Journalisten im Backwahn

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 15. Juni 2012 14:45

Neulich war ich auf einer Journalistentagung. Ich konnte das vor mir selbst rechtfertigen, indem ich auf dem Podium sagte, dass ich keine Journalistentagungen (und keine Bloggertreffen) mag. Die anwesenden Journalisten waren anschließend so nett, mir noch einmal zu erklären, warum das eigentlich so ist.

Ich saß im Publikum einer Diskussion über das Urheberrecht, die ganz außergewöhnlich kuschelig zu werden drohte, weil niemand, der vorher irgendwelche Aufrufe zur Rettung des Urheberrechts (vor wem auch immer) unterzeichnet hatte, an der Diskussion teilnehmen wollte. (Oder konnte — vielleicht fand zeitgleich das Jahrestreffen der Offene-Briefe-zur-Rettung-des-Urhebberrechts-Unterzeichner statt, wer weiß schon, was Menschen, die offene Briefe unterzeichnen, so in ihrer Freizeit machen.)

JEDENFALLS: Ein Vertreter der Piratenpartei erklärte gerade, dass es ja durchaus viele Menschen gebe, die für Inhalte zahlen würden, diese Bezahlung in vielen Fällen aber unmöglich sei. Die populäre Fernsehserie “Game Of Thrones” etwa werde vom Sender HBO ausschließlich über ihren Bezahlkabelkanal vertrieben und ein Jahr nach Ausstrahlung der Staffel auf DVD veröffentlicht. Wer die Serie zeitnah sehen wolle (etwa, um im Freundeskreis mitreden zu können), werde quasi in die Illegalität gezwungen, selbst wenn er eigentlich bereit wäre, gutes Geld für einen legalen Zugang zu zahlen.

Tatsächlich ist diese HBO/”Game of Thrones”-Geschichte ein bemerkenswerter Fall, denn eine neue Zugangsmöglichkeit zu den HBO-Serien würde das eigentliche Geschäftsmodell des Senders, den Absatz seiner Kabelpakete, gefährden. Statt dieses Risiko einzugehen, nimmt HBO die weltweite Verbreitung der Serie durch Dritte einigermaßen billigend in Kauf — und hofft offenbar darauf, dass die Fans dann schon noch anschließend die DVDs kaufen werden.

Über all das wurde bei der Podiumsdiskussion nicht gesprochen, denn es erhob sich ein Mann (wie ich annehmen muss: ein Journalist) im Publikum und fing lautstark zu schimpfen an: Wo wir denn da hinkämen, wenn der Konsument plötzlich bestimmen würde, auf welchem Weg und zu welchen Konditionen er das Produkt geliefert bekomme?! Wenn der Sender die Serie nicht anders verkaufen wolle, müsse man halt warten. Man würde ja auch nicht beim Bäcker sagen: “Du willst zwanzig Cent für die Brötchen, aber ich geb’ Dir nur zehn!” (Ich kann mich nicht an den genauen Wortlaut erinnern, aber die Brötchenpreise waren definitiv nicht zeitgemäß.)

Mal davon ab, dass seine Wortmeldung vergleichsweise weit am eigentlichen Punkt vorbeiging und ich ob seines Geschreis ganz dringend aus dem Veranstaltungsraum fliehen musste, blieb mir der Mann im Gedächtnis.

Was, so dachte ich, muss bei einem Autor falsch gelaufen sein, damit er seine Texte mit Brötchen vergleicht?

Gestern dann verfolgte ich im Internet eine weitere Podiumsdiskussion und wieder fing irgendein Chefredakteur an, von Brötchen zu reden. Da dämmerte mir: So wird das nichts mehr mit dem Journalismus in Deutschland.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das Backhandwerk ist ein ehrenwertes Gewerbe, vor dem ich – wie vor allen Handwerken – größten Respekt haben. Wer möchte schon mitten in der Nacht aufstehen, um Mehlstaub einzuatmen und seine Hände in eine klebrige Masse zu drücken? Darüber hinaus ist es eine hohe Kunst: Es ist außerhalb Deutschlands nahezu unmöglich, ein gescheites Brot zu finden, und wirklich gute Brötchen findet man nirgendwo mehr, seit die Bäckerei Hallen in Dinslaken ihre Pforten hat schließen müssen.

Damit wir uns des weiteren nicht falsch verstehen: Auch ich möchte für meine Arbeit, in diesem Fall das Erstellen von Texten und lustigen Videos, angemessen entlohnt werden.

ABER: Meine Texte sind keine Brötchen! Niemandes Texte sind das!

Text und Brötchen im Direktvergleich (Symbolfoto).

Werden oft verwechselt: Text (links, über den Eurovision Song Contest in Baku) und Brötchen (rechts, mit Kürbiskernen).

Zwar scheinen manche Journalisten und die meisten Verleger überzeugt, dass ihre Texte für die Menschheit so wichtig sind wie das tägliche Brot, aber das macht sie noch nicht zur Backware.

Man könnte das natürlich durchspielen und augenzwinkernd feststellen, dass die Leute anscheinend auf Marie-Antoinette gehört haben und jetzt einfach Kuchen essen statt Brot. Dafür müsste man sich noch überlegen, was in dieser Metapher jetzt der Kuchen wäre (Blogs? Google?), aber das Bild würde mit jedem Gedanken schiefer. Texte sind keine Brötchen!

Texte werden nicht gebacken, man kann sie nicht nach fünf Tagen kleinhobeln und mit ihnen Schnitzel panieren und vor allem werden Texte nicht an Leser verkauft, sondern an Verleger. (Dass die dann sagen, sie würden gerne aber nur die Hälfte des Preises zahlen wollen, ist das eigentliche Problem für die Journalisten.)

Das ganze Themenfeld “geistiges Eigentum” ist vermint mit hinkenden Vergleichen, aus dem Boden von Fässern herausgeschlagenen Kronen, verunfallten Metaphern, falschen oder wenigstens überholten Annahmen und unglücklichen Begriffen. Ja, “geistiges Eigentum” ist schon ein solcher unglücklicher Begriff, weil der Geist ja eben so erfrischend unkörperlich ist. Das überfordert viele Vorstellungskräfte, weswegen die Katholische Kirche den Heiligen Geist kurzerhand in eine Taube gepackt hat. Das ist auch nur ein Bild, liebe Journalisten (wenn auch weit weniger bescheuert als gebackene Texte): Wenn Euch eine Taube auf den Kopf kackt, ist das in den seltensten Fällen ein Zeichen Gottes.

Wir können über alles diskutieren (ach, das tut Ihr ja schon seit 15 Jahren): über die Möglichkeit, einzelne Texte zu bezahlen; darüber, dass die Werbekunden ins Internet abwandern; über die schlechten Arbeitsbedingungen von Journalisten und die teils ekligen Verträge, die ihnen die Verlage vorlegen; darüber, dass guter Journalismus natürlich bezahlt werden muss, und über vieles mehr.

Aber wenn Menschen, die ausschließlich von der Kraft ihrer Gedanken leben, Texte mit Brötchen vergleichen, dann sehe ich für alle weiteren Gesprächsansätze ausgesprochen schwarz.

17 Kommentare

  1. Matthias
    15. Juni 2012, 16:06

    Bei der Überschrift musste ich an die Bhagwan-Bewegung denken (und schaut man sich Herrn Heinsers Wortspiel-Überschriften beim Bildblog an, war das vielleicht sogar intendiert): Immerhin nimmt die Urheberrechtsdebatte mittlerweile schon beinahe Züge einer Religionsdebatte an. Da treffen Weltanschauungen aufeinander, da sektieren manche Journalisten mit Verlegern, usw.

  2. Christian
    15. Juni 2012, 17:45

    “Wo wir denn da hinkämen, wenn der Konsument plötzlich bestimmen würde, auf welchem Weg und zu welchen Konditionen er das Produkt geliefert bekomme?!” – ich finde ja, dass das wunderbar umschreibt wie wenig man seitens der Verlage an “freier Marktwirtschaft” interessiert ist. “Marktabschottung” und “Umverteilung” sind die Worte die mir da eher in den Sinn kommen – und das die Verlage mal den Sozialismus fordern und fördern würden, das ist ein Wunder dass selbst der Papst nicht leugnen würde.

    Das ist wie wenn dein Brötchen umsonst ist, du dafür aber den halben Tag Schlange stehen musst und am Ende nur ein Milchhörnchen bekommst. Von wegen Backwarenvergleiche funktionieren nicht!

  3. Martin
    15. Juni 2012, 18:12

    Danke, Herr Heinser. Schöner Text.

  4. Problemkerze
    15. Juni 2012, 18:36

    @Christian: Nur damit ich den Vergleich verstehe: Sind die Milchhörnchen auch umsonst?

  5. Muriel
    16. Juni 2012, 12:32

    Das ist auch nur ein Bild, liebe Journalisten (wenn auch weit weniger bescheuert als gebackene Texte)

    Über die Frage kann man durchaus geteilter Meinung sein, denke ich.
    Aber darum geht es hier ja gar nicht.

  6. Journalisten im Backwahn – Coffee And TV | shared – Der Abfall, der bleibt
    16. Juni 2012, 17:49

    […] Jour­nal­is­ten im Back­wahn – Cof­fee And TV. This entry was posted in Allgemein by Dogma Pillenknick. Bookmark the permalink. […]

  7. tzweik
    16. Juni 2012, 22:27

    Es freut mich zu lesen, dass man bei solchen Diskussionsrunden so viel Spaß haben kann!
    Wenn ich aber bedenke, dass diese Journalisten die Tageszeitung von meinem Vater schreiben, weiß ich auch warum er so über das Internet denkt… alles böse!

  8. e13.de » Link(s) vom 17. Juni 2012
    17. Juni 2012, 8:44

    […] Journalisten im Backwahn – Coffee And TV „Das ganze Themenfeld “geistiges Eigentum” ist vermint mit hinkenden Vergleichen, aus dem Boden von Fässern herausgeschlagenen Kronen, verunfallten Metaphern, falschen oder wenigstens überholten Annahmen und unglücklichen Begriffen. Ja, “geistiges Eigentum” ist schon ein solcher unglücklicher Begriff, weil der Geist ja eben so erfrischend unkörperlich ist. Das überfordert viele Vorstellungskräfte, weswegen die Katholische Kirche den Heiligen Geist kurzerhand in eine Taube gepackt hat. Das ist auch nur ein Bild, liebe Journalisten (wenn auch weit weniger bescheuert als gebackene Texte): Wenn Euch eine Taube auf den Kopf kackt, ist das in den seltensten Fällen ein Zeichen Gottes.“ […]

  9. SvenR
    18. Juni 2012, 0:43

    Das was die Verlage da gerade machen, und die von ihnen abhängigen Journalisten da in eigenster Sache machen, entspricht meiner Meinung nach genau dem Zeiitgeist. In den »echten Weltfirmen«, mit denen ich beruflich zu tun haben, alle selbstvertsändlich Marktführer in ihren jeweiligen Märkten, werden jeden Tag neue Regeln geschaffen. Die richten sich dann wahlweise gegen den freundlichen Mitbewerber, den Mitarbeiter oder den Kunden. Die gelten also nicht für die Führungsriege, den Marktsegment oder das Unternehmen. Manche dieser Regeln werden zu Gesetzen oder Verordnungen, wie beispielsweise die Gruppenfreistellung des Automobilhandels – nur markengebundene Fachhändler dürfen »richtige« Neuwagen verkaufen. Und dann muss man als Endkunde immer noch zusätzlich Überführungskosten zahlen. Oder wenn man das Auto selbst im Werk abholt »Bereitstellungskosten«. Das hat auch mit Logik nichts zu tun, ist schon lange bekannt – ich schweife ab.

    Warum zahlen freie Berufe keine Gewerbesteuer? Warum werden Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz nicht verfolgt? Wieso dürfen Erbringer von Umsatzsteuer-befreiten Dienstleistungen, wie Ärzte und Krankenhäuser nicht die gezahlte Vorsteuer nicht erstattet bekommen? Wieso werden (globale) Banken gerettet, und nicht (lokale) Spareinlagen? Warum kürzen Städte winzigste Zuschüsse für Bildung und Erziehung und Bauen gleichzeitig Prachtprotzbauten ohne Funktion?

    Solange die Bürger trotzdem in Lohn und Brot stehen, damit ganz gut zurecht kommen, ist das unproblematisch.

    Dieses Leistungsschutzgeld hat das Potential weite Teile der Gesellschaft zu kriminalisieren und dabei gleichzeitig die darbende Verlagsbranche und den Journalsmus – wie wir ihn heute kennen – zu zerstören. Da passen diese sinnlosen Vergleiche wie Arsch auf Eimer.

    Kotz!

  10. Mathis
    18. Juni 2012, 10:38

    In Neukölln gibts Brötchen für 20 Cent, kein Problem! (Danke für den schönen Text.)

  11. Torsten
    18. Juni 2012, 21:22

    Wenn schiefe oder zum Zehennägelrollen falsche Metaphern und Analogien ein Ausschlusskriterium sind, kannst Du nicht wirklich über viele Dinge diskutieren…

  12. Pottblog
    19. Juni 2012, 7:54

    Leistungsschutzrecht statt(?) Links anne Ruhr (19.06.2012)…

    Das Leistungsschutzrecht für Presseverleger könnte dafür sorgen, dass Verlage Geld dafür verlangen, dass man sie verlinkt. Daher verlinkt das Pottblog heute in den "Links anne Ruhr" nur auf Blogs bzw. andere Medien, die si…

  13. hannes
    20. Juni 2012, 10:53

    Danke, das spricht mir aus der Seele. So ähnlich, wie die ständigen Vergleiche “Computer” und “Auto”: “Du nimmst doch ooch eenen mit mehr Hubraum um schneller fahren zu können!”

  14. gehirnfux
    22. Juni 2012, 0:40

    “dann sehe ich (…) ausgesprochen schwarz.” – wo wir wieder bei den Brötchen wären.. verbrannt!

  15. Fritz
    22. Juni 2012, 16:52

    Über die Realitätsferne des “Die Leute wollen doch alle zahlen, können aber nicht” wird hinweggegangen? Das ist doch ein Hohn. Selbst Steuern, die nunmal für ein Land und alle Menschen darin sehr wichtig sind will keiner zahlen.
    Über die Gerechtigkeit, dass manche zahlen und andere nicht wird sich auch gerne ausgeschwiegen.

  16. Der Peter
    27. Juni 2012, 1:47

    Du hast einen sehr angenehm und witzig zu lesenden Schreibstil, das finde ich gut.
    Dass du mir außerdem desöfteren aus der Seele sprichst, das finde ich mindestens genauso gut.

  17. Kontertanz
    27. Juni 2012, 9:52

    Ob es wohl einen weniger hohlen Vergleich gibt, den heran zu ziehen du als zulässig empfinden würdest?

    P.S. Schön das es ein Kürbiskernbrötchen ist. Das sind die Besten.

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