Fernsehen ohne Kaffee

Von Lukas Heinser
Veröffentlicht: 23. März 2012 14:12

Gestern Abend wurden in Berlin die Echos verliehen. Der Veranstalter, der Bundesverband Musikindustrie e.V., bezeichnet den Echo konsequent als “einen der wichtigsten Musikpreise der Welt”, nach welchen Kriterien die Preise genau verliehen werden, weiß niemand so genau, vermutlich nicht einmal Prof. Dieter Gorny. Eine große Rolle spielen auf alle Fälle die Verkaufszahlen, weswegen der Abend einigermaßen erwartbar ausging. Andererseits: Nur ein Preis für Tim Bendzko, statt Revolverheld haben wenigstens Jupiter Jones gewonnen und der Hip-Hop/Urban-Preis ging immerhin an den sympathischen Casper statt an den homophoben Bushido.

Die Preisverleihung aber, bis vor vier Jahren bei RTL von Oliver Geissen und/oder Frauke Ludowig aseptisch wegmoderiert, war der ARD dann doch erstaunlich gut gelungen: Vom großen Opening mit den fünf größten Radiohits des vergangenen Jahres (Jupiter Jones, Frida Gold, Andreas Bourani, Tim Bendzko und Revolverheld — don’t get me started), das noch ein bisschen unterprobt wirkte, in Zukunft aber funktionieren sollte, über die angenehm kurz gehaltenen Zwischenmoderationen von Ina Müller und Barbara Schöneberger bis hin zu den vielen, vielen Auftritten (Kraftklub mit Casper, Tim Bendzko mit Shaggy!) war das ein kurzweiliger, bunter Abend, der das beste aus dem rausholte, was in Deutschland als Inventar der Unterhaltungsindustrie zur Verfügung steht. Und ich weiß, wie schwer das ist, ich habe es letztes Jahr als Co-Autor der Echo-Verleihung selbst versucht.

* * *

Heute Abend wird der Adolf-Grimme-Preis verliehen, die vielleicht renommierteste Auszeichnung, die es in Deutschland für Fernsehsendungen gibt. Die Preisübergabe findet mit vergleichsweise wenig pyrotechnischem Einsatz im Stadttheater Marl statt und die Chancen stehen hoch, dass Sie noch nie eine der gewürdigten Sendungen gesehen haben, weil diese von den Sendern, die sie bestellt und finanziert haben, zu absurdesten Zeiten versendet wurden, auf dem alten Sendeplatz des Testbilds.

Selbst die Grimmepreisverleihung selbst, eher protestantischer Erntedankgottesdienst als katholisches Hochamt, wird von 22.25 Uhr bis 23.55 Uhr auf 3sat verklappt. Dabei kann man da wenigstens immer ein paar Minuten Ausschnitte aus den hochklassigen, zumeist (aber nicht ausschließlich) deprimierenden Fernsehspielen und Dokumentationen sehen, die man im Laufe des Jahres so verpasst hat.

* * *

Es ist also nicht so, dass es in Deutschland gar kein gutes Fernsehen gäbe, aber man muss danach suchen — und es wird selbst von den öffentlich-rechtlichen Sendern bewusst verhindert. Die breite Masse ist genauso mut-, belang- und lieblos, wie das, was an deutscher Popmusik im Radio oder halt beim Echo läuft.

Malte Welding hat für die “Berliner Zeitung” eine große Abrechnung mit dem deutschen Fernsehen verfasst, die auch eine Abrechnung mit dem gesamten Kulturbetrieb, ja eigentlich der ganzen Bundesrepublik ist.

Hier mal eine der moderateren Passagen:

Was China im Fußball, das ist Deutschland in der Unterhaltung. Ein Entwicklungsland. Ein Entwicklungsland allerdings, dessen Unterhaltungsbeamte sich gebärden, als hätten sie den begehbaren Kleiderschrank erfunden, und das ein Schweinegeld hat. Da werden Filmbälle gegeben, die gerade durch den Glamourversuch am Ende doch immer so aussehen wie die Abifeier der Jean-Sans-Terre-Oberschule.

Das deutsche Fernsehen steht so patschzufrieden im eigenen Saft, dass es mit großer Fröhlichkeit darin ersaufen wird, in der Karnevalsbrühe aus Küstenwachenwiederholungen und Serien mit Tieren in der Hauptrolle und Selbstversicherungskabarettsendungen und Redaktionen nach Parteiproporz, die Politsendungen simulieren, und ist die Rente sicher und kippt der Euro und stirbt das Land? Ja, das Land stirbt. Vor Langeweile.

Malte Welding: Stirbt das Land vor Langeweile?

11 Kommentare

  1. Guybrush
    23. März 2012, 21:34

    Tja und selbst eingekaufte US-Serien werden versendet. Gerade wieder “Game of Thrones” 10 Folgen jeweils 60 Minuten werden an 3 Tagen auf RTL2 runtergespult.

  2. Bernicz
    23. März 2012, 22:37

    Muss man auf die nächste Folge eine Woche warten, ists ned recht. Kommt die nächste Folge gleich im Anschluss ists ned recht. Es ist nicht leicht es recht zu machen. Nicht einmal für RTL 2.

  3. Christian
    23. März 2012, 23:52

    Treffer, Lukas!

  4. SvenR
    24. März 2012, 9:14

    Vorweg: Es ist toll, dass solch eine Sendung im Ersten zur Hauptsendezeit live ausgestrahlt wir. Und ja, da war viel schönes bei. So wie Du geschrieben hast. Aber nicht nur das Opening wirkte etwas unterprobt. Wie kann man Barry Manilow auf der Bühne haben, und ihn nicht singen lassen? Und dafür müssen wir uns dann Olly Murs und Konsorten anhöhren? Oder Sean Paul und Gesindel? Zum Glück bin ich rechtzeitig vor Marylin Manson mit Rammstein eingeschlafen und habe auch nichts vom Lebenswerk-Echo für Niedecken mitbekommen.

    Ich weiß, dass ist alles total subjektiv, aber so richtig toll unterhalten habe ich mich nicht gefühlt.

    BTW, ich habe noch nie so viele hässliche Arm-, Hand-, Hals- und Dekoltee-Tätowierungen bei Schmusesängern, wie dort gesehen. Ich befürchte, bald wird das zur Pflicht.

    (Ich frage mich gerade, wie ich wohl klinge, wenn ich in ein paar Jahren aus der werberelevanten Zielgruppe herausrutsche…)

  5. Lukas Heinser
    24. März 2012, 14:29

    Die Musikacts werden quasi direkt von den Plattenfirmen eingesetzt — und die schicken eben lieber drei aktuelle Hoffnungsträger mit einem “Medley” auf die Bühne, als einen gelifteten Altstar.

    Ich fand aber die Idee, Barry Manilow den Schlager-Echo überreichen zu lassen, schon phantastisch! Er wusste offensichtlich nicht so genau, wo er war, was das alles sollte, was die schrille blonde Frau von ihm wollte (“Copacabana” singen), wer die stille blonde Frau ist (Helene Fischer), aber das war in seiner Absurdität ganz große Unterhaltung!

  6. viewer
    25. März 2012, 16:55

    Zum Echo: furchtbar peinlich fand ich mal wieder das Saalpublikum. Offenbar alles nur Branchen-Fuzzis. Da stehen Mando Diao auf der Bühen und rufen zur Begrüßung ein schwungvolles “Hello Berlin. How are you doin’ tonight?” und werden von Totenstille empfangen. Da zählt Sean Paul die Nomminierten auf, macht bei jedem Namen eine Pause und hält das Mirko Richtung Publikum… Aber erst ab dem 3. oder 4. Namen kapieren ein paar vereinzelte Zuschauer, dass sie mitmachen sollen und klatschen reserviert. USW. Ich will nicht wissen, was die internationalen Stars zu Hause über die Deutschen erzählen, wenn so eine Veranstaltung so schwungvoll ist wie eine Schweigeminute im Bundestag.

  7. Lukas Heinser
    25. März 2012, 17:20

    Ich hab letztes Jahr mehrfach spinxen müssen um sicherzugehen, dass die Show da nicht gerade versehentlich vor einer leeren Halle läuft. Glaub mir: Am Fernseher kommt das schon bedeutend stimmungsvoller und lauter rüber als in echt!

  8. Guybrush
    26. März 2012, 14:29

    @Bernicz:

    Für RTL2 scheint es sich wohl gelohnt zu haben http://www.spiegel.de/kultur/t.....08,00.html

    hmmm…

  9. Knut
    26. März 2012, 18:45

    Ich frage mich seit Jahren was schlimmer ist, die deutsche Musik oder das deutsche Fernsehen.

  10. Henne
    27. März 2012, 10:12

    Eigentlich hat doch alles gepasst: die Show war gut und das peinliche Publikum hat mit “Miss Piggy” und “Tiffy” die Moderatoren bekommen, die zum ihm passten. Ich musste ja lachen als Udo und Jan Delay auftraten – Herr v. Bödefeld feat. Singschlumpf. Was bedeuten eigentlich diese Handbewegungen (Finger ausgestreckt, hoch und runter), die Udo und Jan immer bei den Großaufnahmen brachten?

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