No one’s laughing at God, we’re all laughing with God

Von Lukas Heinser, 21. Januar 2011 18:29

Ich habe mit dem von „Bild“ herbeigekreischten „Schwuchtel-Skandal“ bei der Kölner Stunksitzung, über den ich gestern im BILDblog geschrieben habe, verschiedene Probleme.

Da ist zunächst einmal ein germanistisches: Da stellt sich ein Kabarettist hin und sagt in seiner Rolle als Ex-Bischof Walter Mixa folgende Worte:

Aber der Höhepunkt war der Weltjugendtag hier in Köln: Benedikt und Joachim, der zum-Lachen-in-den-Keller-geht-Meisner, ließen sich wie zwei frischvermählte Schwuchteln über den Rhein schippern.

Nun wäre es verständlich, wenn sich Homosexuellenverbände über die Verwendung der despektierlichen Vokabel „Schwuchtel“ beklagten (wobei man nicht weiß, wie der echte Walter Mixa im privaten Rahmen über diese Bevölkerungsgruppe spricht), aber es würde wohl kaum jemand ausschließen, dass sich nicht irgendwo zwei Schwule finden ließen, die nach ihrer Verpartnerung in grotesken Gewändern auf einem Schiff feiern wollen.

Man muss schon Politiker sein, um aus dem obigen Vergleich etwas anderes zu machen, wie die Katholische Nachrichten Agentur (kna) zusammenfasst:

Die Darstellung von Papst und Kardinal als „Schwuchteln“ sei „niveaulos und absolut primitiv“, sagte Martin Lohmann, Chef des Arbeitskreises engagierter Katholiken in der CDU, der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ (Dienstag).

Der frühere bayrische Wissenschaftsminister (!) Thomas Goppel geht gleich einen Schritt weiter und bemüht seinerseits einen Vergleich:

Der Sprecher der „Christsozialen Katholiken in der CSU“, Thomas Goppel, hatte den WDR vor einer Fernsehausstrahlung gewarnt. Den betroffenen Kabarettisten Bruno Schmitz nannte er einen „degoutanten Versager“, der sich „im geistigen Sinn wie die U-Bahn-Randalierer“ verhalte. CSU-Rechtspolitiker Norbert Geis erklärte, der Karnevals-Beitrag sei ein „Ausdruck von Bosheit und Dummheit“. Das sei „nicht einmal unterstes Niveau: bodenlos,“ kritisierte Geis.

Immerhin: Mit Gewalt im öffentlichen Personennahverkehr verbindet die Bayern fast so eine lange Tradition wie mit der katholischen Kirche.

* * *

Was mich ebenfalls verwirrt ist die Empörung, die sich unter bislang eher unbekannten Vereinen und Verbänden Raum bricht:

Der Bundesverband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung (KKV) hat den WDR aufgefordert, eine Papst Benedikt XVI. und Kardinal Joachim Meisner verunglimpfende Szene aus der „Stunksitzung“ nicht auszustrahlen. Der Sender solle Flagge zeigen und auf die Gefühle von Christen Rücksicht nehmen, forderte der KKV-Vorsitzende Bernd-M. Wehner am Freitag in Köln. Diese machten „immerhin etwa zwei Drittel der Rundfunkgebührenzahler“ aus, sagte er.

An diesen Ausführungen ist so gut wie alles empörenswert: Zunächst einmal verbitte ich mir als Christ die Vereinnahmung und Entmündigung durch Herrn Wehner und seinen Verein. Als Protestant tangiert es meine religiösen Gefühle nullkommagarnicht, wenn irgendwelche Kardinäle und Bischöfe verspottet werden. Und das hat nichts mit der Konfession zu tun: Auch mögliche Witze über die Trunkenheitsfahrt von Margot Käßmann lassen meine religiösen Empfindungen unberührt. Ich mag sie schlecht und unlustig finden (wie den unsäglichen Käßmann-Standup von Harald Schmidt), aber sie richten sich gegen – Entschuldigung, liebe Katholiken – Menschen und nicht gegen meine Religion. Und selbst wenn, würde ich den Sketch gerne selbst sehen und mich notfalls von allein darüber echauffieren — eine Bevormundung durch den WDR im Namen irgendwelcher Verbände ist da wenig sachdienlich.

„Bild“ räumte Goppel in der Münchener Regionalausgabe ebenfalls Raum für seine Empörung ein und freute sich in der Kölner Ausgabe (zu früh, s. BILDblog), dass der WDR auf eine Ausstrahlung des Sketches verzichten werde. Dabei handelt es sich um die gleiche Zeitung, die Kurt Westergaard, den Zeichner der umstrittenen Mohammed-Karikaturen, als „mutig“ und Angela Merkels Laudatio auf ihn als „großes Bekenntnis zur Freiheit der Presse und der Meinungen“ bezeichnet hatte.

Ich bin mir sicher, dass ein guter Teil der Menschen, die nun den Mixa-Darsteller Bruno Schmitz beschimpfen und bedrohen, andererseits der Meinung sind, dass die Reaktionen auf Westergaards Zeichnungen in Teilen der muslimischen Welt völlig übertrieben und barbarisch waren. Da kann man ja noch froh sein, dass es im Islam keine kalendarisch verordneten Phasen der Witzigkeit gibt, in denen sich irgendwelche Menschen mit einem etwas anderen Humorverständnis über Jesus oder Maria lustig machen.

* * *

Damit sind wir bei einem Religionsverständnis angekommen, das mich als gläubiger Christ verwirrt und das auf einer rationalen Ebene allenfalls „irrational“ zu nennen ist: Mir ist völlig schleierhaft, warum Menschen, die an einen allmächtigen Gott glauben, meinen, diesen verteidigen zu müssen.

Wenn sich dieser Gott von Menschen beleidigt fühlt, sollte er doch selbst genug Möglichkeiten haben, dies den Betreffenden kurzfristig (Sintflut, beim Kacken vom Blitz getroffen) oder langfristig (an der Himmelspforte abgewiesen) mitzuteilen. Auf gar keinen Fall braucht er popelige Menschen, die in seinem Namen sauer sind und ihn somit entmündigen.

Ich mag mich da irren (und werde das sicher noch früh genug erfahren), aber ein Gott, der Wesen wie das Nilpferd, den Nasenbären oder Sarah Palin erschaffen hat, hat doch offenbar einen ziemlich guten Humor und bedarf demnach nicht der (mutmaßlich unverlangten) Fürsprache von humorfreien Menschen wie Eva Herman oder Thomas Goppel.

18 Kommentare

  1. Laura
    21. Januar 2011, 18:37

    Schön zu sehen, dass du den EU-Unfall dann doch so gut überstanden hast..

  2. Kunar
    21. Januar 2011, 18:40

    Ich bin Katholik und finde den geschilderten Fall fürchterlich – die Empörung, nicht den Sketch an sich. Und ja, es gab schon sehr viele geschmacklose Witze auf Kosten von Christen im Fernsehen zu sehen. Meines Erachtens zeigen solche Darstellungen vor allem jedoch, dass guter Humor und Niveau auch keine serienmäßig eingebauten Eigenschaften von Atheisten sind.

    Ich erinnere mich übrigens an zwei Artikel in irgendeiner christlichen Zeitschrift, die mir in die Hände gefallen ist. Der eine Autor lehnte die Mohammed-Karrikaturen ab und äußerte Verständnis für die Wut in der muslimischen Welt. Der andere wiederum sah solchen Spott als notwendiges Korrektiv, das auch für Religionen gelten müsse. Na also, geht doch mit der Meinungsfreiheit.

  3. Horst
    21. Januar 2011, 20:01

    „Damit sind wir bei einem Religionsverständnis angekommen, das mich als gläubiger Christ verwirrt und das auf einer rationalen Ebene allenfalls “irrational” zu nennen ist.“
    Religion ist per se irrational, und Leute die aus ihrem privatem Aberglauben andere dazu drängen auf ihre Gefühle, diese Aberglauben betreffend Rücksicht zu nehmen auch.
    Und das Gott Nilpferd und Nasenbär erschaffen hat ist Kreationismus oder mindestens Intelligent Design. Zwei Dinge die jeder aufgeklärte Christ ablehnen sollte.

  4. roman g
    21. Januar 2011, 20:18

    @horst:
    Als stufe6-agnostiker muss ich dir selbstverständlich zustimmen.

    Aber(!!): Die palin-nasenbär-geschichte derart wörtlich und ernst zu nehmen, insbesonders im rahmen eines witzigen textes, der die humorlosigkeit mancher religiöser menschen auf die schaufel nimmt, ist schrecklich deplatziert.

  5. malefue
    21. Januar 2011, 22:37

    muss man halt nur mal schlüssig erklären warum man religionen ernst nehmen und mit „respekt“ behandeln soll und jeglichen anderen aberglauben nicht.
    über christen darf man genauso dämliche witze machen wie über geistheiler und astrologen.

  6. Links anne Ruhr (22.01.2011) » Pottblog
    22. Januar 2011, 10:18

    […] No one’s laughing at God, we’re all laughing with God (Coffee And TV) – Lukas Heinser seziert die Kritik an dem angeblich so schlimmen Sketch über Vertreter der katholischen Kirche bei der Kölner Stunksitzung. […]

  7. Alberto Green
    22. Januar 2011, 10:30

    Hier meine Unterschrift (obwohl du natürlich auch den – Verzeihung – Kardinalfehler begangen hast und „uns Katholiken“ angesprochen hast, obwohl du die Hirnies meintest).

  8. SvenR
    22. Januar 2011, 21:35

    Ja. Nein.

    Ich bin nicht sicher, ob Religionen/im Namen von Religionen nicht insgesamt mehr Schlechtes als Gutes „bewirkt“ haben.

    Nach all dem, was ich erlebt habe (und mir geht es eigentlich sehr gut) kann es keinen gütigen und gerechten Gott geben.

  9. Entenschubser
    23. Januar 2011, 19:52

    FACK, Herr Heinser. Das sehe ich genau so. Die Doppelmoral ist echt häufig anzutreffen. 2003 weigerte sich die Jyllands Posten, die die Mohammed-Karikaturen veröffentlichte, eine Karikatur über Jesus zu publizieren. Begründung: „I don’t think Jyllands-Posten’s readers will enjoy the drawings. As a matter of fact, I think that they will provoke an outcry. Therefore, I will not use them.“

    Ju-hu!

  10. Lukas Heinser
    23. Januar 2011, 20:26

    @Entenschubser: Wow. Wie kommt es, dass man (ich) davon bis heute nie groß etwas gehört hat? Wie dumm und bigott können Journalisten eigentlich sein?

    Aber fragen Sie mal die Redakteure deutscher Zeitungen, wie so die Publikumsreaktion ist, wenn mal wieder eine harmlose Papst-Karikatur ins Blatt gerutscht ist. Da sind ein paar Dutzend Abo-Kündigungen („nach 50 Jahren!“) noch das Harmloseste. Was sind das für Menschen, die es als ihre Aufgabe ansehen, den Papst vor leidlich witzigen Zeichnungen bewahren zu müssen?

  11. Entenschubser
    23. Januar 2011, 21:51

    @Lukas: Ich bin auch nur drüber gestolpert, weil ich mich gerade für meine Abschlussarbeit mit politischen Cartoons beschäftige. Bis ich den Hinweis auf die Bigotterie fand, hatte ich schon einen Haufen wissenschaftlicher Artikel durch.

    Warum so was einfach nicht an die Oberfläche dringen mag, will mir auch nicht einleuchten. Ich kann nur spekulieren, dass uns das Christentum einfach viel näher ist und da Tabus eben größer sind. Sicher kennen die meisten eher Leute, die sich eher von einer auf das Christentum abzielenden Karikatur beleidigt fühlen könnten. Der Islam, der sowieso den meisten suspekt sein dürfte, ist da einfach zu weit weg: Die Kameltreiber sollen sich mal nicht so haben. Ist schließlich Meinungsfreiheit. Hinzu kommt dann noch nach meiner Erfahrung, dass die Journallie verstärkt aus der Mittelschicht zu kommen scheint, wo man es sich in seiner behüteten Welt gemütlich gemacht hat und es keinen Grund gibt, über den Tellerrand zu schauen. Wenn ich da an meine Kommilitonen aus dem MuK-Studium denke… Ist aber eben nur meine eigene Erfahrung.

    Ich denke übrigens, dass es den meisten Leuten gar nicht darum geht, den Ratze vor leidlich witzigen Zeichnungen zu schützen, sondern dass sie sich selbst angepisst fühlen. Schließlich wird da was karikiert, zudem ICH hochschaue. Den Respekt, den ich dem Papst entgegenbringe, haben schließlich alle anderen auch zu bieten. Wenn die das nicht machen, dann könnte das ja bedeuten, dass der Papst gar nicht so wichtig ist, wie es für mich erscheint. Zugeben, dass ich mich irre? Nie! Ist aber auch nur Spekulation.

    Wenn ich vielleicht noch die Aufmerksamkeit auf folgende Papst-Cartoons lenken dürfte!?

    Aids Protection, 21th century, Hail Mary

    :)

    Übrigens: Die „Ich kündige nach x Jahren treuer Kundschaft“-Drohung ist eine weit verbreitete im Dienstleistungsgewerbe. Höre ich auf Arbeit einmal in der Woche. :D

  12. Entenschubser
    23. Januar 2011, 21:53

    Dammit. 21st century natürlich…

  13. Something Fishy
    24. Januar 2011, 16:05

    „Diese machten “immerhin etwa zwei Drittel der Rundfunkgebührenzahler” aus, sagte er.“

    Und wenn der WDR den Sketch gebracht hätte, hätte das Zentralkomitee der Katholiken zum Gebührenboykott aufgerufen?

  14. tom
    24. Januar 2011, 16:18

    Herr Heinser,
    weil ich nicht zum 100sten mal lesen möchte was der Kreuzberger Atheisten Bongo zu dem Thema rülpst, hier meine bescheidene Antwort als gläubiger Katholik, dem die tiefen Zoten des Bühnendarstellers ebenfalls gestört haben.

    Was empfinden Sie wenn besudelt wird was Sie lieben?

    Und auch wenn das für einige der hier vorbeikommenden Leser unvorstellbar ist, so gehört die Liebe zu Gott und Kirche für viele Katholiken zum Leben wie für andere die Liebe zu Frau, Mann, Kind, Waldi, Mama, atemraubende Musik usw.

    Na und dann maulen halt die Exponierten und sagen so bitte nicht.

    so einfach.

    im übrigen danke für den großartigen blog, meine nabelschnur zu guter musik.

    tom

  15. Lukas Heinser
    24. Januar 2011, 16:29

    @tom: Aufrufe zur und Androhungen von Gewalt sind also für Sie ein „So bitte nicht“? Interessant.

    Was mich auch irritiert: Ich habe noch niemanden vernommen, der sich an der Darstellung von Walter Mixa als Besoffener stört. Hat der sein Recht auf Mitleid und Empörung verwirkt?

  16. Entenschubser
    24. Januar 2011, 22:44

    Schon mal auf die Idee gekommen, dass man auch Satire ertragen muss, Tom? Ob sie nun gut ist oder nicht, darüber darf gern gestritten werden. Aber gerade exponierte Personen genießen nicht den selben Schutz der Persönlichkeit wie der Otto Normalverbraucher. Satire zielt darauf ab, die Grenzen des Erlaubten infrage zu stellen und zu erweitern. Darüber hinaus kann sie ein gutes Korrektiv sein. mit Satire kann man eingänglich auf Missstände hinweisen und wichtige Persönlichkeiten auf ihre Verantwortung hinweisen — im Optimalfall die „Fans“ noch dazu.

    Und mit Verlaub, man muss schon dumm wie eine Rolle Oblaten sein, um sich bis heute gegen die Verwendung von Kondomen zu stemmen und das so zu begründen, dass Kondome nicht die Lösung aller Probleme seien. Welcher ernstzunehmende Aktivist behauptet denn so was? So zu argumentieren, ist wie mit Nebelkerzen werfen — oder Weihrauchschiffchen… Wenn dann noch Sätze fallen wie der, dass Kondome das Problem sogar vergrößerten, dann möchte ich gern kotzen.

    Nicht zu vergessen die Wirrköpfe, die dem Stunker drohen. Welche Anschlüsse sind denn da im Gehirn falsch verdrahtet, dass man sich nicht unter Kontrolle hat? Von zivilisierten Leuten kann man doch wohl auch eine zivilisierte Diskussion erwarten. Oder nicht?

    Und dann auch noch Ausstrahlungsverbot fordern… Ahahahaha. Trottel!

  17. Something Fishy
    25. Januar 2011, 9:21

    Wird im Karneval nicht seit ewigen Zeiten die Obrigkeit verspottet? Und zwar besonders der Klerus, ganz besonders in Köln und auf so derbe Weise, dass die heutigen Kabarettisten mit ihren Schwuchtelscherzen dagegen zahm aussehen?

    Sollten Katholiken diese Tradition nicht höher achten?

  18. Stuff I learned this week – #4/11 « Real Virtuality
    30. Januar 2011, 11:06

    […] Lukas Heinser hat kluge Gedanken über Gott. […]