Blöd On Blöd

Von Lukas Heinser, 25. Mai 2011 0:56

Ich habe all das, was zu Bob Dylans siebzigstem Geburtstag gesendet, gesungen und geschrieben wurde, nicht sehen, hören, lesen wollen — und bin doch einigermaßen zuversichtlich, den schlechtesten Beitrag zum Thema gefunden zu haben: Er lief im Rock’n’Roll-Magazin „Brisant“ im ARD-Vorabend und wenn Dylan davon Wind bekäme, würde er die Verantwortlichen schärfer angreifen als die Adressaten in „Masters Of War“.

Der Moderator erklärt zunächst mal, dass sich dieser Bob Dylan „im Laufe der Jahre zu einem eigenwilligen, aber genialen Rock-Poeten entwickelt“ habe. Logischer wird’s anschließend nicht mehr.

Schon der erste Satz des Beitrags lässt sich nicht von Raum und Zeit beirren:

„Like A Rolling Stone“ ist zum besten Rocksong aller Zeiten gekürt worden und Sänger Bob Dylan ist Mitte der Sechziger Jahre ein Halbgott.

Doch weg von den Göttern, hinab in die Hölle: Musikmanager Thomas M. Stein habe Dylans Werk „analysiert“, erklärt die Sprecherin, doch bevor wir erfahren, wie es klingt, wenn Thomas M. Stein etwas analysiert, erfahren wir erst mal, wie es aussieht, wenn Thomas M. Stein etwas signiert — zum Beispiel sein eigenes Hörbuch, das bei ihm dekorativ und in mehrfacher Ausfertigung auf dem Schreibtisch liegt:

Dylan sei deswegen ein Mythos, erklärt Stein (nachdem er zunächst „war“ gesagt hatte, aber vielleicht hat er auch nur darauf spekuliert, dass sein O-Ton dereinst in den Nachrufen noch mal wiederverwendet wird), weil er „wunderbare Lieder, wunderbare Texte“ geschrieben habe. Denn eine schöne Stimme habe der Mann ja nun wahrlich nicht.

Nur: Er hat eine ganze Generation bewegt. Vergessen Sie nicht Woodstock, das sind legendäre Auftritte, die Bob Dylan gemacht hat. Damals nur mit der Klampfe und mit der Gitarre, ohne großen Background, währenddessen andere schon rockmäßig weiter – Rolling Stones und Santana, wie sie alle hießen – schon mit großem Orchester gereist sind, hat er sich sehr stark zurückgehalten.

Was Thomas M. Stein bei seiner Analyse des Leben ’n‘ Werk Bob Dylans offenbar entgangen ist: Dylan ist beim Woodstock Festival gar nicht aufgetreten (die Rolling Stones übrigens auch nicht und Carlos Santana nicht mit Orchester).

Weiter Thomas M. Stein:

Er hat später einen Knick bekommen in der Karriere, lustigerweise, weil er von der normalen Akustikgitarre zur elektrischen Gitarre übergegangen ist. Das haben ihm die alten Fans übel genommen.

Ja, übel genommen haben sie’s ihm, aber nicht „später“, sondern beim Newport Folk Festival 1965 — mehr als vier Jahre vor Woodstock.

Aber gehen wir doch noch ein paar Schritte zurück in die Geschichte:

Hier in Minnesota, USA kommt Robert Allen Zimmerman 1941 zur Welt.

Nun ist „hier in Minnesota“ eigentlich ein bisschen unpräzise, weil der Staat mit 225.000 Quadratkilometern fast so groß ist wie die Bundesrepublik ohne DDR, aber zum Glück kann man das ja bildlich etwas präzisieren:

Irgendwo entlang dieser Straße, also.

Doch es kommt noch schlimmer. Viel schlimmer, als sich die kranken Köpfe hinter „Saw“, „Hostel“ und „Final Destination“ es sich jemals hätten ausdenken können.

Auftritt Bernhard Brink.

Den Schlagersänger, der „in einem anderen Genre zuhause ist“, hat das ARD-Team offenbar in seinem Lieblingsweinlokal angetroffen, wo er von der „großen Zeit der APO, Ende der Achtensechziger, in der großen Protestzeit“ schwärmen darf. Er habe sich selbst „auch ’n Playback besorgt von dem Klassiker, hier“, dessen Titel Brink offenbar nicht mehr einfallen will, was er aber charmant mit einer eigenen Interpretation von „Blowin‘ In The Wind“ übergeht.

So schlimm ist dann wiederum Bernhard Brinks Gesangseinlage nicht — zumindest, wenn man sie mit den zusammenhanglosen Sätzen vergleicht, die jetzt wieder aus dem Off blubbern:

Doch Bob Dylan will sich vor keinen Karren spannen lassen; nicht für die Friedensbewegung, nicht für die Musikindustrie. Daran ändert auch seine Liebe zu Sängerin Joan Baez nichts. Interviews gibt er selten — und wenn, dann kurz und schmerzhaft.

Man könnte annehmen, die „Brisant“-Leute hätten sich Joan Baez hier als eine Art Karren gedacht, wenn es nicht keinen Grund gebe, anzunehmen, dass sie sich irgendetwas gedacht haben.

Es folgt ein kurzer Ausschnitt, in dem sich ein sehr junger Bob Dylan über eine sehr dumme Interview-Frage echauffiert, dann geht der überraschende Einsatz von Konnektivpartikeln weiter:

Dennoch: Von den zehn besten Schallplatten der Popgeschichte stammen zwei von Bob Dylan.

Bis hierhin ist es ein peinlicher, ahnungsloser Beitrag. Doch jetzt wird der Jubilar nicht mehr nur von Schlagerbarden besungen, jetzt werden ihm haltlose Vorwürfe gemacht:

Ohne ihn hätte es die deutsche Rockband BAP womöglich nie gegeben.

Natürlich! Wenn in Deutschland alle Dylanologen abgesagt haben mit dem Hinweis, für solche Quatschformate würden sie nicht den Hampelmann machen, dann gibt es immer noch Wolfgang Niedecken, den „Dylan der Südstadt“, von dem man einen kurzen O-Ton kriegt.

Dann spricht wieder die Boulevard-Fernseh-Tante:

Der Mensch Dylan aber bleibt praktisch unsichtbar: Niemand weiß genaues über seine vier Kinder, das Scheitern seiner ersten Ehe, wenig über seine Drogensucht.

Das „aber“ hat natürlich wieder keine logische Funktion und tatsächlich gibt es über zwei der vier Dylan-Kinder nicht mal Wikipedia-Einträge, aber als Regisseur von „American Pie 3“ bzw. als Sänger der Wallflowers sind Jesse und Jakob Dylan dann doch irgendwie mal so ein bisschen in Erscheinung getreten.

Doch zurück zu Bob und dessen Schaffen, das Thomas M. Stein wie folgt zusammenfasst:

Er hat gezeigt, dass man neben „Lala“ auch noch was anderes singen kann.

Das hätte nicht mal der Graf von Unheilig verdient.

[via Ralf]

27 Kommentare

  1. Martin Kaysh
    25. Mai 2011, 1:49

    Danke für den Mut, „brisant“ wachen Geistes zu verfolgen und zu analysieren. Das bedarf schon eines Mutes, der bis zur Selbstverachtung zu gehen bereit ist.

  2. Links anne Ruhr (25.05.2011) » Pottblog
    25. Mai 2011, 6:29

    […] Blöd On Blöd (Coffee and TV) – Lukas Heinser hat sich die Brisant (ARD)-Sendung zum Geburtstag von Bob Dylan angeschaut und ist gar nicht begeistert. […]

  3. düsseldorferin
    25. Mai 2011, 8:25

    vom ersten bis zum letzten satz das reinste vergnügen. dank dir für den schönen start in den tag. und schreib doch bitte viel, viel öfter….

  4. Morbo
    25. Mai 2011, 9:53

    Naja also Dylan trat in Woodstock auf. Wenn auch nicht 69 sondern 25 Jahre später….

  5. Manfred Maurenbrecher
    25. Mai 2011, 9:53

    Dieser Brisant-Beitrag ist nur die Spitze eines Eisbergs, der jetzt grad lustig durchs Land geschwommen ist, so viel Mist a la ‚Ich war damals 16 und blablabla‘ inklusive. Wie angenehm, dass man hier in den Karpaten Bob Dylan grad mal vom Namen her kennt. Die Dummschwätzer müssen sich hier andere Themen suchen.

  6. Thomas
    25. Mai 2011, 10:17

    Vielleicht ist der Beitrag so schwammig und informationsfrei, um das typische Brisant-Publikum nicht zu überfordern. Die kennen doch sonst nur den Wendler und die Flippers!

  7. Michael Weinbrenner
    25. Mai 2011, 11:07

    Hab den Beitrag nicht gesehen.Aber Bernhard Brink? Alle Achtung!Und den Jürgen Drews hat keiner gefragt?

  8. Maik
    25. Mai 2011, 11:33

    Ich bewundere Dich. Sich brisant anzutun und dann auch noch mitzuschneiden… Solche Selbstkasteiung hat es seit dem Mittelalter nicht mehr gegeben.

    Nur beim Niedecken gehst Du fehl. Er und Dylan haben sehr viel gemeinsam: Beim Singen versteht man beide nicht.

  9. Alberto Green
    25. Mai 2011, 11:39

    Herrlich dieser Spannungsbogen des Todes von Dr. Stein über Bernhard Brink bis zum Niedecken.
    Which foul demon drove them into that madness?

  10. Bert
    25. Mai 2011, 11:55

    Ist schon ein graus! die Spreu vom Weizen zu trennen ist nicht leicht, da die Spreu überwiegt. Daß aber auch JEDER in der grauen gleichgeschalteten Medienwelt seinen Seim zum Thema und oft am Thema vorbei raussabbern muß. Das nenne ich brisant :-) Sendungen wie Brisant berichten nämlich selten über selbiges sondern sind es selbst. Und das für MEINE Gebühren. Coffee And TV mach weiter so! cheers from Hamburg BERT

  11. Tharben
    25. Mai 2011, 11:56

    Ich bin besorgt und frage, um sicherzugehen, dass es nicht an mir liegt.

    In dem Satz „Man könnte annehmen, die “Brisant”-Leute hätten sich Joan Baez hier als eine Art Karren gedacht, wenn es nicht keinen Grund gebe, anzunehmen, dass sie sich irgendetwas gedacht haben.“ ist entweder das „nicht“ zuviel oder das „keinen“ müsste ein „einen“ sein.

    Oder verstehe ich den Witz nicht?

  12. Jens
    25. Mai 2011, 12:59

    @Tharben: Das passt schon. Okay, das „gebe“ müsste ein „gäbe“ sein, aber der Rest ist nur etwas sperrig formuliert.

    Zwei Verneinungen heben sich auf, d.h. „wenn es nicht keinen Grund gäbe“ ist also in etwa äquivalent zu „wenn es einen Grund gäbe“. Im Zusammenhang also:

    „Man könnte annehmen, die “Brisant”-Leute hätten sich Joan Baez hier als eine Art Karren gedacht, wenn es einen Grund gäbe, anzunehmen, dass sie sich irgendetwas gedacht haben.“

  13. Aribert Deckers
    25. Mai 2011, 13:38

    Wenn ein Vakuumballon mit V-null wie ein Tornado in den Acker bis tief unter die Erdschicht kracht, das, liebe „Kultur“redakteure, das macht Euch so schnell keiner nach.

    Das will auch keiner.

  14. Sobri
    25. Mai 2011, 13:53

    leider hab ich den Beitrag nicht gesehen, aber danke für die sehr aufschlussreiche Analyse…
    …und darf ich etwas geistlos anfügen: LOL

  15. Achim
    25. Mai 2011, 14:00

    So ein Mist, gestern habe ich Brisant verschlafen, ich war halt müde.
    An dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich als Brisant Stammzuschauer auch ein paar Alben von Dylan habe, aber weit öfter The Doors, Monster Magnet und die Amigos höre, von wegen Flippers! Olaf, Bernd und Manni höre ich nur beim Grillen.

    O ja, Blonde on Blonde, inspiration für den Titel des Beitrags, habe ich aus, sehr schwieriges Album.

    „Mit Klampfe und Gitarre …“, was Lukas Heinser nicht auch noch erklärenen wollte. Erstaunlich, eigentlich dachte man einmal, Thomas Stein kenne sich aus in der Musikwelt, obwohl er mal in der Jury von DSDS saß. Da bewies er, dass er zu Recht neben Bohlen saß.

  16. Tharben
    25. Mai 2011, 14:21

    @Jens

    Oh, stimmt. Diese doppelte Verneinung hat mich überfordert. Tss, wenn es nicht keinen Grund gebe – muss ich mir merken. Danke.

    Ich wähle zwischen Konjunktiv I und II nach dem Zufallsprinzip aus. Wikipedia sagt, K. I wird vor allem bei indirekter Rede und K. II vor allem zum Ausdruck von Bedingungen verwendet.

    Ich mache das eher so, dass ich an sonnigen Tagen gebe sage und an niederschlägigen Tagen gäbe. Liegt auch daran, dass ich das Geschwurbel in der Wikipedia nicht ganz verstehe. Könntest du mir die Verwendung von Konjunktiv I und II kurz und einleuchtend erklären?

  17. Lisa M. Koßmann
    25. Mai 2011, 20:16

    Sehr gut. Dass ‚Brisant‘ wirklich was ‚Brisantes‘ bringt, hätte man ja auch nicht wirklich für möglich gehalten.

  18. Paule
    25. Mai 2011, 22:43

    aus gegebenem anlass:

    http://www.youtube.com/watch?v=sm3oBdMZqgI

    (geburtstag, todestag, wo ist der unteschied! :D)

  19. Jens
    26. Mai 2011, 5:14

    @Tharben:

    Nö, beim Konjunktiv bin ich reiner Bauchmensch. (Sätze für die Ewigkeit…)

    Ich hab‘ mich aber mal bei Wikipedia schlau gemacht:
    K I wird bei indirekter Rede und Wünschen verwendet. („Lukas sagte, dass es nichts zu sehen gebe.“ / „Dein Wille geschehe.“)

    K II ist für Höflichkeit zuständig („Könntest Du das für mich tun?“), außerdem für den Irrealis, d.h. zur Beschreibung unwahrscheinlicher oder unmöglicher Bedingungen. Das ist der Fall den wir hier haben: „…wenn es denn einen Grund, gäbe…“ (Gibt es aber nicht.) Demgegenüber: „Er sagte, wenn es einen Grund dafür gebe (=falls es einen Grund dafür gibt), komme er auch gern früher.“

    Viel ausführlicher und mit weiteren Spezialfällen findet sich das hier:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Konjunktiv

  20. Jens
    26. Mai 2011, 5:15

    Äh, bitte das absurde Komma bei “…wenn es denn einen Grund, gäbe…” wegdenken. Grammatik am frühen Morgen ist ungesund.

  21. Tharben
    26. Mai 2011, 7:23

    @Jens

    Ja, hatte ich überflogen. Aber zu viele Regeln.

    Also verwendet man den Konjunktiv II nicht immer für Bedingungen, sondern nur dann, wenn diese unwahrscheinlich oder unmöglich sind. Und so etwas soll ich mir merken können?

    Für Leute, die sich nicht sicher sind, wie ich, habe ich einen Tipp – Tabelle mit Konjugationen: cactus2000.de/de/conjug/ Sobald man herausgefunden hat, welcher Modus, Tempus und Person korrekt ist, kann man das konjugierte Verb einfach nachschlagen, beispielsweise „geben“: http://conjd.cactus2000.de/showverb.php?verb=geben

  22. SvenR
    27. Mai 2011, 9:54

    Menno, ich muss die ganze Zeit „Satellite“ mit dem Refrain „Blöd, oh, blöd, der Dylan wird jetzt siebzig…“ vor mich hin memorieren…

    (Ja, ich habe gelesen, dass es eigentlich „on“ und nich „oh“ heißt. Meinem Gehirn ist das aber piepegal!)

  23. bernd
    27. Mai 2011, 20:58

    eigentlich muss man für diesen dämlichen beitrag wirklich dankbar sein, da er diesen schönen artikel von ausserordentlichem unterhaltungswert ermöglicht hat

  24. Links fürs Wochenende
    28. Mai 2011, 9:45

    […] Blöd on Blöd […]

  25. Maren
    29. Mai 2011, 11:29

    Wie hast du den Instinkt „Renn weg so schnell wie du nur kannst“ während des Beitrages überwinden können? Ich glaube dieser Artikel war wohl auch nötig, um das traumatische Erlebnis zu verarbeiten :D.

  26. Neunnachneun « Ansichten aus dem Millionendorf
    29. Mai 2011, 17:26

    […] “Ich habe all das, was zu Bob Dylans siebzigstem Geburtstag gesendet, gesungen und geschrieben wurde, nicht sehen, hören, lesen wollen — und bin doch einigermaßen zuversichtlich, den schlechtesten Beitrag zum Thema gefunden zu haben:” Coffee and TV: Blöd on Blöd […]

  27. gerrit
    5. Juni 2011, 1:08

    Was du immer mit bzw. gegen Niedecken hast…

    Aber wie so häufig stellt sich die Frage „Wenn die das schon nicht schaffen, bei einem so leicht recherchierbaren Thema die Fakten so zu präsentieren, dass der Wissende nicht moppert und der Unwissende nicht umschaltet, wie schaut das dann das aus bei Finanzkrisen und Atomkraft?“

    Und was für ein Arbeitsethos ist das, so einen Stuss übern Sender gehn zu lassen?

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