Komplexe Verhältnisse

Von Lukas Heinser am Samstag, 20. September 2008 9:31
Kategorie: Living In A Magazine, Social Distortion, This Is My Hollywood

Nächste Woche läuft “Der Baader Meinhof Komplex” (nur echt ohne Bindestriche) in den deutschen Kinos an. Auch wenn mich das Thema RAF seit vielen Jahren interessiert, weiß ich nicht, ob ich mir den Film ansehen soll: die Handlung ist hinlänglich bekannt und außerdem muss man den Film ja gar nicht selber sehen — es schreibt je eh jeder drüber.

Besonders “Bild” ist an vorderster Front mit dabei: schon seit Monaten schreibt das Blatt über jedes kleine bisschen Information, in den letzten Tagen dann mit immer stärkerer Frequenz. Der Sohn von Hanns Martin Schleyer hat sich den Film bereits für “Bild” angesehen, die Tochter von Ulrike Meinhof ebenfalls.

Bettina Röhl ist für “Bild” eine wichtige Kronzeugin, denn:

Bettina Röhl (Ihre Mutter war Ulrike Meinhof) über den RAF-Film  Martina Gedeck ist eine Fehlbesetzung!

Sie war also dabei. Genauso wie “Bild”, möchte man einwenden, denn das Massenblatt des Axel-Springer-Verlags ist natürlich untrennbar mit ’68 und allen seinen Folgen verbunden.

Und da kommt ganz schnell so etwas wie Nostalgie auf, wenn Bild.de im traditionellen Duktus fragt:

Kommt die Baader-Meinhof-Bande zu Oscar-Ehren?

Auch beeindruckend doof ist diese Frage:

Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Johanna Wokalek: Dürfen sympathische Stars Terroristen spielen?

Da schließt sich doch gleich die Fragestellung an, wie unsympathisch Stars sein müssen, damit sie nach Ansicht von Bild.de Terroristen spielen dürfen. Müsste ich Til Schweiger und Iris Berben im Kino ertragen, damit mir Andreas Baader und Ulrike Meinhof nicht sympathisch erscheinen?

Ein besonderer Treppenwitz der Geschichte ist es allerdings, wenn Bild.de ein Foto von den Dreharbeiten erklärt, bei denen gerade die Krawalle des 2. Juni 1967 nachgestellt werden. Die ganz Alten werden sich erinnern: an diesem Tag war der Schah von Persien auf Staatsbesuch in Berlin, bei den Demonstrationen gegen ihn kam es zu beiderseitigen Gewalteskalationen, in deren Folge der Student Benno Ohnesorg durch eine Polizeikugel getötet wurde.

“Bild” beschrieb das damals so:

Ein junger Mann ist gestern in Berlin gestorben. Er wurde Opfer von Krawallen, die politische Halbstarke inszenierten.

31 Jahre nach der “Todesnacht von Stammheim” kommt jetzt die zweite Generation zum Einsatz: Nachfahren von Tätern und Opfern erzählen “Bild”-Redakteuren, die damals allenfalls Schulaufsätze geschrieben haben, was sie von der filmischen Aufbereitung der Ereignisse halten.

Allein: Bettina Röhl ist eine ähnlich zuverlässige Zeitzeugin wie “Bild” selbst. Die Frau (“Röhl muss es wissen, immerhin ist Ulrike Meinhof ihre Mutter!”) hat sich in den letzten Jahren in den Medien als eine Mischung aus Eva Herman und Henryk M. Broder (nur nicht ganz so sympathisch) präsentiert, die gegen ihre Elterngeneration und das Gender Mainstreaming zu Felde zieht und in allem und jedem wahlweise Geschichtsklitterung oder Persönlichkeitsrechtsverletzungen sieht. Das ist ihr gutes Recht, aber es macht sie im doppelten Sinne befangen.

Frau Röhl kann sich natürlich zu dem Film äußern, wie sie mag. Sie kann es sogar in “Bild” tun, wenn sie das für eine gute oder witzige Idee hält. Es bleibt aber eine irgendwie merkwürdige Aktion, die andererseits auch zeigt, wie viel sich in den letzten 40 Jahren geändert hat: “Bild” macht munter Promotion für einen Film über die “Baader-Meinhof-Bande” und ist auch längst nicht mehr das Feindbild, das sie damals war. Letztlich haben alle gewonnen: die Terroristen kommen, wie jeder große Bösewicht irgendwann, zu Leinwandehren und “Bild” ist in der Mitte der Gesellschaft. Wir Spätgeborenen blicken erstaunt auf riesige Demonstrationszüge, die “Enteignet Springer!” skandieren, und lassen uns vom Feuilletonchef der “Zeit” Charakterlosigkeit vorwerfen. Für tatsächliche Diskurse sind wir sowieso ungeeignet.

Bernd Eichinger, der alte Geisterbahnbetreiber, entwickelt sich derweil langsam zum Guido Knopp des Kinos, der nach Hitler jetzt den zweiten deutschen Dämon des 20. Jahrhunderts auf die Leinwand bringt. Sein Stasi-Film ist sicher schon in Vorbereitung.

9 Kommentare

  1. 1

    Das Verhalten von “BILD” ist in diesem Zusammenhang wirklich sehr interessant wobei mich sehr wundert, dass Sohn Schleyer sich so oft in den Medien präsentiert und das bei Ex-RAF’lingen selber anprangert. Aber Lucas: Du solltest dem Film eine Chance geben.Das Aust Buch ist vielleicht nicht das Beste, was dieses Thema angeht, aber immerhin halbwegs Massentauglich und dennoch nicht verblendend.

  2. 2

    muss es nicht heißen “ihre mutter ist ulrike meinhof”?

  3. 3

    Die tendenziöse Berichterstattung der Bild zu kritisieren und gleichzeitig den Wikiepdia-Artikel über Ohnesorg zu verlinken, das halte ich für gewagt. Ist doch gerade jener Eintrag, in welchem Ohnesorg zum Heiligen, der gut mit Kindern umgehen konnte, überhöht wird, der Beweis dafür, dass eine sachliche Diskussion über diese Epoche der deutschen Geschichte anscheinend nicht möglich ist.

  4. 4

    Warum nerven mich alle mit diesem Film? Diese öffentliche Belästigung ist ja schlimmer als wenn Harry Potter, James Bond oder Spider Man mit einer Fortsetzung ins Kino kommen.

    Ist der deutsche Film wirklich so verzweifelt, dass man den potentiellen Kinogänger über alle Kanäle regelrecht penetrieren muss, damit er freiwillig in diesen Film geht? Oder anders gefragt: Ist der Film so schlecht, dass er ohne das alles im Kino nicht erfolreich sein kann?

    Als ich das erste Mal vor ein paar Monaten von der Idee eines RAF-Films hörte, dachte ich “wie interessant” oder “mal was anderes”.

    Jetzt möchte ich allein schon aus Protest wegen der andauernden Nerverei nicht in diesen Film hinein. Er ist mir durch die viele Nerverei direkt unsympatisch geworden.

    Und jetzt fängst Du auch noch damit an und machst dich zum Instrument der Werbeindustrie?

  5. 5

    Vielleicht bin ich ja zu anspruchslos, aber hervorragende Darsteller und eine packende Geschichte sind doch Grund genug, einem deutschen Film eine Chance zu geben, oder? Ich geh auf jeden Fall rein.

  6. 6

    Ich muss zustimmen, dass durch eine doch eher hochkarätige Besetzung der Rollen die Attraktivität dieses Films gesteigert werden soll und ich bin mir ziemlich sicher, dass Moritz Bleibtreu auch die nicht so Interessierten bezüglich dieses Themas anziehen wird. Keine Frage ist er ein klasse Schauspieler, doch ich hätte irgendwie gerne einen doch eher Unbekannten in dieser Rolle gesehn. Vielleicht dem Abstand wegen oder so…

  7. 7

    durch das mediale (auch blogmediale!) dauerfeuer beginne ich mich zu weigern, den film in seinem kontext sehen zu wollen und bin gespannt, ob ein guter film gelungen ist, denn die Aussage fand ich schon frech: “Der RAF-Film “Der Baader Meinhof Komplex” hat bei Opfern und Zeitzeugen eine hitzige Debatte über die blutige Darstellung der Zeitgeschichte ausgelöst. Michael Buback, der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, meldete Zweifel an, ob der Film ernsthaft versuche, die historische Wahrheit abzubilden.”

    warum sollte er? Spielfilm.

    Der Trailer verspricht jedenfalls amtliches Großkino. Das sieht beeindruckend und gut aus. Große Bilder. Bin gespannt, wie Edel die Dramaturgie hinbekommen hat, Ausstattung & Kamera scheinen zu überzeugen.

  8. 8

    [...] von den gleichen Medien wechselseitig um die Ohren gehauen bekommen, haben sie nicht verdient. Der Diskussion, die der Film ausgelöst hat, hat er selbst allerdings überhaupt nichts hinzuzufügen. Er ist, wie [...]

  9. 9

    Ich kann nur jeden empfehlen, das Buch von Peter Schneider zu lesen (Rebellion und Wahn) und sich lieber einen anderen Film anzuschauen. Martina Gedeck ist einfach nur peinlich. Im Gegensatz zu Schlöndorffs Darstellung der 80 iger RAF, ist dieser Film oberflächlich und fade. Das einzige, was fetzt oder nervt – je nachdem – dass die Protagonisten recht nett aussehen und jut gestylt sind (“mhm, wer ist nun der Liefers glieich nochmal? ah, dat ist der Klar”).
    P.S.: vor mir im KINO saßen drei nette Menschen, welche vor der Vorstellung in ihrem STERN blätterten und den Film ganz COOL fanden, na Super. Ziel erreicht, wa?

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