. Vieles ist eben nicht korrekt, sondern bedarf der Korrektur. Oft wird als Argument vorgebracht, ich als Nichtbetroffener könne den rassistischen Gehalt bzw. das verletzende Moment gar nicht verstehen. D.h. letztlich, ich soll etwas für mich als gültig erachten, ohne es begreifen zu können und von der Richtigkeit überzeugt zu sein. Das muss ich verweigern. Und dabei bin ich als Linker doch nun wirklich wohlwollend. Anderen muss es noch schwerer fallen.
    Ich führe bewusst kein Beispiel an, weil es ein generelles Problem ist (und ich es leid bin, immer dieseslben Antwortphrasen zu hören).

    Anstand, ja bitte, aber erstarrte Anstandsregeln, nein danke.

  15. lol
    5. Dezember 2016, 16:47

    „sexistische und rassistische Sprüche“ wenn der Artikel schon so losgeht, ist der rest bestimmt sehr neutral… not.

  16. Lukas Heinser
    5. Dezember 2016, 16:49

    @lol: Sie sind jetzt die letzte Pappnase, die hier mit einer offensichtlich ausgedachten E-Mail-Adresse kommentieren darf. Alles weitere in dieser Richtung wird geräuschlos entsorgt.

  17. Phorkyas
    5. Dezember 2016, 19:24

    @lol: Und ich komme fast nicht über den Titel hinweg. Ist da nicht ein „e“ zuviel?

  18. Heinrich
    5. Dezember 2016, 19:51

    @Phorkyas
    Ein e weg und das die durch der ersetzen, dann passt es wiEder.
    @Lukas Heinser
    Pappnase als Beleidigung ist nicht pc, denn es beleidigt Karnevalist*innen.

  19. Matthias SchumachR
    5. Dezember 2016, 20:27

    @Lars. Das legt keiner fest, aber mit einem Funken Anstand, Höflichkeit und vor allem Empathie für die Betroffenen kommt man schon recht weit. Es interessiert z. B. Null, wie der Brüderle was gemeint hat, sondern dass die Adressatin sich angehangen fühlte, ist entscheidend.

  20. Walter
    5. Dezember 2016, 23:17

    Nein, Lars, diese Dinge sind nicht festgelegt. Jeder, der in einer Position ist, die es ihm ermöglicht, Anderen Beschränkungen aufzuerlegen oder Andere zurechtzuweisen, kann diese Dinge beliebig bestimmen. Beispiel gefällig?
    http://jungle-world.com/artikel/2012/30/45919.html
    Und das Problem ist, dass in der Logik dieses Umgangs mit Sprache und Wirklichkeit die Möglichkeit, nach eigenem Verstand die Grenze zwischen gebotener Sensibilität und politischer Neurose zu ziehen, bereits ausgeschaltet ist. Wenn „die Betroffenen“, lieber Matthias SchumachR, per definitionem die Definitionsmacht, also immer Recht haben, dann müssen „die Privilegierten“ in stummer Demut hinnehmen, was ihnen diktiert wird, wenn sie es nicht gleich nachsprechen. Das ist, um den einschlägigen Szene-Jargon zu zitieren, „die Politik des zuverlässigen Verbündeten“.
    Wenn man es mit Sponti-Funkionären einer Psychosekte zu tun hat, kommt man mit Anstand, Höflichkeit und Empathie keinen Millimeter weit. Macht ist nämlich leider geil, selbst wenn sie sich auf schäbige Szenen-Sandkästen beschränkt. Das haben schon unsere Vorfahren in den K-Gruppen der siebziger Jahre gelernt – Stichwort „Selbstkritik“ à la mode chinoise.

  21. Struppi
    6. Dezember 2016, 12:18

    „Wobei: @The Godless Monk: Wenn sich Weiße als Klischeeversionen von Schwarzen, Asiaten oder Latinos verkleiden und sich Schwarze, Asiaten oder Latinos davon verletzt fühlen, dann ist das meines Erachtens Rassismus“

    Meine Kindheit stürzt ein.

    Wir haben uns gerne verkleidet und waren z.T. stolz auf die Verkleidung und Nachahmung dieser Kulturen.

    Das ist auch ein wichtiger Aspekt aller Kulturen, die Aneignung und Bereicherung mit fremden Einflüssen. Dazu gehört aber auch, dass man sich über manche Dinge lustig macht. Der Bayer oder Ostfriese sind typische Beispiele und sehr viel häufiger im Alltag anzutreffen, als das sich jemand über Ausländer lustig macht. Da die meisten Menschen fremde Verhaltensweise eher interessant finden und neugierig sind.

    Wie gesagt, fremde Kulturen sind und waren eine Bereicherung, dazu gehört aber auch der Humor und sich lustig machen.

    Insofern halte ich die Unterstellung, eine Nachahmung wäre rassistisch für unbegründet und für eine offene Gesellschaft sogar für gefährlich. Da durch solche Thesen versucht wird manche Bereiche des Miteinander zu diffamieren und damit zu tabuisieren. Was letztlich zu diesen ziellosen Diskussionen führt, aber auch dazu das sich keiner mehr traut auf Fremde zu zugehen, sie könnten ja beleidigt sein und letztlich zu weniger miteinander führen (es gibt z.b. auch immer wieder die Aussage die Frage „woher komst du“ wäre rassistisch, was genau so ein Quatsch ist).

    Aber solange wir über solche Fragen diskutieren geht es uns noch gut.

  22. Lars
    6. Dezember 2016, 16:48

    Klarstellung: der Lars vom 5.12. ist nicht der vom 17.11. – im Nov. das war nämlich ich.
    Lars

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